Ausgabe 
1-30 (24.3.1914)
 
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wird. Dreihundert Männer, sagte jüngst ein konservativer Redner im preußischen Dreiklassenhause, beherrschen die Volkswirtschaft ganz Europas! Vierzehn Männer, konnte ein paar Tage später ein Sozialdemokrat hinzufügen, sind die Herren über achtzig Prozent aller im Ruhrrevier ange siedelten Bergarbeiter!

Dieser Despotie des goldenen Kalbs will die Sozial- demokratie durch eine großzügige Enteignungspolitik ein Ende bereiten. Darum wird sie eine Feindin des Eigen⸗ tums gescholten. Daß sie aber wegen ihrerFeindschaft gegen die bestehende Staats- und Rechtsordnung von niemandem fanatischer bekämpft wird als gerade von demselben so ent eignungslustigen Dreiklassenstaat das ist der Humor von der Geschichte!

Wie eine große Tageszeitung entsteht.

Die Berliner Morgenpost konnte vor einiger Zeit melden, daß e den 400 000. Abonnenten erhalten habe. Vierhunderttausend Übonnenten eines Blattes, das ist schon immerhin ein Ereignis und nachahmenswertes Ziel, des Schweißes der Edlen wert. Der Ver⸗ lag hat aus diesem Anlaß eine Festnummer herausgegeben, die recht interessante Beiträge enthält. U. a. unternimmt Dr. Albert Neu⸗ burger in einer Schilderung einen technischen Rundgang durch den ungeheuren Betrieb des Zeitungsunternehmens und gibt denen, die einen modernen Zeitungsbetrieb nicht kennen, ein anschauliches Bild von der Größe, der Vielseitigkeit und dem Interessanten einer Tageszeitung.

Ehe man mit dem Drucke beginnt, schreibt Dr. Neuburger, muß man natfirlich den zu druckenden Stoff beisammen haben. Aus allen Teilen der Welt strömt er in der Redaktion zusammen, an allen Orten sitzen einer oder mehrere der ständigen Berichterstatter und Korrespondenten, die brieflich oder telegraphisch und telephonisch alles melden, was sich an bemerkenswerten Dingen ereignet hat. Dazu kommt die riesige Schar der gelogentlichen Mitarbeiter, die Zohl der von Augenzeugen irgend eines Vorsalles einlaufenden und seitens der Redaktion gern honorierten Meldungen, dazu kommen die Beiträge der speziellen Mitarbeiter wie des ärztlichen, des militäri⸗ schen, des technischen, des kommunalpolitischen und wie sie alle heißen mögen. Des weiteren gesellt sich die Menge von sportlichen und Börsennachrichten usw. usw. hinzu kurzum, es läuft im Laufe eines Tages eine Unmenge von Manuskripten, von Korrespondenzen und Telegrammen ein. Um den gesamten Einlauf der Zeitung zu sichten, muß eine eigene Postzentrale geschaffen werden, die täglich etwa 15000 Postsachen behandelt.

Die Telegramme gehen dabei noch nicht einmal durch die Postzentrale. Es findet vielmehr ein direkter Verkehr mit dem Haupttelegraphenamt statt, der darin besteht, daß die Telegramme mit Hilfe dreier sogenannterFerndrucker in das Haus tele⸗ graphiert und dort von diesen Apparaten sofort in Schreibmaschi⸗ nenschrift niedergeschrieben werden. In umgekehrter Weise werden auch die von der Redaktion aus aufgegebenen Telegramme mit Hilse des Ferndruckers und ohne jede Verwendung von Boten an das Haupttelegraphenamt abtelegraphiert. Und dieser Telegramme sind wahrlich nicht wenige! Wo irgend etwas passiert, da müssen die Spezialberichterstatter zu sofortigen Recherchen aufgefordert, es müssen genaue Informationen eingeholt, es müssen eingehende Ver⸗ haltungsmaßregeln gegeben werden usw. usw. fast alles auf tele⸗ graphischem und telephonischem Wege.

