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1-30 (3.6.1914)
 
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steht der Arbeiter wieder m

Wissen istssacht

wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung

Nummer 22

sllittwoch den 3. Juni 1914

3. Jahrgang

Wie liest man dasKapital? 1

Die Arbeit ist ein zwieschlächtig Wesen. Sie ist eine Freude, eine wahrhafte und große Freude. Denn sie schafft so große, so schöne, so nützliche Dinge, in ihr tut sich die Schöperkraft des Menschen kund, die tausendfältige Dinge schafft, die uns zum Gebrauch dienen. Wenn man seine sechs Arbeitstage hinter sich hat wie der Schöpfer zur Paradieses⸗ zeit und sieht dann alle die geschaffenen Gebrauchswerte fertig daliegen, wäre man versucht, wie er zu sagen:Und siehe, es war gut.

Aber leider tritt der andere, der Kapitalist, dazwischen und meint: Gut oder nicht gut, Gebrauchswert oder nicht ich will daran verdienen, mein Kapital muß sich verwer- ten. Der Arbeitsprozeß ist ihm in erster Linie Verwer⸗

tungsprozeß. as dem Kapitaliste Verwertung, das ist vom Standpu des Arbeiters leidigerweise Aus- beutung.

Der erste Punkt des fünften Kapitels erzählt von der Arbeit als Schöpferin der Gebrauchswerte, von der Freude der Arbeit, der zweite Punkt von der Arbeit als Ausbeutung, von dem Leide des Arbeiters, das sich freilich als Mehrwert zur Freude des Kapitalisten gestaltet. Das fünfte Kapitel handelt von Freude und Leid des Arbeiters im Umgang mit seinem Liebhaber, dem Kapitalisten.

Das sechste Kapitel stellt dem Arbeiter seine täglichen stummen Gefährten vor, die Werkzeuge und Rohstoffe. Vom Bauern sagt man, daß sein Pflug sein bester Freund sei. Sinde diese Dinge des Arbeiters Freund oder Feind? Es scheint, daß sie als seine Helfer seine Freunde sein müßten, aber der Kapitalist macht sie zu seinen Feinden. Wie ist das geworden? Oft haben die Arbeiter in Verzweiflung die Ma- schine zerstört, nicht selten lieben die Arbeiter die Maschinen, an denen sie arbeiten, hegen sie sorgfältig und verwachsen miteinander wie der Jäger mit seinem Hunde. Wie stellt sich der Arbeiter zu seinen schweigenden, toten und doch so starken eisernen Gefährten?

Sie sind mit ihm zusammen in die Fabrik gesperrt, in das Werkhaus des Kapitals und dienen nun beide seiner Verwertung. Beide opfern sich allmählich diesem frem⸗ den Zwecke, sterben allmählich für ihn dahin und ihr Wert geht ein in den Profit wie die Seele der Frommen in das Himmelreich. Beide sind dabei bloße Teile des Kapitals geworden, die Stoffe der konstante, die Arbeitskraft der variable Kapitalteil(sechstes Kapitel), die hinsterben, um im Produktwerte wieder aufzuerstehen. Eben dieses Hinsterben in täglichen Raten ist die Ausbeutung, und das siebente Kapitel beginnt damit, den Grad dieser Ausbeutung zu messen. Auf Seite 164 bis 180 ist der Grad der Ausbeutung errechnet. Das siebente Kapitel fordert viel Mathematik und ist schwierig. Der Leser wird beim ersten Lesen nur die Hauptsache behalten und begnüge sich zunächst damit, das folgende wird das Gelesene erst ganz klar machen, man kehrt 1 Schlusse des achten Kapitels wieder auf das siebente zurück.

Beim achten Kapitel, das den Arbeitstag behandelt, en auf dem gewerkschaftlichen Boden. Der englische Töpfer, der Grobschmied, die Putz⸗

macherin aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts treten auf und erzählen das Lied des endlos ausgedehnten Arbeitstages.

