erwiesen. Wenn somit der Arbeiter kunstsinniger gewesen ist als der„Bourgeois“, so kann das verschiedene Gründe haben: er mag unbefangener gewesen sein, unmittelbarer empfindend, nicht ver⸗ dorben durch Vorurteile und Ansprüche einer literarischen Bildung: er mag im Zweifelsfall zu seinen geistigen Führern mehr Vertrauen sehabt haben als das bürgerliche Publikum zu seinen Theater- fern und Journalisten, daß das, was ihm fremd war, deshalb nicht schlecht zu sein brauchte; es mögen sich auch, was damit zu⸗ sammenhängt, die geistigen Führer der Arbeiterschaft der Veraut⸗ wortung für die ihnen obliegenden Aufgaben bewußter und zugleich geschickter in ihrer Lösung, und deshalb auch erfolgreicher sein. Anderseits kann aber auch eine bloße Oberflächen- und Volksver⸗ sammlungsbegeisterung mitsprechen und Freude an unverdauter Bildung— Einwände, die der Verteidiger der Volksinstinkte und der sozialdemokratischen Volksbildung jeden Tag zu hören bekommt.
Tatsächlich ist es hier auf eine Verteidigung abgesehen, und zwar ohne daß irgendwelche Beziehungen zwischen mir und der sozialdemokratischen Bildungsorganisation bestehen, jedoch habe ich etwa 10 Jahre lang alle hierher gehörigen Unternehmungen der Sozialdemokratie verfolgt und ihre Fach- und Tagespresse gelesen, kenne einigermaßen die entsprechenden bürgerlichen Bestrebungen und habe endlich, durch das Entgegenkommen des Leipziger Ar- beiterbildungsinstituts und des Berliner Bildungsausschusses, Ein⸗ blick in die Verwaltung erhalten, die hinter den imponierenden Einzelleistungen steht.
Die Leistungen in ihrem Wert zu verkennen, dazu gehört frei— lich ein ganz tüchtiges Teil Unkeuntnis oder Uebelwollen. Man braucht ja nur die Feuilletons der sozialdemokratischen Presse an⸗ zusehen, um sich davon zu überzeugen. Ich stelle als Beispiel zu⸗ sammen, welche Romane die sozialdemokratische Leipziger Volks⸗ zeitung in den letzten Jahren gebracht hat: Strindberg, Das rote Zimmer— W. W. Jacobs, Hafenstürme— Tolstoj, Der Teufel— J. Aaljger, Die Kinder des Zorns— J. 3. Lielland, Meuschenwege — R. Greinz, Gertraud Sonneweber— S. Lagerlöf, Liljencronas Heimat— Ottomar Enking. Momm Lebensknecht— C. Lemonnieur, Der eiserne Moloch— Hermann Kurz, Die Guten von Gutenberg — Balzac, Oberst Chabert— W. v. Molo, Die 3 Teile des Schiller⸗ romans— J. Falkberget, Urzeitnacht— M. Andersen-Nexö, Das Glück usw.... Wir wissen, daß ein prinzipiell gewolltes und systematisch eingehaltenes Niveau weder im Liberalismus noch im Konservativismus noch im Katholizismus begründet ist, während bei der Sozialdemokratie dieses liberarische Niveau gewollt und er⸗ reicht ist. Auf diesen Gegensatz des Programms kommt es aber noch mehr an als auf den des Werks.
Ganz ähnlich liegen die Verhältnisse im Bibliothekswesen. Die meistgelesenen Bücher der Arbeiterbibliothek Leipzig⸗Plagwitz, Lindenau⸗Schleussig waren im Jahre 1909: Beyerlein, Jena oder Sedan; Keller, Der grüne Heinrich;: Ebner⸗Eschen⸗ bach, Erzählungen, Gemeindekind, Lotti. Neben den 29 Arbeiter⸗ bibliotheken besitzt Leipzig nun noch 7 nationale Bibliotheken, die vom„Verein für Volkswohl“ unterhalten werden. In dessen Jahresbericht für 1911, der statistisches Material wie das obige nicht enthält, finden sich immerhin die folgenden Sätze:„Vielgelesene Werke mußten sogar mehrere Male neu eingestellt werden, darunter auch die der bekannten Gartenlaubenschriftsteller. Es wird niemand im Ernste behaupten wollen, daß das Lesen ihrer Erzählungen sitt⸗ lich oder ästhetisch bedenklich sei. Auch unsere heutigen jungen Mäd⸗ chen finden noch an„Goldelse“ oder am„Geheimnis der alten Mamsell“ den gleichen Gefallen, den einst ihre Mütter und Groß⸗ mütter an ihnen gesunden haben. Gottfried Keller, W. Raabe, Th. Vischer, der natürlich auch vertreten sind, werden wohl nicht jeder⸗ manns Sache werden“.
