Ausgabe 
1-30 (5.5.1914)
 
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Sabe:Der menschliche Körper, nach Gottes Ebenbild geschaffen, ist ein Wunderwerk, das in allen seinen Teilen die Weisheit und Macht des Schöpfers kündet. Wenn danach überhaupt noch ein Zweifel an der Tendenz des M.-Gladbacher Instituts möglich ist, wird er endgültig zerstreut durch eine Bemerkung, die sich in einem der letzten Jahresberichte des Volksvereins für das katholische Deutschland befindet. Dort heißt es sehr deutlich: Die Bilder und die entsprechenden Vorträge(der Lichtbilderei) sind durchgesehen von Mitgliedern der Zentrale und für die Zwecke des Volksvereins be⸗ rechnet. Die Lichtbilderei hat sich also zur Aufgabe gewählt, den Volksverein oder, was dasselbe bedeutet, das Zentrum bei seiner Arbeit zu unterstützen. Lichtbilderei und Volksverein verknüpfen tatsächlich die engsten Bande. Der Volksverein empfiehlt die Licht⸗ bilderei seinen Mitgliedern, half sie gründen, beherbergte sie zu⸗ nächst in seinen Räumen und stellt noch heute alle ihre Drucksachen in seiner Druckerei her. Dr. August Pieper steht als Generaldirek⸗ ter an der Spitze des Volksvereius, sein Bruder, Dr. Lorenz Pieper, itt Vertreter der Lichtbilderei und Redakteur der von ihr heraus⸗ gegebenen Zeitschrift. Nun hatte man anscheinend die Beobachtung gemacht, daß den vom Volksverein vertriebenen Flugschriften, Pfennigblättern und Volksbriefen doch nicht mehr die alte Ueber⸗ zeugungskraft innewohnt und daß auch schon das Juteresse für die Serien der Lichtbilderei abzuflauen beginnt, und man sah sich nach einer besonders starkenAttraktion um. Unsere Ultramontanen kennen die Volksseele, sie verstehen, daß gerade der unwissende, in der Tretmühle der täglichen Arbeit abgehetzte Mensch nach einer alle Sinne aufpeitschenden Abwechflung verlangt, und so entschieden sie sich für das Kino. Seit ungefähr zwei Jahren verleiht die Lichtbilderei auch Filme, und das Geschäfts geht vorzüglich. Heute besitzt man bereits gegen 1500 Filme und mehrere Wanderkinos; im Saar⸗ gebiet, in Schlesien und Bayern sind Filialen eingerichtet worden.

Unter den Filmen befinden sich verhältnismäßig wenige mit religiösem Inhalt: das Verzeichnis aus dem Jahre 1912 zählt nur dreizehn auf, darunter allein vier, die das Leben Jesu darstellen. Seine Geburt, ebenso seine Kindheit werden in ungefähr 170 Metern gezeigt, seine Wunder und sein Wirken in 225 Metern, und sein Leiden und seinen Tod schildert ein fast doppelt so langer Bilder⸗ streifen. Größer ist die Zahl der militärischen und patriotischen Filme, fast so groß wie die der naturwissenschaftlichen; noch häufiger wird die Länder- und Völkerkunde behandelt. Den Hauptbestand⸗ teil der ganzen Sammlung bilden jedoch die dramatischen Filme, wohl tausend hat man sich zugelegt. Durchaus keinechristlichen Filmdramen, aber doch solche, die den schristlichen Arrangeuren wohl⸗ gefällig sind und sich für ihre Zwecke brauchbar erweisen. Ein rein religiöses Programm würde niemalsziehen, es könnte höchstens auf die ganz Einfältigen Eindruck machen, und auf die nur das erste⸗ mal: auch sie würden bald die Absicht merken. Nur eine Nummer darf einen frommen Inhalt haben, eine andere vielleicht einen patriotischen, alle übrigen müssen Dramen gewöhnlichster Sorte sein. Die sind vor allem das große Lockmittel, das die Massen auf die Beine bringen und in jung und alt erst einmal die Gier nach dem Kino wecken soll. Daneben kann das Filmdrama von unseren Klerikalen recht wohl noch als Erziehungsmittel benützt werden. Denn gewöhnlich unterliegt doch der Bösewicht, und der Tugendhafte wird stets aus der höchsten Not gerettet, wenn er nur vorher sein Leid still ertragen hat: die Handlung trieft von süßlicher Sentimen⸗ talität wie die Gartenlaube-Romane und ist innerlich durch und durch unwahr: der Grafensohn heiratet das arme Fabrikmädchen, der fleißige Handwerker wird ein reicher Wann, der Wucherer schenkt sein Geld der hungernden Witwe usw. Von dem nie ge⸗ störten Schlemmerleben des Ausbeuters, von dem tapferen Kampf des selbstbewußten Arbeiters gegen Unterdrückung um ihre Existenz ist im heutigen Filmdrama nirgends die Rede.

