Ausgabe 
1-30 (10.3.1914)
 
Einzelbild herunterladen

nährung, man erhalte die Lebenden durch soziale Reformen und gemeinnützige Einrichtungen lebendig und leistungsfähig. Das alles will die Sozialdemokratie, an alledem wird sie aber auf Schritt und Tritt von ihren Gegnern, den Interessenten der kapitalistischen Ausbeutung, gehindert.

Wem es ernst ist um die Erhaltung der Volkskraft, der wird nicht gegen die Sozialdemokratie, sondern mit ihr kämpfen.

Die Fleischteuerungsfrage.

Zu der nun schon seit Jahren immer gleich aktuell bleibenden Fleischteuerungsfrage veröffentlicht Prof. Dr. Joh. Conrad einen sehr wertvollen Artikel in der soeben erschienenen Nummer der Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik. Die Bedeutung der Arbeit liegt darin, daß hier von einem gerade in dieser Frage anerkannten Fachmann, der noch dazu gewiß nicht in Verdacht kommen kann, sozialistisch angehaucht zu sein, zu dem vorliegenden Problem in einer Weise Stellung genommen wird, die sich in den meisten Punkten eng mit dem von seiten unferer Partei hierzu eingenommenen Standpunkt berührt.

Conrad leitet seine Untersuchung zunächst mit einer Uebersicht über die Bewegung der Fleischpreise in Deutschland im Laufe der letzten 100 Jahre ein. Die Preise für Rindfleisch(1 Kilo⸗

ramm im Kleinhandel) sind demnach gestiegen von 66 Pfg. in der Periode 1810½0 auf 183 Pfg. im September 1913 oder nahezu auf das Dreifache, die für Schweinefleisch von 79 auf 176 Pfg. oder auf das Zweieinhalbfache, die für Kalbfleisch(seit 1871/80) von 99 auf 203 Pfg. oder auf das Doppelte und die für Hammelfleisch(gleich⸗ falls seit 1874/80) von 109 auf 199 Pfg. oder nahezu das Doppelte. Conrad führt auch den Nachweis, daß diese Bewegung der allge meinen Entwertung des Geldes weit vorausgeeilt ist, wie ja auch die Fleischprelse eine weit größere Erhöhung erfahren haben als die für andere landwirtschaftliche Produkte. In Halle stieg beispiels⸗ weise der Preis für Roggen gegenüber der Periode 1854/70 bis 1912 um 12 Prozent, der für Weizen um 4 Prozent, der für Rindfleisch dagegen um 107 Prozent und der für Schweinefleisch um 84 Prozent. Auch ein Vergleich mit England zeigt die Ungeheuerlichkeit der deutschen Preissteigerung. Dort haben sich nach Sauerbeck die Preise für auimalische Lebensmittel gegenüber der Periode 1867/78 bis zum Jahre 1912 um 4 Prozent verbilligt. Dabei sanken nach einer Berechnung Prof. Ballods der Preis für importiertes Fleif,

auf den vierten Teil, während der für inländisches Fleisch stabil blieb. In der gleichen Zeit haben die deutschen Fleischpreise eine Steigerung von 50 bis 100 Prozent erfahren.

Die Hauptursache für die Fleischteuerung in Deutschland sieht Conrad in dem Umstand, daß die Fleischproduktion nicht mit dem wachsenden Bedarf, wie es sich aus der Zunahme der Bevölkerung und ihrem steigenden Fleischbedürfnis ergibt, Schritt gehalten hat. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer Steigerung der Flei produktion. Wie ist diese zu erreichen? Als erstes kommt hier die Kultivierung der Oedländereien, der Moore und Heiden in Betracht. Wir haben in Deutschland 2 Millionen Hektar Moorland, von dem ein großer Teil kultivierbar ist, außerdem 15 Millionen Hektar kultivierfähiges Oedland, auf dem 8 Millionen Doppelzentner Lebendgewicht an Marktvieh alljährlich erzeugt wer⸗ den könnten. Verschiedentlich ist ja dieser Weg in neuerer Zeit be⸗ reits beschritten worden(Pommern).

