rührte, flammte es auch auf und verbrannte mit weißblendender Flamme.
Davy nannte diese neue unbekannte Substanz Potassium. Später erhielt sie den Namen Kalium und da es gar nicht gelang, sie mit der größten aller bekannten Naturkräfte, mit der Elektrizität weiter zu zerlegen, wurde sie als Urstoff, als Element bezeichnet. Mit Hilfe des elektrischen Stromes wurde bald ein weiteres Ele⸗ ment: das Natrium hergestellt, bald auch das Barium, das Calcium usw. Davy und seine Zeitgenossen waren sich aber dabei klar, daß es sich nur um„noch nicht weiter zerlegbare“ Stoffe handle, später aber verlor sich dieser Vorbehalt und man gewöhnte sich daran, die Elemente als die echten, von Anbeginn der Zeiten und auch für immer bestehenden Bausteine der Welt anzusehen, aus deren Kombi⸗ nation alle vorhandenen Körper zustande kommen.
Daran glaubte alle Welt, mit Ausnahme der Philosophen und einiger Chemiker, die(in jeder Generation seit Davy waren sie an den Fingern abzuzählen) daran festhielten, daß die Welt einheitlich, die vielen Elemente auseinander oder aus einem Urelement ent⸗ standen sein mlissen. Schon im Jahre 1815 machte einer dieser Zweifler, der englische Arzt Dr. W. Proust, darauf aufmerksam, daß die sehr verschiedenen Atomgewichte der Elemente(sie besagen, um wieviel schwerer die gleiche Menge eines Elements als Sauer⸗ stoff ist), in höchst merkwürdiger Weise von einander abweichen. Verschiedene Elemente sind in dieser Hinsicht genau ein Vielfaches des Wasserstoffes, woraus Proust den Schluß zog, sie seien keine Elemente sondern aus Wasserstoff gebildet.
Das hat man zuerst geglaubt, dann bekämpft, bezweifelt, und als Gegenbeweis hat man neue Wägungen angestellt, die ergaben, daß die Lehre von der Multiplikatton der Wasserstoffatome falsch sei. Da geschah etwas Unerwartetes. Im Jahre 1840 stellte der große französische Chemiker Dumas neuerdings das Atomgewicht des Kohlenstofses als genau das zwölffache des Wasserstoffes fest. Vie rundzwanzig Jahre später war ein weiterer bedeutsamer Fort⸗ schritt erzielt. Der Engländer Newlands bemerkte, daß wenn man die Elemente in der Reihe ihrer Atomgewichte zufammenstellt, jedes achte dann bestimmte Eigenschaften seiner Vorgänger wieder⸗ holt. Und dort, wo diese Regel nicht zutrifft, müssen wir eine Lücke der Kenntnisse annehmen, die sich denn auch wirklich schon mehrfach durch neuentdeckte Elemente ausfüllen ließ. Auf solchen Erfahrungen beruht die neueste Wende der chemischen Grund—⸗ überzeugungen, die zu der Ausstellung des„periodischen Systems der Elemente“ durch den Deutschen Lothar Meyer und den Russen Dimitry Mendelejeff führte.
Wer noch Zweifel daran hegte, daß alle Elemente zusammen— gesetzte Körper seien, die sich als ein„Vielfaches von Wasserstofs“ chemisch auffassen lassen, mit anderen Worten als eine Kombination on Wasserstoffatomen, dem bot die Spektralanalyse des Himmels gerade in neuester Zeit wieder Beweise über Beweise.
Die Sternenforschung hat gezeigt, daß in der Sonne fast alle wesentlichen Elemente des Erdballes vertreten sind. Aber sie sind in einem anderen Mengenverhältnis da als in der irdischen Welt. Die Atmosphäre der Sonne enthält riesige Mengen Wasserstoff. In dem Spektrum anderer Sonnen, nämlich in dem vieler Fixsterne, erkennen wir fast ausschließlich nur Wasserstoff, so z. B. in dem des Sirius, der als die heißeste aller Sonnen gilt. Der Sirius i eine weiße Sonne: die Sonne, welche unsere Tage beleuchtet, ist schon in einem späteren Entwicklungsstadium. Sie gilt für eine rote Sonne; in ihrem Spektrum überwiegt das Eisen und andere Schwer⸗ metalle.
Aus solchen Einsichten bildete sich allmählich das kühne Welt⸗ bild des modernen Chemikers, dem zuerst der englische Forscher J. Lockyer Ausdruck verlieh; wofür man auf ihn das Ehrenprädikat eines„Darwin der chemischen Welt“ prägte.
Der moderne Chemiker sagt sich, daß, wenn schon unsere Sonne aus weniger Elementen bestehe als die Erde und die noch „elementareren“ weißen Sonnen überhaupt nur aus Wasserstoff bestehen, wohl dieses das einzige Element, der wahre Urstoff der Welt sei, zumindestens diesem Urstoff am nächsten stehe.
Auch ohne die Wunder des Radiums glaubt der Chemiker von heute an eine Umwandlung und Entwicklung der Elemente, weil er sie nicht mehr für Urstoffe, sondern für zusammengesetzt hält.
8 Freilich ist dies alles nur eine Hypothese und noch dazu eine luftige, die im Streit der Meinungen steht und mannigfacher Ve⸗ sestigungen bedarf. Aber schon, daß man so kühne Gedanken im Erust zu diskutieren wagt, zeigt, wohin ber Weg der Geistesent⸗ wicklung führt.
