Ausgabe 
1-30 (26.5.1914)
 
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Ein mißachteter Proletarier der Natur. u Andreas Schlüters Gedächtnis.(Gest. Ende Mai 1714.) Berlin verdankt sein bedeutendstes Bauwerk und sein hönstes Denkmal: das Schloß und das Reiterstandbild des roßen Kurfürsten, Andreas Schlüter. Beides ist für den kuhm der Hohenzollern geschaffen, im Auftrag des lächer⸗ chen ersten Königs von Preußen. Baumeister und Bild⸗ auer stehen anders zu den Höfen, wie die Dichter. Schlösser, it chen und allenfalls Rathäuser sind die einzigen Bauwerke roßen Stils, die die Vergangenheit kennt. Nur die Herr- henden kamen auf diesem Gebiete als Auftraggeber in Be racht. Der höfische Dichter ist ein Lakai, den die Kunstge⸗ chichte mit Verachtung ausstößt. Das Genie der bildenden kunst aber fand nur an Höfen Nahrung und Arbeit. Und umgekehrt: keiner Kunst bedarf der Hof mehr als der der gaumeister und Bildhauer. Man denke sich Schlösser und denkmäler fort, und mit den symbolischen Gehäusen höfischer No cht versinkt die Bedeutung der Fürstengewalt selbst. Die Ronarchie wohnt nicht nur in Schlössern, sie lebt von ihnen, ind erst in den Bronzegüssen glaubt man fürstliche Größe. die Schöpfer der Schlösser und Denkmäler sind so die Schöpfer der Monarchie. Aber in der sozialen Wirklichkeit fer Höfe kehrt sich das natürliche Verhältnis um, ähnlich wie seute die Wertung von Unternehmern und Arbeitern. Der Rünstler wird zum Knecht und der Fürst zum erhabenen Schutzherrn, obwohl er zu dem Werke nichts anderes leistet, s die Störungen seines Unverstandes und den Arbeitslohn, aus der Notdurft des Volkes gewonnen ist. Vor zweihundert Jahren endete die Gesindetragödie des sreußischen Hofbaumeisters Andreas Schlüter. Sein Schloß im der Spree preist man heute als das bedeutendste deutsche gauwerk des Barock. Sein großer Kurfürst gilt als das ge waltigste Reiterdenkmal aller Kunst neben Verocchios Folleoni. Die erhabenen Masken sterbender Krieger, die er ür das Berliner Zeughaus erfand, sind unsterbliche Blut⸗ gen wider den kriegerischen Mord. Der aber all dies Herr iche geschaffen, ist elend zu Grunde gegangen. Bis vor kurzem galt Andreas Schlüter als ein Ham urger und sein Geburtstag wurde auf den 20. Mai datiert. darnach würde sein 250. Geburtstag mit seinem 200. Todes ag zusammenfallen. Aber diese Annahme stützt sich lediglich uf den Eintrag eines Andreas Schlüter ins Hamburger Taufregister. Neuerdings ist diese Ueberlieferung mit guten Fründen entkräftet worden; vor allem widersprechen eigene Angaben Schlüters der Behauptung, daß er erst 1664 ge boren sei. Er scheint vielmehr um 1640 in Danzig geboren u d derselbe zu sein, den ein Eintrag im Danziger Gesellen eg ister der Maurer, Steinhauer, Bildhauer und Steinmetzen de zeichnet:Anno 1656 d. 9. Maij.. endres Schliter, Stein⸗ auer ein Dantziger, auß d'Lehr. Schlüter ist von Haus us Bildhauet, er ist nie ein gelernter Baumeister gewesen; nit der Phantasie eines Bildhauers hat er gebaut, und den Nangel an berufsmäßiger Ausbildung im Baufach hat man h vorgeworfen, als er gestürzt wurde. In den achtziger Jahren baut Schlüter in Warschau und Danzig für den N önig Johann Sobieski von Polen. 1694 kommt er als Hof üldhauer und Lehrer an der Baldhauerakademie nach Berlin. de Kurfürst von Brandenburg, der bald sich zum Könige önen sollte, schickt ihn 1696 nach Italien, um Abgüsse an- kaufen. Auf dieser Reise empfängt er entscheidende Ein⸗ isse der italienischen Barockkunst. Zu seinen ersten Berliner N zuwerken gehört die Alte Post. 1698 begann der Schloß.

u. König Friedrich I. gab seinem Baumeister 1705 ein rinkgeld von 8000 Talern zur Belohnung für treugeleistete jenste.(Eine Lustjacht, die die preußische Majestät zu dieser it auf der Spree fahren ließ, kostete 100 000 Taler!) Er itte inzwischen auch(1698 bis 1703) das Denkmal des oßen Kurfürsten vollendet. Bald darauf stürzte der Künst⸗ r zerschmettert in die tiefste höfische Ungnade. An der ordwesteck des Schlosses sollte auf bereits vorhandenen N indamenten ein Turm erbaut werden. Der König ge ö hmigte Schlüters Entwurf. Der Bau begann 1702, ein Jahr später ergab sich, daß die Fundamentierung zu schwach Jar, der Turm zeigte Risse. Schlüter entwarf sofort einen zen Plan, nachdem die Fundamente verstärkt wurden.

