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Wissen ist nach
Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolks zeitung
mummer 18
Dienstag, den 5. Mai 1914
3. Jahrgang
Liberalismus, Anarchismus, Sozialismus. Von Julian Borchardt.
Fragen der Taktik lassen nicht selten die Tatsache in den Hintergrund treten, die doch zum theoretischen Verständnis des Sozialismus unentbehrlich ist, die Tatsache nämlich, daß der eigentliche und wesentliche Gegensatz, der unserem modernen wirtschaftlichen und politischen Leben zugrunde liegt und aus dem heraus sich die Tatsachen des politischen Kampfes erst richtig erklären, der Gegensatz zwischen Liberalis⸗ mus und Sozialismus ist. Der Liberalismus trat seiner Zeit— in Deutschland vor rund 100 Jahren— auf als Kämpfer gegen die persönliche Gebundenheit in jeder Form. Gewerbefreiheit und Freizügigkeit waren seine Forderung, die Freiheit der Persönlichkeit war sein Ideal. Es ist in der sozialistischen Presse oft genug nachgewiesen worden, daß diese Forderungen und dieses Ideal Hand in Hand gingen mit den wirtschaftlichen Bedürfnissen derjenigen Klasse, deren politische Vertretung der Liberalismus war, nämlich des be— sitzenden Bürgertums. Entgegen den damals herrschenden Zuständen, die die wirtschaftliche Betätigung, wenigstens zum großen Teil, an gewisse Vorrechte der Geburt banden, brauchte die emporstrebende Bourgeoisie die Möglichkeit der freien Betätigkeit für jedermann. Die Sprengung der alten feudalen Fesseln, die Befreiung der Persönlichkeit war des⸗ halb ihre historische Aufgabe. Aber es läßt sich nicht ver⸗ kennen, daß sie damit in der Tat auf ein Ziel hinstrebte, das die Konservativen als„Atomisierung“ oder„Entgliederung“ der Gesellschaft bezeichnen. Die Einzelperson völlig auf sich selbst zu stellen, sie völlig vom Zusammenhang mit anderen loszulösen, ist in der Tat das theoretische Ziel des Liberalis⸗ mus, wie es in der Manchesterlehre vom freien Spiel der Kräfte zum reinsten Ausdruck gekommen ist.
Wir brauchen nun nicht zu wiederholen, daß der von einigen liberalen Idealisten erträumte Zustand der Freiheit für jedermann auf diesem Wege nicht erreicht worden ist. Im Gegenteil, indem für die Besitzenden die persönliche Frei⸗ heit wirklich erstritten wurde, sah sich die Masse der Be⸗ völkerung, das Proletariat, in um so härtere Fesseln ge— schlagen, und wie einst das Bürgertum gegen den Feudal— adel, so muß heute das Proletariat gegen die Bourgeoisie um seine Befreiung kämpfen. Dabei muß es aber, entsprechend den geänderten Verhältnissen, den gerade entgegengesetzten Weg einschlagen, wie das schon der Name Sozialismus deut⸗ lich zeigt. Der Liberalismus will die Entgliederung der Ge— sellschaft,„die Verweisung eines jeden auf sich selbst“(wie es einst der liberale Führer Schulze⸗Delitzsch treffend aus— drückte); der Sozialismus will im geraden Gegensatz hierzu eine neue planmäßige Gliederung. Durch Verweisung auf die eigene Kraft der Einzelpersönlichkeit hat sich das liberale Bürgertum aus den Fesseln des Feudalismus befreit; durch Zusammenschluß, durch Solidarität, durch Organisation will sich das Proletariat aus den Fesseln des Kapitalismus be⸗ freien. Womöglich noch schroffer zeigt sich der feindselige Gegensatz im Ziel. Die liberale Bourgeoisie hat die Staats- form geschaffen, die sie haben wollte und die dem Besitzenden ja wirklich Unabhängigkeit und Lebensgenuß sichert. Eben diese liberale Staatsform muß das Proletariat zu zer⸗ trümmern trachten, um in einer neuen sozialistischen Staats- form auch für diejenigen, die heute besitzlos sind, Freiheit und ein menschenwürdiges Dasein zu schaffen. Es ist also
ganz speziell und direkt der Liberalismus, der von den Sozialisten bekämpft wird, und alles andere ist nur Beiwerk.
