Ausgabe 
1-30 (5.5.1914)
 
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pder der Kleinbetrieb produktiver sei, möchten wir nur be⸗ tonen, daß die ganz kleinen Betriebe, die ohne fremde Ar beitskräfte auskommen, auch in der Landwirtschaft immer mehr an Bedeutung verlieren. Zugenommen haben bei den bisherigen Zählungen die mittleren Betriebe von 520 Hektar, für die die Leutenot unter Umständen noch drückender ist als für die großen. Die kleinen Betriebe von 25 Hektar haben an Flächenraum zugenommen, an Zahl aber abge⸗ nommen; ein Zeichen, daß sie sich zu Mittelbetrieben auszu⸗ dehnen streben. Es ist eben die gesellschaftliche Arbeit not⸗ wendig, um jene Produktivität zu erreichen, die den Wohl⸗ stand für alle ermöglicht. Daraus folgt, daß die persönliche Freiheit in der alten Form, indem jeder von eigener Arbeit an eigenen Produktionsmitteln lebt, nicht mehr denkbar ist. Wer danach strebt, ist ein Utopist, und zwar ein reaktionärer Utopist; denn Hungersnot und um so schlimmere Knechtschaft wäre die Folge solcher Versuche. Es gilt vielmehr, den neuen Verhältnissen entsprechend, die persönliche Freiheit auf einer neuen Grundlage zu errichten und zu sichern. Diese Grund lage ist der gemeinschaftliche Betrieb mit gemeinsamem Besitz der Produktionsmittel.

Wie schützen wir uns vor Schwindsucht?

Von Dr. Blümel, Halle Ghee Spezialarzt für Lungenkrank⸗ eiten.

Die Tuberkulose der Lunge ist eine übertragbare Krankheit, die in ihrem Verlauf zur Schwindsucht führt. Sie steckt vom Menschen zum Menschen an. Gegenüber dieser Gefahr kommen andere An- steckungsquellen wie Milch, Butter usw. es sei denn für jüngere Kinder viel weniger in Betracht. Die Tuberkulose ist aber auch eine Krankheit, die sich vermeiden läßt. Wenn wir, trotz eines Rückgangs der Tubekulosesterblichkeit von 50 Prozent doch noch soviel Menschen an Tuberkulose erkranken und sterben sehen, so liegt das zum großen Teil daran, daß die Ratschläge für eine Verhütung der Krankheit zu wenig beachtet werden.

Wie schützt sich der Gesunde vor Tuberkulose, der nicht in der un⸗ mittelbaren Nähe oder im eigenen Hause eine Ansteckungsquelle hat? Die kürzeste Antwort ist: Durch Hebung der Widerstandsfähigkeit seines Körpers und Geistes und durch Vermeidung von allem, was dem zuwider läuft. Dahin gehört:

1. Eine gesunde Wohnung. Sie muß trocken, sonnig und groß genug sein. Kleine, feuchte und lichtlose Räume bedingen eine vermehrte Krankheitsbereitschaft. Wer tagsüber sich in seinen Wohnräumen wenig aufhält, wähle das beste und größte Zimmer als Schlafzimmer.

2. Sauberkeit. Die Zimmer sollen seucht aufgewischt und gut abgestäubt werden. Reinigung des Körpers, Reinhaltung der Kleidungsstücke, genügend häufiger Wechsel der Wäsche, Mundpflege durch Benutzung der Zahnbürste und saubere- und Trinkgeschirre sind von großer Wichtigkeit. Zur Sauberkeit gehört auch ein fleißiges Lüften der Zimmer. Eingeschlossene verbrauchte Luft begünstigt die Entwicklung von Krankheiten, vermindert den Appetit usw. Saubere Betten sind nötig, wenn irgend möglich für Jeden ein eigenes.