So groß ist aber oft die Plötlichkeit der Ereignisse, daß auch in der Redaktion selbst tagtäglich, ja fast stündlich, die raschesten In⸗ formationen nötig sind. Um sie zu vermitteln, besitzt die Verliner Morgenpost ein besonderes Archiv, dessen technische Anordnung schon an und für sich ein vorbildliches Meisterwerk darstellt, ermög⸗ licht sie doch im Verlaufe von wenigen Minuten alles für einen plötz⸗ lich notwendig gewordenen Artikel Zweckdienliche zur Stelle zu schaffen. Nehmen wir an, es komme aus China die telegraphische Nachricht, daß irgend ein hoher Würdenträger, der vielleicht vor 10 Jahren einmal eine Rolle spielte, plötzlich gestorben sei. Wenn auch die chinesischen Korrespondenten sich sofort bemühen, Näheres zu er⸗ fahren und es unter großen Kosten zu telegraphieren, so würden in Anbetracht der weiten Entfernung diese Telegramme doch vielleicht nicht mehr rechtzeitig bis zur Fertigstellung der nächsten Nummer eintreffen. Da muß das Archiv eingreifen. Eine telephonische Be⸗ nachrichtigung und mittels eines ständig auf dem Laufenden ge⸗ boltenen, Hunderttausende von Nummern umfassenden Zettelkata⸗ loges ist in wenigen Minuten alles gefunden, was über den be⸗ treffenden Mann von Anbeginn seiner Laufbahn an geschrieben wurde, ja sogar Bildnisse aus seinen verschiedenen Lebensjahren oder von wichtigen Vorgängen, denen er beiwohnte, sind vorhanden. Noch sind keine fünf Minuten seit der Benachrichtigung des Archivs vergangen, und schon liegt das ganze Material in der Redaktion, wo es gesichtet und bearbeitet wird. Die Bilder aber gehen hinauf in die Zeichensäle, wo ständig hervorragende und gewandte Zeichner und Maler sitzen, die sie in einer zur Reproduktion geeigneten Form umzeichnen oder retouchieren. Dann wandert das so gewonnene Bild hinauf in das photographische Atelier in dem stets vier große Reproduktionskameras bereit stehen, die bei künstlichem Licht die Platten schaffen, nach denen der Druckstoff hergestellt wird Auf diese Weise ist es möglich, Nachrichten, die noch ganz kurz vor

Redaktionsschluß eingehen, mit eingehenden Erläuterungen und bild. lichen Darstellungen zu versehen.

Natürlich läßt sich diese Geschwindigkeit nur durch eine bis in das kleinste ausgedachte und nach großzügigen Gesichtspunkten durch⸗ Nut Regelung des inneren und äußeren Verkehrs bewerk⸗ stelligen. 1

Das ganze in der Redaktion bearbeitete Material strömt mit dem, was die Inseratenabteilung von sich aus oder aus den Filialen liefert, in der Setzerei zusammen. Es sei bemerkt, daß einzelne Nummern oft nicht weniger als 5500 verschiedene Anzeigen ent⸗ halten. Hier in den Setzersälen würde man nun niemals sertig werden, wollte man nach alter Weise die Texte mit der Hand schön gemächlich durch Aneinanderreihen von Buchstaben an Buchstaben herstellen. Nur jene Juserate, die in den mannigfachsten Zierschrif⸗ ten gesetzt werden, für die also sogenannterAkzidenzsatz nötig ist, werden in der Handsetzerei, wo eine außerordentlich reichhaltige Auswahl von verschiedenen Schriftarten aller möglichen Größe und Ausstattung zur Verflüsgung steht, angefertigt. Alles übrige, ins⸗ besondere aber der ganze textliche Inhalt der Zeitung, eutsteht auf Setzmaschinen, aufLinotypes, deren nicht weniger als 32 vorhanden sind. Die Einrichtung dieser Linotypes ähnelt der einer Schreibmaschine, nur mit dem Unterschied, daß hier nicht Papier⸗ bogen beschrieben werden, sondern daß Zeile um Zeile fix und fertig in Metall gegossen aus der Maschine herauskommt. Durch das An⸗ einaderreihen dieser Zeilen wird der fortlaufende Text gebildet. Man hat berechnet, daß zur Herstellung von 15 Textseiten nicht we⸗ niger als 520 000 Tastenanschläge auf den Linotypes nötig sind.

