für diese sehr interessante und medizinisch bedeutsame Frage ge⸗ wonnen, über die er in der Umschau berichtet.
Die erste zu erfüllende Aufgabe war die Auffindung einer ganz zuverlässigen Methode für die Zählung der Blutkörperchen und für die Bestimmung des Hämoglobingehalts. Das Blut besteht bekannt⸗ lich aus einer Plasma genannten farblosen flüssigen Substanz, in der die roten und die weißen Blutkörperchen schwimmen. Die roten Blutkörperchen sind winzige Scheiben von 0,008 Millimeter Durch⸗ messer; in 1 Kubikmillimeter Blut sind ihrer 5 Millionen und in einem Menschen etwa 16 Billionen enthalten. Die roten Blut⸗ körperchen bestehen zum größten Teil aus Hämoglobin, einem sehr kompliziert zusammengesetzten Eiweißkörper. Das Hämoglobin be⸗ sitzt infolge seines Eisengehaltes die Fähigkeit Sauerstoff aus der Luft aufzunehmen und diesen dann an die Gewebe abzugeben. Das Hämoglobin, das dem Blut seine rote Farbe gibt, bietet dem Sauer⸗ stoff eine Fläche von nicht weniger als 2048 Kubilmeter in einem Menschen. Die an Zahl viel geringeren, aber größeren weißen Blutlörperchen bilden die Schutztruppe, die den Organismus gegen den Uebersall feindlicher Lebewesen(Bakterien) zu verteidigen und unlösliche Stoffe fortzutransportieren haben.
Prof. Dr. Bürler hat nun an vier Versuchspersonen, deren eine er selbst war, im Jahre 1910 von Mitte August bis Mitte September täglich Versuche angestellt, deren Resultat das war, daß das Höhen⸗ klima eine entschiedene Wirkung auf das Blut hat, indem unter seinem Einfluß die Blutkörperchenzahl und der Hämoglobingehalt nicht nur relativ, sondern auch absolut zunahmen. Die Versuche wurden auf der 1874 Meter hoch gelegenen Schatzalp gemacht; als Vergleichsort diente Tübingen, das 314 Meter über dem Meere ge⸗ legen ist. Alle Fehlerquellen waren ausgeschaltet. Von den 4 Ver⸗ suchspersonen machten drei den Höhenwechsel durch, während eine dauernd in der Höhe blieb. Die Versuchsperson 1 zeigte in Tü⸗ bingen 4,95 Millionen rote Blutkörperchen in 1 Kubikmillimeter Blut, in der 1. Weche auf der Schatzalp stieg der Gehalt auf 5,36 Millionen, in der 2. auf 5,50, in der 3. auf 5,46, in der 4. auf 5,52; er sank in der nächsten Woche nach der Rückkehr nach Tübingen zu⸗ nächst auf 5,26 Millionen, um in der übernächsten auf 5,70 zu steigen. Die übrigen Personen reagierten ähnlich, wenn auch nicht ganz so kraß. In gleicher Richtung variierte der Gehalt an Hämoglobin.
Wie ist nun diese Erscheinung zu erklären. Je höher hinauf, desto dünner wird die Luft, desto geringer also auch die den Lungen zur Verfügung stehende Sauerstoffmenge. Außerdem trennt sich bei geringerem Luftdruck der Sauerstoff leichter vom Hämoglobin. In⸗ folgedessen leidet der Organismus Sauerstoffhunger im Hochgebirge. Der Körper sucht nun diese Schädigungen auszugleichen, indem er die Zahl der roten Blutkörperchen und damit ihre aufnahmefähige Fläche vermehrt und gleichzeitig den Hämoglobingehalt im Blut steigert. Wir haben also in der beobachteten Erscheinung eine Schutz⸗ anpassung zu sehen. Die für den Organismus günstige Wirkung hält aber, wie die Versuche erwiesen haben, auch noch im Tiefland an, wenn auch zunächst ein Rückgang an roten Blutkörperchen und Hämoglobingehalt stattfindet, sodaß der Gewinn für den Organis⸗ mus ein dauernder oder wenigstens eine gewisse Zeit dauernder ist. Somit wäre der Wert des Aufenthaltes im Hochgebirge für Leute mit schlechter Blutzusammensetzung, Bleichsüchtige, an Stoffwechsel⸗ krankheiten Leidende erwiesen.
