Ausgabe 
1-30 (31.3.1914)
 
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Ergötzliche Anekdoten: Fritz Müller: Kleine Geschichten. Man steht schon aus dieser kurzen Aufzählung, daß die Lese eine reich⸗ haltige und vor allem auch eine vielseitige Zeitschrift ist, die nach drücklich empfohlen werden kann. Bemerkt sei, daß die Lese trotz der bis jetzt von keiner andern ähnlichen Wochenschrift erreichten Billigkeit ihren Abonnenten jährlich vier schöne Buchbeigaben spen⸗ det. Wer die Lese noch nicht kennt, lasse sich von der Geschäftsstelle der Lese, Stuttgart, Ludwigstraße 28, einige Gratisprobenummern kommen.

Die wahre Größe des Weltalls. So wie sich der Begriff von viel im Gegensatz voneinige dadurch herausgebildet hat, daß die meisten Menschen nicht imstande sind, auf den ersten Blick mehr als sieben Einheiten desselben Dinges zu erfassen und damit rech⸗ nerisch zu operieren, ist auch der menschliche Verstand nicht imstande, in Wirklichkeit Vielheiten, die über vierstellige Zahlen gehen, sich klar vorzustellen. Schon die Vorstellunghunderttausend Tage erscheint uns ganz unschätzbar und erst in rechnerisch vergleichender Arbeit wird uns klar, daß noch kein Meusch hunderttausend Tage, erlebte, da sie 276 Jahre ausmachen und des Menschen Leben nor⸗ malerweise überhaupt nur 25 000 Tage beträgt, was erst einen rich⸗ tigen plastischen Begriff von der Höhe der Zahl 25 000 gewährt.

So sind denn alle Zahlen, mit denen die Astronomie arbeitet, fiberhaupt unvorstellbar, und nur durch Exemplifilationen können wir uns annähernd die Dimensionen des Weltalls zu Gefühl bringen. Ein ganz reizendes Modell hierfür findet sich in S. Neweombs Astronomie und sollte, soweit es sich verwirk⸗ lichen läßt, wenigstens allen Schülern einmal im Schulgarten gezeigt werden..

Wenn wir aus dem Weltall nur unser Sonnensystem heraus⸗ greifen und seinen Maßstab so verkleinern, daß man die Erde durch ein Senskorn darstellen kann, dann ist der Mond dagegen wie der J⸗Punkt dieser Druckschrift und etwa 3 Zentimeter von der Erde entfernt. Die Sonne aber befindet sich dann in zehn Meter Ent fernung und ist im Verhältnis so groß wie ein Apfel. Man sieht also, daß die Sonne so groß ist, daß in ihr der Mond ganz bequem um die Erde kreisen könnte. Die übrigen Planeten sind teils erbsen groß, teils wären sie unsichtbare Körnchen wie der Mars. Von der Sonne aber wären sie vier bis dreihundert Meter weit entfernt. Unser Sonnensystem, in dem die Erde durch ein Senfkorn und die Sonne durch einen Apfel markiert ist, entspräche also einem Kreis von 600 Meter Durchmesser. Nun entspricht die Entfernung des nächsten Fixsternes im Verhältnis zu unserem Modell einer Distauz, die weit über Europa, in dessen Mittelpunkt wir unser Sonnen modell denken wollen, hinausreicht! Ja, wenn wir uns unser Modell in den Mittelpunkt unseres Erdballs denken, daun würde ein Raum so groß, wie er erst zwei bis drei Fixsterne enthalten! Der ganze Fixsternhimmel, so weit wir ihn kennen, wäre wieder mehrere tausendmal größer, er reichte auch bei so einem Modell über unsere Vorstellungskraft. Und in einem solchen Weltgebäude schwebt die Erde: ein Senflorn in unermeßlichen Räumen, ein Trabant unter nicht aussprechbar vielen.

