3
Wissen istsnacht
Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung
Nummer 23
Dienstag, den 9. Zuni 1914
3. Jahrgang
Erziehung, Unterricht und Bildung. Von Julian Borchardt.
Wenn unsere Kleinen das erste Jahr zur Schule gehen, bietet ihnen in der Regel von allen Unterrichtsfächern der Religionsunterricht die interessantesten Stunden. Das ist auch sehr erklärlich. Wer wollte sich nicht lieber hübsche Ge- schichten erzählen lassen, als die kleinen und großen Buch⸗ staben oder die trockenen Zahlen auswendig lernen. Lange dauert die Freude freilich nicht, dann ist der Religionsunter⸗ richt ebenso öde und abschreckend geworden wie die anderen — von wegen des entsetzlichen Auswendiglernens der Bibel⸗ sprüche und Gesangbuchverse. Wenn man doch nun aber in dem Geschmack der Kleinen des ersten Schuljahres einen so deutlichen Fingerzeig besitzt, wie ihnen das Lernen angenehm und dadurch wirksam gemacht werden kann, so sollte man meinen, daß die Schule gar kein größeres Interesse haben sollte als das, diesem Fingerzeig zu folgen. Und da bietet sich der Geschichts unterricht, man möchte sagen, geradezu von selbst dar, um jene wirksame Methode fortzu⸗ setzen. Gerade von dem nach unserer Meinung ganz falschen Standpunkt der bürgerlichen Geschichtsauffassung aus, die in der Geschichte die Taten der„großen Männer“ sieht, müßte sich ein anregender und die jugendlichen Gemüter in⸗ teressierender Unterricht ermöglichen lassen. Aber auch der Geschichtsunterricht wird verwüstet— durch das Auswendig⸗ lernen: Namen und Zahlen und Daten, und wieder Daten und Zahlen und Namen stürmen auf das jugendliche Hirn ein, und alle soll es auswendig lernen, und wenn es die letzten lernt, hat es die ersten schon wieder vergessen.
Dabei muß man nicht etwa denken, daß die pädagogische Wissenschaft nicht recht gut wüßte, worauf es bei Erziehung und Unterricht ankommt. Schon seit 100 und mehr Jahren sind sich die Schriften aller bedeutenden Schulmänner darin einig, daß es gilt, die Selbsttätigkeit der Zöglinge an⸗ zuregen und zu fördern. Es bedarf für den Denkenden keiner langen Worte, um die Richtigkeit dieses Satzes zu beweisen. Alles, was uns von außen gewaltsam aufgedrängt wird, nehmen wir mit Widerstreben, und zumal die Jugend wird schon durch einen instinktiven Trotz veranlaßt, es wieder von sich zu stoßen. Wenig oder nichts davon bleibt haften. Was wir dagegen selbst erarbeitet, durch eigenes Suchen und Streben gefunden haben, das bleibt unser unverlierbares geistiges Eigentum. Aber trotzdem alle irgendwie beachtlichen Pädagogen sich hierüber einig sind, trotzdem kein Lehrer, der auf seine Reputation hält— und gehöre er sonst zur schwär⸗ zesten Orthodoxie— an der Richtigkeit dieser Erkenntnis zweifeln wird— in unserem Schulbetrieb ist immer noch nichts davon zu spüren. Da wird immer noch der ödeste geistige Drill getrieben.
Nun wird mancher meinen, gerade im Geschichtsunter⸗ richt, den wir oben als Beispiel herangezogen haben, lasse sich die Sache gar nicht anders machen. Selbsttätig kann doch der Schüler nicht herausfinden, was da und dort passiert ist und wie die Dinge weiter verlaufen sind. Da bleibt also nichts übrig, als ihm zunächst die Ereignisse zu erzählen und ihn das, was er davon fürs ganze Leben behalten soll— weil's zur allgemeinen Bildung gehört— auswendig lernen zu lassen. Geistige Selbsttätigkeit, eigenes Nachdenken und Forschen sei erst möglich, wenn es sich um die Aufdeckung tieferer Zu⸗ sammenhänge handle; das aber sei nicht mehr Geschichte,
sondern Geschichtsphilosophie, und die gehöre nicht in die Schule, sondern in ein reiferes Lebensalter.
