alle Behauptungen Goethe als Schwurzeugen zu zitieren. Daß der germanische König Teudobod über zwölf Pferde gesprungen ist, braucht für uns ebenso wenig ein Anlaß zu sein, uns in Zer- knirschung als dekandent ihm gegenüber zu fühlen, als der Aus⸗ spruch des alternden Goethe, es sei eine Verrücktheit, sich durch das Baden im Freien in eine Art Urzustand zurückzuversetzen, ein Be⸗ weis dafür ist, daß Goethe in seinen jungen Jahren nicht sehr viel Sinn für eine weise Hygiene und einen vernünftigen Sport gehabt Habe. Er sprach aus dem Geist seiner spießbürgerlich angehauchten Zeit des vorigen N rhunderts; und was den guten König Teudobod anbetrifft, so war für ihn Sport und das Leben etwas wesfentlich anderes als für uns. Ja, es ist sogar sehr fraglich, ob wir Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts bei einem Vergleich der gesamten Leistungen nicht besser abschnitten, als unsere über Gebühr in einen illusionären Himmel gehobenen Vorfahren. Vor einem Jahrhundert hat Deutschland den Beweis geliefert, daß eine Nation gerade aus einem Zustand körperlichen und geistigen Dämmerns Heraus sich zu einer Kraftleistung von welthistorischer Größe erheben kann; und daß andererseits im Gegensatz zu Griechenland eine sehr hohe, sportliche Entwicklung von einem Volke auch ohne Schaden er⸗ tragen werden kann, dafür ist England heute noch ein lebendiges Beispiel.

Woran liegt es also, daß-der Sport, der dem einen Volke ein Jungbrunnen ist, dem andern zum Unheil gereichen kann?

Es liegt in der Stellung, die wir dem Sport im öffentlichen Leben einräumen und daran, ob der Giftzahn des Sports zur rechten Zeit erkannt und gezogen wird. An sich ist der Sport, wie alles, weder gut noch böse: die Menschen machen ihn erst dazu. Deshalb wird in der Hand des Vollmenschen der Sport zum Segen, weil der Mensch ihn formt und färbt, anstatt sich in allzu großem Entgegen⸗ kommen gegenüber der materialistischen Geschichtsauffassung von der modernen Sportsbewegung formen und färben zu lassen. Der Mensch soll Sport treiben, nicht der Sport den Menschen.

Was wir lassen müssen, das sind die gedankentiesen Mienen, die grimmigen Posen und die tiefernsten Gesichter. Dafür sollen wir uns wappnen mit der Unbesieglichkeit eines leichten Sinnes, der nicht Leichtsiun sein soll, sondern für den Deutschen nur das be deutet, was Bismarck nicht mit Unrecht die unsfehlende halbe Flasche Sekt nannte. Dem Sport soll immer noch so viel Charak ter des Spiels innewohnen, daß er uns nicht Kräfte entziehen kann, die wir im Beruf besser brauchen könnten. Es fehlt wirklich im all⸗ täglichen Leben nicht dermaßen an Elementen des Wettkampfes, daß wir dieselben künstlich in die Stunden einer spielerischen Erholung und Stärkung verpflanzen brauchten. So wie man sich beim Sport übertrainieren kann, und dann beim eigentlichen Kampfspiel un⸗ fähig ist, so ist es nicht unmöglich, daß eine Nation durch allzu ge⸗ waltsame, geräuschvolle Erziehung zur Kriegsbereitschaft für den Ernstfall sich untüchtig macht. Im Ernstfall schlägt der Geist und das große Herz die schweren Schlachten und nicht ein lange vorhergegangenes Schlachtenspielen; die Bereitschaft zur Tat drückt sich nicht aus in einem chronischen Anspannungszustand, sondern weit eher in einer Stellung, in der alle Muskeln entspannt, einer gewaltigen Höchstleistung aus einem Stadium gleichgiltig erscheinder Ruhe heraus fähig ist.

Der Sport, der Fähigkeiten entwickelt, ist der spielerische Wett⸗

kampf, der, mit Fröhlichkeit und mit Maßen betrieben, den Menschen auf der Ruderbank des Bootes, im Bergstiefel und im Fußballschuh

immer wieder der Erde und ihren Lüften und Düften näher bringt und so dem ewigen Antäus immer aufs neue die Kräfte und Säfte verleiht, die ihn im ernsten, wirklichen Leben innerhalb seines Be⸗ rufs und innerhalb seiner Familie zum ganzen Manne machen.

Und dieser Sport allein ist ein Jungbrunnen.

Aus unserer Sammelmappe.

