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Wissen ist macht
Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung
Nummer la
Dienstag, den 7. April 19 1a
3. Jahrgang
Vorarbeiten zum Sozialismus.
Daß die kapitalistische Entwicklung selbst jene Umwäl⸗ zung der Produktion Schritt vor Schritt vor Schritt voll zieht, welche zuletzt in ihr Gegenteil umschlagen und den Boden für den Sozialismus bereiten muß, läßt sich in un— seren Tagen mit aller Deutlichkeit an den Vorgängen im Rheinisch⸗Westfälischen Kohlensyndikat beobachten. Alle Welt weiß, daß dort heftige Streitigkeiten ausgebrochen sind, welche die Erneuerung des Syndikats(nach dessen Ablauf am 31. Dezember 1915) in Frage stellen. Und zwar ist es das Verhältnis zwischen den sogenannten„reinen“ und„ge— mischten“ Werken, worüber man sich nicht einigen kann. Da⸗ mit hat es folgende Bewandnis.
Auch in früheren Jahrzehnten ist es hin und wieder vor— gekommen, daß ein Eisenhüttenwerk seinen Bedarf an Kohlen aus eigener Zeche deckte. Jedoch waren das Ausnahmen, und die Unternehmer der Eisenindustrie hatten auch kein sonderliches Interesse daran, eigene Kohlenzechen zu be— sitzen, solange die ungehinderte freie Konkurrenz den Preis der Kohlen drückte. Das änderte sich mit einem Schlage, als- im Jahre 1893 das Kohlensyndikat entstand und seine verteuernde Wirkung ausübte. Jetzt waren diejenigen Hüttenwerke, welche eigene Zechen besaßen, im Vorteil gegen— über ihrer Konkurrenz; denn sie hatten für die Kohle nicht mehr aufzubringen als die Produktionskosten, indes die Konkurrenz die teuren Preise des Syndikats zahlen mußte. Sofern sie aber Kohlen verkauften, zogen sie noch Nutzen aus deren Verteuerung.
Die Gründer des Syndikats hatten anfänglich auf die Hüttenzechen nicht geachtet; deren Verkauf schien ihnen zu gering. Bald aber zeigte sich's, daß er doch nicht so unbeacht⸗ lich war. Es waren immerhin rund 1½ Millionen Tonnen, was die Hüttenzechen alljährlich über den Bedarf der eigenen Hüttenwerke hinaus— zu Markte brachten. So trat man denn schon 1894 mit ihnen in Verhandlung, und sie gingen wenigstens darauf ein, ihre Kohlen nicht billiger als zu den Preisen des Syndikats zu verkaufen. Dem Syndikat traten sie aber vorläufig nicht bei.
In der nun folgenden Periode der Hochkonjunktur, die von 1893—1900 dauerte, zeigten sich die großen Vorteile, welche die Zechenhütten(d. h. Hüttenwerke mit eigener Kohlenzeche) gegenüber den reinen Hütten genossen, be— sonders auch darin, daß die letzteren öfters an Kohlenmangel litten, während den ersteren naturgemäß stets Kohlen genug zur Verfügung standen. Dies steigerte die Produktion der Hüttenzechen nicht unbeträchtlich, sodaß 1898 das Syndikat neue Verhandlungen mit ihnen begann, die dazu führten, daß wenigstens ein Teil von ihnen dem Syndikat insofern beitraten, als sie den Verkauf ihrer den eigenen Bedarf über— steigenden Kohlenmengen dem Syndikat überließen. Selbst⸗ verständlich jedoch kamen nunmehr immer mehr Hüttenwerke zu der Erkenntnis, wie vorteilhaft es sei, eigene Zechen zu besitzen, und so begannen sie seit 1899 in immer steigendem Maße, sich solche zuzulegen. Unter diesen von den Hütten— werken angekauften Zechen befanden sich schließlich auch solche, die bereits Mitglieder des Syndikats waren, und damit wurde die Frage akut, wie sich das Verhältnis zwischen ihnen
und dem Syndikat in Zukunft gestalten solle. Zwar war die Produktion der Hüttenzechen an und für sich immer noch gering; Jelbst 1903 produzierten sie noch nicht ganz 8 Mil⸗ lionen Tonnen, gegen 54 Millionen Tonnen des Syndikats.
