Wissen ist mach
Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung
Nummer 20
Dienstag, den 19. smai 1914
3. Jahrgang
Die Entwicklung des religiösen Denkens. Von Gg. Engelbert Graf.
Unter den Kulturelementen der Menschheit nimmt die Religion von jeher eine der hervorragendsten Stellungen ein. Soweit wir den Entwicklungsgang der Menschheit zu— rückverfolgen können, hat es immer und allerorts religiöses Denken und Religionen gegeben. Es ist daher erklärlich, wenn man noch häufig der Ansicht begegnet, der Mensch werde schon mit der Anlage zur Religion geboren, sie sei gleichsam ein göttliches Erbteil, eine Offenbarung. Von diesem Standpunkt aus muß jede Religion sich selbst als die einzig wahre, einzig geoffenbarte und alle übrigen für Teufelswerk oder für krankhafte Verirrungen des menschlichen Geistes halten: jede Religion ist in ihrem Wesen intolerant. Im geraden Gegensatz dazu steht die Anschauung, die seit der Zeit der sogen.„Aufklärung“ noch in manchen Köpfen spukt: alle Religion sei nur das Produkt herrsch- und gewinnsüch— tiger Priester. Die vergleichende Religionswissenschaft hat mit beiden Ansichten aufgeräumt: die vorurteilslose Forschung gewährt uns heute tiefere Einblicke in das Wesen und die Entwicklung der Religion.
Um zur Wahrheit zu gelangen, müssen wir bei allen Religionen von den vielen Aeußerlichkeiten absehen, die den eigentlichen Kern verhüllen; wir dürfen uns aber bei unseren Untersuchungen nicht auf eine, etwa nur auf die christliche Religion, beschränken, wir müssen den Kreis weiter ziehen. Jede wissenschaftliche Forschung ist vergleichende Forschung. Und Religionsgeschichte ist erst möglich geworden durch die vergleichende Religionswissenschaft.
Untersuchen wir ein einzelnes Volk auf seine derzeitigen religiösen Anschauungen, so bieten diese durchaus kein ein— heitliches Bild. Innerhalb des Christentums finden sich viele Reste einer älteren Religion, und heidnische Gebräuche und Sitten haben sich über Jahrtausende hinweg erhalten. Unter dem Glauben sieht der Aberglaube hervor, und auch in ihm erkennen wir eine ganze Anzahl verschieden alter Schichten. Dieses Ueberbleibsel längst verklungener Zeiten sind, so lächerlich sie bisweilen erscheinen mögen, für die Wissenschaft von größter Bedeutung: die Volkskunde, die derartige Ueber— lebsel sammelt, sichtet und deutet, gehört heute zu den wich— tigsten Zweigen der Kulturgeschichte. Verschiedenen Stufen des religiösen Denkens begegnen wir aber auch bei niedrig stehenden Völkern. Völker, deren Technik und deren wirt— schaftliches Leben auf primitiver Stufe stehen geblieben ist, zeigen die primitivsten Formen der Religion. Und parallel der technisch⸗wirtschaftlich⸗sozialen Entwicklung verläuft auch die Entwicklung der Religion: die Völkerkunde— Ethnologie— liefert mit das Hauptmaterial für die ver— gleichende Religionswissenschaft. Und wenn wir auch nicht hoffen dürfen, daß vorgeschichtliche Funde uns je den Werde— gang der Religion lückenlos demonstrieren werden, so hat die Prähistorik(Vorgeschichte) doch auch schon wertvolles durchweg bestätigendes Material für die Religionsgeschichte geliefert.
