Ausgabe 
1-30 (3.3.1914)
 
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Wie einFiim entsteht.

Wer kannte vor zehn, fünsgehn Jahren denFilm, über den beute schon jeder A⸗B⸗C⸗Schlitze tiefgründige Weisheiten und kri⸗ tische Urteile zum besten gibt? Das Wort ging wohl in den Fach⸗ kreisen der Photographen um, darüber hinaus kannte man es nicht. Heute versteht man unterFilm nicht nur senen 35 Millimeter breiten unendlich langen Zelluloidstreifen mit durchsichtigen, nega⸗ tiven Bildchen, der die Unterlage für die kinematographische Dar⸗ stellung bildet, sondern die Darstellung selbst; man sieht sich nicht dieses oder jenesDrama, Zeitereignis oder Naturschauspiel an, sondern diesen oder jenen Film.

Nach der Art ihrer Entstehung sind die Films in zwei Gruppen einzuteilen, erstens in solche, die Handlungen enthalten und zum Zweck kinematographischer Aufnahme gestellt werden, wie Dramen, Humoresken usw. und zweitens in Naturaufnahmen von Landschaf⸗ ten, Tagesereignissen, aus der Industrie sowie wissenschaftliche Auf⸗ nahmen, die Experimente im Bilde vorführen. Da die Naturauf⸗ nahmen der Meterlänge der erzeugten Films nach zu den Humores⸗ ken und Dramen sich verhalten wie 1:3:7, also nur ein Siebtel des Programms eines Lichtbildtheaters ausmachen, wie Emflie Alten loh in einer lesenswerten UntersuchungZur Soziologse des Kinos (Verlag E. Diederichs, Jena) berechnete, soll hier nur kurz die Ent⸗ stehung eines Kinodramas geschildert werden.

Man muß alle Begriffe über dichterisches und schrift⸗ stellerisches Schaffen, über die diesem Schaffen untergeordnete Arbeit des Regisseurs und des Darstellers beiseite legen und neu lernen, wenn man den Werdegang eines Kinostückes ver⸗ stehen will. Der Schriftstellet ist nicht mehr Künstler, der frei schaffend produziert, wenn die Ideen reif sind und zur Form drängen; sondern der Schriftsteller der Filmschriftsteller näm⸗ lich ist zunächst einmal ein Teilchen eines großen industriellen Apparates, dem er mit seinen Leistungen eingegliedert ist. Er muß sich eine intensive Ausnutzung gefallen lassen, wenn das in ihm an⸗ gelegte Kapital Zinsen tragen soll, und es kommt oft vor, daß in einem Monat mehrere Dramen von demselbenSchriftsteller er⸗ scheinen. Auch die sonst notwendige Arbeitsteilung zwischen Schrift⸗ steller, Regisseur und Schauspieler ist hier gänzlich verschoben. Die Tätigkeit desSchriftstellers der auch meist zu gleicher Zeit der Regisseur ist besteht in der Lieferung derIdee, deren Formu⸗ lierung dann die Aufgabe des Regisseurs und der Schauspieler ist. Während der Probe eines Dramas oder einer Humoreske erhält daum ihre Ideen durch Zusammenarbeiten von Regisseur und Schauspieler ihre endgültige Ausgestaltung und Formulierung. In den großen Filmateliers wird meist an mehreren Stücken zugleich gearbeitet, immer nur aktweise; um die Mimik glaubwürdig zu ge⸗ stalten, improvisieren die Schauspieler Reden dabei. Die Re⸗ gisseure, ob sie nun fremde Kunstwerkeverfilmen oder ihre eigenen Ideen verarbeiten, spielen oft auch die Hauptrolle in den Stücken. Urban Gad und Mar Linder sind bekannte Vertreter dieser Gattung: Dichter, Regisseur und Schauspieler in einer Person. Linder bezieht aber auch für seine Person allein jährlich eine Viertelmillion Franks Gehalt!