Lebendig gebärende Pflanzen. An der Westküste von Ceylon spiegeln einige große Seen den blauen Tropenhimmel wieder. Sie liegen im Lande drin, aber nicht so weit vom Meere, daß nicht oft das Rauschen der Brandung herübertönte. Auch sind sie mit dem Ozean verbunden und das Wasser, das sie enthalten, ist etwas salzig, ist Brackwasser. Viele kleine Inselchen steigen aus dem blauen Scespiegel auf, mit dichter bunter Vegetation sind sie besetzt, so daß sie wie Blumensträuße wirken.

Es ist sehr reizvoll, im leichten Boot auf diesen Seen umherzu⸗ fahren. Leise glucksend schlagen die Wellchen an den langsam ver gleitenden Kahn, hie und da springen Fische plätschernd aus dem Wasser. Am blauen Himmel schweben Raubvögel, manchmal fliegt auch ein Reiher mit schön gebogenem Halse vorbei. Nähert man sich einer der Inseln, so kommen einem wie Vorposten die prächtig blau⸗grünen Bienenfresser entgegen, um mit einem Jusekt im Schnabel auf ihren Standort zurückzukehren. Und nun ist das Boot an den ersten Pflanzen angelangt. Aber das Land ist noch fern. Auf hohen Stelzenwurzeln wandern die grünen Sträucher und Bäume weit in das Wasser vor, wie auf einem Pfahlrost liegt die üppige Blätterlast, und schaut man unter ihr hinweg, so sieht man weit, weit noch schwarzes Wasser leise sich bewegen.

Es ist die Mangrovcvegetation, die eine derartig eigenartige Lebensweise entwickelt hat. Die Mangrovebäume sind an wechselnde

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Wasserströmungen, an Ebbe und Flut und auch an die Brandung!

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angepaßt. Tief im See auf ihren Stelzenwurzeln stehend, bleiben

sie auch noch im Wasser, wenn dieses weft vom Lande zurückweicht, und wenn Wogen rauschend daherkommen, so laufen sie unter dem Pfahlrost hindurch, die eigentlichen Vaumstämme mit den großen, lichtgrünen, lederartig dicken und in der Sonne glitzernden Blättern bleiben unberührt. Das Merkwürigste ist aber, daß auch die Ver⸗ mehrungsweise der Mangrove an derartige Wasserverhältnisse an⸗ gepaßt ist.

Blickt man hinauf zu dem Astgewirr der Mangrove, so sieht man hie und da lange Schoten von den Zweigen herunterhängen. Es sind das die Früchte der eigenartigen Pflanzen, aber die eigent⸗ liche Frucht stellt nur der obere Teil der Schote vor, der die Ge⸗ stalt einer kleinen Birne hat. Aus dieser Frucht ragt ein langer, brauner Stab hervor, der sich unten etwas verdickt, um schließlich in einer Spitze zu enden. Das ist derKeimling, eine neue junge Mangrovepflanze, die noch an der alten hängend sich zu solcher Größe bis 1 Meter entwickelt. Der Keimling trägt au seinem oberen, in der Frucht steckenden Ende, ein besonderes Saugorgan, mit dem er sich die notwendigen Nah rungsstosse aus der Frucht her⸗ vorzieht. So wächst er lange Zeit, an derMutter zehrend heran, bis er schließlich vermöge seiner Schwere abfällt und nun sich auch sofort wie ein Pfahl in den weichen Seegrund einbohrt. Schon nach wenigen Stunden verankert er sich durch Bildung von Selten⸗

wurzeln noch sester. Und jebt können die Wogen kommen, die junge

Pflanze steht sicher da und widersteht jedem Anprall. Während also sonst die Pflanzen sich mittels des Samens vermehren, der lange

keimen und sich sehr verändern muß, ehe er der Mutterpflanze gleicht, so verläßt bei der Mangrove der Keim schon als fertige Pflanze den mütterlichen Organismus, aus dem er lange noch Nahrung gesogen hat. Darum spricht man bei der Mangrove mit Recht vonLebendig Gebären. l

