Ausgabe 
1-30 (7.4.1914)
 
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Diese Entdeckung, daß die Müdigkeit eine Milchsäure⸗ Vergiftung ist, hat der italienische Forscher Mosso durch aus sthenerregende Versuche bewiesen. Die Muskeln eines

rosches bleiben nach dem Tode noch stundenlang erregbar und zur Arbeit fähig. Leitet man in die Adern eines frisch getöteten Frosches eine Milchsäurelösung, so schwindet die Erregbarkeit der Muskeln. Spült man nun die Adern wieder mit reinem Wasser durch, so daß die Milchsäure heraus⸗ geschwemmt wird, so kehrt die Erregbarkeit der Muskeln sofort wieder. Mosso spritzte daraufhin einem munteren Hunde, der sich eben vom Schlaf erhoben hatte, Milchsäuce ins Blut. Was war die Folge? Der Hund, der gerade frisch erwacht war, zeigte, ohne daß er die geringste Arbeit getan hatte, sofort die Spuren starkerErmüdung und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Ja, Mosso ging noch weiter Er nahm zwei Hunde, ließ den einen schwer arbeiten, bis er erschöpft umsank, während der andere ruhte. Nun entnahm er beiden Hunden Blut und vertauschte es. Dem frischen Hunde spritzte er Blut des erschöpften ein, während er dem ermüdeten das Blut des frischen einflößte. Kaum hatte er die Prozedur vollendet, da stand der Hund, der* 5 völlig erschöpft am Boden lag, auf und begann wieder zu arbeiten, der ausgeruhte Hund aber, der kein Glied gerührt hatte, legte sich ermüdet nieder und schlief ein.

Diese hochinteressanten Ergebnisse und Versuche lassen sich ohne Einschränkung auf den Menschen übertragen. Die Ursache der menschlichen Ermüdung ist die Anhäufung von Milchsäure in unserem Körper. Frisch und munter erheben wir uns am Morgen. Aber durch jede Bewegung des Körpers beim Gehen, Laufen, Treppensteigen, Sprechen, Handerheben, Essen, beim Lidschlag und bei jeder Bewegung, die wir bei unserer Berufsarbeit ausführen, entsteht Milch säure in unseren Muskeln, die sich immer mehr im Körper anhäuft, bis wir des Abends von Milchsäure vergiftet sind. Wie der Trinker sich am Alkohol berauscht, bis er taumelnd zu Boden fällt und gelähmt in Schlaf versinkt, so berauschen wir uns täglich am Gift der Arbeit und sinken abends muskel müde mit gelähmten Gliedern auf das Lager, vergiftet von der Milchsäure und schlafen während der Nacht unseren Milchsäurerausch aus.

Aus unserer Sammelmappe.

Ueber die Bodenschätze Argentiniens bestehen vielfach falsche Anschauungen, die hervorgerufen werden durch Uebertragung der Verhältnisse, die uns aus anderen Teilen Südamerikas bekannt sind, auf die argentinische Republik. Dieses Verfahren ist aber durchaus nicht berechtigt. Es kann als ausgemacht gelten, daß Argentinien das an Bodenschätzen ärmste Land Südamerikas ist. Ein kurzer Blick auf die Beschaffenheit jenes Landes möge das erläutern. Ar⸗ gentinien zerfällt in zwei Gebiete: in das Gebirge der Kordil⸗ leren und in die Ebene der Pampas. Diese Pampas sind Lehm⸗ und Tonablagerungen, zum Teil mit Sand durchmengt, auf denen nur spärlicher Pflanzenwuchs an den Flußläufen zu finden ist. Der Salzreichtum dieser Ablagerungen macht das Wasser jener Gegend für den Menschen ungenießbar, während das Vieh sich an den Genuß gewöhnt hat. In dieser Ebene kann von Bodenschätzen nicht die Rede sein, sie sind auf die Kordilleren und auf das Grenzgebiet mit den Pampas beschränkt. Kohlen werden dort nur spärlich gefunden. Steinkohlen sehlen, geringfügige Ausnahmen abgerechnet, fast voll ständig und auch die Braunkohle besitzt nur geringe Verbreitung. Für die Brennstoff-Versorgung kommt in erster Linie Erdöl in Betracht, das im Norden, am Rande der Kordilleren und ferner in Nordpatagonien gefunden wird. Am bedeutendsten sind die pata⸗ gonischen Oelselder, die schweres Oel enthalten. Die Ausdehnung der Oel führenden Schichten ist hier bedeutend, sie streichen sogar unter das Meer hinaus. An Erzen sind Blei- und Zinkerze weit⸗ verbreitet, aus verschiedenen Gründen aber, besonders wegen der Entlegenheit der Jundplätze, die eine lohnende Fortschaffung aus⸗ schließen, sind sie meist nicht abbaulohnend. Auch ergiebige Wolf⸗ ram- und Kupfervorkommen an den Kordilleren sowie tertiäre Gold⸗ und Silberlager haben sast alle unter der Schwierigkeit des Trans⸗ ports zu leiden. Alle diese Funde sind übrigens ihrer geologischen Natur nach noch viel zu wenig erforscht, als daß man sich auf ihre Ergiebigkeit verlassen könnte. Nicht selten sind die Fälle, in denen die Kupfer⸗, die Gold⸗ und Pyritfunde so reichlich zu sein scheinen, daß Millionen in die Anlage von Minen gesteckt wurden, nach weni⸗ gen Jahren aber waren die Lager erschöpft und die ganzen Anlagen wertlos geworden. Die argentinische Regierung fördert jetzt die geologische Erforschung des 2 mit allen Mitteln.

wenigstens eine angeblich glaubwürdige amerikanssche Beobachtung.