Die Tendenz ihrer neuen Gründung haben die M.⸗Gladbacher durch die Art der Zusammensetzung ihrer Filmsammlung so geschickt wie nur möglich verschleiert, ebenso schlau haben sie auch jeden Zweifel an der Lauterkeit ihrer so plötzlich erwachten Freundschaft fürs Kino schon im Keime zu ersticken versucht. Sie haben sich von vornherein als die edlen Kinoreformer aufgespielt, als die weit⸗ sichtigen Volkserzieher, die ein wundervolles, leider heute wenig beachtetes und falsch angewendetes Anschauungsmittel gerade für die untern Schichten zur allgemeinen Anerkennung bringen wollen. Die seit März 1912 von der Lichtbilderei herausgegebene Zeitschrift Bild und Film tritt in der Tat für eine Reform der Lichtbühne ein; hier werden alle Anwendungsmöglichkeiten des Kinos aufge⸗ zeigt und die Auswllchse des heutigen Kinowesens bekämpft mit recht schönen und eindringlichen Worten. Es ist allerdings bei den Wor⸗ ten geblieben, die Taten stehen im schroffsten Gegensatz zu den seier⸗ lichst proklamierten Grundsätzen. Ein paar Beweise! Der Leiter der Lichtbilderei, Dr. Lorenz Pieper, erklärt in seiner Zeitschrift (II, 5), als er seine Stellung zum Kinodrama darlegt:Zu ver⸗ werfen sind natürlich arundsätzlich die Vergewaltigungen klassischer Dramen durch Umarbeitung für das Kino; seine Filmsammlung zieren heute nochHamlet,Parsifal undDie Braut von Messina. Mehrfach Dat man ganz entrüstet die Geschmacklosigkeit gebrandmarkt, die Großen des Volkes, zu denen alles mit tiefster Verehrung emporblickt, im Kintop vorzuführen; so liest man zum Beispiel bei der Besprechung des Richard Wagner⸗Film.(III, 2): Selbst bei täuschendster Aehnlichkeit wollen wir keinen Wagner,

thoven oder Lenau. den ein Kinoschauspieler mit Perücke und Kostüm mimt. Das überklebt unser Herzensbildnis unkorrigierbar. Man follte meinen, daß jeder fromme Katholik, wenn er nicht ganz beschränkt ist, in der Darstellung desHeilandes durch einen ge⸗ schminkten und gepuderten Schauspieler, der jede Gebärde vor dem

erblicken müßte: schon einem Ungläubigen scheint diese Theate überaus widerwärtig. Das preußische Oberverwaltungsgericht kürzlich erst das polizeiliche Verbot erklärt, weil die Leidenszeit Christi, durch den Film 0 das religiöse Gefühl der Zuschauer in einem Kulturstaat aufs tie verletzen müsse sicherlich auch die Ansicht aller Unbeteiligten. Das religiöse Gefühl der M.⸗Gladbacher ist anders geartet: sie führen mehrere derartige Filme. Iu majorem Dei gloriam!(Zur höheren Che Gottes!) Und wieviel hat man nicht schon gegen die blut⸗ rünstige Kinotragödie und die alberne Kinoposse geschrieben! Doch aus den Programmen der Lichtbilderei hat man solche Schundware immer noch nicht gestrichen. Was für minderwertiges Zeug heute noch verliehen wird, davon geben allein schon die Filmtitel eine Vorstellung. Die letzte Liste empfiehlt u. a.:Nelly, die Tier⸗ bändigerin(950 Meter: der Fabrikant schreibt dazu: Ein Schlager, den man gesehen haben muß: spannend und aufregend gespielt, ver⸗ einigt er in sich alle Nervenkitzel, die gerade bei Tierdramen ver⸗ langt werden);Im Lande des Löwen(612 Meter; hier wird ein eingefangener Löwe auf eine unuschuldige Farmerfamilie losge⸗ lassen):Die schwarze Maske(975 Meter);Um ein Weib(807 Meter);Bumke ist kitzlig(233 Meter);Kulicke ist zu 8 (135 Meter);Piefke heiratet eine Frauenrechtlerin(172 Meter): Mona Lisa mit dem Schnurrbart(193 Meter);Frauchen zieht 1 Meter). Das also ist die Kinoreform, die aus M-Glad⸗ ach komm