Der Kampf der englischen Arbeiterklasse um dessen Ver kürzung, die englische Fabrikgesetzgebung von 1833 bis 1864 und der erste große Sieg des Gewerkschaftskampfes, die Er⸗ ringung des englischen Zehnstundengesetzes werden erzählt. Der schrankenlosen Ausdehnung des Arbeitstages ist die erste Grenze gesetzt.

Mit diesem achten Kapitel ist der erste Höhepunkt von dem gewerkschaftlichen Leser beschritten. Hier halte er Pause und suche er Sammlung. Von hier kehre er, wenn er die Zeit hat, wieder zum Anfang zurück und lese noch einmal in gleicher Weise.

Die griechische Sage erzählt von einem verbrecherischen Herbergswirt, der die einkehrenden Gäste auf die gräßlichste Weise umzubringen pflegte. Kurzgewachsene legte er in ein langes Bett und streckte sie zu Tode, Langgewachsene in ein kurzes und hackte ihnen Kopf und Beine ab, daß sie in das Bett paßten. So bestrafte Prokrustes seine Gäste dafür, dag sie nicht normal gewachsen seien. Auch der Kapitalismus hat zwei Methoden der Ausbeutung: die Verlängerung des Ar beitstages und seine Verdichtung durch intensivere Arbeit, durch Steigerung ihrer Produktivkraft. Der vierte Ab⸗ schnitt(Kapitel 13 bis 13) führt uns in die innerste Geheim⸗ kunst das Kapitals ein, er ist der allerwichtigste des ganzen Buches von dem vorliegenden Standpunkt aus, er gibt zu⸗ gleich die ganze geschichtliche Entwicklung des Arbeitsverhält⸗ nisses von der Gesellenzeit bis in unsere Tage und die Ge heimgeschichte der Industriealisierung die große Fundgrube gewerkschaftlicher Erkenntnis.

Wieder liegt die bittere Schale herum, die systematische Darstellung des Begriffes des relativen Mehrwerts geht im zehnten Kapitel voran. Doch wird sie keine großen Schwie rigkeiten mehr bieten.

War bisher der Arbeiter bloß als einzelner betrachtet worden, so wird nun gezeigt, wie der Haupthebel der Aus- beutung in der Häufung von Arbeitern, in der Vergesell schaftung der Arbeitskraft liegt. Die Arbeitskräfte werden zunächst in großer Zahl nebeneinandergestellt(Kooperation, 11. Kapitel), dann wird die Arbeit systematisch unter sie ver⸗ teilt(Teilung der Arbeit, 12. Kapitel) und der einzelne Teil- arbeiter zur bloßen Maschine degradiert, um endlich durch Maschinen ersetzt zu werden(Kapitel 13: Maschinerie und große Industrie). Nun ist der Helfer und Freund des Ar beiters, die Maschine, zu einem Feind und Beherrscher ge worden. Das Fabriksystem revolutioniert Manufaktur, Handwerk und Heimarbeit und damit die ganze bisherige Gesellschaft, auch die Landwirtschaft. Es schafft die modernen Gesellschaftsklassen, erzeugt und nährt ihre Klassenkämpfe.

Es steigert so die kapitalistische Ausbeutung bis auf ihren höchsten Punkt, vergesellschaftet aber zugleich die Arbeitskräfte wie die Arbeitsmittel und bereitet die neue Gesellschaft vor.

Mit diesem Abschnitt ist der zweite Höhepunkt erklommen, er eröffnet dem Arbeiter in der Werkstätte vollen Einblick in seine Lage im Produktionsprozeß. Der folgende fünfte Ab⸗ schnitt(Kapitel 14 bis 16) faßt die gewonnenen Ergebnisse theoretisch zusammen und verarbeitet sie begrifflich, der Ar- beiterleser wird sie zunächst am besten überschlagen und mit dem sechstenDer Arbeitslohn wieder zur Praxis zurück- kehren und sich über die Funktion des Zeitlohns und Stück⸗ lohns sowie die Verschiedenheit der Arbeitslöhne von Land zu Land unterrichten. Damit schließen Teile des Werkes von elementarem gewerkschaftlichem Interesse. 5