3. Zweckmäßige Ernährung. Bier und Wein sind keine Nahrungs-, sondern Genuß mittel. Als Nahrungsmittel in größerer Menge genossen, wirken sie sogar schädlich. Ihr Preis steht in keinem Verhältnis zu ihrem Nährwert. Wer also mit seinen Einnahmen haushalten muß, lege kein Geld für Alkoholika an. Milch und Kakao sind wesentlich nützlichere Getränke. Sie dienen gleich⸗ zeitig der Sättigung und Ernährung. Wem Gemüse in manchen Jahreszeiten zu teuer wird, der erinnere sich, daß Reis, gelbe und grüne Erbsen, Linsen und weiße Bohnen einen außerordentlich hohen Nährwert haben im Verhältnis zu dem dafür bezahlten Preis. Fleisch ist ein sehr teures Nahrungsmittel. Wo gespart werden muß, ist sein Verbrauch auch ohne Schaden einzuschränken. Käse ist ein billiger Fleischersatz, ebenso Fische. Kartoffeln sind ein billiges Nahrungsmittel, ebenso Graupen. Gries, Mais Maccaroni und Nudeln. Besonders wertvoll ist das Brot, jedenfalls viel zweck mäßiger als die soviel von Leuten mit gesunden Verdauungsorganen an seiner Stelle genossenen Nährpräparate, wie sie auch heißen mögen, als Sanatogen, Bioson, Biomalz u. a. Der für solche Mittel gezahlte Preis entspricht nicht ihrem Wert für die Ernährung sonst Gesunder, während sie natfirlich bei Kranken nach ärztlicher Verord nung schon angezeigt sein können.

4. Ruhe und Arbeit. Wer tagsüber angestrengt arbeitet, braucht nachts seine 8 Stunden Schlaf; Kinder brauchen entsprechend mehr. Ausgedehnter Wirtshausbesuch, Zechgelage, Tanzereien, ver⸗ kürzen die notwendige Ruhezeit und schwächen den Körper wie jeder unsolide Lebenswandel. Auch das übermäßige Rauchen gehört hier⸗ her. Gesunde Arbeitsräume und ein ruhiges Arbeiten erhalten die Freude an der Arbeit und die Kraft. Ein immer weiterer Ausbau der gesetzlichen Vorschriften nach dieser Richtung ist ja zu erwarten. Leute, deren Gesundheit durch Schädigungen in diesem oder jenem Beruf gefährdet ist, sollen ihn rechtzeitig wechseln.

5. Abhärtung. Darunter ist zu verstehen:

a vaschung des Körpers mit kaltem Wasser, Luftbäder im Zimmer

r im Freien,

Wasserbäder in Schwimmhallen oder in Flüssen. Gewöhnung an Luft(nicht soviel Stubenhocken!). Ausgedehnter Luftgenuß auf Fuß⸗ wanderungen an Sonn⸗ und Feiertagen, beim Turnen, Rudern,

Schlittschuhlaufen und andern körperlichen Uebungen, Schlafen in kühlen Räumen bei geöffneten Fenstern erhöht die Widerstands⸗ fähigkeit des Körpers.

6. Gesunde Kleidung. Sie soll nicht zu dicht und nicht 1 reichlich sein. Ein Unterhemd und ein Unterbeinkleid genügen; flür die Frauen ist ein Unter-Rock, wenn das Beinkleid warm hält, aus⸗ reichend. Männer sollen keinen Gürtel, Frauen kein Korsett tragen und natürlich auch keine Rockbänder. Alle Kleidungsstücke sollen von den Schultern herunter entweder an Trägern, die sich auf dem Rürken kreuzen, oder an Unterleibchen getragen werden.

Die angegebenen Maßnahmen zur Erhaltung der Widerstands⸗

fähigkeit des Körpers gelten in besonderem Maße für die Kinder. Für sie ist Sauberkeit, sind helle, weite Wohnräume, Genuß der Luft, zweckmäßige Ernährung ein Haupterfordernis. Ist die eigene Woh⸗ nung eng, sind bei bescheidenen Verhältnissen für Säuglinge Krippen, für größere Kinder die Bewahranstalten tagsüber, und nachts Schlaf⸗

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pavillons wie sie in der Heilstätte Ludwigsstraße vorhanden

ind in Anspruch zu nehmen. Gefährdete und schwächliche Kinder erreichen durch Kuren an der Nord- und Ostsee, in Solbädern und Ferienkolonien eine Festigung ihrer Gesundheit.

Wie schlitzt sich die Umgebung, vor allem der Angehörigen von Schwindsüchtigen vor Ansteckung?

Die Antwort lautet: am schlechtesten dadurch, daß sie den Kranken fliehen und meiden wie einen Aussätzigen. Arbeitskollegen, die einen Lungenkranken aus Angst vor Ansteckung aus seiner Stellung drängen, tun bitter unrecht. Denn der Kampf gegen die Tuberkulose darf niemals zu einem Kampf gegen die

Tuberkulösen ausarten. Der Schutz vor Austeckung mit Tuberkulose

ist überall dort nicht schwierig, wo der Kranke sauber ist und die äußeren Umstände ginstig sind. Bedrängt man die Kranken, erreicht man nur, daß sie die Krankheitserscheinungen unterdrücken, ihre Tuberkulose verbergen, und so den Gesunden eine Gefahr werden. Wer sich von der Benutzung der Spuckflasche entsetzt, erreicht nur, daß der Kranke in sein Taschentuch oder auf den Boden spuckt.