Ueberhaupt sind die lockenden hohen Verdienste nicht ohne Ein⸗ fluß auf die Stellung der Künstlerschaft zum Kinodrama geblieben. Im Oktober 1912 gab der Verein Deutscher Schriftsteller seine ab⸗ lehnende Haltung auf, die er bis dahin gegenüber dem Kino be⸗ wahrte, und empfahl seinen Mitgliedern, Kinostoffe zu liefern, um das bisherige Niveau der Lichtbildtheater zu heben. Das erste Pro⸗ dukt dieses Umschwunges war dann Paul LindausDer Andere, ein sehr, sehr mäßiges Stück, mit Bassermann als Hauptdarsteller. Welche Nebenverdienste bekannten Schauspielern durch das Kino winken, sei an einigen Boispielen gezeigt: Für eine Aufführung be⸗ kamen Madame Polaire 15000 Mark, Giampietro und Pallenberg je 10 000 Mark. Fritzchen Abelard, ein zehnjähriger Knabe, bezieht seine Filmtätigkeit ein Jahresgehalt von 15000 Franks, Asta

ielsen vom Kgl. Theater in Kopenhagen für ihre Mitwirkung in 10 Dramen jährlich 85 000 Mark usw.

Diesen Kinostaren steht ein Schauspielerproletariat gegenüber, das allein in Berlin etwa 2000 Köpfe umfaßt, die nur noch für das Kino arbeiten. Bei neunstündiger Tätigkeit beziehen sie einen Tagelohn von 56 Mark. Feste Engagements haben sie nicht, son⸗ dern sie werden immer nur jedesmal für einen Film in Anfpruch genommen.

Mit der Tätigkeit der Schauspieler ist die Herstellung des Films aber noch nicht beendet. Immer mehr wird in letzter Zeit ein Hauptteil des Effektes in der rein bildmäßigen Wirkung gesucht. Dle Bewegungen der Schauspieler sollen sich wirkungsvoll von einem wirkungsvollen Hintergrunde abheben; um diesen zu erlangen, sind oft weite Reisen nötig, besonders wenn nur eine ganz bestimmte malerische Landschaft oder Architektur in Frage kommt. Durch diese Reisen, an der sich die ganze Schauspielertruppe beteiligt, sowie durch die hohen Gehälter einzelner Stare repräsentiert ein Filmnegativ gewöhnlich einen sehr großen Wert. Das Meter wird mit 1. bis 1,40 Mark berechnet und macht sich erst durch häufige Vervielfältigung bis zu 150 Mal bezahlt.

Um die enormen Reisespesen zu sparen, ist man neuerdings dazu übergegangen, Parks anzulegen, in denen die verschiedensten Mo⸗ tive und alle möglichen Szenerien beieinander liegen. Als Aus⸗ gangspunkt des Filmdramas wird meist ein altes Schloß genom⸗ men, um das herum sich allerlei Baulichleiten, Höfe, Tierställe usw. gruppieren. DerUrwald, von einem Wässerlein durchflossen, ist Ein weiterer Hauptbestandteil eines solchen Museumsparkes, in dem

gewöhnlich auch eine Autogarage nicht fehlt. Moderne Stra a züge wechseln mit winkligen Gassen einer mittelalterlichen a Kurz, nichts fehlt, um im Kinodrama einen realistischen vorzutäuschen.. Doch sind Aufnahmen in solchen Parks immer noch in der Minderzahl; die meisten werden mitten im Verkehrsgewoge, auf den Straßen der Großstädte usw. gemacht, was für den Berliner oder Pariser längst ein gewohntes Bild ist. Die neugierigen Zu⸗ schauer werden evtl. geschickt als Staffage verwandt. fd.

Statistisches über unser Schulwesen.

