Ausgabe 
1-30 (24.3.1914)
 
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sind es Schneedecken, die bis zu vielen Metern Höhe auwachsen können. Bildet der Untergrund dagegen eine schiefe Ebene, so kommt immer mehr, je stärker der Neigungswinkel ist, die Wand- formation zur Geltung, wobei die Schneemassen nicht nur den Untergrund belasten, sondern auch auf ihre eigene Basis einen starken Druck ausüben.

Die Technik der schiefen Wände wird einem am ehesten klar, wenn man bei Gebirgsbahnen die oft sehr hohen Befestigungen des Bahnkörpers betrachtet, die aus der Talrinne bis hinauf zur Ge leisanlage sich erstrecken und aus lose auf dem schiesen Hang über⸗ einandergelegten Steinen bestehen. Im Anfang des modernen Berg bahnbaues, als die Arbeiter mit der Technik dieser Zyklopenmauern noch nicht vertraut waren, geschah es manchmal, daß ein oder mehrere eingefügte Steine an der Basis durch die über ihnen ruhende Last herausgedrückt wurden, so daß der ganze Steinbeleg 80 dem schiefen Hang ins Rutschen kam und in sich zusammen

irzte.

Genau so entstehen, mikrotechnisch gedacht, Lawinen, wenn die lose Struktur einer auf einem stark geneigten Hang aufliegenden Schneewand unten in der Talrinne an ihrer Basis durch Fußgänger oder Skiläufer gestört wird, wie es der Fall bei der verschütteten Patrouille war. Es werden dabei viele Millionen der kleinen Kristalle, die den Schneebelag von unten bis oben in stabilem Gleichgewicht erhalten, aus ihrer stützenden Position entfernt. Der nachrutschende Schnee, der die durch den Ski eingeschnittenen Zwischenräume ausfüllt, bringt alsdann den losen Aufbau der ganzen Schneewand in Unordnung und. in Bewegung, so daß der gesamte Schneebelag oder Teile von ihm mehr oder weniger rasch abrutschen, abfließen, abkollern, abstäuben, je nach Beschafsenheit des Schnees und dem Neigungsgrad des Hanges.

So entsteht, grob schematisch geschildert, eine Lawine, in diesem Fall durchLostreten, wie der bergsteigerische Ausdruck lautet. Natürlich kann eine Lawine auch durch Störungen in ihrem oberen Teile zustande kommen: doch müssen die dabei wirkenden Kräfte um so stärker sein, je mehr sich der Lawinen bildende Vorgang dem obersten Bande des Schneebelags nähert. In diesem Fall sind abstürzende Steine oder auch die Trümmer von zusammenstürzenden Eistürmen die Veranlassung zu Lawinen. Diese gehen jedoch auch von selbst nieder, wenn der Reibungswiderstand zwischen Schnee belag und seiner Unterlage nicht mehr groß genug ist, um die auf dem Hang lagernden Schneemassen zu halten, von deren Gewicht sich der Laie keine zutreffende Vorstellung machen kann. So seder⸗ weich und flaumleicht die fallende Flocke sich ansieht, so brutal ist die Macht ihres Druckes wenn sie in gewaltigen Schneelagern die winterlichen Berge schmückt. Ein Kubikmeter frisch gefallenen Schnees wiegt durchschnittlich 80 Kilogramm. Sein Gewicht steigt, je mehr er sich setzt. Zusammengepreßter Altschnee hat schon das Gewicht von 500 bis 600 Kilogramm auf den Kubikmeter. Von dem Druck, den ein auf ein Meter hohem Altschnee stehender Ski⸗ läufer auf den Boden ausübt, ist der des Menschen selbst der aller⸗ geringste: denn das mit seinen Skiern gemessene Quadrat Erdboden trägt ungefähr die Last von zwölf Zentnern. Angesichts dieser nüchternen Zahlen verschwinden ein wenig die schönen poetischen Vorstellungen von der bräutlich weißen Decke, die der Winter über die Berge legt. Sie ist zu schwer, um darunter zu schlafen, und der. den die Braut umarmt, der erstickt unter ihren Liebkosungen. Die Lawinen sind die weißen, schlafenden Ungeheuer der Berge, und wehe dem, der sie weckt! Sie haben in ihren Bewegungen das Lauernde und Schleichende und im Angriff auf ihre Opfer das Heimtückische und Ueberraschende, das fast alle großen Raubtiere auszeichnet.

