Ausgabe 
1-30 (31.3.1914)
 
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Wissen istsnacht

Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Volkszeitung

Nummer 13

Dienstag, den 31. März 19 14

3. Jahrgang

Fiktive Werte.

Der Sozialismus beruht auf der Lehre vom Mehrwert, und diese wiederum setzt die Marxsche Lehre vom Wert vor aus, die besagt, daß Wert einzig und allein durch menschliche Arbeit geschaffen wird. Die Richtigkeit dieser Lehre läßt sich nur durch ein eindringliches Studium der wirtschaftlichen Talsachen erkennen, das sich von der Oberfläche der Erschei nungen, wie sie uns das alltägliche Leben zeigt, schon beträcht lich entfernt. Nicht jeder hat dazu Zeit und Lust, und so tann es nicht Wunder nehmen, daß selbst bei manchem über zeugten Sozialisten doch nicht alle Zweifel an der Richtigkeit dieser Theorie behoben sind. Scheint sie doch vielen Wirt⸗ schaftsvorgängern, die wir unausgesetzt erleben, gar zu kraß zu widersprechen. Um nur ein Beispiel herauszugreifen: welche ungeheure Werte stecken nicht im Grund und Boden. Millionenumsätze werden dort täglich gemacht. Ja gerade diese Werte werden für ganz unvereinbar und unzerstörbar angesehen. Hypotheken, d. h. Anleihen, für welche der Grund und Boden verpfändet ist, gelten allgemein als die sichersten. Mag der Schuldner in Konkurs geraten, mag das Haus in Flammen untergehen, das Grundstück selbst bleibt doch immer erhalten. Folglich kann die Hypothek nie verloren gehen, so lange sie nicht den Wert des Grundstücks selbst übersteigt. Nun ist aber der Grund und Boden doch ganz gewiß nicht durch menschliche Arbeit geschaffen worden. muß also wohl sein Wert anderswoher rühren. Kann es dann richtig fein, daß Wert nur durch Arbeit entsteht?

Dieser Gedankengang scheint logisch, klar und unanfecht bar. Was haben die Vertreter des Sozialismus darauf zu erwidern? Dies, daß hier ein salscher Schein vorliegt; daß der Grund und Boden in Wirklichkeit keinen Wert hat, wenig⸗ stens keinen größeren, als der etwa auf ihn verwendeten Ar beit entspricht, und daß all die Millionen, die täglich im Terraingeschäft gehandelt werden, keine wirklichen, sondern murfiktive(d. h. erdichtete) Werte sind. Ist jemand im Besitz eines Grundstücks, das ein anderer notwendig braucht, so kann er ihn allerdings zwingen, dafür einen Preis zu zahlen. Das beweist aber nur, daß er sich von dem Käufer eine Summe wirklichen Wertes übertragen läßt; keineswegs beweist es, daß der Boden diesen Wert hat.

In wie hohem Maße der Wert des Bodens fiktiv ist, also sozufagen in der Luft schwebt, das zeigt sich ganz deut lich, wenn man einmal fragt, wonach denn die Höhe dieses Wertes sich bestimmt. Bei jeder reellen, durch Arbeit ge· schaffenen Ware wirken zwar auch allerlei Nebenumstände mit auf den Preis ein, sodaß er hin und her schwankt, aber in der Hauptsache hat doch die Ware ihren Wert in sich. Zu⸗ grunde liegt bei der Bestimmung des Preises einer solchen Ware etwas Festes, Bestimmtes: die Herstellungskosten. Beim Grund und Boden dagegen ebenso bei Börsenpapieren usw. liegt gar nichts Bestimmtes zugrunde. Die Höhe des Preises richtet sich hier einzig und allein nach dem Gewinn, den man daraus zu ziehen hofft. Daher können diese Preise oder Werte aus äußeren Anlässen ins Schwindel⸗ erregende steigen oder auch fallen; ja sie können dem Besitzer unter der Hand in nichts zerrinnen. Ohne daß an dem Grundstück das geringste sich ändert, kann es urplötzlich 10, 20, 50, ja 1000 mal so vielwert sein wie zuvor; ebenso