Richard Wagners Werke in billigen Ausgaben. Durch das Freiwerden von Wagners Schriften ist nun die Möglichkeit gegeben, die Texte seiner Musikdramen auch in der billigen Ausgabe der Universal-Bibliothek zu erhalten.Parsifal,Tristan,Die Meistersinger,Lohengrin,Tannhäuser undDer fliegende Holländer liegen schon in den allbekannten gelbroten Blichlein, Rienzi und die Texte zumNing der Nibelungen werden in kurzem erscheineu. Die Ausgaben bringen den Tert vollständig and getreu, von dem Musikschriftsteller Georg Rich. Kruse beraus⸗

gegeben und mit ausführlichen Einleitungen versehen, die allerhand Interessantes über die Entstehung der Werke mitteilen. Dem Parstfal-Buch wurde Wagners Bildnis mitgegeben, außerdem des Meisters eigner Bericht über die erste Bayreuther Aufführung, der uns sagt, wie er sein Bühnenweih⸗Festspiel dargestellt wissen will. DasTannhäuser Buch enthält die Dichtung in der ursprüng⸗ lichen Fassung und in der 1861 geschaffenen Pariser Bearbeitung. Von denMeistersingern wird auch der interessante erste Entwurf der Dichtung mitgeteilt. Die Wagner⸗Texte erschienen als Band 7075 der Opernbücher der Universal-Bibliothek. Es ist vielen Theaterbesuchern noch nicht bekannt, daß in der Universal⸗Bibliothek Textbücher enthalten sind, die neben dem Vorzug des geringen Preises(20 Pfg. jeder Band) den weitern großen haben, daß sie nicht wie andre Ausgaben nur die Gesangstexte enthalten, sondern den 2 vollständigen Wortlaut der Gesänge und Dialoge, die vollständige Juszenierung, und die bei den Aufführungen üblichen Striche in Klammern. Ferner sind jedem Bande geschichtliche Notizen über die Entstehung des Werkes, eine Charakteristik der Oper und ihrer einzelnen Partien, biographische Notizen über Komponisten, Text⸗ dichter und Uebersetzer beigefügt. Auch die Erläuterungen zu Wagners Tondramen von Max Chop(11 Bände, geheftet je 20 Pfg., zusammengebunden in Leinen 3 Mk, in Leder 4,50 Mk.) sind be! dieser Gelegenheit zu erwähnen. Chop analysiert Wagners Musik⸗ dramen mustikalisch, geschichtlich und szenisch, bringt reichlich und in glücklicher Auswahl Notenbeispiele und bewältigt durch seine her⸗ vorragende Beherrschung des Stoffes wie durch seine Gabe wirk⸗ lich volkstümlicher, allgemeinverständlicher Darstellung die schwierige Aufgabe, Wagners Werke den weitern Kreisen des musikalisch inter J essierten Publikums nahezubringen, in glänzender Weise. Eine billige Wagner-Ausgabe wird auch von einem Parteiverlag Heraus- gebracht:Parsifal, ein Bühnenweihfestspiel von Richard Wagner, mit einer Einführung von Max Denk, 92 Seiten broschiert 50 Pfg., ist in München bei G. Birk u. Co. m. b. H. erschienen. Der schön ausgestattete Text zumParsifal wird sich, der ausführlichen Er⸗ läuterung des Stoffes sowie des überaus billigen Preises wegen, gewiß bald überall einführen. 5

Die Löcher im Firmament. Einer der berühmtesten Astronomen der Gegenwart, Professor Barnard von der Perkessternwarte, die sich des Besitzes des größen Fernrohres erfreut, hat im Astrophysi⸗ lalischen Journal eine Untersuchung über eine besonders eigentüm liche Erscheinung am Fixsternhimmel veröffentlicht. An manchen Stellen in Nebeln und Sternhaufen werden hie und da Flecken be⸗ merkbar, die sich durch völlige Dunkelheit scharf von der Umgebung abzeichnen. Die Himmelsbeobachtung hat eine große Zahl solche l Löcher am Firmameent nachgewiesen, und Professor Barnard selbst legt das Versprechen ab, in nächster Zeit ein vollständiges Verzeich⸗ nis dafür anzulegen. Vor läufig beschreibt er nur zwei Beispiele, deren eines in der Sternwolke des Bogenschützen, das zweite in dem Nebelstreisen südlich des Sterns Rho im Orion gelegen ist. Die Stelle im Bogenschützen ist durch photographische Aufnahmen als ein kleiner Fleck mit scharfen Umrissen nachgewiesen worden, aber eine Aufklärung hat Barnard erst durch die Beobachtung mittels des Fernrohrs erreichen können. Er ist zu der Ueberzeugung gelaug daß der Fleck überhaupt nicht einLoch, also einen von St freien Teil des Himmels darstellt, sondern einen mehr oder weniß ge Undurchsichtigen Himmelskörper. Zu demselben Schluß ist er du die Beobachtung der anderen dunklen Flächen im Nebelstrom ge⸗ des Orion gelangt, die er gleichfalls als einen dunklen Körper be⸗ zeicht, der den Glanz der Nebelmasse unterbricht. Diese Feststellung ist vielleicht eine der aroßartigsten Leistungen, die das größte Jern⸗ rohr der Welt bisher vollbracht hat. Das dadurch geschaffene Rät 1 erklärt Barnard durch die Annahme, daß ein dunklerer Teil d Nebels selbst vor der übrigen Nebelmasse liegt und deren Licht al sperrt. Bedeutende Helligkeitsunterschiede hat schon Isaage Rob durch seine unvergleichlichen Photographien der Nebel nachger worauf sich Barnard nunmehr stützt. Sie mögen dadurch he r gerufen werden, daß der Nebel uns seinen dichtesten und daher un durchsichtigsten Teil zuwendet. Dunkle Streifen von merkwür Windung sind auch in einem Sternhaufen des Sternbildes des horns beobachtet worden,