Ausgabe 
1-30 (17.3.1914)
 
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Wissenistsnacht

Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Polkszeitung

Nummer 11

Niensfag, den 7. März 1914

3. Jahrgang

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Will der Sozialismus teilen?

Wenn einmal die Geschichte des sogenanntenKampfes mit geistigen Waffen geschrieben werden wird, den die bür gerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie führen, so wird sich dabei herausstellen, daß wie jedes andere Ding auch die Lüge dem Wechsel der Mode unterworfen ist. Nach Ibsen wird eine solide Wahrheit dreißig Jahre alt, glücklicherweise hat aber auch der Schwindel eine begrenzte Lebensdauer, und darum würden sich die meisten Gegner heute doch schämen, den alten Unsinn ihrer geistigen Vorfahren zu wiederholen, daß die Sozialdemokratie durch eine große Teilerei die allgemeine Glückseligkeit herbeiführen wolle.

Dies alte Mißverständnis soweit es sich um ein solches und nicht um einn bewußte Irreführung handelte war auf die Mißdeutung eines nationalökonomischen Be griffs zurückzuführen, der jedem volkswirtschaftlich Gebildeten geläufig ist. Weil die Sozialisten aussprachen, daß sie eine andere Güterverteilung wollten, nahm man an, daß nach dem sozialistischen Plan alle Güter auf einen Haufen gelegt und in gleichen Teilen verteilt werden sollen. Die so dachten, wußten nicht, daß in jeder Gesellschaftsordnung eine be stimmte Art derGüterverteilung stattfindet, nicht im roh mechanischen Sinn einer allgemeinen Aufteilung, wohl aber im Sinn einer organischen Ueberleitung bestimmter Güter mengen an alle einzelnen Mitglieder der Gesellschaft. Und was der Sozialismus anstrebte, war eben auch keine mecha⸗ nische Güteraufteilung, sondern eine Regulierung der schon bestehenden Güterverteilung nach sozialistischen, statt nach kapitalistischen Grundsätzen.

In jenen Zeiten war es ein Hauptargument der So zialistengegner, daß sich bei der Geringfügigkeit des all gemeinen sogen.Nationalvermögens im Verhältnis zur Kopfzahl eine allgemeine Teilung überhaupt nicht verlohne. da der auf jede Einzelperson entfallende Teilbetrag viel zu klein sei. Tausendmal wurde die Anekdote vom alten Baron Rotschild erzählt, der von einemsozialistischen Arbeiter aufgefordert wurde, mit ihm zu teilen, und der daraufhin seinem Widerpart ein Markstück überreichte mit den Worten: Ich habe vierzig Millionen Mark, Deutschland hat vierzig Millionen Einwohner, also kommt auf jeden eine Mark: Hier ist sie! Ueberhaupt war es ein Sport, möglichst geringe Beträge auszurechnen, die bei einer allgemeinen Verteilung des Nationalvermögens auf jeden einzelnen ent⸗ fallen würden, und es war schon ein Fortschritt, als der liberale Volkswirtschaftler Alexander Meyer den berühmtengoldenen Kaffeelöffel erfand, den er als ideelles Eigentum jedem Deutschen zuerkannte.

Diese alten Geschichten werden jetzt wieder in der Er innerung lebendig, wenn man in einer jüngst erschienenen Schrift von Arnold Steinmann⸗Bucher eine umständliche Berechnung liest, nach der das deutsche Volksvermögen zur Zeit 376 bis 396 Milliarden Mark betragen soll. Der Berliner Nationalökonom Gustav Schmoller hatte in früheren Jahren den immer schon ganz anständigen Betrag von 200 Milliarden errechnet. Diese Schätzung wurde dann wieder vom Direktor der Deutschen Bank, Dr. Helfferich, überboten, der das ge⸗ samte Vermögen des deutschen Volkes auf 331 bis 332 Milliarden angab, während nun Steinmann-Bucher aber mals zu einem weit höheren Betrag kommt.

