Wissenistsnacht
Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung
iummer 9
Dienstag, den 3. März 19 4a
3. Jahrgang
Geschichte und Politik.
„Ganz gewiß ist es nicht das Wesen und der Zweck der Geschichte, aus ihr Lehren zu ziehen für das praktische Handeln. Das Wesen der echten Geschichtschreibung ist die reine Betrachtung. Es gibt keine Gesetze der Geschichte, und man kann keine Verhaltungsregeln aus ihr ableiten.“
Ein Ausspruch, der wieder einmal geeignet ist, den Gegensatz zwischen bürgerlicher und sozialistischer Denkweise in seiner ganzen Kraßheit zu enthüllen. Wir finden ihn in der jüngst erschienenen Broschüre des Professors Hans Delbrück, der, wie unsere Leser wissen, ein guter Historiker und schlechter Politiker ist. Nun liegt ja auf der Hand, daß der Satz ganz so, wie er da steht, nicht gemeint sein kann. Denn das würde ja heißen, daß man aus der Geschichte gar nichts lernen kann noch soll. Wozu betreibt man denn über— haupt Geschichte? Etwa bloß, um die Neugier müßiger Stunden auszufüllen? Dardn denken die bürgerlichen Ge— schichtslehrer gar nicht. Sondern wenn man z. B. im Ge— schichtsunterricht der Volksschule die Arbeiterkinder vollpfropft mit den„großen Taten“ der„großen Männer“, wenn man ihnen von der„Leutseligkeit“ des preußischen Kronprinzen erzählt, der 1867 in Karlsbad einer armen Frau eine Börse mit Geld geschenkt habe, oder von dem Heldenmut des alten Fritzen, der gegen eine Welt von Feinden den preußischen Staat errichtet habe, dann hat man dabei einen sehr be— stimmten praktischen Zweck im Auge: die Kinder sollen mit Ehrfurcht erfüllt werden vor diesen„großen“ Männern und besonders vor ihren Nachfolgern; sie sollen sie bewundern und sich nicht unterstehen, etwas besser wissen zu wollen als jene, die Gott an einen führenden Platz gestellt hat; mit einem Wort, sie sollen mit„staatserhaltender“ Gesinnung voll— gepumpt werden bis zum Rand, also sie sollen höchst wichtige, geradezu entscheidende Lehren daraus ziehen für ihr prakti— sches Handeln.— Doch auch wenn man in„höhere“ Regionen hinaufsteigt, liegen die Dinge nicht anders. Man nehme zur Hand die Werke von Oncken oder von Lamprecht oder von irgend einem andern modernen Historiker, stets wird man neben dem Bericht der Taten der Könige, Heerführer, Staats— männer auch Reflexionen darüber finden, ob sie ihre Sache gut oder schlecht gemacht haben. Sind die Dinge schief aus- gegangen, wie z. B. in Preußen 1806, dann folgen Dutzende, ja Hunderte von Druckseiten Untersuchung, wo der Fehler steckt, d. h. was die leitenden Männer falsch gemacht haben und wie sie es hätten besser machen müssen. Was hat das für einen Sinn? Was kann es z. B. bedeuten, wenn Professor Lamprecht haarklein nachweist, daß der deutsche Kaiser Hein— rich IV. dies oder jenes nicht so, sondern so hätte machen müssen? Will er dem Kaiser noch nachträglich gute Lehren erteilen? Aber die wären verschwendet, denn der Mann ist ja bald 1000 Jahre tot! Nein, sondern der Zweck ist, daß wie Späteren nach Möglichkeit jene Fehler vermeiden, also daß Wir daraus Lehren ziehen sollen für unser praktisches Handeln.
