Topfpflanzen plötzlich abwelken, wenn sich die Regenwürmer in ihrem Topf vermehren. Und darum macht sich der Gärtner auch gar kein Gewissen daraus, den Regenwürmern unbarmherzig mit der Schaufel eines zu versetzen, so oft er sie beim Umgraben auf⸗ wirft.
Aber er tut Unrecht damit. Von seinem Standpunkt aus begeht er sogar einen Unsinn damit, wenn er die Würmer zerstückelt, denn gerade sie sind Musterbeispiele von Lebenskraft. An sich ist ihre Zerstückelung offenbar keine besondere Grausamkeit, denn der Regenwurm ist das leibhaftige Münchhausensche Pferd. Man hat beobachtet, daß fressende Tiere sich gar nicht stören lassen, wenn man ihnen die hintere Hälfte abschneidet. Es geschieht ihm auch nichts besonderes Arges damit: rasch wächst das fehlende Stück wieder zu. Und auch aus dem abgehackten wird ein neuer vollständiger Wurm, so daß man sogar aus zwölf Regenwurmstücken zwölf neue Regen— würmer entstehen sah.
Die Regenwurmfeinde haben deshalb Unrecht, weil das arme Tier völlig unschuldig an den ihm zur Last gelegten Verbrechen ist. Das zeigt sich aus einer neuen Arbeit, die das schon durch ver— schiedene wertvolle Arbeiten in jüngster Zeit hervorgetretene Biolo— gische Institut München soeben veröffentlicht.“)
R. Aichberger hat den Regenwürmern in den Magen ge— schaut, um zu sehen, ob es wirklich wahr ist, was man bisher all⸗ gemein glaubte, daß sie welke und frische Pflanzen fressen. Und er hat gefunden, daß man ihnen Unrecht getan hat. Es finden sich nur gelegentlich Pflanzenreste, dagegen zeigte sich bei diesen offenbar sehr mühevollen Untersuchungen, bei denen der Darminhalt Körnchen für Körnchen durchsucht werden mußte, daß der Regenwurm von den in dem Erdboden seit kurzem nachgewiesenen Kleinpflanzen, Pilzfäden und Kleintieren lebt, denen zuliebe er also ständig solche Massen von Erde in sich hinein— schlingt und durchverdaut, was sonst kein einziges der vielen in der Erde wühlenden und arabenden unterirdisch lebenden Tieren tut.
Diese überraschende Bereicherung des Naturwissens mag als unbedeutend erscheinen. Sie ist es aber nicht, wenn wir uns nur di ganz kolossale Bedeutung des Regenwurmes für die Land- und Forstwirtschaft vor Augen rücken. Wenn man von den Statistikern vernimmt, daß die Fruchtbarkeit der Erde dem Menschen jährlich Produkte im Wert von 3600 Millionen Mark spendet, wird man bald verstehen, daß jeder Fortschritt der Kenntnisse in Fragen der Landwirtschaft unmittelbaren Geldes wert besitzt.
Wenn es also nicht wahr ist, daß der Regenwurm die saulenden Pflanzenteile im Boden aufsucht und verzehrt(das Gelbwerden der Blätter in regenwurmbesiedelten Blumentöpfen wird demnach nun bald andere Ursachen ergeben), dagegen andererseits so nützlich ja unentbehrlich ist, um den Boden möglichst fruchtbar zu machen, so erscheint es nicht unmöglich, nun, da man seine Lebensbedingungen besser kennt, auf ihn in einer u vere Interessen fördernden Weise einzuwirken.
Immer mehr gestaltet sich so die ehrwürdige Urbeschäftigung des Menschen zu einer wissenschaftlich gelenkten und kontrollierten Art von„Naturindustrie“ und immer schwieriger wird dadurch die Lage der Rückständigen, die da glauben, auf ihrer Scholle auch im 20. Jahrhundert nach Urväter Art hausen und ihren Acker bestellen zu können.
Die Naturwissenschaften besorgen dadurch auf ihre Weise, unab— sichtlich aber umso fühlbarer die Aufgabe, ein Werkzeug des sozialen Fortschritts zu sein. Denn wenn sie den Bauern zwingen, sich aus Gründen der Lebensnotwendigkeit mit ihnen bekannt zu machen, sorgen sie gleichzeitig dafür, daß er auch sonst ein moderner Mensch wird. Wollte er's nicht sein, würde er untergehen im Wettbewerb mit denen, die seinen Beruf intensiver auszuüben verstehen. Und so spannt sich zuguterletzt ein Band fester Beziehungen vom Prole⸗ tarier unter der Erde zu den großen Fragen, die unser Jahrhundert zu lösen hat.
Aus unserer Sammelmappe.
Praktischer Vogelschu. Von Dr. Wilh. R. Eckardt. Mit 52 Ab⸗ bildungen. Broschiert 1 Mk., geb. 1.60 Mk.; für Mitglieder der D. N. G. 0,75 Mk., geb. 1.20 Mk. Deutsche Naturwissenschaftliche Gesellschaft, Geschäftsstelle Theod. Thomas Verlag Leipzig.
Bei unserer letzten Besprechung der Natur erwähnten wir be⸗ reits, daß das hier angezeigte Werk mit Heft 8 der Zeitschrift als
) R. v. Aichberger, untersuchungen über die Ernährun des Regenwurms.(Arbeiten a. d. Biolog. Institut München Nr. 19 Zeitschrist der deutschen mikrol. Gesellschaft. 1914.
