Ausgabe 
1-30 (21.4.1914)
 
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Wissen istsnachf

Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung

6

dernen Arbeiterbewegung.

Erfolgsfreude

Nummer 16

Dienstag, den 21. April 1914

3. Jahrgang

Die Notwendigkeit der geistigen Bildung der Arbeiterklasse.

Von Dr. Max Poensgen⸗Alberty.

Um sich die Gebiete und Werte des geistigen Lebens er schließen zu können, dazu gehört zweierlei: die nötige Muße und das nötige Geld. Weil die Herrschenden und Besitzenden beides haben, können sie sich alles Wissenswerte aneignen, alles Künstlerische genießen. Bei ihnen bedarf es nur des Willens, den freilich bei weitem nicht alle haben. Beim Ar beiter aber genügt der bloße Wille nicht. Ihm fehlt die zu jeder Aufnahme wissenschaftlichen Stoffes, zu jedem künst⸗ lerischen Genießen so unerläßliche Muße. Wenn er, meist erst nach überlanger Arbeitszeit, dazu kommt, für seine geistige Ausbildung etwas tun zu können, bringt er nur selten zu den Stätten der Bildung jene gesammelte Stimmung mit, die Vorbedingung zu nutzbringender Aufnahme ist, und deren er um so mehr bedarf, als ihm bei seiner ganz unzulänglichen Vorbildung häufig selbst die elementarsten Voraussetzungen zum Verständnis fehlen.

So könnte es angesichts des gegenwärtigen sozialen und geistigen Stands von vornherein als ein vergebliches Be ginnen erscheinen, dem Arbeiter die großen Gebiete der geisti gen Kultur zu erschließen. Wenn aber trotzdem die Ueber zeugung von der Notwendigkeit der Ausbreitung von Bil dung in den Kreisen der Arbeiterschaft sich von Tag zu Tag mehr verstärkt, wenn seit einigen Jahren die Partei zur Schaffung eigener Bildungsorganisationen gelangt ist, all⸗ überall provinziale und lokale Bildungsausschüsse entstehen, so sind es bittere Notwendigkeiten, die dazu getrieben haben.

Die ersten Jahrzehnte der Arbeiterbewegung mußten sich naturgemäß darauf beschränken, aus dem Arbeiter einen gewerkschaftlichen und politischen Kämpfer zu bilden, ihm das Bewußtsein seiner Klassenlage und damit das Gefühl für die Notwendigkeit solidarischen Zusammenschlusses einzuprägen. Das ist heute bei der großen Mehrzahl des modernen In dustrieproletariats erreicht. Der klassenbewußte Arbeiter fühlt sich stolz als ein Glied der großen Gemeinschaft der mo⸗ Aber daneben soll er nicht ver- gessen, daß er auch ein Individuum, eine Persönlichkeit für sich ist, eine Persönlichkeit mit einem eigenen Innenleben, eigenen materiellen und geistigen Bedürfnissen. Er soll mit einem Wort sich als Kulturwesen, als Mitglied einer großen Kulturgemeinschaft empfinden, von der er unendlich viel empfängt und für die mitzuarbeiten seine Aufgabe ist. Ein Kulturwesen, dieses Namens würdig ist aber nur der, der an den großen Gütern des geistigen Lebens lebendigen An⸗ teil nimmt.

Und wenn wir weiter die heutige, auf dem Prinzip der Arbeitsteilung beruhende Arbeit des modernen Industrie arbeiters in ihrem Einfluß auf das geistige Sein des Ar beiter betrachten, so ergibt sich die erschreckende Tatsache, daß diese Arbeit in ihrem Einerlei, in ihrer mechanischen Art, die dem Arbeiter in vielen Fällen nur eine rein maschinelle Funk tion zuweist, sein geistiges Leben öde und leer ist, daß diese Arbeit in ihrem offenbaren Mangel an jeder Berufs- und keinen ständigen fließenden Quell geistiger Neubelebung bedeutet. Aber es liegt auf der Hand, daß jedes Organ des menschlichen Körpers, dessen Tätigkeit nicht immer wieder in Anspruch genommen wird, notwendig verkümmern muß. Und wenn man diesen nnaufhaltsam fortschreitenden

