die Erklärung. Der Schlafende glich dem Toten, der Be⸗ wußtlose ebenfalls. Aber wenn sie wieder zum Leben er⸗ wachten, dann erzählten sie von anderen Gegenden, die sie geschaut, von Dingen, die sie in der Zeit des Schlafes ge⸗ trieben, von Personen, denen sie begegnet seien. Daß Träume Schäume sind, hat der primitive Mensch noch nicht erkannt; für ihn sind sie Wirklichkeit. Es muß daher etwas in dem Menschen wohnen, das all die Lebensäußerungen erst her- vorruft und das den Körper verlassen und draußen herum streifen kann: das ist die Seele. Die Seele ist also nichts Wirkliches, sondern nur eines der ältesten Resultate mensch— licher Spekulation.
Mit der Logik, die die kindliche Entwicklungsstufe heute noch auszeichnet, schloß der Wilde weiter: Wenn dieses un⸗ sichtbare Ding von Seele im Traum den eigenen Körper ver⸗ lassen kann, kann es gelegentlich auch in einen anderen hin- einfahren: Ekstase,„Begeisterung“, Fieber, Krankheit, Be sessenheit sind die Folgen. Oder die Seele kann draußen in der Natur, in einem Baum, einem Berg, einem Stein zeit- weise oder dauernd Wohnung nehmen. Und die Seelen der Verstorbenen, die ja noch lange den Hinterbliebenen im Traum erscheinen, vermögen weiter zu wirken, zu nützen oder zu schaden. Alle derartigen Ueberlegungen sind natürlich je nach dem Wohngebiet und den Lebensverhältnissen verschie— den angestellt worden, haben zu verschiedenen Resultaten ge⸗ führt, und das Chaos von Aberglauben und Unsinnigkeiten gezeitigt, das die animistischen Religionsformen dem ober— flächlichen Beschauer bieten.
Konnten die unsichtbaren Gespensterseelen in das Da⸗ sein der Lebenden eingreifen, so mußte das Bestreben darauf hinauslaufen, sich vor ihnen zu schützen oder— auf einer bereits höheren Entwicklungsstufe— sich ihren Einfluß zu⸗ nutze machen. Darauf gehen die innerhalb der ganzen Mensch— heit verbreiteten Totengebräuche zurück; ferner der Glaube an eine Seelenwanderung, daran anschließend die Ver— ehrung von Tieren. Die ersten Anfänge der Medizin, Kanni⸗ balismus und Fetischglaube, die alle in Resten das heutige religiöse Denken durchsetzen, finden durch den Seelenglauben und den Seelenkult ihre natürliche Erklärung.
Selbst innerhalb der urtümlichsten gesellschaftlichen Ver⸗ bände bildeten sich frühzeitig Rangunterschiede heraus. Der Stärkere schwang sich über die Schwächeren empor; und diese Aussonderung machte mit der weiteren Entwicklung, vor allem, als an Stelle des körperlich Stärkeren der wirtschaft⸗ lich Stärkere trat, immer größere Fortschritte. Diese Unter— schiede fanden auch in der Geisterwelt ihren Ausdruck. Wie man sich im Leben am meisten vor dem Häuptling gefürchtet hatte, so genoß auch nach seinem Tode sein Geist größere Ver— ehrung; die Seelen der großen Masse dagegen gingen sang— und klanglos unter. Die Pyramiden der Aegypter, die Hünengräber und die Denkmäler der Gegenwart sind sprechende Zeugnisse dieser Ahnenverehrung.
Jeder Fortschritt in der Erkenntnis der Umwelt, jede technische Errungenschaft, jede wirtschaftliche und soziale Neuerung fand so ihren Niederschlag in religiösen Anschau⸗ ungen und Zeremonien. Die Entdeckung und Bereitung des Feuers, die Verbesserung der primitiven Werkzeugformen, die Einführung des Privateigentums, der Zeugungsakt usw. Solange aber die Wirtschaftsweise im Wesentlichen der des Urzustandes glich, solange der Mensch als Jäger und Samm— ler seinen Lebensunterhalt gewann, stand im Mittelpunkt seines religiösen Denkens die animistische Vorstellung. Erst als er zum regelmäßigen Ackerbau und zu planmäßiger Vieh⸗ zucht überging, änderte sich das Bild. Von nun an lebte er viel mehr als vordem innerhalb größerer Verbände. War früher sein Dasein mehr an Zufälligkeiten gebunden, so wurde er nun mehr und mehr von ganz bestimmten Naturgewalten, später von gesellschaftlich-wirtschaftlichen Faktoren abhängig Sonne, Regen und Wind, Fluß und Meer, Himmel und Erd— be den griffen unmittelbarer in sein Dasein ein und zwangen sein Denken in bestimmte Richtung. Das eigentliche Wesen der Naturkräfte und ihre Zusammenhänge zu erfassen, dazu reichten natürlich die Erfahrungen noch nicht aus. Man mußte hinter ihnen übernatürliche, übermächtige Geister sehen, die man in einzelnen Göttergestalten personifizierte. Die so
entstehende Stufe religiöser Entwicklung bezeichnet man als Polytheismus, d. h. Vielgötterei, wie wir sie z. B. von den Aegyptern, Griechen, Römern und Germanen kennen. Natürlich löste sie die animistischen Vorstellungen nicht einn fach ab. Die Naturgötter tragen häufig noch die Züge der 5 Ahnengeister, aus denen sie entwicklungsgeschichtlich hervor- gegangen sind, und als Aberglauben erhielt sich der uralte. Animismus ruhig weiter. Auch erscheint der Polytheismus sehr verschiedenartig ausgebildet, je nach den geographischen Vorbedingungen und dem Stand der wirtschaftlichen Ent⸗ wicklung.
