Ausgabe 
1-30 (10.3.1914)
 
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wWissen istsnacht

Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Volkszeitung

Nummer lo

Dienstag, den 10. März 19 la

3. Jahrgang

Geburtenrückgang und Sozialdemokratie.

Es ist die Art unwissender Eiferer, das, worauf sie ein mal ihren Haß geworfen haben, für alle Uebel dieser Welt verantwortlich zu machen. Darum kann auch für den Frei⸗ herrn v. Steinäcker und ähnliche Geister, die sich im Drei klassenhaus malerisch um dieses Zentrumslicht gruppieren, kein Zweifel darüber bestehen, daß die Sozialdemokratie an dem Geburtenrückgang die Schuld trägt.

Auch oberflächlichen Kennern der nationalökonomischen Theorien sollte eigentlich bekannt sein, welche Rolle der So zialismus und insbesondere der Marxismus auf dem Gebiete der Bevölkerungstheorie gespielt hat. Gegenüber den Ver suchen des englischen Nationalökonomen Malthus, die Be strebungen zur künstlichen Beschränkung des Volkszuwachses wissenschaftlich zu fundamentieren, hat die sozialistische Lehre entschieden den Sieg erzielt, indem sie auf die reichen Mög lichkeiten hinwies, die Produktivität der menschlichen Arbeit zu steigern. Die malthusianische Lehre war eine wirkliche Gefahr, da sie in ihrer gemeinplätzlichen Fassung, es gebe eben zuviel Menschen auf der Welt, dem hausbackenen Ver stand recht einleuchtend erschien, und man begreift daraus den ganzen Haß, mit dem Karl Marxden Pfaffen Malthus und seine abgeschmackte Bevölkerungstheorie bekämpfte. In den berühmten Versen Heinrich Heines,Es gibt hinieden Brot genug für alle Menschenkinder, war die volkstümliche Ausdrucksform des sozialistischen Gedankens im Kampfe gegen den Malthusianjsmus gefunden. Unzähligemale sind diese Verse von sozialistischen Rednern und Schriftstellern zitiert worden.

Bebel beschäftigt sich in seinem BuchDie Frau und der Sozialismus in mehreren Kapiteln mit dem ThemaBe⸗ völkerungsfrage und Sozialismus. Er kommt dabei zu folgendem Ergebnis:Eine möglichst zahlreiche Bevölkerung ist nicht ein Hindernis, sondern ein Mittel der Kultur... Bis jetzt sind Völker wohl durch Rückgang ihrer Kopfzahl zu- grunde gegangen, aber niemals durch ihre Ueberzahl(Jubi⸗ läumsausgabe 1910). Und geradezu humoristisch wirkt es, wenn Bebel in diesen Kapiteln u. a. gegen den Schriftsteller Ferdy polemisiert, der nach Bebels Darstellung als begeister ter Malthusianer gegen die Sozialdemokratie folgendes aus führte:

Die Sozialdemokratie bezwecke durch ihre Opposition gegen den Malthusianismus ein Schelmenstück. Die rasche Volksver⸗ mehrung begünstige die Massenproletarisierung und diese fördere die Unzufriedenheit. Gelänge es, der Ueberbevölkerung Herr zu werden, dann sei es mit der Sozialdemokratie zu Ende und ihr sozialdemokratischer Staat sei mit all seiner Herrlichkeit für immer begraben.

Diese Sozialdemokratie, der man noch vor ein paar Jahren vorwarf, sie fördere in heimtückischer Weise die Be⸗ völkerungsvermehrung, soll jetzt nach der Weisheit des Frei herrn v. Steinäcker die Religiosität der Frauen untergraben, um sie für den Gedanken des Geburtenrückgangs gefügig zu machen..