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Als der Turm 1706 bis zur Höhe von 60 Metern gediehen war, senkte er sich so gefahrdrohend, daß Schlüter heimlich in der Nacht mit dem Abbruch beginnen mußte. Er legte dem König einen neuen Entwurf vor. Aber die Hofkabalen über wanden ihn jetzt. Eine Untersuchungskommission wurde ein⸗ gesetzt, der sein Nachfolger Eosander von Goethe angehörte, und sie sprach ihn schuldig. In dieser Zeit schreibt er einem Gönner den klagenden Brief:Ich habe über die dreißig Jahre mit großen Arbeiten Tag und Nacht zugebracht, und ist unter all denen Werken kein Fehl begangen, auch habe ich in Berlin schon erwiesen, daß man ja wohl sehen kann, ob ich ein Meister gewesen.

In den folgenden Jahren verschwindet Schlüters Name völlig. Er ist verschollen. Erst 1713 taucht er wieder auf, in Petersburg, als Baumeister des Zaren Peter. Er rieb sich in fieberhafter Arbeit auf. In dem Tagebuch eines Freundes liest man, nach seinem Tode(Ende Mai 1714): Er hatte zu dieser Zeit eine große Zahl von Geschäften in seiner Hand, indem er Paläste, Häuser, Akademien, Manufak turen, Druckereien usw. baute. Schlüter war von schwacher, kränklicher Konstituation, und da er überbürdet wurde mit immerwährenden Geschäften, so ward er krank und starb, nachdem er nur ein Jahr in Petersburg gewesen.

Schlüters Name erscheint zuletzt nur in Bettelbriefen der Witwe an den Zaren er hatte die Familie in tiefstem Elend, in Schulden in Berlin zurückgelassen, als er nach Petersburg ging und in Urkunden, die zeigen, daß er seinen Gehilfen den Lohn schuldig bleiben mußte.

Kein Bildnis zeigt uns die Züge des Meisters. Der größte deutsche Künstler seiner Zeit ging im Dunkel dahin ein Proletarier.

Hohenzollerisches Mäzenatentum. Von H. Falkenfels.

Seit den Zeiten, da der den Erscheinungen der Natur sich nur mit abergläubischen Begriffen nahende Urmensch die Fruchtbarkeit der Erde als ein Geschenk der Götter auffaßte, hat sich der Gedanke eingebürgert, sie als eine selbstverständliche zum Wesen der Erd⸗ gestaltung überhaupt dazugehörige Naturtatsache aufzufassen.

Es blieb nur im engen Zirkel der Naturwissenschaften, und

auch die wußten es erst seit kaum anderthalb Menschenaltern, daß Pflanzen auf der Erde nur dort wachsen können, wo ihnen gewisse Tiere vorgearbeitet haben.

Der Bauer hat darüber aus seiner einfachen aber untrüglichen Erfahrung schon mehr Erfahrung. Er kennt sehr wohl denrohen Boden, auf dem nichts wächst und weiß, daß im Gegensatz dazu der Acker desto mehr Säcke Korn, desto größere Kartoffeln und zucker⸗ reichere Rüben liefert, jefetter, krümeliger, besser durchgearbeitet er ist. Aber auch ihn ist der unermüdliche Arbeiter unbekannt, der in seinem Acker Tag und Nacht schafft, den Boden durchwühlt, durch⸗ einandermischt, zerkleinert, ihnaufschließt und dadurch fruchtbar macht.

Dieser Arbeiter ist der Regenwurm. Ein häßliches, mißachtetes Tier, ein wahrer Proletarier der Natur, dem man keine Rechte ge⸗

währt, dessen Arbeit man als selbstverständlich hinnimmt, bessen

Kulturwert immer übersehen und auf die Rechnung von vornehmer auftretenden Nichtstuern geschrieben wird.

Die Bedeutung des Regenwurmes wird jedem Zweifler sofort klar, wenn er an folgende Tatsachen denkt: Jedes dieser bis an 1 bis Dezimeter lana werdenden Tiere stopft sich zeitlebens mit Erde voll. In zahllosen Gängen durchwült es sein Lebensgebiet, setzt diedurchverdaute Erde in kleinen feinkrümeligen Häufchen nächtlich auf die Oberfläche des Bodens ab und besorgt so eine Um⸗ schaufelung. Diese Tätigkeit kann man nicht hoch genug anschlagen,

da in einem Hektar Boden bis an hunderttausend Regenwürmer

leben.

Natürlich frägt man sich, was wohl die Würmer in der Erde mit solch emsiger Tätigkeit suchen? Und hierauf haben die Praktiker, namentlich die Gärtner eine sehr bestimmte und nicht gerade freund⸗ liche Antwort. Sie behaupten, daß der Regenwurm jedermann an⸗ gehe, der auch nur ein kleines Gärtchen pflegt oder gar bloß ein paar Topfpflanzen. Weil die Würmer die Pflanzenwurzeln ab⸗ beißen, sich sogar an grünen Blättern vergreifen und Steckzwiebeln ausziehen, also wahrhafte Schädlinge sind. Den Beweis dafür er⸗ lebt man oft genung. Jeder Blumenfreund wird es bestätigen, daß

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