Dies wird, wie gesagt, nur allzu oft durch die ver— wickelten Vorkommnisse des politischen Tageskampfes ver⸗ dunkelt, und deshalb ist jede Gelegenheit zu begrüßen, die diesen Zusammenhang in helles Licht rückt. Eie solche Ge⸗ legenheit bieten einige Aufsätze, die der Professor Lujo Brentano gegenwärtig im Berliner Tageblatt über die länd— liche Arbeiterfrage veröffentlicht. Zwar ist die Arbeit noch nicht beendet, aber wo sie hinaus will, ist bereits zu erkennen, zumal man ja auch ohnedies weiß, was die Liberalen zur Lösung der ländlichen Arbeiterfrage zu sagen haben. Nach Herrn Brentano liegt die Ursache der ländlichen Leutenot im Saisoncharakter der Landwirtschaft: im Sommer werden einige Wochen lang sehr viel Arbeiter gebraucht, für die nach⸗ her keine Beschäftigung mehr vorhanden ist; sie sind also im Winter brotlos, wandern deshalb in die Städte ab und sind dann auch für die dringenden Sommerarbeiten nicht mehr zu haben. Aber, fügt Herr Brentano hinzu, dies alles gilt nur,„wo der Grundbesitz größer ist, als daß er mit Hilfe der eigenen Familienangehörigen bewirtschaftet werden kann.“ Das ist ja auch ganz richtig. Eine Bauernfamilie, die keine fremden Arbeitskräfte braucht, wird im Winter nicht brotlos und leidet im Sommer nicht an Arbeitermangel. Anderer- seits konnte auch für den großen Grundbesitz die Leutenot erst nach der Bauernbefreiung akut werden. Früher hatte er in Leibeigenen und Hörigen die nötigen Leute zur Verfügung. „Der ländliche Arbeitermangel ist also die natürliche Folge einerseits eines Grundbesitzes, der größer ist, als daß er mit Hilfe eigener Familienglieder bewirtschaftet werden könnte, andererseits der Freiheit der Arbeiter.“
Soweit ist zur Stunde, da wir dies schreiben, die Arbeit des Herrn Brentano gediehen. Da er als liberaler Mann natürlich nicht einer Beschneidung der persönlichen Freiheit das Wort reden wird, so wird er zweifelos, gleich allen Liberalen, das Heil in der sogen.„inneren Kolonisation“ erblicken, d. h. in der Schaffung von kleineren Besitztümern, die der Bauer mit der eigenen Familie bewirtschaften kann. Die Schaffung eines Standes kleiner, selbständiger Besitzer wird er vermutlich zur Lösung jener Schwierigkeiten vor- schlagen.
Hier nun begegnet sich der Liberalismus auf das deut- lichste mit seinem Sohne, dem Anarchismus. Freilich will der Anarchist viel weiter gehen als der Liberale. Er will die Freiheit wirklich für alle, also insbesondere für die heute geknechteten Proletarier. Aber er will sie auf demselben Wege wie der Liberale, nämlich durch Verweisung des Ein⸗ zelnen auf sich selbst; der Einzelne soll unabhängig von den andern sein Brot und damit seine Freiheit gewinnen. Auch der Anarchist will dem Einzelnen soviel Produktionsmittel geben, daß er, ohne andere auszubeuten und ohne selbst von anderen ausgebeutet zu werden, davon leben kann.
Der Sozialist dagegen hat erkannt, daß auf diesem Wege die Freiheit nicht errungen werden kann. Abgesehen von den realen Mächten des Wirtschaftslebens, d. h. von den großen Kapitalsmächten, die eine solche Selbständigmachung der großen Masse gar nicht dulden können, weil ihnen dann die Arbeiter fehlen würden, die sie für ihre Betriebe— in Industrie wie Landwirtschaft— brauchen, würde auf solchem Wege auch die Produktivität stark sinken. Ohne uns hier in die Frage zu mischen, ob in der Landwirtschaft der Groß⸗