7 plötzlich kann es aber auch völlig wertlos werden, je nachdem

die Gewinnchancen des Besitzers wechseln. Was dafür bezahlt Wird, ist eben nicht der Wert des Bodens, sondern es ist vor

weggenommener und kapitalisierter Profit. Das heißt, wenn der Besitzer begründete Aussicht hat, durch Vermietung, Ver⸗ pachtung oder sonst irgendwie den Benutzern des Grundstücks, sagen wir 20000 Mk. jährlich, abzunehmen, dann stellt er etwa folgende Berechnung an: mein Kapital muß mir 5 Pro⸗ zent Profit bringen; um 20000 Mk. Profit zu kriegen, müßte ich demnach ein Kapital von 400 000 Mk. haben; da das Grundstück mir 20 000 Mk. einbringt, ist es ebenso viel wert wie ein Kapital von 400 000 Mk., es ist 400 000 Mk. wert. Sobald nun entweder die Gewinnchancen oder der Prozent⸗ satz des Kapitalprofits wechselt, ändert sich damit auch der Wert des Grundstücks, während bei jeder durch Arbeit ge cchaffenen Ware der Wert nur durch Aenderungen ihrer Pro duktion, also der auf sie zu verwendenden Arbeit wechselt.

Gerade gegenwärtig gehen in Preußen Dinge vor, die den Bodenbesitzern handgreiflich zu Gemüte führen, wie wenig real, wie rein fiktiv derWert ihres Boden ist. Be⸗ lanntlich hat die preußische Regierung dem Landtag einen Gesetzentwurf zur Besserung der Wohnungsverhältnisse vor⸗ gelegt. Die Besserung kann im wesentlichen nur dadurch er reicht werden, daß die Ausnützung des Bodens bei Wohn bauten eingeschränkt wird. Dann kann aber nicht so viel Gewinn herausgeholt werden, und sofort ist derWert des Bodens bedroht. Wie weit das geht, dafür haben die Gegner des Gesetzes folgenden Fall aus der Praxis mitgeteilt:

Am 6. Sepetmber 1911 ordnete die Charlottenburger Polizei für ein bestimmtes Terrain eine neue Bebauungs- weise an. Bis dahin durften fünfstöckige geschlossene Bauten mit Ausnutzung von 75 Prozent der Grundstücke aufgeführt werden, jetzt gilt offene Bebauung mit nur drei Stockwerken und Ausnutzung von nur 30 Prozent der Grundfläche. Was war die unmittelbare Folge? DerWert des ganzen Ter rains sank mit einem Schlage bis unter die Hälfte! Ein Teil des Geländes, das aus einem Park bestand, war vorher ver kauft worden, und zwar, weil der Käufer es parzellieren und zu Bauzwecken weiter verkaufen wollte, zum Preise von 350 Mark pro Quadratrute. Das hatte bei 10000 Quadratruten Größe einenWert von Millionen Mark ergeben. Wie fast immer bei solchen Geschäften, war nur ein Teil der Summe bar bezahlt worden, für den Rest in Höhe von 2 600 000 Mk. wurden Hypotheken gegeben. Nun kam die neue Bauordnung, der Besitzer machte unweigerlich Bankerott, und der Zwangsverkauf brachte einen Preis von 1773 000 Mark, sodaß längst nicht einmal die Hypotheken gedeckt wurden.

Fälle wie dieser, die das Vermögen des Terrainhändlers aus äußeren Anlässen entweder gewaltig anschwellen oder ins pure Nichts versinken lassen, bilden keine Ausnahme und zeigen wohl zur Genüge, was es mit dem angeblichenWert des Bodens auf sich hat.

Sozialdemokratische Bildungsarbeit.

Zu den zahlreichen bürgerlichen Zeugen für die Ueberlegenheit des sozialdemokratischen Proletariats als Kunstgemeinde gesellt sich Buchwald, der in der Zeitschrift Tat schreibt:

Vor ein paar Jahren wurden rasch hintereinander zwei Dramen, von Eulenderg und Schmidtbonn, bei ihren Urauf⸗ führungen vom Berliner Publikum abgelehnt, darauf aber in der Wiener Freien Volksbühne beifällig aufgenommen, und dies aner⸗ kennende Urteil hat sich mindestens in dem einen Fall Eulen⸗ bergsNatürlicher Vater inzwischen als entschieden zutreffend