Die Einwirkung des Blutes auf Eiweißstoffe. Die Eiweißstofse unserer Nahrung, die aus winzig kleinsten Einzelteilchen(Mole⸗ külen) Eiweiß bestehen, werden bei der Verdauung mit Hilfe von chemischen Stoffen des Magen- und Darmsaftes so verändert, daß aus den einzelnen Eiweißmolekülen kleinere Einzelteilchen ent⸗ stehen, zuerst Peptone, dann immer kleinere Bruchstücke, endlich die sog. Aminosäuren. Diese saugt das Blut aus dem Darm, aus ihnen baut sich der Körper sein Eiweiß, sein ihm eigenes Fleisch und Blut wieder auf. Wenn nun Eiweiß nicht geschluckt, sondern direkt ins Blut gespritzt wird? Dann ist dieses Eiweiß dem Blute fremd, es gehört nicht hinein, der Körper beseitigt es schleunigst als störenden

Fremdling. Dazu ist er gezwungen, die Zertrümmerung, die Ver⸗

dauung im Blut selbst vorzunehmen. Freilich sehlen im Blut die nötigen chemischen Stoffe, die Fermente, die Schlüssel zum Auf⸗ schließen des Eiweißes. So bildet sie sich das Blut wunder⸗ barerweise nur für diesen einen Zweck. Jedes Eiweiß hat aber sein besonderes Ferment zum Ausschließen nötig: das tierische Ei⸗ weiß anderes als das der Hülsenfrüchte, das Muskeleiweiß anderes als das des Käsestoffs, ja das Fleisch des Rindes anderes als das des Hasen oder Kaninchens. Ja, sospezisisch sind die Fermente

abgestimmt, daß das Ei des Huhnes ganz andere Verdauungs⸗

fermeute nötig hat, als dessen Fleisch, oder etwa das Ei der Tauben. Wenn also ein bestimmtes Eiweiß ins Blut gespritzt, aufgeschlossen, abgebaut, zertrümmert wird, daun muß sein be⸗ stimmtes ganz spezifisches Ferment im Blut vorhanden gewesen, vom Körper gebildet sein. Darauf baut Abderhalden eine ganz neue Methode zur Erkennung von gewissen Veränderungen im Körper. Er sagt so: wenn ich in das Blut Saft einer Krebsge⸗ schwulst spritze, so wird dessen Eiweiß verdaut durch ein im Blut sich bildendes, spezifisches, Krebseiweiß verdauendes Ferment. Um⸗ gekehrt, wenn ich in dem Blut irgend eines Menschen ein sonst

nicht vorhandenes Ferment finde, das Krebszellen, und nur diese

auflöst, so muß dessen Blut schon Bekanntschaft gemacht haben mit Krebs, so muß irgendwo im Körper ein Krebsherd sitzen, von dem Krebseiweiß ins Blut gelangen konnte. So könnte man Krebs er⸗ kennen, bevor sonst irgend ein Anzeichen davon sestzustellen, bevor irgend ein anderweitiges warnendes Zeichen nachgewiesen wäre!

Bei der Schwangerschaft bilden sich schon in den ersten Tagen Eiweißstofse der sich entwickelnden Frucht, die dem Blute fremd sind. Sie treten ins Blut, und der Körper bildet zur Abwehr so⸗

fort seine Fermente. Umgekehrt, wenn im Blut einer weiblichen Person solche Fermente sich nachweisen ließen, die dieses bestimmte Eiweiß der wachsenden Frucht angreifen, dann müßte diese Person eben eine solche Frucht in sich bergen. Dieser schwierige Nachweis solcherspezifischen Fermente ist Abderhalden gelungen. Dadurch gewinnen seine Versuche eine große praktische Bedeutung. Hier ist⸗. ein neuer Weg gewiesen, von dem manche Fortschritte für die kunde zu erwarten sind. 8 1

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