Neue Parteiliteratur.
Neue Parteiliteratur oder— je nachdem man will— alte Parteiliteratur. Kaum hat sich aus dem Briefwechsel zzwischen Engels und Marx ein Bergwerk erschlossen, das in feinen— mitten durch zerklüfteten Fels laufenden— Gold- adern allmählich erst abgebaut werden kann, als neue Schrif— ten beider Männer erscheinen: die eine von Marx, die bis— her in einem bürgerlichen Verlage, wenigstens für Arbeiter— leser, halb vergraben war, aber nunmehr nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist freigeworden ist, die andere von Engels, die zum ersten Male aus seinem handschriftlichen Nachlaß auftaucht. a Die erste Schrift— Der 18. Brumaire des Louis Bona— parte— ist unter dem unmittelbaren Eindruck des Staats— streichs geschrieben worden, durch den sich Napoleon III. am 2. Dezember 1851 auf eine Reihe von Jahren zum Herrn von Frankreich machte. Er wurde darob von ganz Europa angestaunt, als Gesellschafts⸗ und Staatsretter gefeiert, selbst von seinen Gegnern als eine unheimliche Geistesgröße ge— fürchtet. Man lauschte atemlos den Orakelsprüchen, die am Neufjahrstage aus den Tuilerien erschollen, und auch Bis— marck pilgerte an den Hof dieses gekrönten Abenteurers, um dessen gnädige Duldung für das eiserne Würfelspiel des Jahres 1866 zu ergattern. 5 Marx aber schrieb auf frischer Tat die Geschichte des bonapartistischen Staatsstreichs, den die einen nur bewun— dern, die andern nur verabscheuen konnten. Es war eine der ersten Proben, die er mit seiner historischen Theorie auf die Geschichte der Gegenwart machte, und die kleine Schrift ist eine ihrer glänzendsten Proben geblieben. Funkelnd von Geist und Witz, den erfolgreichen Verbrecher tiefer ins Herz treffend, als es der größte Dichter Frankreichs, als es Victor Hugo mit seinen geistreichsten Scheltreden vermochte. sist sie zugleich ein Muster tief eindringender Geschichts— forschung, stellt sie dem bonapartistischen Regiment mit kalt— blütiger Sicherheit das Horoskop seiner gleich schmachvollen Erfolge und Niederlagen. 1 Seitdem sie geschrieben wurde, sind zwei Drittel eines ahrhunderts verflossen, aber dennoch entbehrt sie eines leb—
icht. Was Marx in ihr überzeugend nachweist, wie nämlich der Klassenkampf in Frankreich Umstände und Verhältnisse schuf, die einer mittelmäßigen und grotesken Personage das Spiel der Heldenrolle ermöglichten, das ist die Frage des Imperialismus überhaupt. Im einzelnen mögen die Um⸗ stände und die Verhältnisse und namentlich auch die Persön⸗ lichkeiten verschieden sein, obgleich vor fünfzig Jahren alle europäischen Herrscher von Gottesgnaden mit dem nachge— machten Cäsar an der Seine die Bruderhand gehärtet haben: im allgemeinen ist der scheinbare Glanz der modernsten Mo- narchie nichts anderes, als der fahle Widerschein, den das lichterloh flammende Feuer der modernsten Klassenkämpse in die Wolken wirft. So dankenswert es ist, daß unser Stuttgarter Parteiverlag diese Schrift von Mart in seine kleine Bibliothek(Preis 1 Mark) aufgenommen hat, so möchten wir für eine neue Auflage doch den Wunsch nach einer erläuternden Vorrede aussprechen. Ein Personenverzeichnis und eine rein chrono— ogische Uebersicht, die dieser Ausgabe beigefügt sind, genügen nicht, um selbst nur dem vorgeschrittenen Arbeiter die um mehr als sechzig Jahre zurückliegenden Ereignisse, die Marr unter sein kritisches Messer nimmt, völlig zu erklären. Und nich ein Wort über die eigenen Schicksale der Schrift wäre n einer neuen Auflage wohl am Platze. Völlig von der uropäischen Presse ausgeschlossen, bedrängt von nagenden kahrungssorgen und quälender Krankheit, schrieb Marr sie ür ein amerikanisches Blatt, das sein Freund und Gesin⸗ ungsgenosse Weydemeyer herauszugeben begonnen hatte. ber ehe noch das Manuskript über den großen Teich gelangt dar, hatte Weydemeyers Blatt schon zu erscheinen aufgehört, nd die Schrift hätte überhaupt nicht das Licht der Oeffent⸗ chkeit erblickt, wenn nicht ein deutscher Arbeiter, ein Schnei⸗ r aus Frankfurt, hochherzig genug gewesen wäre, seine
liches Denkmal proletarischer Opferwilligkeit.
