läßt sich die Entwicklung des geistigen Lebens Shakespeares ahnen. Seine Schaffenszeit umspannt zwei Jahrzehnte, von 1591 bis 1611. Im ersten Jahrzehnt entstehen alle Komödien und die historischen Dramen, im zweiten die Tragödien, aus deren blutigen Abgründen dann am Schlusse, wie als dichterisches Testament, die letzten Märchenspiele empor⸗ tauchen, Cymbeline, Wintermärchen, Sturm: friedvoll, zukunftsleuchtend, Bilder des goldenen Zeitalters. Landet auch Shakespeares Sehnsucht wärmend auf der Insel Utopien, deren Entdecker Thomas Morus ein Menschenalter zuvor das Schafott bestiegen.
Das ist das Shakespeare-Problem, das die heutige Zeit am tiefsten berührt. Ist Shakespeare aus Thomas Morus Geschlecht? Seine Dichtungen in ihrer undurchdringlichen Objektivität verraten das Geheimnis nicht. Wo Shakespeare das niedere Volk darstellt, redet und handelt es entweder mit gesundem Mutterwitz, natürlicher Lebensmoral und findet sich behaglich in seinen Zustand oder es lärmt als Lumpen⸗ gesindel, versoffen, abgerissen, ein Ziel des Gelächters der Satten und Vornehmen. Der trunkene Kesselflicker, den Seine Lordschaft ins Schloß bringen und in seidene Kleider stecken läßt, um sich an dem Lordwahn des Säufers zu ergötzen, hat nichts vom sozialen Ankläger, nicht einmal etwas von sozialer Satire. Aber in den Volksszenen Heinrich VI. zuckt doch etwas wie die Wildheit des Bauernkrieges. Ist dieser Hans Cade wirklich nur der verächtliche Führer eines Pöbel aufstandes, gegen den der Dichter Abscheu erregen will, wenn er ihn gegen den Abgesandten des Königs hetzen läßt?„Und ihr, gemeine Knechte, glaubt ihr ihm? Wollt ihr denn durch aus mit eurem Pardon um den Hals aufgehenkt sein? Ich dachte, ihr wolltet eure Waffen nimmer niederlegen, bis ihr eure alte Freiheit wieder erobert hättet: aber ihr seid alle elende Feiglinge, und habt eine Freude daran, in der Sklaverei des Adels zu leben. So mögen sie euch denn den Rücken mit Lasten zerbrechen, euch die Häuser über dem Kopf wegnehmen, eure Weiber und Töchter vor euren Augen not— züchtigen; was mich betrifft, ich werde für mich allein schon Rat schaffen, und Gottes Fluch möge euch alle treffen“!
g Spricht hier nicht doch unter der Maske der Dichter als sozialistischer Rebell? Das ist die Anklage, die in unseren Tagen Tolstoi gegen Shakespeare erhob, daß er fremd allem sozialen Gefühl gewesen und daß darum seine Kunst Blend- werk und Betäubung der Menschheit ward. Die verschlossenen Lippen des Dichters, der nur durch den Widerstreit der handelnden Personen sich äußert, widersprechen diesem Vor- wurf scheinbar nicht„Dennoch glaubt man die innere Wärme Shakespeares zu fühlen, wenn er im Sturm Gonzalo, den ehrlichen Rat des Königs, Utopien malen läßt, von dem er König sein möchte:
„Ich wirkte im gemeinen Wesen alles
Durchs Gegenteil: denn keiner Art von Handel
Erlaubt' ich, keinen Namen eines Amts;
Gelahrtheit sollte man nicht kennen; Reichtum,
Dienst, Armut gäb's nicht; von Vertrag und Erbschaft
Verzäunung, Landmark, Feld- und Weinbau nichts.
Auch kein Gebrauch von Korn, Wein, Oel, Metall,
Kein Handwerk, alle Männer müßig, alle;
Die Weiber auch, doch völlig rein und schuldlos;
Kein Regiment——
In der gemeinsamen Natur sollt' alles
Frucht bringen ohne Müh' und Schweiß; Verrat, Betrug,
Schwert, Speer, Geschütz, Notwendigkeit der Waffen,
Gäb's nicht bei mir; es schaffte die Natur
Von freien Stücken alle Hüll' und Fülle,
Mein schuldlos Volk zu nähren.
So ungemein wollt' ich regieren, Herr,
Daß es die gold'ne Zeit verdunkeln sollte.“
Hermann Kohen sieht in seiner Aesthetik, dem ersten wissenschaftlichen Unternehmen einer sozialen Kunst⸗ philosophie, die weltgeschichtliche Bedeutung Shakespeares in der Verbindung des Tragischen und Komischen:„Das Bei⸗ spiel Shakespeares bildet den Wendepunkt in den Weltaltern der Aesthetik. Die alte Welt richtete zwei Welten des Schönen auf, die eine als die des Schmerzes und der Klage, die andere Als. die der Freude und der Lachlust. Die neuere Zeit bringt!
Einheit auch in diese beiden ästhetischen Welten.“ So über⸗ windet der Humor alle Erhabenheit tragischer Arbeit. Da⸗ mit aber gliedert sich Shakespeare, wie immer sich die persön⸗ liche Tendenz seines Weltwollens verhüllen mag, als Künstler in die Reihe der Befreier ein. In dem ewigen Leben seiner Dichtungen findet sich die Weltstimmung der leidenden Menschheit unserer Zeit wieder: die Heiterkeit der Daseins⸗ bejahung, die die lastende Tragik des Lebens durch die schaffende Tat überwindet. K. E,
Die Legende von den„senilen“ Völlern.