Nehmen wir einmal an, es wäre mit dem Märchen von der sozialistischen Teilerei ernst, so kämen wir heute zu ganz

anderen Ziffern als die Gegner von anno dazumal. Denn nach den Angaben von Steinmann-Bucher entfielen auf jeden Kopf der Bevölkerung rund 6000 Mk., auf eine fünfköpfige Familie käme im Durchschnitt ein Vermögen von rund 30 000 Mk. Man sieht, aus dem goldenen Kaffeelöffel Alexander Meyers ist schon eine ordentliche goldene Suppen⸗ kelle geworden, und das einfache Teilen würde sich für die ungeheure Mehrheit der Bevölkerung ausgezeichnet lohnen wenn es(was die Sozialisten nie behauptet haben) tech- nisch durchführbar wäre. Jeder Deutsche könnte dann ein eigenes Häuschen besitzen und dort mietfrei wohnen, und mit jedem Kinde würden ihm weitere 6000 Mk. zuwachsen: ein ausgezeichnetes Mittel, den Geburtenrückgang aufzu⸗ halten!

Was will nun die Sozialdemokratie in Wirklichkeit? Sie will nicht und sie kann nicht das deutsche Volksvermögen in 65 Millionen kleine Anteile zerschlagen, wohl aber will sie, daß dieses sogenannte Volksvermögen ein wirkliches Ver mögen des ganzen Volkes werde, während es sich jetzt zum größten Teile in den Händen einer kleinen Minderheit be findet. Sie will keine Vermögenstei lung, sondern eine Vermögenssammlung in den Händen der organisierten Allgemeinheit, und sie will an Stelle des heutigen Systems der Güterteilung, die das Produkt der Arbeit zwischen Ar beiter und Kapital ist, ein anderes System der Güterver teilung, das den Anteil des arbeitslosen Kapitalbesitzers be⸗ seitigt und ihn der Masse der Arbeitenden zugute kommen läßt.

An diesem Punkte stößt man auf einen andern Irrtum der Sozialistenbekämpfung, wonach die sozialistische Güter verteilung nur die körperliche Arbeit berücksichtigen will, während angeblich die geistige Arbeit leer ausgehen soll. Dieser Unsinn wird jetzt noch vielfach in antisozialistischen Reden und Schriften gepredigt, aber hoffentlich kommt bald die Zeit, wo auch er so lächerlich geworden sein wird, daß jeder Gegner sich schämen wird, ihn vorzubringen. Denn von Anfang an ist ja gerade der Respekt vor der geistigen Arbeit ein hervorstechendes Kennzeichen der sozialistischen Arbeiter bewegung gewesen; der weitschaffende Charakter der geistigen Arbeit ist auch niemals von einem sozialistischen Theoretiker verkannt worden. Dagegen hat sich die sozialistische Lehre freilich desto entschiedener gegen die Unterstellung gewendet, als ob das arbeitslose Kapitalseinkommen der Lohn für ge- leistete geistige Arbeit wäre.

Der Sozialismus will, daß jede Arbeit, die des Hirns wie jene der Hand, mit dem Anspruch auf eine menschen⸗ würdige Existenz belohnt werde. Er will dieses Ziel er⸗ reichen durch eine vernünftige Organisation der Güter⸗ erzeugung, die eine weitere Steigerung der menschlichen Produktivkraft ermöglicht, und durch die Beseitigung der arbeitslosen Rieseneinkommen, die heute einen nicht un⸗ beträchtlichen Teil des allgemeinen Volkseinkommens ver⸗ schlingen. Heute kann man nicht mehr sagen, daß alles Ver⸗ mögen der Besitzenden, in die ungeheure Masse der Armut geschüttet, nur wirken würde wie der Tropfen auf dem heißen Stein. Wir müssen vielmehr mit der Tatsache rechnen, daß sich in diesem Deutschen Reich, dessen Bevölke⸗