Zu den Leistungen der Presse und der Bibliotheken kommen andere: die Unterrichtskurse, Ausstellungen von Jugendliteratur und Wandschmuck, Kammermusikabende, Konzerte, Veratung der Vereine bei ihren Festprogrammen, Theatervorstellungen usw. Ueberblicken wir alle diese Bestrebungen, so kann man ungefähr ein Bild der Methode geben, nach der von der Sozialdemokratie Volksbildung betrieben wird. Der erste Hauptsatz heißt dabei: Darbietung des Guten. Töricht ist der Einwurf, mit dem man diese Tatsache zu verkleinern sucht, daß nämlich die Arbeiter mit Kitsch auch vorliebnehmen würden. Nun, um so größer ist die Tat der Führer, daß sie ihrem Publikum trotzdem nur Gutes bieten. Und weiterhin darf darauf hingewiesen werden, daß dem Arbeiter doch offenbar noch literarisch Wertvolles zu rein naiver Freude vorgesetzt werden kann, daß er sich an großen Dichtungen noch unter⸗ halten und vergnügen kann, während die Leser anderer Blätter und Bibliotheken sehr rasch rebellieren, wenn ihnen statt der gewohnten Kost einmal etwas Besseres zu lesen zugemutet wird.
Die Darbietung des Guten reicht freilich allein nicht aus. Außer der Tageskritik über das Theater bietet die Presse vor Volks⸗ vorstellungen und Konzerten vorbereitende Aufsätze, ja die Buch⸗ handlung Vorwärts bringt unter dem Titel„Die Volksbühne“ eine Folge von Einführungen in Dramen und Opern heraus. Da die Hefte auch im Buchhandel für je 10 Pfg. zu haben sind, kann ich jedermann nur empfehlen, sie zu benutzen; sie sind das Veste, was es in dieser Art heute gibt.
Ine diesen Bänden, wie iu der Presse, wie iu allen Kund⸗ gebungen, der Einleitung zu einem Verzeichnis von künstlerischem Wandschmuck, in Ratschlägen„Wie soll man lesen?“, in einer um⸗ sangreichen Bibliothek von„Entwürsen zu Vorträgen mit Licht⸗ bildern fällt überaus augenehm der Mangel au der herablassenden Popularistererei auf, die namentlich die geistliche Volksbildnerei so Amansstehlich und tantenhaft macht. Alles, was man zu lelen be⸗
der Biex mehr Unglück, als die di
kommt, hat Eigenart: es ist populär, weil es dur t, klar und gediegen ist. Die bahnbrechenden wissenschaftlichen Bücher sind sa aus denselben Gründen im allgemeinen die verständlichsten ihres Faches. Infolgedessen macht sogar eine Einführung in einen soztal⸗ demokratischen Jugendschriftenkatalog einen viel männlicheren Ein⸗ druck als die durchschnittliche Schriftstellerei„fürs Volt“. g
Bisher ist immer von Kunst die Rede gewesen, als ob— was uns Bürgerlichen freilich sehr naheliegt— ästhetische Kultur gleich Kultur überhaupt sei. Jedoch ist es eine Eigentümlichkeit sozial⸗ demokratischer Bildungsarbeit, daß die Kunst trotz aller Arbeit, die man an sie wendet, im Lebensganzen immer auf den ihr zukommen⸗ den Raum beschränkt bleibt. Die mir zugänglichen Programme be⸗ tonen immer wieder: Kunst ist Genuß, Erholung; diese müssen ver⸗ edelt, vergeistigt werden, sind aber nicht das einzige Geistige und Edle am Menschen. Die Statistiker der Bibliotheken legen großen Wert auf das Verhältnis zwischen belletristischer und wissenschaft⸗ licher Literatur, und trotz des Ueberwiegens der ersteren in den Entleihungen, schneidet die letztere doch immer noch besser ab als in bürgerlichen Büchereien. Noch besser haben die Führer das, was sie wollen, bei den wissenschaftlichen Wanderkursen in der Hand, die durch 7 Redner ständig gehalten werden.