Wenn der Physiker es gelernt hat, die ganze bunte Erscheinungs⸗ welt des Geschehens als Ausströmung, sagen wir Wellenbewegung, einer einheitlichen Urkraft, als die sich immer deutlicher die Elek⸗ trizität vorstellt, aufzufassen, so kommt ihm nun der Chemiker nach mit dieser Idee vom einheitlichen Urstoff der Welt, und wenn beide nun sich einigen, den Stoffe nur als Ausdrucksform der Energie aufzufassen, so erscheint hier schon von ferne das Weltbild des näch⸗ sten Jahrhunderts. Es ist ein vergeistigtes Bild der Welt, das man aus diesen Entwicklungslinien der Wissenschaft ahnt, und alles deutet darauf hin, daß die Philosophie unferer Enkel ein neuer naturwissenschaftlicher Idealismus sein wird, ist doch das Weltbild der— letzten Naturwissenschaft nur die Bestätigung alter whilo⸗ sophischer Erkenntnis.
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Aus unserer Sammelmappe. 1
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Wie wird man Sozialdemokrat? Die Sozialdemokratie unter⸗ scheidet sich von allen anderen Parteien dadurch, daß sie nicht wie diese ein zusammengewürfelter Haufen von Leuten ist, die nie genau wissen, was sie wollen und deren Blick nie weiter reicht als bis zum nächsten Tag. Sie ist vielmehr eine Partei, deren Ziel die Errich- tung einer neuen Gesellschaftsordnung ist und deren Kämpfe dem⸗ nach planmäßig geführt werden müssen. Darum ist die Sozialdemo⸗ kratie die einzige Partei, die ein wirkliches Programm hat.
Dieses Programm ist nicht für einen bestimmten Tag verfaßt, wie etwa das Wahlprogramm irgendeiner bürgerlichen Partei. Es gilt jederzeit und gibt die Richtschnur für all unser Tun. In ihm sind die Lehren des wissenschaftlichen Sozialismus zusammengefaßt, die in jahrzehntelanger Geistesarbeit gefunden worden sind. Die knappen Sätze des Programms haben demnach einen außerordent⸗ 7 lichen reichen Gedankeninhalt, der nicht leicht aus den wenigen 1 Sätzen des Programms herauszuschöpfen ist. Darum ist eine gemeinverständliche Erläuterung des Parteiprogramms unerläßlich.
Genosse Robert Danneberg hat den Versuch unternommen, eine gemeinverständliche Darlegung der Grundsätze des sozialdemokrati⸗ schen Parteiprogramms zu geben. Die Programmbroschüre ist in zweieinhalb Jahren in Oesterreich und Deutschland in 25 000 Exem⸗ plaren verbreitet worden. Sie hat in der überall aufstrebenden Bildungsbewegung wertvolle Dienste geleistet. Nun ist sie in neuer Auflage erschienen. Der Verfasser hat die Broschüre umgearbeitet und auf den doppelten Umfang gebracht. Was als Vorzug der früheren Auflage gerühmt worden ist, gibt die neue Ausgabe noch im verstärkten Maße: Sie zeigt die Richtigkeit der sozialdemokrati⸗ schen Grundsätze gerade an den Tatsachen der neuesten Wirtschafts⸗ entwicklung auf und gibt reichlich Belege aus der jüngsten Entwick⸗ lungsstufe des Kapitalismus. 1
Die Darstellung beginnt mit einer geschichtlichen Skizze über 4 die vorkapitalistische Zeit. Sodann wird die Entwicklung der kapi⸗ talistischen Wirtschaftsordnung von ihren Anfängen bis heute dar⸗ gestellt. Der Versasser erörtert, wie der Kapitalismus alles in der Welt geändert hat: wie er auf den Arbeiter wirkt, wie er den alten Mittelstand zugrunde richtet oder sich hörig macht, wie er einen neuen Mittelstand schafft, wie er im Konkurrenzkampfe auch inner⸗ halb der Kapitalistenklasse selber fortwährend Veränderungen hervorruft und wie er sich in der letzten Zeit entfaltet hat. Der Verfasser bringt eine eingehende Darstellung der Bedeutung der Aktiengesellschaften, der Kartelle und Trusts und der Herrschaft der Banken über das ganze Wirtschastsleben. Im zweiten Teile des Buches zeigt er, wie die Arbeiterbewegung und wie der Sozialismus entstanden sind und wie schließlich die Arbeiterbewegung sozial⸗ demokratisch werden mußte. Er erörtert die Stellung der Sozial⸗ demokratie zu den biecgerlichen Parteien, er bespricht die Kampf⸗ mittel der Arbeiterbewegung und ihre gegenwärtige Situation. Er zeigt wie auf allen Gebieten gerade durch das Wachstum der Ar⸗ beiterbewegung eine Verschärfung der Klassengegensätze eingetreten ist. Mit einer Cxörterung des Begriffs des Zukunftsstaates u der Einwände deß Gegner schließt das Buch, dem eine A L empfehlenswerter Literatur zum Studium des Sozialismus beige⸗ geben ist. 3
Das Buch wird überall gute Dienste leisten. Es ist für jeden Genossen eine Quelle der Belehrung und der Begeisterung. Es gibt den Vertrauensmännern der politischen und gewerkschaftli Organisationen Material in Fülle, das für Vorträge aus dem Ge⸗ biete des Sozialismus verwendet werden kann. Es ist ein Leh buch des Sozialismus und soll dem Gegner nicht minder wie d Freund der Arbeiterbewegung zur Lektüre empfohlen werden, Darum gehört es in jede Arbeiterbibliothek.
Das Buch umfaßt 196 Seiten und kostet broschürt nur 70 He (60 Pfennige), kartoniert 1.20 Kronen(1 Mark).
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