Ausgabe 
1-30 (12.5.1914)
 
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Durch solche Manöver Wird zweierlei erreicht. Erstens wird derWert des Bodens künstlich auf eine schwindel⸗ erregende Höhe getrieben. Ist das Haus später fertig ge baut und wird nun zum Zweck der Vermietung erworben, so ist es von vornherein derart überlastet, daß ganz exorbitante Mieten nötig werden. Daher die teueren und immer noch steigenden Mietpreise in allen wachsenden Kommunen. Muß man doch in Berlin auf dem Terrain des ehemaligen Tempel hofer Feldes heutzutage für Wohnungen von 3 Zimmern nicht weniger als 1200 Mk. pro Jahr zahlen! Zweitens aber müssen sich die Handwerkex und Lieferanten, die ja den Rummel kennen und genau vorher wissen, daß sie von dem ihnen zustehenden Gelde einen großen Teil nicht kriegen, auf irgend eine Weise schadlos halten. Das tun sie durch schlechte Arbeit und schlechtes Material. Gesamtresultat: der Mieter muß für unheimlich teures Geld in minderwertigen Woh nungen hausen.

Ist man sich über die Wurzel des Uebels klar, so ergibt sich der Weg zur Abhilfe von selbst. Es heißt Beseitigung der Terrainspekulation, Herrichtung des baureifen Geländes durch die Kommunen selbst.

Juternationale Ausstellung sür Buchgewerbe und Graphik in Leipzig. I

In unmittelbarer Nähe des Völkerschlachtdenkmals, des hoch⸗ ragenden Mahnzeichens an das völkermordende Ringen in denFrei⸗ heitskriegen, spielt sich in diesem Jahre ein brüderlicher Wettkampf unter den Völkern ab. Die Walstatt bildet die Weltausstellung für das Duchgewerbe, deren Eröffnung am 6. Mai erfolgt ist. Ihre Dauer ist auf sechs Monate berechnet. Der schwarze Greif aus dem Buchdruckerwappen, auf dem der Zeitgeist mit lodernder Fackel durch die Lüfte fliegt, ist das Symbol dieser Ausstellung, die kurzweg mehr praktisch als schönBugra genannt wird. An Flakatsäulen, in Lokalen, in Zeitungen und Eisenbahnzügen überall begegnet man den Ankündigungen der buchgewerblichen Völkerschau.

Der Gedanke einer Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik in Leipzig, der Bücherstadt Deutschlands, ist nicht neu. Be⸗ reits im Jahre 1882 war eine derartige Ausstellung geplant, sie mußte jedoch ungünstiger Zeitverhältnisse wegen verschoben werden. Dann tauchte das Projekt in den Verhandlungen des Deutschen Buch⸗ gewerbevereins in Leipzig, der berufenen Vertretung der technischen und künstlerischen Interessen des gesamten Buchgewerbes, wieder⸗ holt auf, um erst in diesem Jahre anläßlich des 150jährigen Be⸗ stehens der Königl. Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe seste Gestalt anzunehmen.

Die hohe Aufgabe dieser buchgewerblichen Weltausstellung be⸗ steht darin, die wunderbare Entwicklung des Buchgewerbes und der Graphik, ihre enge Verbindung mit dem Fortschreiten der Kultur, ihre gewaltige Bedeutung für alles, was Aufklärung, Bildung und Wissen heißt, im Zusammenhange einmal aufzurollen und gleichsam in einem großen lebendigen Bilde dem Beschauer vorzuführen. So entstand eine Spezialausstellung von weltumspannender Bedeutung, deren volkswirtschaftlicher Wert nicht minder bedeutungsvoll ist, weil ja alle Zweige kultureller Tätigkeit mit Buchgewerbe und Graphik eng zusammenhängen.

