Ausgabe 
1-30 (14.4.1914)
 
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Wissen istsna

Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung

nummer 15

Samstag, den 11. Npril 19 1%

3. Jahrgang

Werden. 8 Eine Osterbetrachtung. Die Natur predigt uns die ewige Wiederke hr des leichen. Mit jedem Tag und jedem Jahr schließt sie ihren Kreis. Jedes neue Werden, das sie über uns aus schüttet, ist nur die Wiederholung eines uralten Stücks, und stärker als aller Wechsel der Erscheinungsformen überwältigt uns die beharrende Kraft des Naturgesetzes, das alles Schwei⸗ fende in seine Bahn zurückzwingt. Wir selbst stehen inmitten der Natur, ein Stück von ihr, und wissen, daß wir in diesem ewigen Zirkeltanz uns mitbewegen, jahrauf, jahrab, bis uns Vernichtung aus dem Reigen holt und ein anderer Tänzer an unsere Stelle tritt.In menschlichen Dingen, sagte schon der alte Herodot,ist ein Kreislauf: Er geht um und läßt nicht immer dieselben glücklich zurück. In dem Nachsatz des griechischen Denkerworts liegt ein gütiger Trost für die grausame Trivialität seiner allgemeinen Feststellung. Es gibt einen Wechsel alles Menschlichen, Erlebensmöglichkeiten, Hoffnungen! 8 Märchen erzählen uns von Gänsemädchen, die Prinzes sinnen wurden. In der Lokalchronik unserer Zeitungen lesen wir von armen Leuten, die das große Los gewannen und nun mit eigenem Wagen fahren. Im allgemeinen wissen wir aber, daß dem Durchschnittsme nschen nur wenig Hoffnungsblumen am Lebensweg blühen. Von der Straße, auf der er seine Kindheit verbringt, führt ihn der Kreislauf zur Schule, von da zur Werkstatt, dann schleudert er ihn in eine stille Ecke, in der er sterben mag. Millionenfach voll zieht sich im Leben und Sterben der Menschen dasselbe und immer dasselbe, immer wieder dasselbe! In der Trostlosigkeit dieser Menschenschicksale, die sich im Zirkelrund drehen wie der Spaziergang der Zuchthäusler, in dieser Monotonie, der ewigen Wiederkehr des Gleichen liegen die Wurzeln des religiösen Bedürfnisses. Irgend etwas muß es doch geben, das höher liegt als diese flache Bahn, auf der die Menschen einherkeuchen, bis sie am Rande niedersinken und sterben! Einen Weg muß es geben ins Freie hinaus, hinauf zur Höhe! Die Religion hat den An fang dieses Weges an den Ausgang gesetzt. Die Religion war eine Erfindung der armen Leute, die an einen Himmel glauben mußten, weil sie die Hölle kannten. Sie war der Sehnsuchtsschrei der Erlösungsbedürftigen, die Hoffnung der Hoffnungslosen, Licht in der Finsternis und Leitstern auf allen Wegen. In früheren Zeiten hat es nur unter den ReichenGottlose gegeben, denn die Reichen haben die Re ligion benutzt, aber die Armen haben sie gebraucht! Seit etwa anderthalb Jahrhunderten ist jedoch eine un geheure Umwälzung des menschlichen Denkens vor sich ge · gangen. Das war, um es auf eine kurze Formel zu bringen, die Entdeckung der Menschheit und der Gesetze ihrer Entwick lung. Man ward dessen gewahr, daß sich die menschliche Ge⸗ schichte nicht im Kreise bewegt, sondern daß ihre Linie nach aufwärts führt. Das allgemeine Weltgesetz scheint hier durchbrochen zu sein, oder wenigstens: seine Erfüllung ist in so ungeheure Fernen gerückt, daß sie unseren Blicken völlig entschwindet. Die Wunder der Technik, die vom Kapitalis⸗ mus hervorgerufenen der Wirtschaftsordnung wie der poli tischen Machtverhältnisse schufen etwas gänzlich Neues, Un-

erhörtes, woran alle Kunst geschichtlicher Vergleiche scheitert.