Ein zweites Hauptmittel wäre die Erweiterung der bäuerlichen Betriebe auf Kosten der Groß⸗ betriebe. Prof. Conrad verwahrt sich ausdrücklich gegen den Verdacht, daß er etwa ein Gegner des landwirtschaftlichen Großbe⸗ triebes wäre, oder die Rolle, die der Großgrundbesitzer im politischen und wirtschaftlichen Leben spiele, gering einschätze. Er singt im Gegenteil der politischen Bedeutung des preußischen Gutsbesitzer⸗ standes als Germanisierungsfaktor im Osten und seiner Bedeutung in wirtschaftlicher Hinsicht als Schrittmacher des technischen Fort⸗ schritts, alsbefruchtender Lehrer ein Loblied. Trotzdem sieht er in der heutigen Ausdehnung des Großgrundbesitzes, besonders in Preußen, eines der schwersten Hemmnisse für eine ausreichende Fleischversorgung der Bevölkerung. Daß der Kleinbetrieb in bezug auf die Fleischproduktion leistungssähiger ist als der Großbetrieb, ist sogar vom preußischen Landesökonomiekollegium in den letzten Jahren mehrfach anerkannt worden, weshalb diese Körperschaft auch für die innere Kolonisation lebhaft eintritt. Nach der Betriebs⸗ zählung von 1907 kamen bei den Kleinbetrieben von 2 bis 5 Hektar 2 100 Hektar 95,5 Stück Rindvieh, 94 Schweine und 10,9 Schafe,

agegen bei den Betrieben von über 200 Hektar auf dieselbe Fläche nur 30 Stück Rindvieh, 18,5 Schweine und allerdings 69,6 Schase. Auch der Federviehbestand ist bei den Kleinbetrieben ungleich größer. Bei einer Zerschlagung oder wenigstens Verkleinerung unserer Großbetriebe und Fideikommisse, die Übrigens auch auf dem Wege der Pachtung erfolgen könnte, wie dies in England und neuer⸗ dings auch in den Vereinigten Staaten und Dänemark geschieht, könnte unsere Viehproduktion leicht auf eine wesentlich höhere Stufe

gehoben werden.

Leider aber hat unsere Zollgesetzgebung, statt diesen Prozeß zu beschleunigen, ihn gehemmt oder gar in fein Gegenteil verkehrt. In der Zeit der landwirtschaftlichen Depression, die viele tiberschul⸗ dete Großgrundbesitzer gezwungen hätte, ihre Güter zu verkleinern, wenigstens die Außenschläge abzustoßen, hat man diesen Leuten durch

die Agrarzölle wieder künstlich auf die Beine geholfen. Die Ge⸗

treidezölle haben die hindert und die konsumierende Bevölkerung gezwungen, den Landherren Milliarden in den Rachen zu werfen. Gleichzei

5

Einschränkung des Getreidebaues künstlich 5

rd 8 deutsche Volk zahlt zum zweiten Male die Kosten, wenn es die Summen zu bewilligen hat, die die polnische Anstedlungskommiss beim Aufkauf polnischer Güter zu zahlen hat. In Posen hal beispielsweise der von der Kommission pro Hektar gezahlte Preis von 636 Mark in den Jahren 1886/90 auf 1380 Mark im Jahre 1911 erhöht. Ebeuso wird durch unsere Zollpolitik die Bildung von Fideikommissen angeregt. Während es 1905 in Preußen nur 1045 Fideikommisse mit 2,1 Millionen Hektar Land gab, war ihre Zahl 1910 auf 1251, ihre Fläche auf 2,4 Millionen Hektar gestiegen. Die Zölle sind von interessierter Seite damit verteidigt worden, daß wir damit die heimische Produktion steigern und uns so unabhängig vom Ausland machen könnten. Conrad weist nach, daß sich in bezug auf das Getreide trotz Steigerung der Ernte unser Bezug vom Ausland zwar verschoben, aber nicht vermindert hat. In bezug auf die animalischen Produkte deckt die heimische Landwirt⸗ schaft jetzt zwar 94 bis 95 Prozent des Bedarfes, aber dieser Bedarf würde viel größer sein, wenn ihm nicht durch die zu hohen Preise und die Beschränkung der Einsuhr künstlich Schranken gezogen wür⸗ den. In gewisser Beziehung hat sich aber unsere Abhängigkeit vom Ausland sogar noch vermehrt. Unser Großbetrieb ist immer mehr auf die Zuziehung ausländischer Arbeitskräfte angewiesen und würde bei einem Kriege mit Rußland beispielsweise nicht in der Lage sein, die Saatbestellung und die Ernte, besonders der Hack⸗ früchte, durchzuführen.

Den Höhepunkt des Widersinns aber stellt die Zollbe⸗ lastung der Futtermittel dar. 64 Prozent unseres Fleisch⸗ bedarses werden von den Schweinen gedeckt, zu deren Mästung die Hinzuziehung ausländischer Futtermittel unerläßlich ist. Taft dee ist auch unser Futterbezug vom Ausland trotz der zum Teil fehr hohen Zölle ständig gestiegen. Im Jahre 1912 wurden von den Futterverbrauchern an Zöllen gezahlt: für Gerste 35,8 Millionen Mark, für Hafer 14 Millionen Mark, für Mais 34,2 Millionen Mark, zusammen 84 Millionen Mark, wozu noch die entsprechende Ver⸗ teuerung der im Inlande erzeugten Futtermittel kommt.