Der Glaube an einen Gott, der Monotheismus, konnte in der Hauptsache auf zwei Wegen entstehen, auf mehr g politischem und mehr philosophischem. Schon der Animismus 5 zeigt auf einer vorgeschrittenen Stufe verschiedene Rangklassen von Ahnengeistern; und der Ahnengeist des Häuptlings inner⸗ halb eines Stammes überragte alle anderen. Wenn ein Stamm 2 nun einen anderen besiegte, so unterlagen damit auch dessen geisterhafte Beschützer, sie wurden Götter minderen Ranges. So konnte eine Art„natürlicher Auslese“ sozusagen zu der Emporzüchtung einer überragenden Gottheit, die aber nicht 23 die einzige zu sein brauchte, führen. Der jüdische Monotheis- mus entwickelte sich auf diesem Wege, und die einzelnen Phasen seiner Entwicklung sind noch ganz deutlich im Alten Testa⸗ ment sichtbar. Andererseits konnte aber auch die fortschrei⸗ tende Erkenntnis der Natur und der wirtschaftlichen Kräfte zu einer Ausmerzung überflüssiger Göttergestalten führen, bis man schließlich hinter allem Wirken und Werden in der Natur nur noch eine, auf der damaligen Stufe der Entwick- lung allerdings unerklärbare Kraft, den einen Gott sah. Zu dieser Vorstellung waren z. B. die ägyptischen, babylonischen, persischen Priester und die griechischen Philosophen gelangt.
Auch die Kultur der bäuerlichen Wirtschaftsweise ging ihrem Zerfall entgegen, und dieser Zerfall mußte notwendig die religiösen Anschauungen in Mitleidenschaft ziehen. Den Höhepunkt der agrarischen Entwicklung im Altertum bezeich- nen etwa die Zustände im alten Rom. Ueberall nationale Entrechtung und wirtschaftliche Verelendung der Massen; der Einzelne nicht mehr unmittelbar abhängig vom Natur ⸗ geschehen; unerkannte, unkontrollierbare wirtschaftliche und gesellschaftliche Mächte spielen Fangball mit ihm. Charakte⸗ ristisch für alle Agrarstaaten auf dieser Stufe der Entwick⸗ lung ist das allgemeine Erlösungsbedürfnis. Na- türliche Mittel versagen, und die Religion muß wieder Helfer in der Not spielen. So entstand z. B. in Indien der Buddhis⸗ mus anstelle der Götterreligion des Brahmanentums— und auf diese Quelle endlich ist das Christentum zurückzuführen.
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Der zweihundertjährige Todestag Denis Papins. In diesem Jahre sind zwei Jahrhunderte seit dem Tode des Mannes verflossen, der als erster die Kraft des Dampfes zu einer Arbeitsleistung benutzte, den wir daher als den Erfinder der ersten, allerdings sehr primitiven Dampf⸗ maschine ansprechen können. Leider wissen wir weder Ort noch Datum genau, an dem Denis Papin sein unruhvolles und von Mißgeschick verfolgtes Leben beendete. Papin war im Jahre 1647 in Frankreich geboren worden. Er studierte zunächst Medizin, wandte sich dann aber der Mathematik und Mechanik zu und ging 1675 nach London, wo er mit Robert Boyle, dem berühmten Gründer der Königlichen Gesellschaft, in Beziehung trat, der ihn in diese Gesellschaft einführte. Eine Frucht seiner damaligen Studien war die Erfindung des„Digesteur“, des Dampftopfes, der ja heute noch in Gebrauch ist und der das Garkochen der Speisen in weit kürzerer Zeit als in einem gewöhnlichen Topfe gestattet. Papin brachte an diesem Topfe ein Sicherheitsventil an, das bei über⸗ großer Spannung ein Entweichen des Dampfes gestattet und so eine Explosion verhindert und das die erste Etappe der Arbeiten Papins über die Dampfmaschine bedeutet. 555 Nach einem zweijährigen Aufenthalt in Italien wiederum nach 5 England zurückgekehrt, trat Papin für ein Monatsgehalt von 50 Mark in den Dienst der Königl. Gesellschaft und arbeitete nun an der Herstellung einer pneumatischen Pumpe, die auf demselben Prinzip aufgebaut war, wie unsere heutigen Rohrposten,


