Ausgabe 
1-30 (26.5.1914)
 
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Wissenistsnacht

Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung

Nummer 21

Dienstag, den 26. Mai 1914

3. Jahrgang

Wie liest man dasKapital? 4

Der erste Band desKapital von Karl Marx ist in der Voltsausgabe erschienen und gewiß schon in den Händen vieler Arbeiter. Mit Freude und Stolz betrachten sie nun das monumentale Werk, aus dem sie ihre tiefste Kenntnis der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und die unverwirr bare Ueberzeugung von der Notwendigkeit des Kampfes und Sieges der Arbeiterklasse schöpfen, als ihr Eigentum. Mit großem Eifer hat sich inzwischen wohl schon mancher an das Lesen des Werkes begeben; aber mancher wird es wohl auch schon, die Schwierigkeiten des Studiums erkennend, halb ver zagt wieder beiseite gelegt haben. Dazu jedoch schafft man sich keine Bücher an, um sie wohlverwahrt in das Bord zu stellen. Bücher sollen lebender und lebenspendender Besitz sein: sie sollen unseren Geist bereichern, unser Seelenleben vergrößern und vertiefen. Und ganz besonders ist das vom Kapital zu sagen, dessen Inhalt gleichzeitig die schärfste Waffe im Kampf der Arbeiter ist. Wie aber sollen wir den ungeheuren Gedankengehalt dieses Riesenwerkes bewältigen? Wie soll der Arbeiter, der doch nicht daran gewöhnt ist, schwere wissenschaftliche Speise zu sich zu nehmen, systematisch wissen⸗ schaftlich zu arbeiten, wie soll der Arbeiter den kolossalen In⸗ halt desKapital geistig bezwingen? Hierüber macht nun Genosse Karl Renner in der Mai-Nummer des Kampf sehr bemerkenswerte Ausführungen, die wir im folgenden etwas gekürzt wiedergeben. Genosse Renner schreibt:

Die Volksausgabe hängt der Arbeiterklasse den ersten Band ein, der bisher nur den bürgerlichen Büchereien und den vordersten Parteimännern zugänglich war. Der erste Band schildert und erklärt den Produktionsprozeß des Kapitals, die Werkstätten des Industriekapitals, in denen der Mehrwert erzeugt wird. Was mit diesem Mehrwert ge schieht, wie er auf die Gesellschaft verteilt wird, der lange Prozeß, in dem er vom Handelskapital in Bewegung gesetzt, vom Leihkapital und vom Grundbesitz zu stets wachsenden Teilen beschlagnahmt wird, wie er dazu verwendet wird, die kapitalistische Gesellschaft auszubauen und ihr die Welt unter⸗ tan zu machen, das alles ist der überübergroßen Masse der Arbeiterklasse noch unbekannt. Und doch bedarf sie dieser Kenntnis von Tag zu Tag mehr. Ein großer Zweig der Be wegung, die genossenschaftliche, bedürfte dringendst der Popularisierung des zweiten Bandes, der den Zirkulations⸗ prozeß des Kapitals aufdeckt. Weil ihr darin jedes sichere Wissen fehlt, tappt sie völlig im Dunkel kurzsichtiger Empirie, erfaßt nicht den ganzen Ideengehalt ihres Wirkens und gibt dem oberflächlichsten wissenschaftlichen Dilettantismus und unberechenbaren Experimenten in der Praxis einen willkom menen Tummelplatz. Den dritten Band vermittelt und er gänzt HilferdingsFinanzkapital in einigen zurzeit wesent lichen Punkten; das aber, was in der Zeit des Agrarismus am meisten gebraucht würde, die Popularisierung der Grund rententheorie und der Lehre von der Durchdringung der Land wirtschaft durch das Kapital, steht noch aus. Ein reicher

