Qaaunss und Proletariat.

2 Von unten herauf muß die Gesellschaft gebaut

4 sein, auf der materiellen Grundlage der Bedürfs⸗ nisse. Erst das Nützliche: Essen, Trinken, Wohnen,

en, Kleidung und Heizung; dann das Wahre:

die Durchdringung des Nützlichen mit menschlicher,

55 sittlicher Lebensanschauung; und zuletzt als Krone

20 das um seiner selbst willen bezweckte Schöne, die

75 Kuppel auf dem Dome der Gesellschaft. Goethe. Der Sozialismus ist und bleibt die tatkräftige Wider⸗ legung jenes frommen Volksbetruges, der mit der geistigen Speise eines vorgeblichen Jenseits den Menschen von seinem Anspruch und Recht auf irdische Sättigung fortlocken will. Aber er wird seiner großen Kulturmission erst dann in vollem Maße gerecht werden, wenn er sich jenen beschränkten Prak⸗ tikern widersetzt, die da meinen, es gelte zunächst alle verfüg baren Kräfte auf die größtmögliche Sicherung der materiellen Existenz zu konzentrieren und sie dabei nicht an die scheinbar

nebensächlichen und vorderhand entbehrlichen Gebiete geistiger

und künstlerischer Kultur zu verlieren: erst auf jener gesicher⸗

ten Basis vermöge und dürfte sich die Blüte der Kunst ent⸗ falten. Dem widerspricht in der Tat jede Erfahrung; denn Bildungs⸗ und Kunstbedürfnis haben sich stets Hand in Hand mit der Gewinnung des materiellen Unterhalts geregt. Nur unter besonders ungünstigen oder abnormen Beding ungen werden sich einzelne entweder in einer wesentlich geisti gen oder in einer rein materiellen Daseinsform befriedigen können; der Mensch als Art vermag das nicht und hat es nie vermocht. 5

Die Arbeiterschaft hat das klar erkannt, indem sie der politischen Einsicht und Proklamierung ihrer sozialen An- sprüche bald die Organisierung ihrer Bildungsbestrebungen folgen ließ. Und wenn auch hier noch manches hinter den imposanten Vorstößen der politischen Machteroberung zurück geblieben sein mag, so läßt sich doch an den erreichten Etappen immerhin der Weg erkennen, auf dem man weiterzuschreiten haben wird, um dem sicheren Fundament wirtschaftlicher Neuordnung die Krönung durch die Kunst aus eigener Kraft anzufügen.

Wie der historische Entwicklungsgang der Kunst vom Schmuck und Zierrat der Gebrauchsgegenstände in die höchste Zivilisation hineinführt, so werden diese Bestrebungen am besten auch an den Dingen unseres Alltags ihren Ausgang nehmen. Hier ist vor allem an den Aufschwung des Kunst gewerbes oder, wie man jetzt sagt, der Gebrauchskunst, zu er⸗ innern, der in einem erkennbaren Zusammenhang mit dem Aufstreben der Massen stehen dürfte. Das Bedürfnis nach Wahrheit, Vereinfachung, Natur ist das geistige Kennzeichen jeder revolutionären Epoche gewesen. Das tiefe Verwandt⸗ schaftsgefühl mit dem ewigen Urquell alles Lebendigen regt sich darin. Es dokumentiert sich im Bunde mit den bürger⸗ lichen Umspälzungen, in England wie in Frankreich, gegen die Verkünstelung und Ueberfeinerung, in der sich die Macht der Höfe und des Feudalismus spiegelte, und ersetzte diese durch jene Einfachheit, Strenge und Sachlichkeit, die dem

Geiste des noch unverbrauchten Bürgertums angemessen waren. Namentlich in der Literatur und in den bildenden

Künsten liegt der Zusammenhang klar zutage. Der letzte

originelle Stil auf diesen Gebieten, der ohne jede historische Ueberlieferung sein enges Verhältnis zur Natur durch den Namen des Naturalismus kundgab, war durch eine außer ordentlich starke Note des sozialen Mitgefühls und Kampf- mutes ausgezeichnet; seine sogenannte Ueberwindung von ute ist in Wahrheit nichts anderes, als eine reaktionäre Modesache, die ratlos auf ältere Stile zurückgreift und in allem nur die instinktlos gewordene Unfruchtbarkeit des immerhin noch den Kunstmarkt beherrschenden Bürgertums dartut. Anderseits mehren sich die Zeichen für eine Wieder aufnahme der naturalistischen Tendenzen in lichtvollern sormen, als sie die Anfänge der Richtung zustande brachten. In der Musik ist seltsamerweise von gleichartigen Stil⸗ srneuerungen noch am wenigsten zu verzeichnen gewesen. Doch gerade so, wie vor anderthalb Jahrhunderten der auf tre se Bürgerstand die verkünstelte italienische Oper, die as rechte Privileg der Höfe war, durch die einfache Schlicht,

8 heit des deutschen Singspiels zu verdrängen wußte, so läßt

sich auch eine Musik erhoffen und denken, die direkt aus dem Geiste des Proletariats erwächst und ihrer Natur nach auf alle gedankliche Beimischung verzichtend und am tiefsten im naiven Gefühl wurzelnd, den schaffenden Rhythmus der Massenbewegung und ihre volle Melodie am unmittelbarsten ertönen lassen würde.

