und gegenüber der Arbeiterbewegung steht er auf dem Stand⸗ punkt des von ihm in den Himmel gehobenen Bismarck. Mit dieser bürgerlichen Agitation für den Austritt aus der Kirche darf die freiwillige Lösung breiter Arbeitermassen von der Kirche nicht vermischt werden, wenn die Partei nicht ge— schädigt werden soll.
Soviel über die Parteimitglieder, die der Kirche nur noch äußerlich anhängen. Ueber diejenigen Parteimitglieder. die ihr noch innerlich angehören, können wir uns kürzer fassen. Die Partei denkt nicht garan, sie ihrem Glauben ab— wendig zu machen; sie achtet ihre religiösen Ueberzeugungen, und sie mutet ihnen auch nicht zu, innerhalb ihrer kirchlichen Organisation für den Sozialismus zu wirken, was eine ganz ausgefallene Idee wäre. Was wiederum nicht die Partei, sondern ihr Parteigewissen von diesen Parteimitgliedern be— anspruchen kann, ist nur soviel, daß sie, wo sich ihre Kirche feindselig zur Arbeiterbewegung stellt, die Interessen ihrer Klasse über die Interessen ihrer Seelenhirten stellen. Und das wird um so eher und gründlicher geschehen, je mehr die Massen von sozialistischem Geist durchtränkt werden.
Der Kautschuk und seine Gewinnung.
. Von Dr. G. Hugo.
Die Tatsache, daß sich aus dem Milchsaft gewisser Pflanzen des tropischen Amerika ein Stoff absondern läßt, der sich durch seine große Elastizität auszeichnet, wurde in Europa etwa um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts bekannt. Aber das Zeitalter war technisch noch nicht weit genug fortgeschritten, um in diesem Stoff, dem Kautschuk oder Gummi, mehr zu sehen, als eine Kuriosität. Der berühmte englische Chemiker Priestley fand heraus, daß man durch Reiben mit dem neuen Pflanzenprodukt Geschriebenes leicht vom Papier entfernen könne, und so bekam der Kautschuk nach seiner Herkunft aus Westindien und seinem Gebrauch seine englische Be⸗ zeichnung als India Rubber, d. i. indischer Reibstoff. Zu Zwecken der Industrie erwies sich dies Material zunächst wenig brauchbar, da es schon beim Gefrierpunkt steinhart, bei Temperaturen von 30 bis 40 Grad Celsius weich wurde und seine Elastität also nur inner⸗ halb eines geringen Wärmeintervalls behielt. Erst als man lernte, den Kautschuk durch Behandlung mit Schwefel, sogenannte Vulkani⸗ sation in einen erheblich widerstandssähigeren Stoff zu verwandeln, war das wesentlichste Hemmnis für seine Verwendung beseitigt. Diese sand zuerst in der Bekleidungsindustrie zur Herstellung elasti⸗ scher Bänder, wasserdichter Kleidungsstoffe und Gummischuhe statt. Nicht viel später, um 1850, wurde ein dem Kautschuk seiner Her⸗ kunft und chemischen Zusammensetzung nah verwandter Stoff, die Guttapercha, der Kulturmenschheit unentbehrlich, indem aus ihr die einzig brauchbare Umhüllung unterseeischer Kabel bereitet wurde. Der enorme Aufschwung der Kautschukverwendung seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts datiert aber von den Tagen, als die Brauchbarkeit des Gummi für die Medizin und das Verkehrswesen erkannt wurde. Die Benutzung des Kautschuks in der Hygiene und Krankheitsbehandlung ist so vielseitig und allgemein, daß ein Hin⸗ weis auf sie genügen mag. Seine Bedeutung für das Fahrrad⸗ und Automobilwesen ist derart, daß man wohl den Satz aussprechen
kann, die Entwicklung dieser Besörderungsmittel sei ohne die aus dem Kautschuk hergestellten Radschläuche undenkbar gewesen.