So wie bei allen Naturerscheinungen gibt es auch bei den Lawinen keine scharf von einander getrennten Formen und Arten, wohl aber bestimmte Grundtypen, die sich bei ganz cha rak⸗ teristischen Eigentümlichkeiten nicht verkennen lassen. Die schönste, aber auch gefährlichste aller Lawinen ist die trockene Neuschneelawine, die sich, wenn sie in ihrem Verlauf auf eine steile Absturzbahn kommt, zur Staublawine entwickelt. Sie entsteht nur, wenn bei starker Kälte viel Schnee in lockeren, trockenen Massen sich am steilen Hang anhäuft, besonders in der Form des sogenannten Schneeschilds. Ein Stockschlag oder ein Fußtritt gensigt, um die leichte Decke zum Bersten zu bringen, und nun gießt die Urne des Todes ihren weißen Schrecken über den Felshang hinab in den Abgrund.

Eine dem Schneeschild ähnliche Form latenter Lawinen sind die Schneebretter. Sie werden wahrscheinlich bei Schneetreiben aus lockerem, trockenem Schnee durch den Sturm, der an den dazu geneigten Stellen mit besonders konzentrierter Gewalt wirkt, zu⸗ sammengepreßt und liegen dann oft wie sehr dicke und fehr harte Deckel von großer Ausdehnung auf tiefen Lagern von weichem Schnee. Dem Ueberfahrenen erscheinen sie wie eine einladende und besonders günstige Gelegenheit, um nach langem Stampfen wieder einmal auf sicheren sesten Untergrund zu kommen. Aber wenn bei einem solchen Versuch das Schneebrett einbricht und in große Schollen zerspringt, die in die Tiese gehen, so fährt meistens auch der unter ihrer trügerischen Decke verborgene Schnee als Lawine ab.

Die gewaltigste, wenn auch nicht schönste Form ist die Grund⸗ oder Schlaglawine. Sie gehört zum alten Lawinenadel. Denn sie kann warten. Sie wächst von Schneefall zu Schneefall und hält . eee Haus mit ihren Kräften. Aber wenn im Frühjahr

tender Föhn die Luft erschüttert und die aus der Erde quellen⸗[f

den Wasser der ansehnlich dick gewordenen alten Lawinendame so⸗ Aaken den Grund unter den Füßen wegwaschen, dann kann shres Blefbens nicht mehr länger auf den Höhen fein. Sie kommt auf

dem glatten, glitschig gewordenen Untergrund in Bewe 0 und reißt im Zorn, da ihr das Gehe 2

Es ist hier nicht der Platz, um vom Schutze der Menschen, ins⸗ besondere der Hochtouristen, gegen Lawinengefahr zu reden. Nur das eine sei gesagt, daß der beste Schutz das Erkennen und Umgehen der Gefahr ist, was allerdings eine langjährige Schulung, eine gute Geländekenntnis und sehr viel von dem verlangt, was man Berg⸗ instinkt heißt. Was die Häufigkeit des Vorkommens von Lawinen betrifft, so hängt dieselbe natürlich in erster Reihe davon ab, ob die Winter schneereich oder schneearm sind. Kalte regnerische Sommer sind im Hochgebirge richtige Lawinensommer. Zieht man dabei in Rechnung, daß jeder etwa fiber 25 Grad geneigte Hang in den Alpen lawinengefährlich werden kann, so kann man sich schon eine Vorstellung davon machen, daß Lawinen etwas Häufiges in den Hochregionen sind. Die jetzt während der Frühjahrsstürme niedergehenden Grundlawinen sind Elementarereignisse, mit welchen der Gebirgler rechnet wie mit Hochwasser. Sie können jahrelang das Dasein ganzer Dörfer bedrohen, und welche dramatische Rolle eine Lawine im Schicksal der Bevölkerung eines ganzen Alpentals spielen kann, das hat J. C. Heer in seinem HochgebirgsromanAn heiligen Wassern wirkungsvoll geschildert.

Aus unserer Sammelmappe.

Wie man sich davon überzeugen kann, daß das Licht Wellen wirft. Die Freude des spielenden Jungen an den bunten Farben der von ihm geblasenen Seisenschaumkugel mündet gar bald in * Vater, warum entstehen auf der Seifenblase so schöne Farben?