Ehe nun der Satz zum Druck geht, muß er korrigiert werden, was durch eine Anzahl von Korrekturen geschieht, die in einem besonderen Saal sitzen und dort eifrig auf Druckfehler fahnden. Wollte man nun die Abzüge des Satzes durch die Boten zu den Korrektoren und umgelehrt von diesen wieder nach dem Setzersaal schaffen, so würde hierdurch zu viel Zeit verloren gehen. Man hat deshalb eine besondere Schießvorrichtung angebracht, durch die die Korrekturabzüge aus der Setzerei nach dem Korrektorensaal geschossen merden. Natürlich schießt man nicht mit Pulver und Blei, sondern mit einer Art jener Maschinen, wie sie schon die alten Römer bei Belagerungen anwandten und die manKatapulte nennt. Früher machte man vom Satze mit Hilfe einer Bürste einen Abzug, den so⸗ genanntenBürstenabzug, an dem daun die Korrekturen angebracht wurden. Jetzt wird dieser Korrekturabzug mit Hilfe einer Maschine hergestellt, was bedeutend schneller geht. Dann gibt man ihn in eine Kapsel, und nun kommt die Kapsel an das Katapult, das oben an der Decke des Setzersaales angebracht ist, und von dem aus eine aus feinem Stahldraht bestehende Leitung durch Säle und Korridore hindurch nach dem Korrektorensaal läuft. Nach dem Auslösen der Abzugsvorrichtung des Katapultes fliegt die auf Rädern laufende Kapsel diese Schwebebahn en miniature am Stahldraht ent⸗ lang nach dem Korreltorensaal, von wo sie nach der Verbesserung des Satzes wieder auf dem gleichen Wege in die Setzerei zurück⸗ gelangt..

Sind hier die nötigen Korrekturen ausgeführt, so kann der Druck beginnen. Nun hat man aber ja nur ein einziges Exemplar des Satzes. Damit wiirde man nicht sehr weit kommen, wenn man 400000 Zeitungsnummern davon herstellen wollte. Es handelt sich also darum, den Satz zu vervielfältigen, so daß von einer ganzen Anzahl von Maschinen gleichzeitig weggedruckt werden kann. Zu diesem Zwecke macht man Bleiabgüsse des Satzes, sogenannte Stereotypplatten, die früher durch Handguß gewonnen wurden, wobei zur Fertigstellung einer einzigen Platte bis zu 15 Minuten nötig waren. Die Firma Ullstein u. Co. war die erste, die auf dem europäischen Kontinent eine Maschine aufstellte, durch die auch dieser Teil der Arbeit mit einer früher ungeahnten Geschwin⸗ digkeit besorgt wird. Diese Maschine, dieAutoplate, braucht noch nicht den dritten Teil von Personal und Zeit wie der alte Hand⸗ guß und liefert in der Minute drei vollkommen fertige Stereotyp⸗ platten. Für eine einzige Nummer werden oft 13001500 Druck- platten hergestellt, die etwa 16 500 Kilogramm wiegen. 8

Und nun bann nach all diesen Vorbereitungen der Druck be⸗ ginnen! Ehe wir auf seine Einzelheiten näher eingehen, sei bemerkt, daß alle Druckmaschinen durch eine eigene Maschinenanlage in Be⸗ trieb gesetzt werden, die aus drei Dampfmaschinen und einem Diefelmotor besteht, die zusammen 1200 Pferdestärken leisten. Den Dampf liefern vier große, im dritten Stockwerk auf⸗ gestellte Kessel, von denen einer stets zur Reinigung frei stehen 5 Die Kohle für dtese Kessel lagert im Keller des Hauses und wird mit Fahrstühlen nach oben befördert. Zum Antrieb der verschiedenen Maschinen dienen nicht weniger als 150 Elektromotoren. Auch die elektrische Beleuchtung des ganzen Hauses und aller Ar⸗ beitsräume wird durch eine eigene Elektrizitätsanlage geliefert.

Natürlich sind die zur Verwendung kommenden Druckmaschinen stets sosche des allerneuesten Systems und von der höchsten Leistungs⸗ fähigkeit. Es sind nicht weniger als 39 Zeitungs⸗ und Jl⸗ lustrations⸗Rotationsmaschinen vorhanden, von denen einzelne auf einmal 6496 Zeitungsseiten zu drucken vermögen, wo⸗ bei sie inder Stunde 12000 Exemplare fertigstellen. Ein gewaltiges Farbereservoir ist mit sämtlichen Maschinen verb! 5 und führt ihnen ständig die zum Druck nötige Schwärze zu. Außer den Schnellpressen sind noch 120 Hilfsmaschinen der verschi 3 Art vorhanden. 7 5 3 225

Von der gewaltigen Größe der Maschinena, kaun man sich dann am besten einen Begriff machen, wenn man bedenkt, da eigene Waschanstal muß

b elne t te, die lediglich dem o en cinen verwenteten Maschlneuticher

Zwecke dient, die an den 3