2. Buchbeilage den Mitgliedern der D. N. G. kostenlos wurde. Wir hatten davon Abstand genommen, das Buch in der gemeinen Besprechung ausführlicher zu behandeln, weil wir es f wertvoll genug halten, daß es in die weitesten Kreise dringt. Eckardt, welcher den Lesern der Natur und sicher auch unser Lesern kein Fremder mehr ist, gibt hier in verständlicher und leis faßlicher Form einen Ueberblick über alle Fragen des Vogelschutz Er bespricht die Zweckmäßigkeit oder Untauglichkeit der einzeln Nisthöhlen-Systeme, gibt Anregungen zum vorteilhaften Aufhäng der Nistgelegenheiten, erzählt über Fütterung und Vogeltränke kommt auch auf die Feinde der Vogelwelt zu sprechen und auf der Vernichtung und Unschädlichmachung und läßt schließlich in einem jeder Hinsicht beachtenswerten Nachworte„Vogelschutz und Schul seinen Unmut über gedankenlose Ausrottung von bestimmten Vog arten aus und zeigt gleichzeitig den Weg, wie durch vernünftig Schulunterricht die Jugend für die Frage des Vogelschutzes i teressiert werden kann. Es existieren bereits eine große Anza Schriften über das gleiche Thema. Und doch möchten wir den unserer Leser, welche schon dieses oder jenes Werk besitzen, emp sich auch das Buch von Eckardt noch anzuschafsen, da es uns eines d wertvollsten zu sein scheint, welches je über den Gegenstand geschr ben wurde. Es ist trefflich geeignet, für unsere kleinen gefied Freunde, welche durch die zahllosen Nachstellungen in erschrecken Weise vernichtet werden, Liebe zu wecken. Unsere Leser, welche Stück Gartenland ihr Eigen nennen, Eltern und Jugenderzieher, Jugend selber sollte zu diesem Buche greisen, das helsen will, d Natur ein Stück ihrer besonderen Eigenart, welche zu vergehen d zu erhalten. Reinigung des Wassers durch ultraviolette Strahlen. Die unserem Genossen Dr. Arons erfundene Quecksilberlam bei der in einer Röhre aus geschmolzenem Quarz Quecksilberdämp durch den elektrischen Strom zum Glühen gebracht werden, wegen ihres außerordentlich geringen Stromverbrauchs(4 W pro Hefnerkerze) schon eine weitgehende Anwendung in der Tech gefunden. Sie wird vor allem zur Beleuchtung von Arbeits räum usw. benutzt, während sie sich zu allgemeinen Beleuchtungszwec weniger eignet wegen der Leichenfarbe, die ihr an roten Strahl armes Licht den Gesichtern verleiht.(Durch Beimischung von an ren Metallen hat man übrigens dem Licht der Quecksilberle. schon eine freundlichere Färbung zu geben versucht). Ein sich neuerdings eröffuendes Gebiet ist die Reinigung von Wasser f Trink- und sonstige Haushaltungszwecke. g Das Licht der Quecksilberlampe ist außerordentlich reich ultravioletten Strahlen, die für unser Auge unsichtbar, doch zu d wirksamsten Strahlen gehören, die wir kennen. Die Quarzu hüllung der Lampe läßt diese Strahlen ungehindert nach auf dringen, während bei den Aronslampen der ursprünglichen Ke struktion, die Glas für die Röhren verwandte, alle ultraviole Strahlen durch dieses verschluckt wurden. Das ultraviolette L übt auf lebendes Gewebe eine zerstörende Wirkung aus. Die A strahlung einer solchen Lampe ruft selbst noch in einigen Dezime Entfernung Hautverbrennungen, Sonnenstich und heftige Aug entzündungen hervor. Auf dieser Eigenschaft der ultraviole Strahlen beruht ihre eben erwähnte Anwendung zur Reinig Trinkwassers. Wirft man das vergrößerte Bild eines Waß tropfens mittels einer starken Lichtquelle auf einen Schirm, so! man deutlich das Leben der Infusorien, ihre raschen Bewegun und grotesken Kämpfe beobachten. Enthüllt man nun plötzlich e in der Nähe befindliche Quecksilberdampflampe, so dauert es wenig Sekunden und jene ganze Welt im Kleinen ist erstarrt! tot. Alle Bazillen und Mikroben, die harmlosesten so gut wie gefährlichsten Typhus⸗, Eiter- und Syphilisbazillen werden die ultravioletten Strahlen im Augenblick abgetötet. 4 Unsere Großstädte geben heute schon riesige Summen für Reinigung ihres Trinkwassers aus. Paris hat beispielsweise diesen Zweck schon 600 Millionen Franes geopfert und ist im Be weitere 400 Millionen zu opfern. Schon seit einer ganzen! von Jahren ist von verschiedenen französischen Ingenieuren Vorschlag gemacht worden, die Quecksilberlampe zur Reinigun Wassexs zu verwenden. Man hat auch praktische Experimen dieser Richtung angestellt. Es wurde Wasser aus dem Kanal Marseille genommen, aus dem in weniger als einem menschliche und 1139 Tierleichen gefischt worden waren. Die 9 tate waren durchaus ermutigend. Voraussichtlich wird sich al Trinkwasserreinigung durch ultraviolette Strahlen bald einen
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neben der durch Filter, Wärme, Ozon oder chemische Mittel
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