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Wissen istMacht
Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung
Nummer 8
Dienstag, den 24. Februar 1914
3. Jahrgang
Bebels letzter Gruß. Von Franz Mehring..
Der 22. Februar dieses Jahres ist ein Tag trauriger Er— innerung für die Arbeiterklasse, denn an ihm hätte August Bebel seinen vierundsiebzigsten Geburtstag gefeiert, und wir mit ihm. Aber der Schmerz wird gemildert und die Trauer löst sich auf in wehmütigen Stolz, wenn wir zu diesem Tage einen letzten Gruß der hellen Stimme hören, die die prole— tarischen Schlachtreihen so oft zu Kampf und Sieg ange— feuert hat.
Es war ein guter Gedanke unseres Stuttgarter Partei— verlags, den dritten Band von Bebels Denkwürdigkeiten, den Bebel unvollendet hinterlassen hat, zum 22. Februar heraus- zubringen. Wer diesen Gedenktag recht feiern will, der lese eine Stunde darin oder auch ein paar. Dann wird vor ihm ein lebendiges Bild aufsteigen von der schwersten, aber auch glorreichsten Zeit, die die deutsche Partei in den fünfzig Jahren ihres geschichtlichen Daseins erlebt hat, ein lebendiges Bild auch von dem Manne, der die schwerste Last dieser schweren Zeit getragen hat. Die schwerste Last nicht deshalb, weil ihn persönliche Not härter bedrängte als andere, son— dern im Gegenteil: weil er in diesem Betracht die Arme freier hatte, als die meisten seiner Kampfgefährten, eben des— halb aber die furchtbar lastende Verantwortung für das Schicksal der Partei in erster Reihe auf seine Schultern neh- men mußte. 8
Es waren seine sorgenvollsten Jahre, wie Bebel selbst gesteht, die ersten Jahre des Sozialistengesetzes. Zum ersten Male in der Geschichte mußte eine Arbeiterpartei, noch jung an Jahren und kaum erst in einer einheitlichen Phalanx zu⸗ sammengeschlossen, einen Kampf auf Leben und Tod mit allen Machtmitteln eines modernen Großstaates aufnehmen. An dem Tage, wo das Sszialistengesetz verkündet wurde, brach es auch schon wie ein Kartenhaus zusammen, soweit es überhaupt ein Gesetz sein sollte und wollte, das der rohesten Willkür noch irgend eine Schranke zog; mit einem derben Fußtritt schleuderte Bismarck all die feierlichen Versprechungen auf den Kehricht, mit denen er den Reichstag über seine ruch— losen Pläne getäuscht hatte.
Es wäre ein Wunder gewesen— und Wunder kennt die Geschichte moderner Proletarier nicht— wenn die junge Partei den zerschmetkernden Schlägen, die hageldicht auf sie niederfielen, sofort einen unzerbrechlichen Widerstand ent— Manche Führer versagten, und auch die Reihen der Mannschaft lockerten sich an manchen Orten; von denen, die bei der Fahne blieben, drängten die einen zu raschem Handeln, auf die Gefahr der Tollkühnheit, die alles aufs Spiel setzt, um alles zu verlieren, rieten die andern zu bedächtigem Zandern, auf die Gefahr einer Zaghaftigkeit die nichts gewinnen kann, weil sie nichts zu riskieren wagt. Aber wenn diese Verwirrung unvermeidlich war, so währte sie doch nicht lange: nach einem Jahre hatte die Partei ihr auswärtiges Organ, nach einem zweiten Jahre hielt sie ihren auswärtigen Parteitag und nach einem dritten Jahre bestand sie die Feuertaufe der Reichstagswahlen mit einem Erfolge der bis in die prunkenden Säle des Königsschlosses Be⸗ stürzung und Schrecken verbreitete. Es war der entscheidende Schlag, wenn auch die Partei noch neun Jahre mit dem „Heros des Jahrhunderts“ spielen mußte, wie die Katze mit der Maus.