Hier kommen wir zu dem Punkt, wo sich auch diejenigen, die zu ziemlich viel Zugeständnissen bereit sind, von den sozialdemokrati⸗ schen Bildungsbestrebungen lossagen. Alles, was wir bisher rühm⸗ ten, erscheint plötzlich doch nur als günstige Nebenwirkung, das Ganze aber erscheint bloß als Mittel zum Zweck, statt Kulturbildung zeigt sich Parteidrill. Dagegen glaube ich, daß dieses Stück zwar geeignet ist, dem Nichtsozialisten politisch Grauen zu machen, daß dagegen die Kulturbedeutung der geschilderten Bestrebungen dadur eherngewinnt als verliert Tatsächlich leistet außer der Sozialdemo⸗ kratie keine andere Partei Kulturarbeit— höchstens das Zentrum, resp. die mit ihm verbundenen und mit ihm identischen Welt⸗ anschauungsträger, nämlich der Katholizismus im München⸗Glad⸗ bacher Verband und sonst.. 5
Wir müssen uns wohl oder übel daran gewöhnen, daß dort eine große geistige Bewegung ihren Weg geht, ohne uns nötig zu haben. Und hier liegt noch ein anderer Gegenfatz vor: die sozialistische Bildüngsbewegung ist keine Volksbildung von oben nach unten, kein gnädiges Spenden und keine Volksbeglückung, sondern eine Krast, die von unten nach oben strebt. Unser ganzes soziales und gogisches Denken geht aber noch von oben nach unten. Ich glaube dagegen, daß unsere Aufgabe heute eine andere ist, für den einzelnen wie für das ganze Bürgertum, nämlich auch Selbsterziehung von unten nach oben.
Gegen den Alkohol.
Dic Alkoholfrage und der Wiener Internationale Sozialistenkongreß... Bericht der belgischen Arbeiterpartei zur Alkoholfrage, er⸗ stattet von Emil Vandervelde.
Die Debatte über die Alkoholfrage auf unserem Wiener internationalen Kongreß wird wieder einmal die Anhänger der„Mäßigkeit“ und die der Vollenthaltsamkeit auf den Plan bringen. Natürlich kann kein Sozialist vor den Verheerungen des Alkoholismus die Augen schließen und die Notwendigkeit einer energi⸗ schen Aktion gegen diese furchtbare Geißel ver⸗ 3 kennen. Aber viele Genossen, ja die große Mehrheit halten die Vollenthaltsamkeit für eine Narrheit oder eine Unmög⸗ lichkeit. Sie unterscheiden zwischen Gebrauch und Mißbrauch.
Sie glauben eisenfest, daß ein wenig Alkohol nicht schade; im Gegenteil. Sie bestehen energisch auf dem Vergnügen, manchmal ein„gutes Glas“ zu nehmen. Und, was schlimmer
ist, sie sind von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die direkte antialkoholische Aktion fast unmöglich sei, da im
kapitalistischen System die Arbeiter, überangestrengt und 3 unterernährt, sozusagen naturnotwendig zum Alkoholver⸗-⸗ brauche gedrängt seien. Unsere Auffassung ist die entgegen⸗ gesetzte. Vom Internationalen Bureau als einer der Be-. richterstatter über die Alkoholfrage bestellt, werde ich in meinem Berichte an den Wiener Kongreß folgende Sätze f entwickeln:
1. Der Alkohol ist ein Gift, ebenso wie Morphium und Arsenik. 1 2. Abgesehen von einer Verordnung als Medikament, lann von einer Unterscheidung zwischen Gebrauch und 5
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brauch nicht die Rede sein: ein geringer Gebrauch bringt wenig, ein reichlicher viel Uebel. a 1 3. Alle alkoholhaltigen Getränke— einschließlich Bier, Wein, Obst⸗ und Beerenwein— sind schädlich. Der Grad der Schädlichkeit hängt vor allem von dem Alkohalgehalt ab. In vielen Ländern verursacht die Alkoholisierung durch We ituosen. 5