Wie explosionsartig der Kautschukbedarf gestiegen ist, ergibt sich daraus, daß nur von 1910 auf 1913 die jährliche Produktion von 66 auf 112 Millionen Kilo angeschwollen ist. Die primitiven Kaut⸗ schuksammler, die in den wilden Wäldern Innersüdamerikas, be⸗ droht von den Giftpfeilen der Indianer, auf die Kautschukjagd gingen, konnten schon bald den Schrei des Weltmarktes nach Gummi nicht befriedigen. Neben der brasilianischen Hevea, einem stattlichen Baum aus der Gruppe der Wolfsmilchgewächse(Euphorbiaceen), die den meisten und besten Kautschuk liefert, den nach dem Haupt⸗ ausfuhrhafen sogenannten Parägummi, fanden sich in einer Reihe anderer Tropenpflanzen weitere Kautschukproduzenten. In Asien war es der von altersher bekannte, auch bei uns beliebte Gummi⸗ baum(ficus religiosa), in Afrika Schlinggewächse, Lianen der Gattung Landolphia, die für die Gewinnung kautschukhaltigen Milchsaftes in Betracht kommen. Auch in Südamerika fanden sich neben der Hevea andere brauchbare Kautschukgewächse. Die Ge⸗ winnung des Rohkautschuks ist im wesentlichen überall die gleiche. Die Rinde der Pflanzen wird durch systematisch angelegte Schnitte verletzt und der entströmende Saft in untergestellten Gefäßen auf⸗ gefangen. Durch Behandlung mit Essigsäure, Alaun oder Kochsalz wird der Kautschuk, der sich in mikroskopischen Tröpfchen, ähnlich wie das Fett in der Milch, in dem Saft schwebend, sich befindet, dazu gebracht, sich in Kuchen abzusondern, die dann auf den Markt ge⸗ Pracht und verschledenen Prozeduren, insbesondere der erwähnten Vulkanisation, unterzogen werden.
Der steigende Preis des Gummi hat es zur Folge gehabt, daß die Gewinnung des rohen Materials einen enormen Profit abwarf, und wie immer entsprach dem Profit die Brutalität, der hierbei gegen die Arbeiter, die unglücklichen, ausgebeuteten Eingeborenen angewandt wurde. Das Wort Karl Marx' vom Kapital, das bei
50 Prozent Jahresgewinn selbst den Mord nicht scheut, ist hier im buchstäblichen Sinne Wahrheit geworden. Im Kongostaat haben die Beamten des Belgierkönigs Leopold, die Gummigewinnung in einer Weise betrieben, daß nicht nur die Kautschuklianen, sondern auch die Negerstämme des Urwalds zum großen Teil der Aus⸗ rottung verfielen. Abhacken von Händen und sonstige Verstümme⸗ lungen, waren keineswegs außergewöhnliche Strafen für Bewohner von Dörfern, die den von der Regierung auferlegten Tribut nicht oder nur säumig entrichteten. Diese Greuel sind aber— vor weni⸗ gen Monaten hätte man es wohl nicht für möglich gehalten— durch füdamerikanische Schandtaten überboten worden. In der„Hölle von Putumayo“ haben Abenteurer, zum Teil englischer Herkunft, auf eigene Faust einen Raubstaat eingerichtet, die harmlosen Indianer versklavt und zur Kautschukausbeutung angetrieben. Bei dem Vorgehen dieser organisierten Räuber⸗ und Mörderbande sind selbst Frauen und Kinder nicht geschont, die Ausgeburten wildester Phantasie überboten worden.
Die steigende Nachfrage nach Kautschuk hatte aber eine zweite Folge. Von der Ausbeutung wildwachsender Pflanzen ging man zum Plantagenbau über: in den verschiedensten tropischen Gegenden wurde mit dem Anbau von gummiliefernden Pflanzen, insbesondere der Hevea, begonnen. Während von 1910 auf 1913 die Erzeugung wildwachsenden Parakautschuks bei zirka 40 Millionen stationär blieb, stieg die Produktion an Plantagenkautschuk von 8,5 Millionen Kilo im Jahre 1910 auf 14,1 Millionen Kilo 1911 und 28,5 Millio⸗ nen Kilo 1912, um schließlich 1913 mit 42 Millionen Kilo die Aus⸗ beute an wildem Paragummi zu überholen. Da aber zwischen der Anpflanzung der Bäume und dem Beginn der Ausbeute mehrere Jahre liegen, so läßt sich aus dem heute mit Gummipflanzen be⸗ stellten Gebiet, das sich von Brasilien über die Kolonien der Deut⸗ schen, Engländer, Franzosen, Belgier in Afrika nach Ceylon und Birma hinüber in einem breiten Gürtel um die Erde zieht, voraus⸗ sagen, daß das Angebot an Plantagengummi in den nächsten Jahren sich verdoppeln und verdreifachen wird..