Ein Beitrag zu dem Problem der Bevölkerungsschwankungen.
Die gewollte Beschränkung der Kinderzahl wird oft als ein Symptom eines sen kl gewordenen Volkes bezeichnet, so bei Frank⸗ reich. Wie bekannt, marschiert Frankreich mit dieser„Ratfonali⸗ sierung des Zeugungstriebes“ an der Spitze der Kulturstaaten, Deutschland folgt in weitem, jedoch geringer werdendem Abstand. Bei unseren westlichen Nachbarn nahm man dieses demographische Phänomen je länger, desto ernster; schließlich wendete man sich an die Republik der Gelehrten, in der Hoffnung, von dieser Seite aus bei der Bekämpfung des„Selbstmords der Nationen“ unterstützt zu werden. Die Republik der französischen Gelehrten quittierte für diese Aufmerksamkeit mit einem ziemlich dicken Buch,„La Question de la Population“, dessen Verfasser der bekannte Finanzwirtschafter M. Leroy⸗ Beaulieu ist. Er, wie seine Kollegen und wie die gesamte öffentliche Meinung huldigen der Ansicht, daß die Bevöl⸗ kerungsabnahme ein Zeichen der Senilität eines Volkes sei; Frank⸗ reich werde allmählich recht alt und damit steril. Die Hoffnung, diesem Altern entgegenzuarbeiten, sei erfreulich, aber mit ihrer Er⸗ füllung sei es ungewiß. Wie man aus den deutschen Besprechungen dieser Arbeit ersehen konnte, hat man bei uns an dieser Ansicht nichts wesentliches auszusetzen. In Anbetracht dieses Umstandes, in Anbetracht der Bedeutung dieses Problems vom„senilen“ Volk und schließlich angesichts der Kraft gewisser Schlagworte, auf die man, mit einem schadenfrohen Seitenblick, des öfteren ganze Weltgeschich⸗ ten, vergangene wie künftige, aufbaut, mag die Kritik des ori⸗ ginellen Mediziners Dr. Otto Effertz an obiger Arbeit auch bei 10 interessieren; sie ist soeben in einer französischen Zeitschrift er⸗
enen.
Um es zum Voraus zu sagen: nach Dr. Effertz gibt es wohl dekadente, aber keine senilen Rassen, resp. Staaten oder Völker: und serner werden die Rassen mit zunehmendem Alter nicht schwächer, sondern kräftiger! Die Erklärung der Sterilität durch die Senilität ist also falsch, da es letztere nicht gibt. Wir entnehmen dem Beweis für diese These nachstehende Hauptpunkte:
Wir sprechen deshalb von dem Altern eines Volkes, weil wir es
mit dem einzelnen Menschen vergleichen, der seine Jugend, sein
Mannesalter und sein Greisenalter hat. Diese Analogie ist grund⸗ falsch, da wir hier das Alter einer Zivilisatton mit dem Alter der Existenz eines Menschen vergleichen; zudem wird der Mensch bei höherer Zivilisation nicht schneller, sondern lang⸗ samer alt, als der Wilde etwa. Will man partout seinen Vergleich haben, dann hinkt der zwischen dem Alter eines Volkes und dem Alter jener Tiergattungen, deren Individuen nie sterben(Fort⸗ pflanzungen durch Teilung), noch am wenigsten. Aber Analogke bleibt Analogie, d. h. nicht beweiskräftig.
Weiter vergleicht M. Leroy⸗Beaulteu die Nation mit der Familie, um alsdann zu behaupten, daß Familien alter Zivill⸗ sation stertl werden; das gute Leben der besseren und die zu starke Entwicklung des Intellektes der stärkeren Hälfte seien an der Un⸗ fruchtbarkeit Schuld. Dr. Otto Effertz stellt dieser Behauptung hin⸗ sichtlich der Frau die große Fruchtbarkeit der weiblichen Angehörigen alter Geschlechter und hinsichtlich der Männer die Zeugungskraft oder Zeugungsfreudigkeit der Lehrer und Pastoren entgegen. Die Frucht⸗ barkeit der Fürstinnen aus dem Hause Habsburg, dlesem Faubourg Saint⸗Germain der ganzen Welt, sst 8 noch der durchschnittlichen Fruchtbarkeit weit überlegen— in letzten Generation gab es Prinzessinnen mit zwei Dutzenden von Kindern. Napoleon wußte, warum er eine Habsburgerin zur Gattin wählte. Nun ist es wohl sicher, daß diesen Frauen am guten Leben nichts 15 Anderer- seits arbeiten Lehrer und Pastoren fast ausschließl intellektuell, was ihrer Zeugungskraft aber nicht t. Von einer Senilität infolge zu hoher Zivilisation kann also nicht die Rede sein: die hoch⸗ 8 Frau, der hochzivilisterte Mann sind eher zeugungskräf⸗ tiger, als zeugungsschwächer.
Das Verschwinden verschiedener Rassen der neuen Welt erklärt man gerne mit einem N Gesetz, das da will, die Rassen mit inferiorer Ziwillsatson denjenigen mit höherer Ziviltsation weichen müssen. Aber wieso unterlag die isation und Rasse der Azteken zum Beispiel der mit niederer Zivillsatlon der Neger? Warum gewinnen die Neger gegenüber den Weißen nume⸗ risch die Oberhand? Bestände dieses Gesetz, so die r ein Anrecht darauf, das Verschwinden aller Zivilisatlonen der
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len vorfanden, die zu jung waren, auf jeden zu I 0 and rb gewolbelen Netesbe. Baden