Der im Jahre 1911 aufgestellte Voranschlag von 1 Millionen Mark wurde bereits im folgenden Jahre auf 3% Millionen Mark er- höht, um im Jahre 1913 auf 6% Millionen Mark anzuwachsen. Heute rechnet man schon mit einem voraussichtlichen Ergebnis von mindestens 7 Millionen Mark. Je näher der Zeitpunkt der inter⸗ nationalen Buchgewerbeausstellung heranrückte, desto mehr wurde im Ju⸗ und Auslande ihre kulturelle Bedeutung erkannt. Sie ist eine von den wenigen Ausstellungen, die trotz des riesigen Geländes von 400 000 Quadratmetern mit Raumschwierigkeiten zur Unter⸗ bringung der vielen Ausstellungsgüter zu rechnen hatte. 320 000 Quadratmeter dienen zu Ausstellungszwecken, während der bei solch gewaltigem Unternehmen nun einmal unentbehrliche Vergnügungs⸗ vark 80 000 Quadratmeter beansprucht. Von der bebauten Fläche entfallen 65000 Quadratmeter auf offizielle Bauten der Ausstel⸗ lungsleitung, 15000 Quadratmeter auf Privatbauten und Sonder⸗ pavillons(ohne den Vergnügungspark und ohne die Sonderausstel⸗ lungDer Student, die allein etwa 20000 Quadratmeter Fläche beanspruchte).

Nach dem Einteilungsplan umfaßt die Ausstellung folgende 16 Gruppen: Freie Graphik Ange die Graphik Buchgewerb⸗ licher Unterricht Papiererzeugung Papierverarbeitung und Schreibwesen Farbenerzeugung Photographie Reproduk⸗ tionstechnik Schriftschneiderei, S ftgießerei und verwandte Gewerbe, Stereotypie, Galvanop k Druckverfahren Vuch⸗ binderei Verlags-, Sortimen und Kommissionsbuchhandel Zeitungs⸗ und Nachrichtenwesen, Bekanntmachungs⸗ und Werbe⸗ mittel, Bibliothekswesen, Bibliographie, Bibliophilie und Sammel⸗ wesen Maschinen, Apparate, Materialien und Gerätschaften für die gesamte Druckindustrie Schutz und Wohlfahrtseinrichtungen

Auf dieser umfassenden Grundlage, die für den Lalen etwas

schier Erdrückendes an sich hat, wurde dle buchgewerbliche Weltaus⸗ stellung errichtet. Es liegt in der Natur der Sache, daß die Fach genossen im In⸗ und Auslande die fachgewerbliche Bedeutung der Ausstellung früher erkaunten, als die breite Oeffentlichkeit. Darauf ist das große Interesse zurückzuführen, das in buchgewerblichen Kreisen von vornherein für das Unternehmen an den Tag gelegt wurde. Von graphischen Vereinigungen des In- und Auslandes sind 1 600 Reisesparkassen zum Besuch derBugra angelegt worden.

Ueber den Rahmen einer bloßen Fachausstellung ist die Inter⸗ nationale Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik indes hinaus- gewachsen zu der Bedeutung eines Dokuments der geistigen Kultur aller Völker. Der hervorstechendste Charakterzug der ganzen Aus⸗ stellung liegt in ihrer Interngtionalität. Von den betelligten 13 fremden Staaten stellen 6 in eigenen Gebäuden aus und zwar Oester⸗ reich, Frankreich, Italien, Rußland, England und Japau. Im Kol⸗ lektivpavillon des Auslandes vereinigen sich die Schweiz, Spanien, Portugal, Niederlande, Schweden, Dänemark und Belgien. Die reichen Schätze der Türkei haben mit denen aus Siam, Korea und dem gesamten Orient in derHalle der Kultur Platz gefunden.

Ein so großzligig angelegtes Unternehmen, das an Belehrung und Aufklärung Außerordentliches verspricht, verdient die lebendige Anteilnahme der breitesten Volksschichten. Man findet hier keine jahrmarktmäßige Aufstapelung aller möglichen Ausstellungsgegen⸗ stände vor, sondern einen sorgfältig durchdachten lebendigen Organis⸗ mus, der Beschauer und Geschautes in möglichst enge Verbindung zu bringen bestrebt ist. Gerade im Buchgewerbe hat die technische Ent. wicklung in allen Zweigen Formen angenommen, die Bewunderung erregen müssen. Der Ausstellungsbesucher sieht den technischen Werde⸗ gang eines Buches von der ersten Manuskriptzeile bis zum gebun⸗ denen Buch, er verfolgt die Herstellung des Papiers von der Lumpe an bis zum fertigen Produkt und anderes mehr. Alle buchtechnischen Vorgänge werden ihm an betriebsfähigen Maschinen oder Modellen praktisch vorgeführt. Außerdem ist für jede Abteilung eine Be⸗ lehrung über den historischen Entwicklungsgang vorgesehen.