Auf Grund der Ergebnisse dieser Wissenschaften müssen wir uns zunächst über das Wesen der Religiom über⸗ haupt klar werden. Alles Nebensächliche— Moral, Kult, Priestertum— muß dabei selbstverständlich von vornherein
ausscheiden; eine Definition muß das allen Religionen
Gemeinsame umfassen; nur so können wir zum Ursprung der
Religion vordringen. Dabei machen wir sofort die Beobach-
tung, daß der Glaube an Gott und Götter nicht in allen Religionen vorhanden ist, ebensowenig wir Vorstellungen von Weltentstehung und Weltzusammenhang. Darin kann also das Wesentliche religiöser Vorstellungen nicht liegen. Bei Berücksichtigung aller Religionen gelangen wir vielmehr zu folgendem Ergebnis:
Religion ist das Gefühl— auf höheren Kulturstufen das Bewußtsein— von Dingen, Personen oder Zuständen abhängig zu sein, die in das persönliche oder wirtschaftliche Leben des Menschen eingreifen, die der Mensch auf der be— treffenden Kulturstufe mit den Sinnen in der Regel nicht erfassen, jedenfalls aber weder auf natürliche Weise erklären, noch wenden kann.
Ihre Richtigkeit erweist diese Definition dadurch, daß sie auf alle Religionen anwendbar ist und das Wesentliche aller Religionen umfaßt. Wir müssen nach ihr also die Religion in dem kulturellen Entwicklungsgange der Mensch⸗ heit als eine Waffe im Kampfe ums Dasein auffassen! Wie jeder Aberglaube einmal Glaube war, so gab es für jede Re— ligion eine Zeit und eine Gegend, wo sie kulturell berechtigt und notwendig war. Erst wenn die wirtschaftlichen Verhält— nisse, aus denen heraus sie erwuchs, sich änderten, änderte sich auch das religiöse Denken, nahm eine andere Richtung oder verlor sich allmählich, um allerdings noch sehr lange rudimen— tär sich im Aberglauben oder in unverstandenen Sitten und Gebräuchen zu erhalten.—
Wenn man bisweilen noch in Reiseberichten von reli— gionslosen Völkern liest, so ist dies falsch und beruht auf mangelhafter Beobachtung. Selbst die niedrigststehenden Völker sind religiöser Vorstellungen keineswegs bar; ihr Leben wird sogar mehr davon beherrscht als das unsrige. Den unmittelbaren Anfang religiösen Denkens können wir aber auch bei den primitivsten Völkern nicht beobachten; denn auch sie haben ja schon eine sehr lange Kulturentwicklung hinter sich. Nur die nach unserer Kenntnis primitivsten Re- ligionsvorstellungen können wir bei ihnen untersuchen. Die Religion des niedrig stehenden„Wilden“ ist im wesentlichen eine Gespensterreligion; sie knüpft an die Geister der Ver— storbenen und an überall vorhanden gedachte, unsichtbare Dämonen an. Seelenglaube und Seelenkult sind auch aus den religiösen Vorstellungen der Kulturvölker noch nicht ge · schwunden, und das hohe, urzeitliche Alter dieser Religions— form, die in der Wissenschaft den Namen Animismus führt, erhellt aus zahlreichen prähistorischen Ueberresten.
Der Animismus ist eine Ausgeburt der primitiv— sten Stufe wirtschaftlicher Entwicklung; er ist der Anschau— ungswelt der Jäger- und Sammelvölker entsprungen. Inner- halb der kleinen Lebensgemeinschaften, der Horden, in denen sich das Dasein solcher Völker abspielt, regen naturgemäß die— jenigen Erscheinungen am allerersten zum Nachdenken an, die in das persönliche Leben und in den Fortbestand der Horde am tiefsten eingreifen; das sind Krankheit und Tod. Jeder Todesfall vermindert die Zahl der jagdkräftigen Individuen, jede schwere Krankheit war ein Hindernis für die Horde. Daß der Tod eine allgemeine, unabänderliche Erscheinung sei, dafür fehlt dem Menschen auf der Urstufe der Entwick⸗ lung noch das Verständnis und die Erfahrung. Wenn er den eben noch lebensfrischen Genossen im Kampfe tot hin ⸗ sinken sah, warum bewegte er sich nicht mehr, warum ant⸗ wortete er nicht mehr auf einen Anruf? In dem geringen Erfahrungsschatz des Wilden gaben andere Beobachtungen


