Wissen istacht
Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Volkszeitung
iummer 17
Dienstag, den 28. pril 1914
3. Jahrgang
Shakespeare. Getauft am 26. April 1564.
Die Weltschöpfung, die in den Dramen William Shake— speares lebt, ist so mannigfach und unendlich in Gesichten und Gebilden, daß ihr Urheber, gleich dem Gott der Meta— physik, der Himmel und Erde schuf, sich in der Fülle seiner Werke und Erscheinungen verbirgt und in ihr zu einem dunklen Geist und Gefühl allgemeiner und höchster Erhaben— heit zerfließend sich erhebt, ohne daß seine Persönlichkeit im Einzelnen zu schauen und zu fassen ist.
Was hat dieser William Shakespeare erlebt, gefühlt, ge— wollt— Wir wissen es nicht. Die Geschöpfe seiner drama— tischen Phantasie leben 350 Jahre nach seiner Geburt mit uns, sie bevölkern das Reich unserer Gedanken und unserer Erlebnisse. Unser Bewußtsein würde verarmen ohne sie. Aber ihr Urheber entzieht sich uns in Wolken.
Zwar wissen wir, daß seine Kunst nicht aus dem Nichts gezaubert. Er hat Vorgänger, Vorbilder, auch zu ihm heran— ragende Zeitgenossen. Er nahm sorglos die Stoffe, die das vorhandene Schrifttum ihm bot. Auch erkennen wir in seinen Werken das leidenschaftliche Getümmel der Zeit, in der sie entstanden: diese englische Renaissance des Zeitalters der Elisabeth, da die Insel zur Weltherrschaft ansteigt und die Schätze der Erde sich aneignet, eine strotzende Zeit, voll von Kräften, Abenteuekn und Verbrechen, heroisch und lasterhaft, vornehm und roh, sehnsüchtig und ungebändigt, fantastisch ringend um Erkenntnis und Glück, eine verwegene Kultur, die über rechtlosen, mißhandelten, hungernd arbeitenden Massen sich erhebt, aus deren Mutterboden doch wurzelhaft stark in die höfisch-feudale Verfeinerung die ursprünglich dichtende Phantasie des Volkes, wie schwellender Frühlings- saft, ansteigt. Aber von dem Dichter selbst wissen wir nichts, sondern nur von einigen äußerlichen Daseinsdaten eines Schauspielers Shakespeare, der aus elender Verkommenheit hervorging, es zum Mitbesitzer eines Theaters brachte und schließlich einigen Landbesitz sich erworben hat; dessen Taufe am 26. April 1564 ins Kirchenbuch eingetragen und der am 24. April 1616 gestorben ist. 8
Die unermüdliche Shakespeareforschung triumphiert frei⸗ lich, daß es ihr mit der Zeit gelungen, mehr als anderthalb hundert Urkunden der Existenz Shakespeares zu entdecken. Aber sie sind samt und sonders für die Erkenntnis des Dichters bedeutungslos und mehr befremdend als erleuchtend. Wir haben keine Zeile seiner Dichtungen von seiner Hand, keinen Brief von ihm und nur einen einzigen an ihn, und der ist ein Bettelbrief, Seine Unterschrift findet sich ein paarmal, ungelenk, mühsam gemalt, so in seinem Testament. Auch haben wir Gerichtsurkunden, in denen Shakespeare als grimmer Shylok geringfügige Schulden eintreibt. Das ist alles. Auch wie er leiblich ausgesehen, können wir uns nicht vorstellen. Unzweifelhaft echt sind nur zwei bildliche Dar⸗ stellungen, die scheinbar nach der Totenmaske gebildete Büste in der Kirche zu Stratford und das Titelbild der ersten Ge⸗ samtausgabe von 1623. Aber beide Darstellungen lassen den Genius nicht einmal ahnen. Es sind stumpfe, plumpe Züge, fast wie beabsichtigte Karikaturen wirkend.