Weinberg ladet zur Arbeit, aber es fehlt an Kräften. Freuen wir uns wenigstens dessen, was wir nun schon besitzen, und fragen wir, was der erste Band in der Hand des Arbeiters soll. An dieser Stelle nicht, wie er dem Gelehrten dient, kämpfende Arbeiter aus ihm schöpft. Da er den Produktionsprozeß des Kapitals erforscht,

interessiert uns sondern nur, was der

wendet er sich vorerst an den Arbeiter als Gewer kschaf⸗ ter, nicht als Genossenschafter oder Politiker. Der gewerk⸗ schaftliche Zweig der Arbeiterbewegung, der älteste und stärkste, findet gerade in diesem Band sein goldenes Buch der Theorie und Praxis und leider hat er es noch viel zu wenig ausgeschöpft, viel zu wenig daraufhin gelesen. Große Hin⸗ dernisse türmen sich dem Gewerkschafter allerdings auf: Das Buch ist gelehrt und zunächst für den Wissenschafter geschrieben. Wie ein Felsblock liegt der erste AbschnittWare und Geld vor dem Tor des Gartens, in welchem die Früchte für den Gewerkschafter wachsen. Er kann jedoch das Buch nicht wie ein Gelehrter mit dem Interesse des Systematikers lesen, er bleibt in den ersten Sätzen, also im Eingang stecken. Auf die Gefahr hin, den wissenschaftlichen Kopf mit meinem Rat zu

verdrießen, empfehle ich dem Arbeiter, die Einleitungen und

den ersten Abschnitt frischweg zu überschlagen und im wei⸗ tern über systematische Ausführungen mit halbem Ohr hin⸗ wegzulesen, dafür aber sich ganz in das zu vertiefen, was ihn dann mit unmittelbarer Gewalt packt, die nackte Dar- stellung und Erklärung des Arbeiterlebens selbst. Hier wird er sich mit einem Male besser zu Hause finden, als der beste Akademiker. Denn was dargestellt, was erklärt wird, ist sein alltägliches Dasein, sein Leib und seines Leibes Kräfte, die Arbeit seiner Arme, die Gedanken seines Gehirns und die Leiden seines Herzens. Daß ihm die Sache trotzdem manchmal schwer wird, verdrieße ihn nicht. Weiß er doch besser als alle Gelehrten der Welt, daß alles Gute und Große mühselig erarbeitet werden muß, mag es auch den Günstlingen des Kapitals ohne eigene Plage in den Schoß fallen. Auch Verständnis muß verdient werden und die Schalen der Wissenschaft sind um so bitterer, je süßer und heilsamer ihr Kern.

Der Arbeiter beginne also auf Seite 104 mit der Ver wandlung von Geld in Kapital und suche die bittere Schale, so gut es geht, durchzubeißen und, so gut es geht, sich klar⸗ zumachen die widerspruchsvolle Frage, in der auf Seite 122 am Ende vom Punkt 2 die Untersuchung ausläuft: die Er⸗ scheinung des Mehrwerts muß auf dem Markt(das ist in der Zirkulationssphäre) vor sich gehen und kann doch dort nicht vor sich gehen wo also geht sie vor sich? Genug, wenn er diese Problemstellung begriffen hat, dann geht er sofort zu Punkt 3 über und spürt sofort, jetzt ist er bei sich selbst zu Hause:Kauf und Verkauf der Arbeitskraft. Sofort erfährt und versteht er, daß er in der Welt des Kapi⸗ tals Mensch zu sein aufgehört hat und als bloßeWare in Betracht kommt. Ware aber ist er nicht, weil er gut oder böse, schön oder häßlich, von unsterblicher Seele und ein An wärter des Himmels oder der Hölle ist alle diese mensch⸗ lichen und geschichtlichen Eigenschaften legt er ab und wird etwas Aehnliches wie der Akkumulator im Elektrizitätswerk, Akkumulator von Arbeitskraft.

Und nicht lange wird er lesen und sich selbst sagen: Ja, das bin ich! Das ist es, was mit mir vorgeht und wodurch ich mich vor allen anderen Arten Menschen in dieser bürger⸗

lichen Welt unterscheide. Ich bin nicht mehr ein Mensch mit*

seinen tausendfältigen Freuden und Hoffnungen, ich bin ein⸗ fach eineökonomische Kategorie und ich bin sogar ein Wert in dieser wirtschaftlichen Welt und finde auf Seite 128 die Formel für dieses mein Dasein als ökonomischer Wert. Als Wert finde ich auch meinen Liebhaber, den Kapitalisten, auf dem offenen Markte, und ich mit ihm, als die zwei Figuren