Conrad fordert daher in erster Linie die Aufhebung der Futter- mittelzölle, um unsere Fleischproduktion zu heben. Da diese trotz⸗ dem in absehbarer Zeit den ständig wachsenden Fleischbedarf ni wird decken können, so befürwortet er ferner die Einführung von Gefrierfleisch. In England werden 74 Prozent des Ge⸗ samtkonsums durch Gefrierfleisch und 10,8 Prozent durch gekühltes Fleisch gedeckt, ohne daß der Gesundheitszustand der Bevölkerung darunter litte. Auch in anderen Ländern wird die Einführung von Gefxierfleisch jetzt gefördert: die Schweiz hat beispielsweise ihren Zoll im Jahre 1912 von 25 auf 10 Fr. pro Doppelzentner herab⸗ gesetzt. Nur wir müssen noch einen Zoll von 35 Mark bezahlen. Die Befürchtung, daß durch die zollfreie Einfuhr ein plötzli Preissturz des inländischen Fleisches stattfinden könnte, ist un gründet, wie das Beispiel Englands beweist. Der Konsum würde sich erst sehr langsam an das weniger wohlschmeckende Gefrierfleisch gewöhnen. Endlich verlangt Conrad auch noch den allmählichen Abbau der Zölle auf lebendes Vieh und frisches Fleisch. Der Zoll beträgt heute 14 Mark pro Doppelzentner Lebendgewicht für Rinder, 11,25 Mark für Schweine und 27 bis 35 Mark für frisches Fleisch. Außerdem ist die Einfuhr aus Rück auf dieSeuchengefahr sehr erschwert. Conrad hält es für das beste, wenn nahe den Grenzen im Auslande Schlachthöfe errichtet und das frische Fleisch eingeführt würde.

Der Versasser beschäftigt sich sodann noch mit einer Reihe von Vorschlägen, die von verschiedenen Seiten zur Linderung der 1 not gemacht werden und zwar tut er das an der Hand der Enquete, die die Regierung 1912/13 über die gegenwärtige Or⸗ ganisation des Vieh- und Fleischhandels und deren etwaiges Ver⸗ schulden an der Teuerung veranstaltet hat, und deren Protokolle soeben herausgekommen sind. Der Forderung, daß die Regierung elbst die Einführung des Fleisches in die Hand nehmen solle, steht er anläßlich der gemachten Erfahrungen skeptisch gegenüber. Frei⸗ lich spricht hier auch etwas der liberale Wirtschaftspolitiker aus ihm. Gewiß sind die Erfahrungen, die einzelne Städte, die im Winter 191213 Fleisch einführten und diese entweder durch eigens ange⸗ stellte Fleischer verkaufen ließen oder es den Privatfleischern unter besonderen Bedingungen zur Ausschlachtung überließen, nicht die besten gewesen. Es fehlte an geeigneten leitenden Persönlichkeiten; oder aber die Fleischer versagten. Städte wie Berlin und Frankfurt am Main haben sogar bei dem Vorgehen zugesetzt. Dagegen sind eine Anzahl kleinerer Städte, wie Posen, Metz, Offenbach, Halle usw. mit dem Erfolg zufrieden gewesen. Es geht u. E. jedenfalls nicht an, die Erfahrungen, die bei einem erstmalig unternommenen Versuch gemacht wurden, gleich zu verallgemeinern und die Bevölkerung

durch diese Zölle der Wert der Güter dauernd gesteigert und 105.

hätte sehr wohl erwarten können, daß die Versuche erst noch Über 4

einen längeren Zeitraum hin ausgedehnt würden. Viel ei

und zugleich wirksamer wäre natürlich eine allgemeine und dau 5 zunächst Herabsetzung, später Aufhebung der Einfu Preisdruck würde sich dann ganz von selbst ergeben.

Nun behaupt Agrarier frellich, an der ganzen Fleisch⸗ haupten unsere Ag frelli gang b

teuerung seien die Viehhändler und di und der Aufhellung bleser Frage war ja au Regierungsenquste gewidmet. Wir wollen gewiß den tern keine Lorbeeren winden; wie jedes Privatge⸗

Privathandel, wirkt auch dieser verteuernd: Agraxiex, sich selbst als unschuldige Lämnichen

M ben r die nu 2 rivatschläch⸗

3

stellen und

hrzölle. 8

erwähnte

1

. * 1 1 4 l 1 1