Eben diese Jahre sind es nun, die Bebel im dritten Bande seiner Denkwürdigkeiten schildert, und es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß sie tiefere Einblicke in die Lebens— bedingungen des proletarischen Klassenkampfs gewähren, als die Zeiten ruhigen Fortschritts oder auch die Tage rauschen— der Triumphe. Wie sich das innerste Wesen eines Menschen in einem Kampf enthüllt, wo er bei Strafe des Unterganges jede Muskel und jede Sehne anspannen muß, so auch das innerste Wesen einer Partei. Und noch ein anderes kommt hinzu, was diesen Band wohl zu dem lehrreichsten und lesens⸗ wertesten Teil von Bebels Denkwürdigkejten macht. Wenn er in den beiden früheren Bänden, namentlich in dem zweiten, mitunter gar zu weit in die allgemeine Geschichte der Partei hinüberschweifte, so ist er in dem dritten Bande, der sich naturgemäß in verhältnismäßig engen Kreisen abspielt, vor dieser Gefahr behütet. Er muß weit mehr persönliche Erinne⸗ rungen aufzeichnen, was wir heute, da er nicht mehr unter uns weilt, am wenigsten beklagen werden.
Da wandeln sie leibhaftig an uns vorüber, die alten Heerführer und Ratmannen der Partei: viele, die schon der kühle Rasen deckt, gar manche auch, die noch rüstig unter uns schaffen. Da ist Geib, dem das Schandgesetz so früh das fein fühlende Herz brach, da ist Bracke, der allzeit treue Kamerad „einen bessern findst du nit“, da ist Motteler, die genialisch angelegte Künstlernatur mit der rastlos arbeitenden Phan⸗— tasie und doch mit dem praktischen Geschick, das den„roten Postmeister“ über den fähigsten Verwaltungsbeamten der Bismärckerei siegen ließ. Motteler führt in den Kreis, der sich um das Züricher Parteiblatt sammelte und in allem schwerem Ernst der Zeit niemals den Humor verlor. So auch schildert Bebel den Wydener Parteitag mit lebendigen Farben und teilt gar manches aus seinen Verhandlungen mit, was bisher unbekannt war.
luch der Briefwechsel Bebels mit Engels fesselt in diesem dritten Bande noch mehr, als schon im zweiten. Wiederum zeigte sich, daß mit den„Alten in London“ nicht leicht fertig zu werden war, und Bebel klagte wohl einmal über ihre „Nörgelei“ nicht ohne Grund. In mancher Beziehung mochten sie die schwierige Lage, in der sich die Partei nach Erlaß des Sozialistengesetzes befand, auch nicht gebührend einschätzen; im großen und ganzen hat man doch von Bebels Darstellung den Eindruck, daß ihr unablässiges Drängen, den proletarischen Kampf- und Klassencharakter der Partei un- geschmälert aufrecht zu erhalten, in der damaligen Krisis von großem Nutzen gewesen ist. Am heftigsten entbrannte der Streit um die Redaktion des neu gegründeten Parteiblattes. Kandidat der Londoner war Karl Hirsch, ein hitziger Kampf⸗ hahn, der zur Zeit, wo Liebknecht seine Festungshaft in Hubertusburg absaß, schon das Zentralorgan der Eisenacher Fraktion und im ersten Jahre des Sozialistengesetzes die Brüsseler Laterne redigiert hatte. Wie diese Kandidatur dann doch im letzten Augenblick scheiterte und Bernstein der Mann wurde, der auf den heiß umstrittenen Platz gelangte, das er⸗ zählt Bebel in dem anziehenden Kapitel über den„Kanossa⸗ gang nach London“, bei dem es übrigens ungleich gemütlicher herging, als bei der Pilgerfahrt weiland Kaiser Heinrichs.
Sicherlich ist es zu beklagen, daß Bebel seine Denkwürdig⸗ keiten nicht, wie er beabsichtigte, bis zum Erlöschen des Sozialistengesetzes hat fortführen können. Aber wenn es nun einmal nicht sein sollte, so wollen wir dankbar dafür sein, daß es ihm vergönnt gewesen ist, noch die Periode zu schildern,