Der Mann ohne Gehirn. Die Aufklärung der Gehirntätigkeit ist der höchste Ehrgeiz der Naturwissenschaften, die sich mit dem Studium des menschlichen und tierischen Körpers beschäftigen. Unter allen Aufgaben, die sich darauf beziehen, ist die wichtigste wiederum die Feststellung des Sitzes der verschiedenen geistigen Fähigkeiten im Gehirn. Die Erfolge, die in dieser Richtung erstritten worden sind, haben sich über ein bescheidenes Maß bisher nicht erhoben, und auch in diesem Umfang scheinen sie noch unsicherer zu sein, als im allge⸗ meinen zugegeben wird. Als der größte Triumph der Gehirn⸗ forschung galt immer die Entdeckung des Sprachzentrums in der Brocaschen Windung, die unter den Stirnwindungen die dritte auf der linken Seite ist. Daß dort das Sprachvermögen seinen Sitz hat, ist daraus geschlossen worden, daß mit der Zerstörung oder Ver⸗ letzung dieses Gehirnteils ein Verlust oder eine Schädigung in der Sprache eintritt. In den letzten Jahren ist auch diese Lehre er⸗ schüttert worden, und Dr. Robinson hat jetzt der Pariser Akademie der Wissenschaften einen vielleicht einzigartigen Fall vorgelegt, der noch mehr zur Vorsicht in der Beurteilung der geistigen Obliegen⸗ heiten der einzelnen Gehirnteile mahnt. Ein älterer Mann, der einer sogenannten Bluterfamilie angehörte, hatte eine Wunde am Hinterkopf erhalten, die aber wider Erwarten wenig blutete. Der Unfall geriet infolgedessen in Vergessenheit, bis nach längerer Zeit eine Sehstörung eintrat. Außerdem war auch die Geisteskraft und das Gedächtnis etwas beeinträchtigt, ebenso die Sprache, während die anderen Sinne normal waren. Das Augenlicht nahm immer mehr ab. Schließlich, etwa ein Jahr nach dem Unfall, starb der Mann bei einem epileptischen Anfall. Bei der Oeffnung des Schädels wurde das Gehirn stark vergrößert gefunden, und bei einem Ein⸗— schuitt entleerte sich soviel Eiter, daß nur eine dünne Schale von Gehirnmasse übrig blieb. Die ersten Stirnwindungen, die Schläfen⸗ windungen, die des Seitenbeins und die des Hinterhaupts waren zum großen Teil zerstört, so daß es nach der bisherigen Auffassung von den Aufgaben der einzelnen Gehirnteile ganz unfaßlich erschien, wie dieser Mann mit einem so kleinen Gehirnrest fast ein Jahr ohne den äußersten geistigen Verfall zu leben vermochte. Ausgedehnte Gehirnzerstörungen ohne die erwarteten schlimmen Folgen sind in letzter Zeit auch von anderer Seite berichtet worden.
Der Unsichtbare. Es ist von eigenartigem Reiz und gewährt
des öfteren bemerkenswerte Einblicke, wenn man ein physikalisches“
Geseb auf Dinge anwendet, an denen man es nicht gewohnt ist. Als Röntgen seine neuen Strahlen entdeckte, die der Menschheit schon so unendlich viel Segen gebracht haben, war es für die meisten unmög⸗ lich, sich vorzustellen, wie Strahlen einen undurchsichtigen Körper durchdringen könnten. Dabei ist daran garnichts Merkwürdiges, denn die durchsichtigen Körper werden ja auch von Strahlen durch⸗ setzt. Eigentümlich ist höchstens, daß es gelingt, die durchgegangenen Strahlen sichtbar zu machen, sodaß man nachher Schattenbilder des durchsetzten Körpers zu sehen bekommt. In der Tat tritt eine unter⸗ schiedene Schattenwirkung ein, derart, daß alle Unterschiede in der Dichte zum Ausdruck gelangen. Dünne oder zarte Fleischtesle werden allerdings so gut wie ganz unsichtbar. Auch bei den gewöhnlichen Lichtstrahlen ist das der Fall. Wirft man z. B. gewisse Glassorten ins Wasser, so werden sie darin ganz unsichtbar. Der Grund dafür ist darin zu suchen, daß das Licht beim Uebergange aus dem Wasser in den betreffenden Körper keine Brechung, keine Zurückwerfung usw. erleidet. Ist das im Wasser liegende Glas von derselben optischen Dichte wie das Wasser, d. h. bricht es den eintretenden Lichtstrahl genau ebenso wie Wasser, so kann man das Glas nicht sehen, gleichgültig, welche Form es hat.