Wie viel ein klassisches Werk unserer Parteiliteratur durch eine zugleich gemeinverständliche und sachverständige Erläuterung gewinnen kann, zeigt der erste Entwurf, den Friedrich Engels für das kommunistische Manifest gemacht und den Genosse Bernstein jetzt aus dem Nachlasse des Ver⸗ fassers im Verlage des Vorwärts herausgegeben hat(Preis 50 Pfg.). Für den, der das kommunistische Manifest geistig in sich aufgenommen hat, bietet die kleine Veröffentlichung freilich nur den Reiz eines fesselnden Einblicks in die Ge— dankenwerkstatt, aus der eine weltgeschichtliche Urkunde her⸗ vorgegangen ist. Aber um das Manifest völlig zu bewältigen, badarf es schon eines nicht geringen Maßes von Vorbildung, und auf dem Wege dazu kann man sich keinen besseren Führer wünschen, als diesen Entwurf von Engels.
Er ist in der Form eines Katechismus abgefaßt: in 25 Fragen und Antworten. Was ist der Kommunismus? Was ist das Proletariat? Wie ist das Proletariat entstanden? Wie unterscheidet sich der Proletarier vom Sklaven, vom Leibeigenen, vom Handwerker, vom Manufakturarbeiter? Und so weiter. Einzelne Antworten, die in dem Manu— skripte ausgefallen sind, hat Bernstein aus dem kommunisti⸗ schen Manifest sachgemäß ergänzt. Ohne Zweifel war es ein Fortschritt, daß Marx und Engels für die schließliche Redak- tion des Manifestes die Katechismusform aufgaben und die historische Darstellung vorzogen, die ihnen gestattete, einen noch reicheren Inhalt in eine noch knappere Form zu fassen. Aber mit der wachsenden Höhe des stolzen Baues brachen auch manche Brücken des Verständnisses ab, die in dem ersten schlichteren Entwurf noch vorhanden sind.
Auffallend tritt in ihm die Aehnlichkeit mit den Grund— gedanken von Lassalles späterer Agitation hervor: das eherne Lohngesetz in der Fassung Ricardos, das Zensuswahlrecht als untrügliches Kennzeichen der Bourgeoisherrschaft, die Forderung, womit Lassalle Produktivassoziationen begrün⸗ dete, zunächst einen ersten radikalen Angriff gegen das Privateigentum zu unternehmen,„so wird das Proletariat sich gezwungen sehen, immer weiter zu gehen, immer mehr alles Kapital, allen Ackerbau, alle Industrie, allen Trans- port, allen Austausch in den Händen des Staats zu konzen⸗ trieren“. Die schroffe Ablehnung von Lassalles Agitation erklärt sich bei Marx und Engels wenigstens zum Teil dar— aus, daß gerade ehrliche und kluge Menschen am unerbitt— lichsten gegen Irrtümer zu sein pflegen, die sie selbst einmal gehegt, aber in heißer Arbeit überwunden haben.
Franz Mehring.
Der Urstoff des Weltalls.
Von H. Falkenfels.
Zu den durch die Bildung unserer Zeit schwirrenden Schlag worten gehört auch das von dem verwirklichten Traum der Alche⸗ misten. Seitdem es dem englischen Physiker gelungen ist, aus dem Element Radium das Element Helium durch den freiwilligen Zer⸗ fall des Radiums zu erhalten, stellen sich viele wissenschaftlich ge⸗ bildete Menschen vor, es sei nur mehr eine Frage der Zeit, wann der Mensch aus Eisen Gold, aus jedem Urstoff einen beliebigen anderen machen könne.
Wenn es nun auch damit noch gute Weile haben mag, so be⸗ freundet sich aber auch die wissenschaftliche Chemie unferer Tage mit dem Gedanken, daß es eine sehr unvollkommene Ansicht vom Bau der Welt sei, wenn wir derzeit annehmen, die Erde mit allem was auf ihr lebt und ebenso alle anderen Gestirne bestünden aus etwa 80 Urstoffen, die man Elemente nennt und von deren Herkunft man nichts weiß.
Schon wenn man ein wenig nachforscht, wie denn dleser Begriff dieses Urstoffes entstanden sei, gelangt man bald darauf, daß bei seiner Entstehung der menschlichen Unvollkommenheit eine sehr be⸗ deutende Nolle zukam.
Das erste Element, daß man entdeckte, konnte vor kurzem sein gundertjähriges Jubiläum feiern. Der berühmte englische Chemiker Davy stellte es her, als er zum erstenmal Pottasche unter den Einfluß der damals neuentdeckten Voltaschen Batterie brachte. Es geschah damals etwas, was man im ersten Ueberf ng für ein Wunder hielt. Es schied sich aus der Pottasche durch die Elektrizi⸗ tät ein weißes Metall aus, das so leicht war, daß es auf dem
nzen Ersparnisse in der Höhe ven vierzig Dollars für ihre
Wasser schwamm. In dem Augenblick aber, da es das Wasser be⸗
Drucklegung zu opfern. So ist die Schrift auch ein rühm⸗
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