Diese innern Zusammenhänge zwischen moderner Kunst und Proletariat fanden ihren sichtbaren Ausdruck in der praktischen Stellungnahme der Arbeiterschaft zu der zukunft⸗ verheißenden Produktion. Die Volksbühnen, deren Grün⸗ dungszeit nicht zufällig- mit der Jugendzeit des Naturalis⸗ mus zusammenfällt, konnten nicht nur ihren Mitgliedern ge diegene theatralische Darbietungen zu einem Preise zugäng⸗ lich machen, zu denen sie ihnen vom privaten Unternehmer- tum vorenthalten wurden; sie hoben auch selbst manches junge und starke Kunstwerk aus der Taufe, für das der abgestorbene Enthusiasmus der besitzenden Klassen weder Verständnis noch materielle Opfer aufbringen wollte. Die korporativen Eintrittsermäßigungen zu den Kunstausstellungen stehen dem zur Seite, und in der imposanten Organisation des Deutschen Arbeitersängerbundes findet die produktive Be⸗ teiligung der Arbeiterschaft an der Musik ihren schönsten und hoffnungsvollsten Ausblick. Dazu kommen die neuerdings geglückten Versuche der Gewerkschaften, sich auch in der ange wandten Kunst auf eigene Füße zu stellen: die Arbeitermöbel nach Künstlerentwürfen, die Drucksachen für Buch- und Plakatzwecke, und zwar aus eigenen Ideen, nach den besten Grundsätzen des schlichten Geschmackes, der ehrlichen Zweck⸗ mäßigkeit und der kraftvollen Wirkung legen davon Zeug- nis ab.

Mit diesen allen, gewiß anerkenenswerten und ver heißungsvollen Anfängen allein ist es aber ncht getan, wenn man nicht gleichzeitig für eine zielbewußte Läuterung des Geschmacks Sorge zu tragen vermag. Man darf nicht ver⸗ kennen, daß die Massen heute noch, wie vielfach, so auch in Kunstdingen dem kulturfremden, spekulierenden Unterneh⸗ mertum ausgeliefert sind, das sie oft für billiges Geld da es eben die Masse bringt zu platten Verfälschungen und kleinbürgerlicher Verdummung verführen kann: Gefahren, die des Proletariats nicht nur unwürdig, sondern im letzten Grunde seinem ganzen Klasseninteresse direkt schädlich sind. Da ist es denn neben vielen andern Erziehungfaktoren vor allem das Feuilleton der Parteipresse, das hier unermüdlich auf der Wacht zu stehen hat.

Aus eigener Kraft zu schaffen, der eigenen Kraft zu dienen, das muß auch auf künstlerischem Gebiete immer sicherer und klarer das Ziel des Proletariats werden. Dis ersten Schritte sind mit Erfolg getan; es wird ferner für die Praxis darauf ankommen, unter Ausschaltung jeder Unter⸗ nehmerprofits, große literarische Betriebe und Kunstinstitute aller Art der Volksgemeinschaft direkt dienstbar zu machen und ihrer eigentlichen Bestimmung, dem reinen Bildungs und Kunstgenuß, zuzuführen, um so mit den Worten un- seres Mottosdie Kuppel auf dem Dome der Gesellschaft zu errichten.

Eine neue Lösung des Sonneufleckenrätsels. Von Dr. A. Lanick.

Die Sonnenflecken haben den Astronomen schon manches Kopf⸗ zerbrechen bereitet, denn soviel Antworten bisher auch auf die Fragen nach dem woher und weshalb laut geworden sind, eine wirk⸗ liche Erklärung gibt es noch immer nicht. Der Laie hat es in dieser Beziehung leicht, er lernt in der Schule, daß die Sonnenflecken in Perioden von 11 Jahren zunehmen und wieder abnehmen und daß die einzelnen Flecken in etwa 27 Tagen einmal um die Sonne wan⸗ dern, daß demnach die Umdrehungszeit der Sonne gleich 27 Erden⸗ tagen ist. Ihrer Natur nach geben sich die Flecken als Schlacken zu erkennen, die durch die Abkühlung der Sonnenoberfläche gebildet worden sein sollen, sich aber bald wieder in der allgemeinen Glut auflösen, oder sie sind Wolken, die das Licht der Sonne dämpfen und daher als dunklere Flecke erscheinen. Damit hat der Laie ein Bild von den Sonnenflecken, das er ohne weitere Erklärung glaubt. Der Astronom aber, der gezwungen ist, sich näher mit diesen Er⸗ scheinungen zu beschäftigen, kann die Sache nicht so einfach nehmen. Er weiß, daß die Periode von elf Jahren nicht immer eingehalten wird, und daß auch die Umlaufszeit der Flecken um die Sonne ver⸗ schieden ist, also kaum mit der Umdrebhungszeit der Sonne zusam⸗