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Wo„in Harren und Krieg, in Sturz und Sieg“, jene Politik besonnener Kühnheit sich durchsetzte, die zu vertreten niemand berufener war als er, und die beredt zu schildern mit allem geschichtlichen Recht sein letzter Gruß an die Partei ist.
Der Kampf um die Religion.
Von einem Arbeiter.
Die Kirchenaustrittsbewegung die durch die Aufklärungsarbeit ber Freidenkervereine und neuerdings durch das„Komitee Kon⸗ sesstonslos“ einen immer größeren Umfang anzunehmen scheint, bereitet den„geschorenen“ und„gescheitelten“ Herren große Schmerzen. Sollen doch in Großberlin allein gegen 40 000 Kirchen⸗ austritte im verflossenen Jahre erfolgt sein. Unter der bekannten Devise:„Dem Volke muß die Religion erhalten bleiben“, versucht man mit allen erdenklichen Mitteln der Austrittsbewegung Ein⸗ halt zu tun. Auch bei uns in Hessen beschäftigt aur Geistlichkeit in Konferenzen mit dieser Frage. Die Herren befürchten den Zu⸗ sammenbruch des christlichen„Weltgebäudes“ und damit das Ende der christlichen Herrschaft. g
Wenn es auch noch arme Teufel genug gibt, die sich noch mit der kirchlichen Kost abspeisen lassen, so fängt es doch gerade in katholischen Gegenden an zu rebellieren, nimmt doch die Austritts⸗ bewegung gerade in diesen Gegenden immer größere Gestalt an. Nun versucht man, um die christliche Weltanschauung zu erhalten, die moralische Seite hervorzukehren mit der Erklärung, daß es ohne Christentum keine Sittlichkeit geben könne, daß mithin die christliche Weltanschauung die Grundlage für die sittliche Welt⸗ ordnung bilde. Aber nirgends sind die sittlichen Entartungen stärker zutage getreten, als in der römisch⸗katholischen Kirche. Das arbeitende Volk muß nun begreifen lernen, daß es sich für die Herrschaften nicht darum handelt, wahre religiöse Ueberzeugung, die Humanität zu schützen und zu fördern, sondern nur Kirche und Staat, die sich in brüderlicher Weise zum Schutze der heutigen Gesellschaftsordnung und zum Kampfe gegen das arbeitende Volk vereinigt haben, zu einer immer stärkeren Macht heranzubilden. Mit Recht verlangt hier die Sozialdemokratie: Trennung von Staat und Kirche. Sie fordert, daß die Religion zur Privatsache werden, daß die Religionsgemeinschaften fernerhin vom Staate nicht mehr unterstützt, noch in ihrer freien Betätigung eingeschränkt werden sollen. Daß sich aber Sozialdemokraten, wie die Gegner meinen, mit Fragen der Religion überhaupt nicht befassen, ihre Meinung darüber nicht äußern sollen, damit ja der Glaube nicht in Gefahr kommt, ist eine starke Zumutung und beweist, auf welch schwachen Füßen das Fundament ihrer Anschauung beruht. Das Programm der Sozialdemokratie verbietet keinem Parteigenossen, sich liber Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung zu äußern. Es sollten sich vielmehr die Hüter der Religion freuen, wenn die Lösung der religiösen Frage immer mehr an Interesse gewinnt. Daß sie das nicht tun, kennzeichnet das ganze Bestreben der christ⸗ lichen Religionsgemeinschaften.
Kirchengläubige Religion und Sittlichkeit sind zwei grundver⸗ schiedene Faktoren. Die Idee des Urchristentums, die die Kirche so schmählich verlassen hat, war der Humanitätsgedanke, die Brüderlichkeit. Ein sittlicher Gedanke, den die Sozialdemokratie auf ihr Banner geschrieben hat. Und jetzt ist der Humanitätsge⸗ danke die Sittlichkeit für das moderne Proletariat geworden, über die sich die Kirche mit frommer Heuchelei hinwegsetzt. Karl Marx leitet in seiner materialistischen Geschichtsauffassung, die die wissen⸗
schaftliche Grundlage für die sozialdemokratische Sittenlehre bildet,
auch alle religiösen Ideen aus der materiellen Welt ab. Alle geistigen Bewegungen haben ihren Ursprung in den Wirkungen und Veränderungen des wirtschaftlichen Lebens. Das Vorhanden⸗ sein einer willkürlichen Kraft, die Annahme einer persönlichen Gottheit, die gebieterisch über dem Universum nach freiem Er⸗ messen schaltet und waltet, ist mit dem Stande unserer heu⸗ tigen naturwissenschaftlichen Erkenntnis un⸗ vereinbar.
Damit sind die Gründe und nicht zuletzt auch die religiösen Gründe, die für den Austritt aus der Kirche sprechen, zur Gensige gegehen. Wir müssen, um mit Liebknecht und Peus zu sprechen, zur Tat übergehen, um die Trennung von Staat und Kirche her⸗ beizuführen, die schon seit Bestehen unserer geeinigten Partei⸗ organisation vergeblich gefordert wird. Der Staat wird sich so lange nicht dazu bequemen, diese Forderung zu verwirklichen, so⸗ lange ihm das politische Hilfsmittel, die Kirche, noch hilfreich zur Seite steht. Nur durch die Mitgliedschaft zahlreicher, innerlich mit den Kirchenlehren länast zerfallener Personen bildet die Kirche heute noch eine große Macht, die alle freiheitlichen Bestrebungen illusorisch macht. Alle Denkenden sollten diese Frage recht erust⸗ haft erwägen und gegen die geistige Bevormundung und politische Vergewaltigung mit dem einzig erfolgreichen Mittel zur Schwächung der politischen Macht der Kirche, dem Kirchenaustritt, pro⸗ testieren. Wir erfüllen damit auch eine Pflicht unserer Familie gegenüber, indem wir unsere Kinder von dem geistigen Drill des verwerflichen, längst überlebten Dogmenkrams in der Schule be⸗ freien. Nur durch derartige Maßnahmen wird es möglich sein, unserer Forderung: Trennung von Staat und Kirche und Tren⸗ nung von Kirche und Schule baldigst zu ihrem Rechte zu verhelfen.