Rätselhafte Witterungsgesetze. In Deutschland besteht nunmehr schon in vielen Orten seit hundert Jahren ein regelmäßiger Wetter⸗ dienst, und wenn auch hundert Jahre in Anbetracht der großen Kreisläufe der Naturgesetze noch sehr wenig sind, um z. B. über absolute Temperaturextreme oder über Fragen der Klimaänderung etwas auszusagen, so läßt sich immerhin aus dem gewonnenen Material doch mancherlei erkennen, was auch für weite Volkskreise von Wert und Interesse ist. So geht aus diesen Erfahrungen vor allem das eine hervor, daß trotz aller Wetterabnormitäten in längerem Zeitraum die Witterung auffällig denselben Gesetzen folgt und in einem Jahrhundert ganz gleichmäßig erscheint. Es ist in diesem Sinn allgemeine Regel, daß die alte süddeutsche Bauern⸗ regelMattheis bricht's Eis recht behält. Zwischen dem 20. und 24. Februar erfolgt regelmäßig ein dauerndes Ansteigen der Tem⸗ peratur über den Gefrierpunkt. Von da ab hebt sie sich in lang⸗ samem Anstieg, um normalerweise zwischen dem 25. bis 20. Juli zu kulminieren. Mag die Temperatur in gewissen Tagesstunden im August noch so drückend erscheinen, die gesamte Wärmelänge des Tages ist doch Ende Juli größer, und rascher als sie angestiegen ist, sinkt die Durchschnittstemperatur, bis sie zwischen dem 12. und 16. Dezember wieder den Tagen des ausgehenden Februars gleich⸗ kommt und den Nullpunkt erreicht. Dies gilt etwa für den 47, bis 50. Breitegrad in Null bis hundert Meter Meereshöhe. Nördlicher und südlicher, sowie höher über dem Meeresspiegel ändern sich die Daten natürlich etwas. Besonders interessant in dieser Erfahrungs⸗ reihe aber sind folgende Tatsachen: Die bekanntenEismänner verschwinden im 100 jährigen Durchschnitt fast völlig, als Zeichen, daß sie doch nicht so regelmäßig und merkbar auftreten, wie es der Volksglaube will. Dagegen zeigt sich um Mitte Juni ein merkbarer, viel regelmäßigerer Rückschlag, dem zwischen dem 28. September bis 2. Oktober eine noch deutlichere Wärmequelle gegenübersteht. Der regelmäßige Wettersturz im Juni sindet sich von diesen Beob⸗ achtungspunkten verzeichnet: Breslau, Warschau, Wien, Turin, in schwachem Grade auch in St. Petersburg und Paris, er beruht also auf Ursachen von kontinentalem Einfluß, die derzeit freilich noch völlig im Dunkeln liegen. Noch rätselhafter ist die Ursache der Wärmequelle am Ausgang des September, die aber immerhin so lonstant ist, daß man sich selten täuschen wird, wenn man lange geplante Gebirgsausflüge oder seine Ferienreise auf diese Zeit verlegt, in der ohnedies das Jahr vollkommen ist und in seiner reifsten Schönheit prangt. ö

Die Riesenkraft eines Pflanzensamens. Wenn man in Ge⸗ birgen oder andern Gegenden, wo das nackte Gestein zutage tritt, die Pflanzenwelt betrachtet, wie sie sich in die seinsten Spalten der Felsen hineinzwängt und dort Halt und Leben gewinnt, so entstehen N daraus leicht übertriebene Anschauungen von der mechanischen Kraft des Pflanzenwuchses. Es liegt nahe, anzunehmen, daß eine Baumwurzel, die in einem Felsspalt sitzt, das Gestein wirklich aus⸗ einandergesprengt hat. Das ist buchstäblich genommen wohl selten der Fall. Zum wenigsten muß die Erscheinung so verstanden wer⸗ den, daß die Pflanzen durch ihre chemischen Ausscheidungen, z. B. die Humussäure, zerstörend auf einen Felsboden einwirken. Tat⸗ sächlich spielen sie allerdings ohne Zweifel eine sehr bedeutende Rolle in der Zerkleinerung und Auflockerung des sesten Gesteins, und das sogenannte gesprengte Grab auf dem Gaxtenfriedhof in Hannover, das ohne Einwilligung der Erben niemals geöffnet wer⸗ den sollte und dann durch einen Baum auseinandergerissen wurde, ist mit Recht zu einer berühmten Sehenswürdigkeit geworden. Die Pflanzenwurzeln besitzen eine fast unglaubliche Kraft des We tums und ebenso andere Pflanzenteile. Sie hängt mit der außer⸗ ordentlichen Schnelligkeit zusammen, mit der die Wurzeln nach einem Regen das Wasser aufnehmen und durch den ganzen Körper bis zu den äußersten Zweigen und Blättern treiben. Wird eine weiße Lilie mit einer blauen Farblösung begossen, so zeigt sich die blaue Farbe in den Blüten schon nach wenigen Stunden. Die Kraft der Wurzeln ist in einigen Fällen auch gemessen worden. Eine junge Eiche kam im fünften Jahr ihres Lebens in Konflikt mit 4 einem Granitblock, der das stattliche Gewicht von 130 Zentnern be⸗ saß. Im Verlauf der nächsten sieben Jahre hatten die Wurzeln der Eiche den Stein um mehr als 20 Zentimeter gehoben. Eine noch gewaltigere Kraft soll der amerikanischen Sumpfzypresse eigen sein, die ihre Wurzeln in großen Strebepfeilern um sich verbreitet. Im Ollawahasluß strandete einmal eine mit Ziegeln beladene Bark auf einem solchen Wurzelgewirr von Zypressen und sechs Jahre später hatten die Bäume das ganze Wrack über Wasser gehoben, so lautet

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