Diese optische Tatsache hat ein englischer Schriststeller benutzt, um eine groteske Geschichte aufzubauen.(H. G. Wells, Der Unsicht⸗ bare. Deutsch von Winternitz. Julius Hoffmann Verlag Stuttgart. Preis geh. 3 Mk.) Er läßt einen Physiker Griffin dazu gelangen, sich durch chemische Prozesse unsichtbar zu machen, und schildert nun die Erlebnisse dieses Mannes. Griffin hatte große Vorteile davon erhofft und muß nachher erfahren, daß das keineswegs der Fall ist. Er kommt in Situationen, die ihn immerwährend gefährden, und als größtes Hindernis steht ihm die Unwissenheit und der Unver⸗ stand der Menschen entgegen, sodaß er daran schließlich, und zwar sehr bald, zugrunde geht, nachdem er nichts als Unheil anzustiften vermocht hat. Wells hat es verstanden, die ganze Geschichte in die Form eines spannenden und witzigen Romanus zu kleiden. Es ist sehr lustig zu erfahren, wie alles ganz anders ist, als man sich vor⸗ stellt, wenn jemand unsichtbar ist, weil er ja nichts anderes ift, als daß sein Körper unsichtbar wird. Er kann nicht fliegen oder durchs Schlüsselloch wandern, während man immer geneigt ist, der Unsichtbarkeit auch diese luftigen Eigenschaften zuzuschreiben. Hunde wittern den Unsichtbaren. Man kann ihn fassen und halten, er kann fassen und halten, seine Kleider umhüllen ihn wie einen anderen Menschen, man sieht sie auch, nur von seinen Gliedmaßen kann man nichts sehen. Alles was er trägt, schwebt scheinbar in der Luft. Wenn er etwas entwendet, sieht man den entwendeten Gegenstand sich fortbewegen, ohne gewahr zu werden, wie das geschieht. Wenn der Unsichtbare Nahrung zu sich nimmt, so ist die Nahrung auf ihrem Wege sichtbar und bleibt es, bis sie sich dem Körper assimiliert hat, bis sie also verdaut ist, ja, mancher Umstand läßt sich hier nur schlecht erörtern, z. B. der, daß sich doch nicht alle Nahrung assimi⸗ 1 daß diese solange sichtbar bleibt, wie sie sich im Körper
efindet.
Solche Tatsache als Grundlage eines Romanus zu nehmen, hat unleugbar den Vorzug eine ganz neue Nuance in die Unterhaltungs⸗ lektüre zu bringen. Jules Verne und andere haben das ja schon mit glänzendem Erfolge getan. Wenn's richtig geschieht, so ist daran für viele etwas zu lernen, ganz abgesehen von den eigenartigen Reizen des Grotesken, zu dem sich alle solche Geschichten auswachsen müssen. Es liegt auf der Hand, daß man unter Zuhilfenahme und Kombinationen gewisser vhnsikalischer Tatsachen noch viel tollere Geschichten ersinnen kann, Geschichten, die jedenfalls vor den reinen Gespenstergeschichten den Vorzug haben, daß sie eine annehmbare Grundlage besitzen und nicht völlig in der Luft hängen. Man braucht nur ins Makrokosmische oder ins Mikroskopische zu gehen, um da schon Erscheinungen und Verhältnisse kennen zu lernen, die uns 7 eigentümlich erscheinen, daß sie für unsere Verhältnisse und Maß⸗ stäbe ganz außerhalb der Wirklichkeit zu liegen scheinen, während sie doch wahr sind. F. Linke.
Die Desinsektionskraft der Metalle. Durch sehr eingehende Ver⸗ suche mehrerer Forscher ist sestgestellt worden, daß Metalle und deren verschiedene Legierungen sowie gemünztes Geld rasch und energisch Keime vernichten. Alle Versuche ergaben, daß Kupfer die stärkste bakterientötende Kraft besitzt, dann kommt Messing, auf welche Silber und Gold folgen; hieran schließen sich die anderen Metalle in ab⸗ steigenden Verhältnissen an. Die Frage, ob die Metalle nur als reines, also blankgeputztes, oder auch mit ihren Ueberzügen aus Oryd und Schmutz diese keimtötenden Eigenschaften habe, beant⸗ wortet Prof. Bitter dahin, daß das schmutzigste Zweipfennigstück, die viele Wochen nicht geputzte Türklinke ebenso die Kraukheitskeime tötet, wie ganz neue, nie gebrauchte Gegenstände gleicher Zusam⸗ mensetzung. So ergibt sich die sichere Tatsache, daß wir in den M⸗ tallen und deren Legierungen Körper besitzen, die dank ihrer bak« terientötenden Eigenschaften der Verschleppung von Krankheitser⸗ regern auf den von ihnen gesertigten Gegenständen einen energi⸗ schen Widerstand entgegensetzen. Es steht fest, daß die Krankheits⸗ erreger auf den aus Metall gefertigten n e rascher zugrunde gehen, wie auf den aus anderen Materfalien, z. B. aus Holz gefertigten, und die kleineren, am meisten im Verkehr be⸗ findlichen Münzen desinfizieren am besten. Immerhin muß be⸗ sonders bei Epidemien mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß eine Uebertragung von Krankheitskeimen eintreten kann und gerade die aus Zinkblech, Stahl und Zinn hergestellten gewöhnlichen Eß⸗ geräte desinfizieren am wenigsten, auch das emaillierte Blech und Eisen verhält sich nicht besser.
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