Das alles ist ja so selbstverständlich, daß es eigentlich kaum lohnt, es noch extra zu sagen. Dennoch hat es seinen guten Grund, daß sich Prof. Delbrück zu einem so gegen— teiligen Ausspruch gedrängt fühlt, ja es zeigt das gerade, daß er tiefer denkt als seine Kollegen, daß er dem historischen Materialismus näher gerückt ist als sie. Die Sache ist näm⸗ lich die: was soll man und was kann man aus der Geschichte lernen? Denkt man hierüber intensiv nach, so zeigt sich, daß
* 1.
es auf die Art, wie Lamprecht, Oncken usw. meinen, nicht geht. Was nützen die tiefsinnigen Betrachtungen über die Fehler Kaiser Heinrichs IV. oder König Friedrich Wilhelms III., da doch die Situationen, worin sie handelten, niemals wieder⸗ kehrt! Die Dinge können in Zukunft in ihrer Gesamtheit niemals wieder so zusammentreffen, wie es vor 1000 oder vor 100 Jahren der Fall war. Und sollte je etwa durch einen un⸗ erhörten— und übrigens ganz unmöglichen— Zufall eine
gleiche Situation eintreten wie in der Vergangenheit, so sind
doch die Menschen nicht die gleichen. Andere Menschen sind da mit anderem Charakter, anderer Willenskraft, anderem Ver⸗ standes- und Gefühlsleben, und da kann man nun die schönsten Regeln aufstellen, sie sind doch nicht genau so zu handeln imstande wie ihre Vorgänger.
Das ist es, was den Prof. Delbrück zu dem Ausspruch drängt:„Es gibt keine Gesetze der Geschichte.“ Wer, wie es die bürgerliche Auffassung tut, in der Geschichte nichts weiter sieht als die Taten der„großen Männer“, der muß sie schlechterdings für einen wirren, regellosen Haufen von Er— eignissen halten, die mehr oder minder zufällig aufeinander gefolgt sind, in deren sich keine Regelmäßigkeit entdecken und aus denen sich folglich auch keine Verhaltungsregeln ableiten lassen. Diese Erkenntnis stellt Herrn Delbrück über seine Kollegen. Aber freilich begründet sie zugleich sein absolutes Versagen als Politiker. Denn gleich allen seinen Kollegen betrachtet er die Politik im Grunde als ein Schachspiel, wobei Erfolg oder Mißerfolg nur von der zufälligen Begabung und Aufmerksamkeit des Spielers abhängt.
Aus diesem Wirrwarr hinaus hilft eben nur der historische Materialismus, d. h. die Erkenntnis, daß die politischen Er— eignisse bedingt sind durch die Gesamtsituation der Zeit, diese wiederum durch die sozialen Zustände der Völker, durch ihre Klassenordnung und durch die Beziehung, in denen die ver— schiedenen Klassen zu einander stehen. Diese Klassengegensätze oder Klassenharmonien beruhen ihrerseits auf der wirtschaft— lichen Entwicklung der Völker, und so läßt sich ein deutlicher Zusammenhang von Ursache und Wirkung erkennen: die wirtschaftliche Umwälzung ändert die sozialen Zustände; durch die sozialen Aenderungen werden neue politische Situationen geschaffen, aus denen dann die Ereignisse mit Notwendigkeit erwachsen. Wer die Geschichte so auffaßt, für den schwindet alle Regellosigkeit, für ihn gibt es„Gesetze der Geschichte“, und er ist imstande, aus der Vergangenheit Lehren zu ziehen für das praktische Handeln der Gegenwart. Wenn nur die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen vergangener Zeiten gründlich studiert sind, so daß man dar⸗ aus die ihnen entsprossenen Ereignisse versteht, dann kann man durch aufmerksame Beobachtung der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der Gegenwart auch Verständnis gewinnen für die Ereignisse, die aus ihr notwendig erwachsen müssen, und kann danach sein politisches Handeln einrichten. Es wäre nur zu wünschen, daß jeder praktische Politiker eine solche historische Schulung recht gründlich durchmacht.
Jedenfalls zeigt sich aber auch hier wieder, daß die bür⸗ gerliche Wissenschaft in ihrer Konsequenz zur öden Ver— neinung führt, und daß nur der Sozialismus positiv auf⸗ bauend wirkt.