Prozeß der Entgeistigung und Freudlosmachung der Arbeit sich von Generation zu Generation fortgesetzt denkt, so folgt daraus in der Tat die für unser Volk und unsere Kultur immer bedrohlicher sich erhebende Gefahr einer geistigen Entartung, einer intellektuellen Degeneration. Diese Gefahr mit energischer Gegenwirkung zu beschwören, ist eine dringende Aufgabe. Gewiß und darin liegt ja ein gewal⸗ tiges Kulturverdienst der Arbeiterbewegung haben poli- tische und gewerkschaftliche Schulung der Arbeiterklasse ge rade nach dieser Richtung ungemein segensreich gewirkt, in dem sie dem Arbeiter, der an ihr sich lebensvoll beteiligte, einen über seine Einzelexistenz hinausweisenden Lebens- inhalt gaben, ihm damit eine Kulturarbeit übertrugen, bei der er Freude und Erfolg finden konnte, eine Arbeit, die ein Gegengewicht zur Oede seiner Berufstätigkeit darstellte. Ob das allein aber genügt? Ob nicht eine systematische Schulung seiner geistigen Fähigkeiten, verbunden mit einer Erweite rung seines Gesichtskreises, als notwendige Ergänzung hin⸗ zutreten muß? Diese Frage ist wohl notwendig zu bejahen. Erreicht wird diese Aufgabe einmal durch wissenschaftliche Bildung, bei der natürlich in allererster Linie darauf gesehen werden muß, dem Arbeiter die ihm speziell notwendigen, seinen ganz eigenartigen geistigen Bedürfnissen entsprechen⸗- den Waffen des Wissens zu schmieden. Bei aller Bildungs- arbeit gilt es, stets das Hauptziel im Auge zu behalten, den Arbeiter immer befähigter zu machen, sich seinen Anteil an den materiellen und geistigen Kulturgütern zu erkämpfen. Das ist ja gerade im Hinblick auf die Erfüllung der ihm ge setzten Kulturmission, auf den Emanzipationskampf seiner Klasse so unendlich wertvoll. Denn in diesem Kampfe ent- scheiden nicht allein und nicht in erster Linie die Fäuste, in diesem Kampfe fällt auch die geistige Schulung und die geistige Ueberlegenheit stark in die Wagschale. Neben der wissen⸗ schaftlichen Schulung darf aber auch die künstlerische nicht vernachlässigt werden. Es ist ja schließlich nicht viel mit einer Verkürzung der Arbeitszeit erreicht, wenn nicht wenigstens ein Teil der Mußestunden mit wertvollen Dingen ausgefüllt wird. Die Arbeit verleiht einem jeden Menschen einen ge⸗ wissen Adel, und es muß darauf hingestrebt werden, daß nicht eine tiefe Kluft gähne zwischen dem Adel der Arbeit und der Oede und Seichtheit unserer Mußestunden. Kein Mensch wird harmlose Vergnügungen verpönen wollen. Wir sind keine Philister. Aber ein Teil der für jeden Menschen als Gegengewicht zur Arbeit gewiß notwendigen Zerstreuungen soll in edlen, den Menschen über den Alltag hinausgehenden Vergnügungen gesucht werden, das allein die Kunst zu ver⸗ leihen vermag.

Und weiter: Es wird der Zeitpunkt kommen, wo die Ar beiterschaft vermöge ihrer Macht und ihrer Bedeutung im Produktionsprozeß zum ausschlaggebenden Faktor des öffentlichen Lebens werden wird. Soll dann unsere gesamte Kultur, das in Jahrtausenden angesammelte reiche geistige Erbe der Menschheit nicht Gefahr laufen, so ist es notwendig, daß die Arbeiterschaft bis zum Zeitpunkt der Besitzergreifung der politischen Macht ein tiefes Verständnis gewonnen hat für die Werte des geistigen Lebens. daß sie von der Bedeu⸗ tung der Aufgabe durchdrungen ist, Hüterin und Mehrerin dieses Kulturerbes zu sein, daß sie danach trachten muß, vom Boden ihrer Weltanschauung aus, auf den Ueberlieferungen sicher fußend, zu neuen Inhalten und Formen in wissenschaft. lichen und künstlerischen Werken fortzuschreiten. Wäre sie.