1 Und wenn schon die Kirche, der er im Franziskanerorden an-
unsere sonst so jubiläumssüchtige Zeit seiner ganz vergaß, so wird doch wenigstens das werktätige Volk, aus dem er hervor⸗ ging und für dessen Wohlfahrt er arbeitete und litt, ihm eine Stunde des Gedenkens weihen, wenn es erfährt, mit welcher Genialität Roger Bacon für den Fortschritt und ein menschen⸗ würdiges Dasein des Volkes 1
Schuld auf jene Leute abzuwälzen, muß nach den Ergebnissen der Regierungsenquéte doch als gründlich mißglückt angesehen werden. Kommisstoncre und Blehhändler sind, so lange sie nicht genossen⸗ stlich ersetzt werden können, unentbehrlich. Eine übermäßige erung durch die Viehhändler konnte jedenfalls nicht estgestellt werden. Die Zahl der Ladenfleischer aber hat sich im ltnis r Bevölkerung seit 40 Jahren nicht vermehrt. Im Gegenteil. amen 1875 noch 160 Fleischereigeschäste auf 100 000 Einwohner, so 1907 nur noch 138. Allerdings ist die Zahl der Erwerbstätigen im Fleischergewerbe gestiegen und zwar auch im Verhältnis zur Be⸗ völkerung(1882: einer auf 871 Einwohner, 1907: einer auf 280), aber dafür ist auch der Fleischkonsum, vor allem auch in den länd⸗ lichen Gegenden, nicht unwesentlich gewachsen.
Ebensowenig kann eine Rede davon sein, daß, wie manchmal be⸗ hauptet wird, die zu hohen Gebühren der Schlachthäuser die Schuld an der Teuerung tragen. Es wurde in der Diskussion mit Recht
rvorgehoben, daß der Ueberschuß der Städte aus dem Betrieb der
lachthäuser nur gering ist und kaum Über Verzinfung und Amor⸗ tisation des Kapitals hinausgeht. Ebensowenig konnte die Kom- mission den Anschauungen beipflichten, die in den wachsenden An— Ipriichen auch der minderbemittelten Bevölkerung in Bezug auf gute Stücke oder in der eleganteren Ausstattung der Läden die eigent⸗ lichen preisverteuernden Momente sehen.
Eine Abhilfe gegen das Uebel kann also nur die planmäßige Steigerung der Produktion, resp. die Erleichterung der Einfuhr bringen. Daneben können allerdings auch aufgenosfenschaft⸗ lichem Wege die Viehvermittlung und der Fleischverkauf rationell organistert werden. Conrad hält von dieser Tätigkeit der Genossen⸗ schaften ziemlich viel. Es würde sich dabei zunächst um Viehver⸗ wertungsgenossenschaften handeln, die den Landwirt vom Händler unabhängig machen. In Hannover gibt es 102 solcher Genossenschaften, die in einem Jahre für 45 Millionen Mark Vieh verkauften. Freilich ist die Tendenz dieser Organifationen die, den Gewinn den Landwirten zuzuführen. Sodann kämen Maßnahmen wie die in Ulm auf Anregung des Prof. Falcke durchgeführte in Be⸗ tracht. Die Stadt Ulm hat mit den Landwirten der Umgebung einen Kontrakt geschlossen, kraft dessen diese der Stadt alljährlich ein be⸗ stimmtes Quantum Schweine zu einem auf 5 Jahre festgesetzten Preis zu liefern haben. Die Tiere werden dann mit einem kleinen Aufschlag an die Metzger weitergegeden. Am rationellsten läßt sich die genossenschaftliche Organisation da verwerten, wo sie im In⸗ teresse des Konsums zu wirken hat. Prof. Conrad hebt anerkennend die großen Fleischereibetriebe der Konsum vereine hervor, von denen der in Hamburg(Produktion) 1911 einen Umsatz von 5 Millionen Mark hatte. Er will auch nichts davon wissen, daß man mit Rücksicht auf die Händler diese Betriebe einschränken solle, da nur diejenigen Erwerbstätigen eine volkswirtschaftliche Be⸗ rechtigung haben, die mehr leisten, als es die Konsumenten selbst vermögen. Aber obwohl er selbst es als ein Hauptergebnis der Enguste bezeichnet, daß die Genossenschaften auf diesem Gebiete außerordentlich günstige Existenzbedingungen haben, so glaubt er in seinem liberalen Herzen doch nicht an die Möglichkeit oder auch nur Wünschbarkeit einer Verallgemeinerung der genossenschaftlichen Fleischversorgung, wie überhaupt der genossenschaftlichen Warenver⸗ sorgung. Eine solche würde, meint er, dem individualistischen Be⸗ dürfuis des Menschen zuwiderlaufen.