Was ist denn an der Tuberkulose ansteckend? Die mit dem Hustenstoß verspritzten, bazillenhaltigen Tröpfchen und der Auswurf, wenn er so entleert wird, daß er verstäuben kann. Schon aus all⸗ gemeinen Anstandsrlcksichten hält sich der Hustende die Hand vor den Mund und wendet sein Gesicht ab. Aus demselben Grunde wird er in geschlossenen Räumen nicht auf den Boden spucken. Also eine Gefahr für Mitarbeiter und andere, die nicht gerade mit hustenden Kranken eng zusammen leben, ist nicht vorhanden, wenn sich der Kranke öfter die Hände wäscht und nicht auf den Boden spuckt. Der Schweiß des Kranken, der seinen Dunstkreis anfüllt, die Luft, die er ausatmet, sind ungefährlich und enthalten keine Ansteckungsstoffe.

Eine erhöhte Ansteckungsgesahr bedeutet der Kranke für seine Familie, aber auch die kann sich durchaus schiitzen. Wird der Auswurf nur in ein mit Flüssigkeit gefülltes Gefäß entleert, oder in die täglich zu säubernde Spuckflasche, so bleibt nur noch die Gefahr zu vermeiden, die die mit den Hustenstößen verspritzenden Bazillen ver⸗ ursachen. Um ihrem verderblichen Einfluß zu entgehen, dürfen Ge⸗ sunde nie mit Lungenkranken das Bett teilen. Jeder Tuber: kulöfesollein eigenes Bett haben. Der Fußboden muß in den von ihm benutzten Zimmern sauber gehalten, die Bettwäsche oft gewechselt werden. Da für Kinder, se jünger sie sind, die An⸗ steckungsgefahr um so größer ist, müssen sie aus dem gemeinsamen Schlafzimmer entfernt, ja möglichst auch am Tage fern von dem Kranken gehalten werden. Deshalb ist die beste Vorbeugung zur Verhütung der Ansterkung mit Tuberkulose ein eigenes Zimmer für den Kranken. Tagsüber werden ja größere Kinder durch den Schul⸗ besuch von der Wohnung ferngehalten, kleinere sollen durch aus⸗ giebigen Aufenthalt im Freien, oder wo die nötige Aufsicht fehlt, durch Aufnahme in Krippen und Bewahranstalten vor zu inniger 3 Berührung mit dem kranken Familienmitglied geschützt werden.

Die Kleidung des Kranken ist besonders sauber zu halten, die Wäsche durch sorgfältiges Kochen und Plätten keimfrei zu machen. Eß⸗, Trink- und Waschgeschirr soll der Kranke für sich allein benutzen.

Lungenkranke Mütter dürfen Neugeborene nicht stillen, und eigentlich auch nicht pflegen, denn Säuglinge stecken sich am leichtesten an, und ihre Krankheit ist kaum einer Heilung zugänglich. Ebenso ist es zu verwerfen, wenn lungenkranke Männer oder andere An⸗ gehörige die Kinder besorgen. Viel richtiger und zum Schutze der Familie notwendig ist es, wenn man solche Kranken, die nicht den größten Teil des Tages und die Nacht über von den Kindern ge⸗ trennt gehalten werden können, zu kinderlosen Familien bringt, in Krankenhäuser oder Pflegerheime gibt, oder wenn sie umhergehen können, recht viel außerhalb des Hauses hält. Die Kranken sollen sich vor solchen Maßnahmen nicht sträuben, nicht überflüssig und leichtfertig ihre Familie gefährden, sondern selbst ein Opfer bringen zum Schutze der Ihrigen. Leider bringt nur zu oft mangelnde Rück⸗ sicht des Kranken und salsche Rücksicht der Angehörigen auf die Kranken ganze Familien in Lebensgefahr und zum Aussterben. Außer diefen Vorsichtsmaßnahmen ist nötig, daß für Kinder Milch nur abgekocht gegeben wird, um eine Uebertragung der Rinder⸗ tuberkelbazillen zu verhüten. Für Erwachsene ist die Gefahr, sich mit Rindertuberkulose anzustecken, sehr gering.

Fassen wir also noch einmal kurz zusammen, worauf es bei der Verhütung der Tuberkulose ankommt, so ist es: 1. gesundheits⸗ mäßiges Wohnen und gesundheitliche Lebensführung; 2. Unschädlich⸗

machen des Auswurss; 3. Verhültung des dichten und dauernden Zu.