K. W. 8.
Aus der Geschichte der Kisen.
Das Jahr 1913 hat noch kein allgemeines Abflauen der Konjunktur gebracht. Im Gegenteil, wenn auch in einzelnen Branchen, wie der Textilindustrie, Möbeln, Schuhwaren usw., bereits eine leichte Stockung des Absatzes zu verspüren war,
so ist doch die Gesamtproduktion noch über den Stand von 1912 heraus gesteigert worden, der seinerseits schon eine enorme Steigerung gegenüber allen früheren Jahren be⸗ deutete. Aus dieser Tatsache haben manche schließen wollen, daß eine Krise in absehbarer Zeit noch nicht zu erwarten sei. Wie falsch ein solcher Schluß ist, lehrt ein Blick in die Ge⸗ schichte der Krisen, denn er zeigt uns, daß bisher alle Krisen ohne Ausnahme aufgetreten sind in der Form eines urplötz⸗ lichen Zusammenbruchs unmittelbar nach stark gesteigerter Produktion. 5 Die erste Krise des 19. Jahrhunderts brach in England im Jahre 1818 aus. Unmittelbar vorher hatte die Gesamt⸗ produktion Großbritanniens eine Höhe erreicht wie nie zu⸗ bor. Ums Jahr 1770, als Arkwright die Spinnmaschine er⸗ sand, gab es im ganzen Lande nur etwa 50 000 Baumwoll- spindeln; 1817 war deren Zahl auf nicht weniger als 6 500 000 gestiegen. Der Dampfwebstuhl, obwohl bereits 1784 er⸗ funden, war bis 1815 kaum in Gebrauch; 1818 waren allein
in der einen Stadt Manchester 2000 in Betrieb. Die Einfuhr
der Baumwolle, die im Jahre 1790 nur 31 Millionen Pfund betrug, war bis 1814 nur wenig mehr als verdoppelt, nämlich
auf 73 Millionen Pfund gestiegen; dann aber wuchs sie in
den 4 Jahren bis 1818 auf 173 Millionen Pfund an. Aehn⸗ lich lagen die Dinge in den anderen Gewerbszweigen, und in entsprechendem Maße war der Konsum des Landes gestiegen, so daß alles in herrlichstem Flor stand, als plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, der Zusammenbruch erfolgte. Es dauerte jedoch nur wenige Jahre, und Englands Produktion hatte die Höhe von 1818 weit überflügelt. 1824 gab es in Manchester und Umgegend allein so viel Maschinen⸗ kraft für Baumwolle wie 1817 in ganz Großbritannien. Die Zahl der Dampfwebstühle in diesem Bezirk war von 2000 auf 20000 gewachsen. Die Eisenproduktion bezifferte sich 1816 auf 38 000, 1824 auf 600 000 Tonnen. Der Konsum war seit 1816 gestiegen an Bier um 16½ Prozent, Tee um 20 Prozent, Kaffee um 43 Prozent, Papier um 51 Prozent, Baumwollwaren 119 Prozent.— So standen die Dinge 1824. Im Jahre darauf, 1828, erfolgte der plötzliche fürchtbare Zu⸗ sammenbruch. 3 Diesmal begannen die Folgen der Krise schon 1827 zu schwinden; in wenigen Jahren war die Produktion so groß wie zuvor, 1835 hatte sie den Stand von 1824 weit überholt. Die Zahl der Dampswebstühle für Baumwolle war auf 110 000 giestiegen. Für Wolle war früher kaum angewandt worden,
zubreiten, die selbst eine Unmenge von Arbeit und Produktion erforderten und dem Handel und Wandel im all⸗ gemeinen einen mächtigen Anstoß gaben. Die Kohlen⸗ produktion war von 18301835 um ein Fünftel, nämlich von 15 auf 18 Millionen Tonnen gewachsen; dem entsprach der Stand der Produktion in den übrigen Gewerben sowie die Höhe des Konsums.— Und im Herbst 1896 erfolgte der Zu⸗ sammenbruch.
Gehen wir von jenen ältesten Krisen über auf die aller⸗
neuesten, so zeigt sich genau dasselbe Bild. Vergleichen wir
3. B., wie viel rohes Eisen in Deutschland pro Kopf der Be⸗
völkerung seit dem Jahre 1895 produziert worden ist, so ergibt sich folgende Zahlenreihe:
1907 147 Kilo
1895 719 Kilo 1901 90 l Kilo 1890 90,1 Kilo 1902 75 Kilo 1908 115 Kils 1897 104,8 Kilo 1903 90 Kilo 1909 124 Kilo
1898 105.7 Kilo 1904 112 Kilo 1910 126 Kilos 1899 128,7 Kilo 1905 116 Kilo 1911 195 Kilo 1900 13/7 Kilo 1906 134 Kilo 1912 158 Kilo
Die unterstrichenen Zahlen zeigen die Jahre unmittelbar bor dem Ausbruch der Krisen. r al steigende Produktion 1899, eine Steigerung noch darülb
der Dampswebstuhl 1835 gas es deren 5000. Seit 184 begannen die Eisenbahnen sich aus⸗
Wir sehen eine gewaltig