Wir wollen ilber diesen Punkt nicht mit ihm rechten, zumal ste ja hier auch nur Ansichten gegen Ansichten stellen lassen, über deren Richtigkeit oder Unrichtigkeit nur die Zukunft entscheiden kann. Ebensowenig vermögen wir natürlich auch seinen Schrecken vor einem Zustand zu teilen, den er als das unausbleibliche Ende der „Schraube ohne Ende“ bezeichnet, in der sich heute unsere Landwirt⸗ schaft bewegt. Die Agrarjer fordern höhere Zölle: diese steigern den Ertrag ihrer Güter und vermehren damit den Wert ber Güter. Da aber dieser Wert bei neu erworbenen Gütern in den Produkt- preisen wieder verzinst werden muß, so ist die Folge: Forderung erhöhter Zölle. Conrad fürchtet, daß diese Schraube ein Ende linden werde durch das Eingreifen der Staatsgewalt, zunächst durch Preistaxen, dann durch Verstaatlichung von Grund und Boden. Damit hätten wir aber die Grundlage zum sozialistischen Staat. Uns schreckt diese Aussicht, wie gefagt, nicht. Trotzdem sind wir be⸗ reit, allen Maßnahmen zuzustimmen, die eine Zuspitzung der Gegen⸗ sätze bis zu einem Punkte verhindern können und wir freuen uns, in Prof. Conrad einen so sachkundigen Vertreter aller von uns schon läugst aufgestellten Forderungen erhalten zu haben.
Ein Naturforscherschicksal vor 700 Jahren. Von H. Falkenfels. Im Jahre 1914 jährt es sich zum siebenhundertsten Male, daß Roger Bacon zu Ilchester in England geboren wurde.
gehörte, kein Wort der Erinnerung für ihn hat, und auch
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ein erschreckendes Kulturbild spiegelt, das Licht darauf wirst,
ten, wie sie sich heute in zu Jahr vollziehen.
Man hat dem zwölften und dreizehnten Jahrhundert vorgeworfen, sie seien die„dümmsten aller Jahrhunderte“ gewesen, da nicht eine nennenswerte Lebensreform, kein wesntlicher Fortschritt, keine Erfindung von Bedeutung sich in ihnen vollzogen habe. Daß dies nicht an dem„Volk“ jener Tage lag, sondern an der Art seiner Regierung und Leitung, mag uns das Schicksal Roger Bacons weisen.