Und es war nur selbstverständlich, daß diese ungehenren Ver⸗

8 änderungen beherrschend in den Vordergrund kraten.

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Die Blicke, die vom Irdischen abgewandt eine bessere Welt über den Wolken gesucht hatten, wandten sich jetzt spähend und forschend der irdischen Zukunft zu. Ihren Schleier zu durchdringen schien undenklich wichtiger als über Probleme der Gottesgelahrtheit zu streiten. Die Menschheit wurde weltlich, die Wissenschaft positiv. Und als stärkste Ausprägung dieses neuen Wissens von der Entwicklungs fähigkeit menschlicher Verhältnisse trat der So zialismus auf den Plan. Mit der Macht einer alles zersetzenden Kritil und durch Kraft eines aufbauenden schöpferischen Gedankens ausgestattet, neue Religion und Gegner alles Dogmen glaubens, Heiland und Antichrist, unternahm er seinen Er oberungszug durch alle Länder, richtete er alle Mühseligen und Beladenen auf festem Diesseitsboden ein Hoffnungs zeichen auf. 5

Es ist ein Ziel gesteckt, die Flagge Weh!

Das war die große geistige Weltwende. Das ist der Kampf, den wir kämpfen und der nicht aufhören kann. Denn der Sozialismus ist zur Notwendigkeit geworden für die, die in Not sind darin gleicht er der alten Religion. Aber daß er die Leidenden nicht glauben und beten, sondern denken und handeln lehrt, das trennt ihn von ihr. Er hat an die Stelle des transzendentalen Optimismus den sozialen Optimismus gesetzt. Er sagt nicht: Duldet und hofft! sondern: Traut eurer Kraft und wehrt euch!

Der Sozialismus wäre nicht die geistige Macht gewor den, die er ist, wenn er nur materiellen Wünschen Befrie digung verheißen hätte, nicht dem seelischen Bedürfnis der Massen entgegen gekommen wäre. Was jeden einzelnen in diesen Massen erhebt und begistert, was ihn befähigt, für seine Sache jedes Opfer zu bringen, das ist nicht die Aussicht auf persönliche Besserstellung, sondern das Bewußtsein, in mitten eines großen Ganzen zu stehen, Werkzeug einer unge heuren Entwicklung zu sein und für die Sache der ganzen leidenden Menschheit zu streiten. Es ist die Befreiung von dem grausamen Glauben an das Bleibende in allem Wechsel, an die unvermeidliche Monotonie des Daseins, an die Unver änderlichkeit der Not.

Die Entwicklungsbahn der Menschheit gleicht nicht dem ewig sich wiederholenden Kreislauf der Erde, sondern der Kometenbahn, die in ungemessene Fernen strebt. Was nach Jahrtausenden einmal werden soll, was kümmert es uns? Daß wir einem Neuen, Unbekannten, Bessern entgegenfahren, beseligt uns! Die Brust weitet sich, das Haupt hebt sich. Frühling! Licht! Ostern! Neuer Sinn blüht jetzt im alten Lied. Frühling, Frühling muß einmal dort auch werden, wo bisher ewiger Winter gewesen ist.

Die Verurteilung und die Abschwörung Galileis.

Am 22. Juni 1633 wurde Galilei von der päpstlichen Inqui⸗ sition der Ketzerei schuldig befunden und das Urteil gefällt, aus dem wir als Urkunde der klerikalen Verbrechergeschichte diese Stellen wiedergeben:

Du, Galileo, Sohn des verstorbenen Vincenzo Galilei aus Florenz, 70 Jahre alt, bist im Jahre 1615 bei diesem h. Offizium denunziert worden: du hieltest die von Vielen vorgetragene falsche Lehre für wahr, daß die Sonne der Mittelpunkt der Welt und un⸗ beweglich sei und daß die Erde sich bewege, auch eine tägliche Be⸗ wegung habe; du hättest einige S hüler, denen du diese selbe Lehre vortrügest; du ständest über dieselbe in Korrespondenz mit einigen Mathematikern in Deutschland;: du hättest einige Briefe unter dem Titelvon den Sonnenflecken in Druck gegeben, in welchen du diese Lehre als wahr vortrügest: und die Einwendungen, die dir zu ver⸗