Wir Sozialdemokraten sind bekanntlich auch hierüber anderer Ansicht. Wir sehen das Wesentliche der Geschichte anderswo als in Schlachten und Kriegen und„großen Taten“, und das, was wir gern den Schülern im Geschichtsunterricht beigebracht sehen möchten, eignet sich sehr gut zu geistiger Selbsttätigkeit.
Aber davon können wir hier absehen. Denn die Einsicht in die Notwendigkeit geistiger Selbstbetätigung der Schüler ist bei allen tüchtigen Pädagogen so groß, daß sie das schein⸗ bar Unmögliche fertig gebracht und sogar für den Geschichts⸗ unterricht, der nur Zahlen und Tatsachen den Schülern bei⸗ bringen will, die Mittel zur Selbsttätigkeit geschaffen hat.
„Ist es nicht zum mindestens sehr unpädagogisch, wenn wir den Trieb, selber zu urteilen, der sich bei der Jugend bekanntlich sehr stark und ungebändigt regt, heute fast gar nicht beachten, wo nicht gar zu unterdrücken trachten Ich bin überzeugt, es wird ein ganz anderes Leben in unsern Geschichtsunterricht kommen, wenn wir den Schülern, anstatt sie immer nur Gehörtes und Gelesenes wiederholen zu lassen, wirkliche Aufgaben stellen, über denen sie grübelnd sitzen können, wie über einer mathematischen Aufgabe. Der junge Mensch verlangt nach solchen Aufgaben.“ Sätze, die den Nagel auf den Kopf treffen, finden wir in einer gut bürgerlichen, sogar konservativen Zeitschrift, in den Preußischen Jahrbüchern(April 1914, S. 44 ff.). Und wir finden dabei auch gleich ganz richtig den Grund angegeben, warum nur solcher Unterricht von Nutzen sein kann:„Es handelt sich dabei um geistige Tätigkeiten, die keineswegs nur der Gelehrte zu vollziehen hat, sondern die das Leben von den Gebildeten fordert. Es ist z. B. ein Kennzeichen des Ungebildeten, daß er einem gedruckten Bericht über Tatsachen ohne weiteres Glauben zu schenken und selber unbedenklich zu urteilen pflegt. Ein gewisser Skeptizismus(Neigung zum Zweifeln) und eine daraus sich ergebende Vorsicht und Be- sonnenheit im Urteil verrät dagegen die tiefere Bildung.“ Wie zutreffend ist hier das Wesen der Bildung wiedergegeben: kein Nachplappern, sondern eigenes, selbst gewonnenes Urteil, das dann natürlich auch vorsichtig und besonnen ist. Wie ein Schlag ins Gesicht wirkt dann freilich hinterher der Satz:
„Die höhere Schule hat die Pflicht, ihre Zöglinge zu intellektueller Sauberkeit und Gewissenhaftigkeit zu erziehen. Diese Pflicht aber erfüllt sie schlecht, wenn sie die Schüler fertige Urteile nachsprechen läßt.“
Die höhere Schule? Warum nur die höhere? Hat nicht jede Schule diese Pflicht? Aber freilich, damit kommen wir auf den Urgrund unseres Schulelends überhaupt, auf die Klassenschule. Wie betrübend und zugleich aufreizend ist es doch, an solcher Stelle es aussprechen zu hören, daß das „Volk“ keine Bildung haben soll!
Doch nun noch ein Wort über die Mittel, mit denen man den dazu scheinbar ganz ungeeigneten Geschichtsunterricht für die Selbsttätigkeit der Schüler herrichten will. Sie be⸗ stehen einfach darin, daß man die Schüler eigene Quellenforschung treiben lassen will. Natürlich sollen sie darum nicht erst Sanskrit und Hebräisch treiben. Aber man hat begonnen, eine Quellensammlung für den geschicht⸗ lichen Unterricht herauszugeben, wo in guten Uebersetzungen all das zusammengetragen wird, was über einen wichtigen
Diese