In solch alltäglicher und harmloser Form spielt sich eine der größten Rätselfragen der Natur in unser Leben hinein und kein noch so scharfsinniger Kopf hätte auf solche Kinderfrage eine wirklich inhaltsvolle Antwort geben können. Heute ist uns das hübsche Spiel einer der zwingendsten Beweise für die Wellennatur des Lichts und damit ist für den Menschengeist geradezu ein 8 geöffnet, um in den geheimnisvollen Vau der Welt hinein- zusehen.

Was man Farbenspiel der Seisenblase nennt, bezeichnet die Wissenschaft als Interferenz- Phänomen und versteht darunter folgendes: Wenn der Weg des Lichtstrahls eine Wellen⸗ linie ist, dann muß es sich ereignen wie auch bei jeder Wasserwelle, daß zwei zusammentreffende Wellen sich verstärken, wenn beide im Siadium des Wellenberges zusammenprallen; sie werden aber in. 7 zusammenfallen, wenn ein Wellenberg auf ein Wellental f trifft.

Nun besteht das Licht, wie uns der Regenbogen fast nach jedem Gewitter vordemonstriert, aus einem Gemenge von sieben Farben. Jede dieser Farben hat eine andere Wellenlänge: am längsten sind die roten, am kürzesten die violetten und blauen Lichtwellen. Man hat diese Längen sogar gemessen und hat gefunden, wie L. Wunder in derNatur(1914) schreibt, daß jeder Lichtstrahl, der in Wellen von 11800 Millimeter schwingt, rot erscheint, jeder der in 13700 Millimeter langen Wellen dahinzieht, als violett sichtbar wird. Die Werte der anderen Farben liegen zwischen diesen Extremen. 2

Nun können wir zu unserer Seifenblase zurückkehren. Ein Lichtstrahl, der sie trifft, wird von ihrer spiegelnden Oberfläche zu⸗ rückgesendet. Ein anderer dringt in sie ein und wird von der Innenseite ihrer dünnen Haut gespiegelt. Auf seinem Rückweg in unser Auge ist er aber um die Dicke der Seifenblasenhaut gegen den ersteren Strahl im Nachteil. Diese beiden Wellen beeinträch⸗ tigen sich also, bald löschen sie sich aus, bald verstärken sie sich. Und dieser Vorgang läßt sich mit seinen Folgen leicht berechnen. 20 3. B. die Seifenblase 19600 Millimeter dick, so wird die Seifenblase grün erscheinen. Warum? Weil dadurch die roten Lichtstrahlen ausgelöscht werden. Sie sind, wie wir schon wissen, 1/1800 Milli⸗ meter lang, bei je 13600 Millimeter haben sie ihren Wellenberg, es stoßen von den gespiegelten zweierlei roten Strahlen also stets Berg und Tal ihrer Wellenbewegung zusammen mit dem Erfolg, daß das Rot ausgetilat wird, weil seine Wellen zum Stehen kommen. Uebrig bleibt nur seine Komplementärsarbe, nämlich das Grün, mit dem zusammen rot als weißes Licht erscheint. Es wird demnach, wenn auf die Seisenblase weißes, d. h. Tageslicht fällt, diese jetzt grün schimmern. 1

Nun bleibt die Wand der Seifenblase nicht eine Sekunde lan von gleicher Dicke. Wenn sich die Kugel vergrößert, wird 4 dünner, wenn sie sich verkleinert, verdickt sich ihre Wand. Woraus dann das wechselnde Spiel ihrer Interferenzfarben leicht zu ver⸗ . ist, kommen doch dadurch immer andere Wellenlängen in B racht. 1 1 So ist die Seisenblase der klassische Beleg für die Richtigkeit der Wellentheorie des Lichts geworden. Als aber die Wissenschast diesen Beweis in der Hand hatte, konnte sie den Schritt vorwärts wagen, und die Identität von Licht und elektrischen Wellen, kurz ge⸗ agt von Sonnenlicht und Elektrizität anehmen und gelangte da⸗ durch auf die Bahn der modernen. 1 10 dle Elektrizität das Urphänomen aller Aenderungen ist, die in unserem Bewußtsein alsErleben der Welt spiegeln. 5