Darüber hinaus soll es eine wichtige Aufgabe der Ausstellung sein, das erziehliche Problem besonders zu berücksichtigen. Diesem Zwecke dienen zahlreiche Sonderansstellungen wie:Schule und Buchgewerbe,Die Frau im Buchgewerbe,Der Student,Der Kaufmann,Die internationale Ausstellung für das kaufmännische Bildungswesen,Deutsche Geisteskultur und Deutschtum im Aus⸗ lande,Deutschland im Bild. a

Der Haupteingang zur buchgewerblichen Weltausstellung liegt an derStraße des 18. Oktober. Ein süberaus wirkungsvolles architektonisches Bild bietet sich sofort dem Besucher dar. Gewaltige Hallen mit grünen und roten Dächern reihen sich an zierliche Pa⸗ villons mit hochgewölbten Kuppeln, mächtige Brückenbogen überspan⸗ nen den Bahneinschnitt der Linie Leipzig Hof, die den oberen vom tiefer gelegenen Teil der Ausstellung trennt, und eine breite Frei⸗ treppe schlägt elegant und leicht die Verbindung zwischen den beiden Gebäudeteilen. Im Hintergrunde ragt das Völkerschlachtdenkmal auf. Prächtige gärtnerische Anlagen mit spielenden Wasserkünsten verstärken den Gesamteindruck noch wesentlich. 5

Zwei Hauptstraßen durchqueren die Ausstellung, diejenige des 18. Oktober und dieStraße der Nationen. Am Eingange der ersteren befinden sich drei große Kongreßsäle, die ungezählten Tagungen und Kongressen aller Art würdige Versammlungsräume bieten. DieLadenstraße entlang mit Verkaufspavillons führt der Weg an der Sonderausstellung für Kinematographie vorbei mit einem 600 Personen fassenden Lichtspiel⸗-Theater. Gegenüber dem Hauptrestauraut liegt dieHalle des deutschen Buchgewerbes. Diese von einem sogenannten Rosenhof umschlossene Riesenhalle bedeckt eine Grundfläche von 20 000 Quadratmeter, sie ist dazu bestimmt, die gesamte deutsche buchgewerbliche und graphischen Industrie aufzu⸗ nehmen. Der rechte Seitenflügel des Bauwerks wurde dem Druck⸗ gewerbe nebst verwandten Industrien, und der linke dem deutschen Verlagswesen eingeräumt. Im Vorraum der Haupthalle wurde sämtlichen Gewerkschaften des graphischen Gewerbes Gelegenheit ge⸗ boten, ihr Werden und Wirken eindrucksvoll vorzuführen. Im an⸗ grenzenden Zierhof errichtete der Verband der Deutschen Buchdrucker ein Kolossal-Monnment, das den Organisationsgedanken künstlerisch

verkörpert. Im Mittelbau derHalle des deutschen Buchgewerbes befinden sich die GruppenBibliographie und Bibliothekswesen

(wo u. a. auch die Arbeitsbildungsinstitute ihre Tätigkeit zur Hebung der Bildung des arbeitenden Volkes veranschaulichen), sowieBib⸗ liophisie und Graphisches Sammelwesen. Ferner sind hier unter⸗ gebracht die Erzeugnisse deutscher Buchbinderkunst und die Aus⸗ stellungsgegenstände der Reichsdruckerei und des Kaiserlichen Patent⸗ amts.

Drei große Maschinenhallen in Eisenkonstruktion mußten zur Aufnahme der vielen buchgewerblichen Maschinen errichtet werden. Die größte davon umschließt 7000 Quadratmeter und wird haupt⸗ jächlich Druck-, Setz⸗ und Gießmaschinen im vollen Betrieb zeigen. Die beiden anderen Hallen von 5000 und 6000 Quadratmeter Größe nahmen Papierverarbeitungsmaschinen auf, die u. a. in einer dort befindlichen Großbuchbinderei vorgeführt werden.

Einen großen Gebäudekomplet umfaßt das sogenannteIndustrie⸗ viertel, in dem sich dem Ausstellungsbesucher erst nach völliger Fertigstellung ein fesselndes Bild voll Leben und Arbelt bieten wird. Hier wird eine 200 Jahre alte Papiermühle aus Haynsburg bei Zeitz ihre Räder klappern lassen und nach alter Art Bilttenpapiere ver⸗

fertigen, die in historischen Werkstätten sosort bedruckt werden. I m unmittelbaren Anschluß an das Wahrzeichen altväterlicher 333 1

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berstellung wird eine moderne Papierfabrik mit mächtigen Maschin

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