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Aber sie wuchsen sich immer mehr aus. Hatte doch 1893 das Gesamtquantum ihrer Produktion nur etwa 4 Millionen Tonnen betragen gegen 33½ Millionen Tonnen des Syndikats. Ihre Produktion hatte sich also in weit stärkerem Maße vermehrt als die des Syndikats. i
Das Syndikat konnte somit ohne sie nicht mehr aus— kommen. Sie aber erkannten ihre Macht und stellten ihre Bedingungen. Wohl wollten sie dem Syndikat beitreten, aber ihr ganzes„Selbstverbrauch“ sollte syndikatsfrei bleiben; d. h. die ganzen großen Kohlenmengen, die sie für ihre eigenen Betriebe verbrauchten, sollten weder der Produktions- einschränkung unterliegen noch zu den Kosten(der soge— nannten„Umlage“) des Syndikats beitragen. Man mußte ihnen das zugestehen, und auf dieser Grundlage kam im Jahre 1903 der neue, noch jetzt laufende Syndikatsvertrag zustande. Zuerst freilich fügte man die Klausel bei, jene Vergünstigungen sollten nur für diejenigen Zechen gelten, die„bei Abschluß dieses Vertrages“ sich im Besitz von Hütten⸗ werken befanden; aber ein paar Jahre später, 1909, mußte man auch diese Klausel fallen lassen, jetzt gelten die Ver— günstigungen unterschiedslos für alle Hüttenzechen, gleich⸗ gültig, wann sie in den Besitz von Hüttenwerken übergegangen sind.
Es versteht sich, daß dieser Zustand die Entwicklung der gemischten Betriebe allgemein befördern mußte. Wie sehr das der Fall war, zeigen folgende Zahlen. Es produzierten an Kohlen im Jahre
1904 die reinen Zechen 33 900 000 t= 78,7% 51 700 000 t 2 58% die Hüttenzechen 13 100 000 t= 19,2% 31 900 000 t 2 35,8 7 (Der an 100 Prozent fehlende Rest entfällt auf die„Außen- seiter“, d. h. auf Zechen, die dem Syndikat nicht angehören.)
Obwohl also immer noch die reinen Zechen den Hütten⸗ zechen überlegen sind, so wachsen die letzteren doch sehr viel schneller, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie ihnen über den Kopf gewachsen sein werden.
Nun bleibt aber diese Entwicklung natürlich nicht auf die Kohlenindustrie beschränkt. Die Eisenindustrie wurde sofort davon mit ergriffen, einmal weil es ja eben Eisenwerke waren, welche jene Kohlenzechen ankauften(oder von ihnen angekauft wurden), sodann weil der gewaltige Vorteil des gemischten Betriebes durch das praktische Beispiel handgreif— lich wurde. Besonders vom Jahre 1904 an gingen immer mehr Eisenwerke dazu über, sich einerseits Kohlenzechen zu— zulegen, andererseits aber auch diejenigen Betriebe anzu- gliedern, welche ihre eigenen Fabrikate weiter verarbeiten. Was das besagen will, mag uns das Beispiel von Gelsen⸗ kirchen erläutern. Die Gelsenkirchener Bergwerks⸗A.⸗G. war bis zum Jahre 1903 eine reine Kohlenzeche. In der Zeit von 1903 bis 1909 hat sie sich angegliedert: zwei Hüttenwerke im Jahre 1904, eine Schiffahrtsgesellschaft im Jahre 1905, eine Drahtseilfabrik und zwei Röhrenfabriken im Jahre 1907, umfangreiche Erzbergwerke, Hochofen⸗ und Stahlwerks⸗ anlagen sowie Walzwerke im Jahre 1909. Ebenso sind die anderen großen Eisenwerke organisiert, Krupp, Phönix, Deutsch⸗Luxemburg usw. Der gemischte Betrieb ist heute vorherrschend in der Eisenindustrie.
Nun sind aber die Kapitalisten gezwungen, auf dieser Bahn der Umwandlung der reinen Betriebe in gemischte immer weiter fortzufahren. Denn der gemischte Betrieb ar⸗ beitet weit billiger als der reine. Er erspart Zwischen⸗ profite, er erspart Frachtkosten, er erspart Kohlen(weng
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