Aber schon tritt gegen den wilden Kautschuk ein neuer Neben⸗ buhler auf, der synthetische Kautschuk, den die chemische Industrie in ihren Fabriken herzustellen sich anschickt. Es ge⸗ nügt dem Menschen des naturwissenschaftlichen und technischen Zeit⸗ alters nicht, die pflanzlichen Gummilieferanten zu kultivieren, sein Bestreben geht dahin, sich von ihnen ganz zu emanzipieren. Das Schicksal der Waidpflanze, der Vanille, des Indigos, soll auch die Kautschukpflanzen treffen. Als 1905 Prof. Harses in Kiel die chemische Formel für den Kautschuk einwandfrei festgestellt hat, konnte die chemische Industrie darangehen, das Problem des künst⸗ lichen Kautschuks zu lösen. Und wo der sortgeschrittenen Wissen⸗ schaft die Millionen des Großkapitals zu Hilfe kommen, scheint es keine Aufgabe der organischen Chemie zu geben, die prin⸗ zipiell unlösbar ist. In den Elberfelder Farbwerken, wo man wohl Hunderttausende für die notwendigen Versuche ausgab, gelang es 1909 Fritz Hofmann, den Kautschuk aus einem verhältnismäßig ein⸗ sach zusammengesetzten Kohlenwasserstoff, dem Isopren, darzustellen. Aber dieser Ausgangspunkt war zu teuer, um einen wirtschaftlichen Ausbau der Methode zu ermöglichen. Neue Wege wurden gesucht und gefunden. Sowohl vom Steinkohlenteer als dem Kartoffel⸗ stärkemehl aus ist es gelungen, die Synthese des Kautschuks zu voll⸗ ziehen; versuchsweise sind schon Autofahrten mit Pneumaties aus Elberfelder Gummi unternommen. Noch leidet das Kunstprodukt an manchen Fehlern: es ist zu rein. Dem natürlichen Kautschuk sind nämlich gewisse Harze und Eiweiße vermischt, die nach der Vulkanisation, das Brüchigwerden des Kautschuks verzögern. Der künstliche Kautschuk altert infolgedessen zu schnell. Aber zweifellos wird es der Wissenschaft gelingen, diese Kinderkrankheiten zu be⸗ seitigen, und die Zeit ist wohl nicht so fern, wo sich Deutschland von dem tropischen Import an Rohgummi, der bereits den Wert von 200 Millionen Mark das Jahr überschritten hat, freimachen kann.
Wieder ein gewaltiger Fortschritt der Wissenschaft und Technik! Aber unsere Wirtschaftsordnung ist so beschaffen, daß der Gewinn an Glück für die Menschheit bei allem Mehrleistenkönnen zweifelhaft bleibt. Vielleicht werden die Beutezüge blutgieriger Kautschuk⸗ sammler in den Sumpfwäldern Amerikas und Afrikas unterbleiben, wenn mit dem Gewinn der Anreiz zu ihnen fortsällt. Aber wir müssen daran denken, daß auch die Gewinnung künstlichen Kaut⸗ schuks Hekatomben an Menschenleben vernichten wird. Zst doch die chemische Industrie diesenige, bei der niedrige Löhne und ungesunde Arbeitsverhältnisse riesigen Gewinnen der Kapitalisten gegenüber stehen. Die Elberfelder Farbwerke allein beschäftigen über 10000 Arbeiter und Angestellte, auch die Zahl der in den Höchster Farb⸗ werken Arbeitenden ist eine nicht viel geringere. Und wie bei der Gewinnung des wilden Kautschuks, ist es auch hier die hohe Dividende, die mordet: nicht unkultiviert und schnell mit Messer und Pistole, sondern langsam und zivilistert durch chronische Vergiftung. 56, 24, 24, 25, 25, 28 Prozent Dividende— so erzählt uns das Börsenjahrbuch— haben seit 1907 die Elberfelder Farbwerke, die jetzt sich anschicken, die Fabrikation des Kautschuks zu unternehmen, bis 1912 verteilt; entsprechend sind die Gewinne der anderen Fabriken. Aber die Zahl der frühzeitig dahinsiechenden Arbeiter ist in keinem Börsenjahrbuch zu finden. Die Herstellung des künst⸗ lichen Kautschuks ist wohl ein technischer Fortschritt— aber kein Fortschritt der Kultur. l
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