Ausgabe 
1-30 (3.6.1914)
 
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Von jeßt ab ist die höchste und letzte Stufe zu ersteigen. bisher sahen wir zu, wie der Mehrwert durch Verlängerung und Verdichtung des Arbeitsprozesses gewonnen wird. Nun⸗ mehr gilt es zu erfahren, wie der schon gewonnene Mehrwert neuerdings in die Produktion geworfen, wieder zu Kapital gemacht und durch diese Kapitalsanhäufung(Akkumulation) zugleich die Arbeiterhäufung in den Fabriken beschleunigt wird, wie dieser moderne Akkumulationsprozeß die direkte Fortsetzung der ursprünglichen Akkumulation im Wege nackter Gewalt und Betrügerei die menschliche Gesellschaft pon innen heraus umwälzt und zugleich neugestaltet, durch immerwährende Krisen stört und aufwühlt, durch periodische Hochkonjunkturen wieder beunruhigt und emporreißt und wie in diesem Strudel unablässigen Wandels die kapitalistische Anarchie aus sich selbst die Notwendigkeit und die Mittel zur Sozialisierung der Produktion gebiert. Hat der Arbeiter auch diesen Teil des Werkes in sich aufgenommen, so ist aus dem Nurgewerkschafter der politisch denkende Sozialist, der Sozialdemokrat geworden.

So weit unsere Anweisung zur Lektüre, die zugleich einen schwachen Begriff von dem Inhalt des Werkes und von seiner unmittelbaren Wichtigkeit für den kämpfenden Arbeiter geben soll. Es schöpft aus des Lebens Bächen, aus des Lebens Quellen und darum schöpfen wir aus ihm den Trank des Lebens, der uns wie der Zaubertrank der Sage mit einem Male alle Dinge um uns verstehen lehrt: Es beginnen Ma⸗ schinen und Rohstoffe, Natur- und Menschenkräfte, gesell⸗ schaftliche Einrichtungen und Mächte auf einmal zu uns in verständlicher Sprache zu reden und verkünden uns das Leiden und Streben, die Erniedrigung und den unausbleib lichen Triumph der arbeitenden Klassen.

Abwehrfermente.

Die neuere biologische Forschung hat erwiesen, welch weitgehen ber Veränderung die von uns aufgenommenen Nahrungsmittel in den Verdauungsorganen unterworfen werden, ehe sie in das Blut übergehen und durch dieses den Organen zur Ernährung zuge⸗ ührt werden. Die Stoffe werden, wie man sich ausdrückt, abge⸗

aut, d. h. die höher zusammengesetzten Eiweißstoffe, Zuckerver⸗ bindungen usw. werden zunächst in ihre einfachsten Bausteine zer⸗ legt; erst dann können sie vom Körper wieder zukörpereigenen komplizierteren Verbindungen aufgebaut werden. Bringt man die Nahrungsstoffe direkt ins Blut, so empfindet der Organismus sie alsblutfremd; er weiß nichts mit ihnen anzufangen und scheidet sie ungenutzt durch den Urin wieder aus. Gleichzeitig entsendet er aber auch gewisse Stoffe oder Fermente ins Blut, die sonst nicht darin enthalten sind, um den Eindringling auch dort zu zerlegen oder abzubauen. Abderhalden, dessen Forschungen wir 3 die Kenntnis dieser Vorgänge verdanken, hat diese Fermente, da ste der Abwehr eines blutsfremden und daher dem Organismus an dieser Stelle schädlichen Körpers dienen, A b⸗ wehrfermente genannt.

Es liegt also auf der Hand, daß man aus der Auwesenheit gewisser Fermente im Blut nachweisen kann, ob und welche fremden Stoffe ins Blut eingedrungen sind. Man hat beispielsweise gefun⸗ den, daß das Blut von Tieren, denen man Rohrzucker oder Milch⸗ zucker in die Adern gespritzt hatte, dadurch die Fähigkeit erlangte, auch außerhalb des Körpers Rohr- oder Milchzucker in Trauben⸗ zucker(einfachen Zucker) zu zerlegen.

Nun empfindet aber das Blut nicht nur fremde unabgebaute Stoffe als blutfremd, sondern ebenso auch die unabgebauten Zellen und Zellstoffe seiner eigenen Organe. Gelangen also, wie dies bei Nrankheitsprozessen häufig der Fall sind, Gewebstrümmer irgend eines Organes ins Blut, so muß das Blut Abwehrfermente bilden, um diese zwar körpereigenen aber doch blutfremden Stoffe zu ver⸗ dauen. Und nun haben die Forschungen die eigentümliche Tatsache ergeben, daß jedes Organ unseres Körpers eine besondere Eiweiß⸗ zusammensetzung bietet, sodaß also für jedes auch besondere Ab⸗ wehrfermente gebildet werden 2 Wir müssen also auch hier aus der spezifischen Eigenschaft des im Blut vorgefundenen Ab⸗ wehrferments einen Schluß auf die Natur des schädigenden Kör⸗ pers ziehen können. Mit anderen Worten: es liegt bei gewissen Krankheiten prinzipiell die Möglichkeit vor, aus der Beschaffenheit des Blutes die Eigenschaft der Krankheit zu erkennen. Damit er⸗ öffnen sich aber höchst wichtige medizinische Perspektiven.