Er trat, nachdem er unter Entbehrungen sich aus kleifsten Verhältnissen zum Studium emporgearbeitet, im Jahre 1240 in den Franziskanerorden ein. Man tat dies damals nicht aus Weltflucht, aus religiösem Dünkel oder Menschenscheu, wie später, als die Klöster sich in Gegensatz zur vorwärts drängenden Zeit zu Horten des Stillstandes und der Lebens abkehr gestalteten, sondern zu Beginn des 13. Jahrhunderts blieb einem Menschen, der sich wissenschaftlich betätigen wollte, und nicht als Herr eines Schlosses geboren war, nichts an- deres übrig, als in einen Orden einzutreten. Nur dort konnte man lehren und lernen. Es ist somit wahr, daß durch die Klöster die Wissenschaften aufrechterhalten und verbreitet wurden. Die Kirche hatte eben frühzeitig erkannt, welche Macht in ihnen liege. Darum trachtete sie von vornherein, Lesen, Schreiben und was sich dadurch erlangen läßt, zu ihrem Privileg zu machen. Dadurch konnte die Oberaufsicht über alles Wissen bewahrt, dieses selbst von allem„gereinigt“ werden, was dem kirchlichen Interesse zuwiderlief; auch war damit jede Neuerung, jeder Fortschritt unterbunden, die irgendwie gegen die kirchliche Weltanschauung verstießen. Das sollte Roger Bacon bald am eigenen Leibe erfahren.
Nichts zog ihn so sehr an wie die Astronomie und Physik. Mit Scharfsinn erkannte er bald die Mängel, die dem Kalen⸗ der, der Zeitrechnung seiner Tage, anhafteten. Man rech⸗ nete damals noch so, wie das römische Reich nach ägyptischem Vorbild seit Julius Cäsar(julianischer Kalender) und hatte damit die Länge des Jahres nicht mit astronomischer Richtig⸗ keit erfaßt. Bacon setzte in einer Abhandlung auseinander, daß nach dieser Zeitrechnung je 129 Jahre um einen Tag zu groß sind(so daß schon zu seiner Zeit der Frühlingsbeginn auf den 13. März, statt auf den 21. März fiel), und legte einen verbesserten Kalender vor. Aber niemand hörte auf ihn. Erst fast 250 Jahre später, als die Widersprüche der Zeitrechnung zu auffällig waren, führte man seinen Kalender ein und ließ damals in der Nacht des 4. Oktober 1582 zehn Tage ausfallen, so daß die Menschen aus jener Nacht am 15. Oktober aufwachten. Nur wurde die große Reform nicht an Bacons Namen, sondern an den des Papstes Gregor XIII. geknüpft, obwohl auch nicht der, sondern der Italiener Lui gi Lilio den noch heute gültigen„gregorianischen Kalender“ ausrechnete.
Roger Bacon arbeitete in seiner einsamen Zelle zu Oxford weiter. Er erfand die Vergrößerungsgläser. Eine neue Welt hat sich dadurch dem Menschen eröffnet und die zahl- losen Fortschritte der Biologie, namentlich die Bakteriologie, die Kenntis der Pflanzenkrankheiten und die gesamte heutige Medizin wären undenkbar ohne Mikroskope. Drei Jahr- hunderte früher hätten diese Fortschritte ihren Segen spenden können, wenn man Roger Bacon seinem Verdienst nach ge⸗ würdigt hätte. So aber erfanden erst am Ende des 16. Jahr- hunderts die Holländer neuerdings das Vergrößerungsglas? das seitdem in Gebrauch blieb. Nur die Brille kennt man seit Bacons Zeiten und wenn auch ihr Erfinder unbekannt geblieben ist, so mag vielleicht dieses Zusammentreffen nicht zufällig sein.
Bacon war der erste, der im Mittelalter den Regenbogen wissenschaftlich als Lichtbrechung erklärte. Und seine Kloster⸗ genossen, Oxford, England, die Kulturwelt, alle die bisher gleichgültig und unverständlich seinem Genie gegenüberstan⸗ den, scheinen dadurch zuerst aus ihrer Ruhe erwacht zu sein. Warum? Die Regenbogenerklärung ging eben gegen die „Religion“. In der Bibel war der Regenbogen nicht physi⸗. kalisch, sondern„göttlich“ erklärt. Und nun begann man auf
Jahrzehnten, in manchem von Jahr
Sein Wesen und ich darin zugleich
Ne zteuflischen—Künste des effenbar gefäbrlicken Mannen
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warum das Mittelalter Jahrhunderte brauchte zu Fortschrit⸗