Obgleich nun beide närrische Käuze sind, kommt Ferdy der Wahrheit sicher ein gutes Stück näher als der Freiherr von Steinäcker. Die Sozialdemokratie hat niemals geglaubt, den Frauen vorschreiben zu können, wieviel Kinder sie zur Welt bringen sollten, solche Torheiten hat sie stets andern überlassen, sie hat aber auch niemals verkannt, daß eine starke Bevölkerungsvermehrung für sie günstiger ist als eine schwache oder gar ein Rückgang der Volkszahl. Rückgang der Volks-

zahl bedeutet entweder Verminderung der Produktivität oder aber eine Ueberflutung des Landes mit ausländischen billi geren Hilfskräften. Rücken Einwanderer von anderer Sprache oder gar anderer Rasse zu Millionen in das Land, dann wird trotz aller Internationalität der Gesinnung durch den Unter schied der Bildung und der kulturellen Bedürfnisse eine Kluft innerhalb des Proletariats aufgerissen, die den solidarischen Zusammenhalt aufs schwerste gefährdet. Auch das soziale Mitgefühl äußert sich den Fremden gegenüber nicht so lebhaft, wie gegenüber den Einheimischen. Es wird immer leichter ein, durch eine Schilderung des Elends deutscher Heimarbeiter Eindruck auf die Oeffentlichkeit zu erzielen, als beispielsweise durch die Darstellung der Zustände, unter denen die einge wanderten flavischen Landarbeiter leben müssen. Denn bei diejen drängt sich doch immer die Erwägung auf, daß sie es daheim noch schlechter haben müßten, sonst wären sie nicht gekommen.

Kein Zweifel also: für die gewerkschaftliche Arbeit, die sozialreformerische Tätigkeit und schließlich für den letzten großen Befreiungskampf des Proletariats bedeutet der Ge burtenrückgang und die durch ihn bedingte Durchsetzung der Arbeiterklasse mit rückständigen Klassenelementen ein schweres Hindernis. Der Geburtenrückgang bedeutet keine Erleichte rung, sondern eine Komplizierung und Erschwerung des Klassenkampfs.

Natürlich kann es in einer so großen Bewegung, wie der sozialdemokratischen, nicht verhindert werden, daß Reste der alten malthusianischen Theorie sich da und dort von neuem zu regen beginnen, und daß der alte Irrtum von Einzelnen als neueste Wahrheit verkündet wird. Wo dies aber geschah, ist die Partei stets solchen Entgleisungen mit der gebotenen Entschiedenheit entgegengetreten.

Zweierlei allerdings kann man von der Sozialdemo⸗ kratie nicht verlangen. Man kann erstens von ihr nicht ver langen, daß sie durch ihre Agitation die Bevölkerungsbewegung im Sinne einer Zunahme zu beeinflussen versucht, denn die Sozialdemokratie weiß, daß dies ein gänzlich vergebliches Be mühen sein würde. Gegenüber Entwicklungen, die in den gesamten wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnissen ihre Ursache haben, bleiben alle guten Ratschläge leere Worte, die in den Wind gesprochen sind. Und wenn es tausendmal wahr ist, daß jedes Elternpaar durch zahlreichen Nachwuchs der Gesamtheit nützt, so ist doch nicht minder wahr, daß es mit jedem neuen Kinde, das es in die Welt setzt, sich selbst und den älteren Kindern auf eine Reihe von Jahren hinaus den Nahrungsspielraum verkleinert. Das ist eine Tatsache, über die kein gerecht Denkender hinwegsehen kann.

Zweitens kann man von der Sozialdemokratie nicht ver- langen, daß sie sich an dem dilettantischen Versuch beteiligt, den Geburtenrückgang durch Polizeigesetze aufzuhalten. Ueber diesen Versuch äußern sich soeben im Berl. Tagebl. vierzehn hervorragende Vertreter der ärztlichen Wissenschaft in derart absprechender Weise, daß die Haltung der Sozialdemokratie in dieser Frage kaum einer weitern Begründung bedarf.

Will man einen Rückgang der Bevölkerung verhindern, so wende man brauchbare Mittel an, und für die wird die Sozialdemokratie stets zu haben sein. Man gebe den Ar- beitern durch bessere Löhne und billigere Lebensverhältnisse die Möglichkeit, mehr Kinder zu ernähren, man vermindere durch Säuglingspflege die Kindersterblichkeit, man entlaste durch Schulspeisungen die Eltern von den Sorgen der Ex