Könnten unsere Schwarzen den Kinematographen nur in neu⸗ traler Weise verwenden, sie wären niemals so begeistert für ihn eingetreten, und würden die Filme der Lichtbilderei nicht dazu be⸗ stimmt sein, die Zwecke des Klerus zu fördern, man hätte für sie niemals diese wahrhaft bewundernswerte Reklame inszeniert. In allen möglichen Kinoreformkommissionen sitzen die Vertreter der Lichtbilderet, die Mitarbeiter der ZeitschriftBild und Film weisen immer wieder auf dasmusterhaste Filmverleihinstitut hin, und der Volksverein empfiehlt es nachdrücklichst seinen 800 000 Mit⸗ gliedern. Die katholischen Arbeiterverbände und Vortragsver⸗ einigungen beschäftigen sich auf ihren Tagungen mit der Kinofrage, und in den Resolutionen ergeht an alle angeschlossenen Vereine die Aufforderung, zwecks Einleitung praktischer Reformarbeit mit der Lichtbilderei Fühlung zu nehmen. Die besonders Schwerfälligen und konservativ Veranlagten, die danach immer noch nicht die außerordentliche Bedeutung des Lichtbildtheaters für die klatholische Kirche erkannt haben, sind schließlich durch die großen Autoritäten auf den beiden letzten Katholikentagen überzeugt worden. Wahr⸗ scheinlich haben den stärksten Eindruck die Argumente des Professors Mansbach gemacht, der seinerzeit in Aachen darlegte, daß der wahre, erleuchtete Eifer sich nicht in unfruchtbarer Negation erschöpfe, son⸗ dern mit Hand ans Werk lege, ummoderne Gebiete für die christ⸗ liche Kultur zurückzuerobern. 1

Die Lichtbilderei in M.⸗Gladbach 5 unter den Katholiken Deutschlands mit Filmen agitiert, aber nicht das einzige. Einen Teil der Arbeit haben ihm andre, ähnlich ge⸗ artete Einrichtungen abgenommen, die mit bestimmten Schichten des katholischen Volkes in innigerer Verbindung stehen. So hat der Katholische Frauenbund sich eine eigne Sammlung von Lichtbildern und Filmen angeschafft, und der Verband süddeutscher katholischer Arbeitervereine besitzt in München eine besondere Abteilung, die neben Lichtbilderserien Filme sowohl weltlichen wie geistlichen 95

eines solchen Film für

vorgeführt,

ist das größte Institut, das

halts verleiht. Seit mehr als einem Jahre verfügt auch schon dis Zentralstelle des Bayrisch⸗christlichen Bauernvereins über ei Wanderkino mit eianem Filmmaterial. Es zieht von Dorf zu Dorf und erfreut nachmittags die Schulkinder, abends die Erwachsenen. Natürlich kein Tendenzkino. Von der Probevorführung in Regens⸗ burg wird u. a. berichtet:Hier fesselte das Auge ein trantes Familienbild, dort schaute es das Großstadtelend der Millionenstadt. Die Not der bayrischen Bauern und das Massensterben ihrer Säug linge hat man selbstverständlich nicht am lebenden Bild erläutert. (Dr. Drucker, Neue Zeit.)

Aus unserer Sammelmappe. Die Wirkung des Radiums auf bie Pflanzen. Unsere schnell⸗ lebige Zeit begnügt sich nicht mit der Beobachtung der Naturgesetze, sie will die Pflanze auch zu einer Zeit wachsen lassen, während der sie sonst zu ruhen pflegt. Mittel, um die Pflanzen vorzeitig aus ihrem Winterschlafe zu locken und zugleich zu schnellem Wachstum anzureizen sind zwar schon bekannt und wie beispielsweise die Aetherbehandlung auch vielfach in Gebrauch, in neuester Zeit konnte ihnen jedoch der bekannte Forscher Prof. Molisch ein neues hinzu: fügen: die Radiumbestrahlung. Knospen von winterruhendem N Flieder bestrahlte er mit Gamma- und Betastrahlen, worauf sich schon nach kurzer Zeit schöne und kräftige Blattriebe entwickelten, und noch glänzender war der Erfolg, als Molisch das vom Rad um ausgehende Gas, die Emanation, auf die Zweige einwirken ließ. Wenn auch vorläufig solche Radiumbestrahlungen natürlich noch eine allzu kostspielige Sache darstellen und damit auch praktisch kaum ausführbar sein dürften, so zeigt uns diese Entdeckung doc wieder eine neue geheimnisvolle Eigenschaft des Radiums.

Spiegel sorgfältig einstndiert hat, geradezu eine Gotteslästerung