Die Anwendung der Abderhaldenschen Fermentmethode besteht darin, daß man das zu prüfende Blutserum mit Stücken von dem in Frage kommenden Organ(tuberkulöses Gewebe, Mutterkuchen) in eine Lösung bringt, die in einer durchlässigen Tierhaut in ein Gefäß mit destilliertem Wasser gehängt wird. Sobald ein Abbau stattfindet, treten die verdauten Produkte durch die Tierhaut hin⸗

gebiet war der Schwangerschafts nachweis. Während der Schwangerschaft treten blutfremde, aus dem Mutterkuchen 3 Stoffe in das Blut, das dagegen Abwehrfermente 1 ilden gezwungen ist. Das Blut von Schwangeren wirkt also 5 bauend auf Mutterkuchensubstanz und zwar hat sich gezeigt, daß 3 das Blut von schwangeren Frauen auch tierischen Mutterkuchen 725 abzubauen vermag. Abderhalden hat daraufhin in einer großen Zahl von Fällen eine bestehende Schwangerschaft bereits in den ersten Wochen, wo noch alle anderen Anzeichen fehlten, nachzu⸗ weisen vermocht und seine Angaben sind von anderen Untersuchern g 727 durchweg bestätigt worden. Der Methode kann auch unter Uu m tänden ein juristischer Wert zukommen.

Man hat ferner noch die Fermentmethode bei Krebs, Tuberkulose und Basedowscher Krankeit ange⸗ wandt. In den beiden ersten Fällen, wo man also prüfte, ob dem Blute abbauende Fähigkeit gegenüber dem Krebseiweiß oder dene Eiweiß der Tuberkelbazillen eigen ist, sind die Resultate weniger günstig. Dagegen ist die Feststellung von Schilddrüseneiweis bek der Basedowschen Krankheit öfters geglückt. 5

Ein besonderes Anwendungsgebiet bietet noch die Psychiatrie. Hier haben die Ergebnisse eigenartige Aufschlüsse gebracht. In Fällen jugendlicher Verblödung konnte beispielsweise festgestellt werden, daß das Blut solcher Patienten nicht nur Hirnrinde, son⸗ dern auch Schilddrüse und Keimdrüse abbaute. Die große Be⸗ deutung, die die beiden letztgenannten Drüsen resp. ihre Aus⸗ scheidungsprodukte für die normale geistige Funktion haben, wurde damit wieder bestätigt. Auch bei Paralyse und Epilepsie fand Abbau von Hirnrinde statt.

Obwohl die Akten über die Abderhaldensche Untersuchungs⸗ methode heute noch nicht geschlossen sind, kann doch bereits gesagt werden, daß wir es hier mit einer höchst eigenartigen Erweiterung der biologisch-medizinischen Forschung zu tun haben. 70

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Wie dick sind die Wolken?

Wenn aus den Wolken der Regen unaufhörlich herab⸗ prasselt und in richtigen Schichten den Erdboden bedeckt, so meint man, es wäre unmöglich, daß soviel Naß aus den luf⸗ tigen Gebilden herauskommen könne, die wir die Wolken nennen. Das kommt daher, weil man die Masse des gefalle nen Regens meist zu überschätzen geneigt ist, während man unterschätzt, wieviel Feuchtigkeit in Luftschichten von meh⸗ reren hundert Metern Mächtigkeit enthalten sein kann. Die Dicke der Wolkenschichten ist daher von besonderem Interesse. Hauptsächlich die Beobachtungen bei Ballonfahrten könnten darüber Aufschluß geben. Wir finden das Material darüber in dem großen vorzüglichenLehrbuche der Meteorologie von Prof. Julius Hann(das jetzt bei Tauchnitz in Leipzig in dritter Auflage neu erscheint) zusammengetragen, dem wir in der Darstellung folgen.Bei der Ballonfahrt von Barral und Bixio am 27. Juli 1850 wurde eine Wolkenschicht durchkreuzt, die größtenteils aus unterkühlten Tröpfchen bestand und mehr als 5 Kilometer Dicke besaß. Die neueren Wolkenmessungen haben desgleichen ergeben, daß die senkrechte Mächtigkeit der 8 Cumuluswolken(das sind Haufenwolken, deren Gipfel die. Form ein Kuppel hat, während die untere Begrenzung wage⸗ 5 recht flach ist) mehrere Kilometer erreichen kann. Die Ber⸗ liner Ballonfahrten haben einige sehr bemerkenswerte Er⸗ fahrungen geliefert. Die Hochfahrt vom 8. Mai 1894 ging zuerst in der Höhe von 1750 bis 5000 Meter durch eine Schneewolke, dann setzte sich dieselbe als Eiskristallwolke bis 5,7 Kilometer fort, der noch ein Eisnebel bis* Höhe von 7750 Meter folgte. Diese Wolkenlager waren also et 6 Kilometer mächtig. Auch bei der Fahrt vom 14. März 18988 wurde eine Eisnebelwolke von nahezu 5 Kilometer Mächtig⸗ keit durchfahren. Die Potsdamer Wolkenmessungen haben Dicken von 50 bis über 4600 Meter ergeben; sie sind auch ge⸗ trennt für die einzelnen Wolkenarten registriert. Die dicksten Wolken waren da die Platzregenwolken.

Der ausgezeichnete Wolkenforscher Cl. Ley gibt an, daß er im Winter bei kaltem Wetter nicht selten leichte Schnee: schauer habe fallen sehen als Wolken in etwa 800 Meter Höhe und nur 120 Meter Dicke. Auch leichter Regen kann aus solchen Wolken fallen, namentlich über dem Meere. 2 Winter sind Regenwolken von mehr als 3 Kilometer Dicke äußerst selten, aber im Sommer hat Ley solche oft messen können und selbst noch mächtiger. Im Sommer sah er eine Gewitterwolke, deren unterste Fläche 300 Meter über den

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durch und sind dann in dem Wasser durch elne Fatbel reaktion nach⸗ weisbar. Das Verfahren ist sehr subtil. Sein erstes Anwendungs⸗

Gipfel des Mont Blanc sich befand, während die Scheitel der selben sich 4800 Meter darüber erhoben. Am 18, August

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