Aus dieser legendarischen Dunkelheit seines Lebens ent⸗ stand die Legende, daß Shakespeare nur ein Deckname ist und daß einer der großen Würdenträger der Zeit die Maske des armseligen Schauspielers gewählt habe, dieses gänzlich un. gebildeten Trunkenboldes, der schon deshalb seine Werke
nicht geschrieben haben könnte, weil er des Schreibens un— kundig gewesen. War dieser dürftige Gesell fähig, wie ein umfassender Denker alle Weisheit und alles Wissen zu be— herrschen, den tiefsten Gedanken die Sprache des Dichters zu leihen, die Kunst des Staatsmanns zu beherrschen und als ein Feldherr Schlachten zu lenken? Tönte seinen groben Ohren die holdselige Musik der Sphären, empfand er die hohe Liebe seiner Frauengestalten, den Adel der Gesinnung, die skeptische Melancholie des überlegenen Geistes, den Witz des gebildeten Weltmannes? Allenfalls war dieser Schauspieler Shakespeare Modell des Falstaff. Aber ist ein Falstaff im- stande, einen Hamlet zu schaffen? Oder vermag ein Caliban, der eine Miranda in seiner schmutzigen Gier zu vergewaltigen suchte, eine Miranda zu zeugen?
So hielt man Umschau unter den großen Erscheinungen am Hofe der Elisabeth. Der gelehrte Scharssinn haftete vor allem an dem Namen Bacons, des Staatsmanns und Philo⸗
sophen. Auch andere Männer der Aristokratie wurden in neuester Zeit ausersehen, als Verfasser Shakespeares zu kandidieren. Es mögen vier- bis fünfhundert Bände über
diese Frage bisher erschienen sein. Aber alle Versuche, das Rätsel Shakespeares zu lösen, gaben nur neue und noch schwierigere Rätsel auf. Und es gelang nicht, wie sehr das Leben Shakespeares auch ein Mysterium bleibt, die Zeugnisse zu beseitigen, die eben doch erhärten, daß dieser kleine Schau- spieler, dieser Gaukler, der noch zu den unehrlichen Leuten zählte, der Menschheit ihre gewaltigsten Dramen geschenkt hat. Wie nah immer der Gedanke liegt, daß sich hier der religiöse Heilandmythus künstlerisch wiederholen mag, zwei Zeugnisse zum mindesten sind bisher nicht entkräftet: Eia fremdes und ein Selbstbekenntnis. In der Widmung, die Ben Jonson der ersten Gesamtausgabe der Werke voraus— schickte, wird der„süße Schwan vom Avon“, Shakespeare, als der unsterbliche Dichter verherrlicht.
Und wußtest du auch wenig nur Latein,
Noch weniger Griechisch, war doch Größe dein,
Davor sich selbst der donnernde Aeschylos,
Euripides, Sophokles beugen muß.
Dann aber hat Shakespeare selbst das Leid seines Lebens in den Sonetten ausgeströmt, deren autobiographische Be— deutung man erkant hat, seitdem man aufhörte, sie als be— stellte kalte Spiele des Witzes(nach dem Geschmack der Zeit) mißzuverstehen. In diesen Sonetten, in denen er seine leidenschaftliche Liebe zu einem adeligen Freund bekennt, empört er sich gegen seinen sozialen Beruf. Die Verse, die wir in der neuen Umdichtung von Stefan George wieder— geben, sind ein gültiges Zeugnis:
O zeigt auch, meinethalb aufs Glück ergrimmt, Die schuldige Gottheit meiner Leidensfahrt, Die für mein Leben besseres nicht bestimmt Als Volkserwerb, der nachzieht Volkesart.
Daher empfängt mein Name einen Brand,
Daher wird all mein Wesen fast bedräut Durch meine Arbeit— wie des Färbers Hand. Hab Mitleid denn und wünschet mich erneut.
Diese Sonette sind die einzigen Dichtungen Shakespeares, in denen man die Spuren persönlichen Erlebens erkennt. Die Dramen dagegen sind eine Welt für sich, in der ihr Dichter verschwiegen ist. Nur in der Reihenfolge— die Forschung hat heute die Entstehungszeit der Dramen aus inneren und äußeren Gründen nahezu sicher festgestellt—