Die letzten Veröffentlichungen des reichsstatistischen Amtes über das Schulwesen beziehen sich auf das Jahr 1911. In diesem Jahre wurden in den deutschen öffentlichen und privaten Schulen 11 463 358 Schüler unterrichtet, von denen 10 749 512= 93,8 Prozent die Volksschule und 713 846 2 62 Prozent höhere Schulen besuchten. Unter den Volksschülern befanden sich 5 860 471 Knaben und 5389 041 Mädchen, unter den Besuchern der höheren Schulen 473080 Knaben und 240 768, also erheblich weniger Mädchen. Von den Knaben, die eine höhere Schulbildung genossen, besuchten 169 177

Gymnasien und Progymnasien, 240 696 Real- und Ober- realschulen, während 12 184 auf sonstige nicht vollständige

Schulen und 48 945 auf Vorschulen gingen. 2051 wurden in höheren Mädchenschulen unterrichtet. Von den Mädchen be⸗ suchten 22 137 das Gymnasium, 212 324 höhere Mädchen schulen und 6305 höhere Knabenschulen. Die Volksschulen teilen sich in einfache und gehobene, an manchen Orten auch Mittelschulen genannt, d. s. Schulen, in denen wenigstens eine sremde Sprache gelehrt wird. Von sämtlichen 10 749 512 Volksschülern entfielen 354054 auf solche gehobene Schulen. Endlich ist noch zu erwähnen, daß 11 256 806 Schüler öffent⸗ liche Schulen und 206 552 Privatschulen besuchten.

Die Religionszugehörigkeit der Schüler wird aus folgen⸗ der kleinen Uebersicht klar: Es waren

Volksschulen höh. Schulen Gesamtbev. Schüler in Schüler in evangelisch 6 967 376 64,8 493 269 69,1 61,6 katholisch 4 225 995 39,3 177 145 24,8 36,7 israelitisch 83 137 7,7 40 945 5,7 0,95 sonstige 136 850 12,7 2 486 0,3 4,4

Danach sind also die Evangelischen etwas höher, als es ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprechen würde, und die Katholiken etwas niedriger an den höheren Schulen beteiligt, während die Juden etwa viermal so viel höhere Schüler stellen, als sie es ihrer Gesamtzahl entsprechend zu tun brauchten. Nahezu die Hälfte aller jüdischen Kinder be⸗ sucht eine höhere Schule. Diese Unterschiede erklären sich aus der Verschiedenheit der wirtschaftlichen Lage, in der sich die Angehörigen der drei Konfessionen in Deutschland be⸗ finden.

Was die Kosten der Schulen anbelangt, so liegen hier nur für die öffentlichen Schulen umfassende Ziffern vor. Diese betrugen im Berichtsjahre 877,5 Millionen Mark. Da⸗ von entfielen 700,5 Millionen Mark S 80 Prozent auf die Volks- und 177 Millionen Mark S 20 Prozent auf die höheren Schulen. Zu den Kosten der einfachen Volksschule, die 670 Millionen Mark betragen, trägt der Staat 214 Mil- lionen S 82 Prozent bei; das übrige bringen die Gemeinden auf. Von den 30½ Millionen Mark betragenden Kosten der erweiterten Volksschule werden Millionen durch den Staat, 15 Millionen durch die Gemeinden, 11,7 Millionen

durch Schulgeld und 1,2 Millionen auf andere Weise aufge⸗

bracht. Die Kosten der höheren Schulen endlich in Höhe von 177 Millionen Mark teilen sich in 51 Millionen 29 Prozent, die gleiche Summe Gemeindebeiträge, 68,25 Millionen S Staats- die gleiche Summe Gemeindebeiträge, 68,25 Mill. 38,5 Prozent Schulgelder und 7 Millionen= 5 Prozent sonstige Gelder. Auf den einzelnen Schüler kommen Kosten in der Volksschule 65 Mk., in der erweiterten Volksschule 112 Mark und in den höheren Schulen 288 Mk. Der Beitrag, den Staat und Gemeinde pro Schüler leisten, stellt sich in den

einfachen Volksschulen auf 65 Mk., in den erweiterten auf 6% Mk. und in den höheren Schulen auf 106 Mk. Obsßoh!l

Bintergrund