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Wissen istsnacht
Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Volkszeitung
Nummer 7
Dienstag, den 17. februar 1914
3. Jahrgang
Kirche und Sozialdemolratie. Von Franz Mehring.
Die Bewegung, die sich innerhalb der Partei für den Austritt aus der Kirche bemerkbar macht, lenkt wieder einmal die Ausmerksamkeit auf den Satz unseres Programms: Re— ligion ist Privatsache.
Dieser Satz, so einfach oder selbst trivial er klingt, ist die Frucht Jahrhunderte langer Kämpfe, die Ströme von Blut gekostet haben. Es war ein großer geschichtlicher Fortschritt, als die europäischen Klassenkämpfe die teligiösen Schleier abwarfen, in die sie bis tief in die erste Periode des Kapi— talismus gehüllt waren. Dieser Fortschritt vollzog sich namentlich in den Tagen der bürgerlichen Aufklärung und der großen französischen Revolution. Lessing verwarf jeden Versuch, auf dem Wege religiösen Haders die Geister zu be— sreien, und selbst vor der konsequenten Orthodoxie hatte er noch größere Achtung, als vor jenem vernünftigen Ehristen— tum, von dem niemand wisse, weder wo ihm das Christentum, noch wie ihm die Vernunft säße; so waren auch Danton und Robespierre die abgesagtesten Feinde aller Agitationen, die dem Volke die Religion verleiden wollten.
In der modernen Arbeiterbewegung hat sich diese rein— liche Scheidung von Politik und Religion vollends durchge- setzt. Aber wenn die Sozialdemokratie die Kirche ungeschoren läßt, so wird sie von der Kirche nicht ungeschoren gelassen. Es ist wahr: sie fordert die Trennung der Kirche vom Staat, in richtiger Folgerung aus ihrem Grundsatze, daß Religion Privatsache sei. Allein diese Forderung greift die Kirche als solche nicht an. Im Gegenteil: jede aufrichtige, von der inneren Wahrheit ihrer Glaubenssätze durchdrungene Kirche, will auf eigenen Füßen stehen und verschmäht die Almosen aus dem öffentlichen Säckel, die zum mehr oder minder großen Teil von Andersgläubigen oder gar von Ungläubigen aufge- bracht werden. Indessen die geschichtliche Entwicklung hat es mit sich gebracht, daß von allen Kirchen gilt, was Marx von der englischen Hochkirche sagt, sie verzeihe eher die An— griffe auf 38 von ihren 39 Glaubensartikeln, als auf ½5 ihres Geldeinkommens. Und schon aus diesem Grunde, von anderen Gründen ganz abgesehen, findet die Sozialdemo⸗
ratie auf ihren Wegen die Kirche als Gegnerin.
Diesen Angriffen muß die Partei begegnen, aber sie gibt deshalb mit nichten ihren Grundsatz auf, daß Religion Privat- sache sei. Sie widersetzt sich den Angriffen der Kirche nur. wo die Kirche sich aufs unkirchliche Gebiet begibt und sich selbst untreu wird, indem sie sich aus einer religiösen Gemein- schaft zum Werkzeuge weltlicher Herrschaftsinteressen er— niedrigt. Wir tasten weder Beichtstuhl noch Kanzel an, wenn wir den Mißbrauch des Beichtstuhls und der Kanzel für kapi⸗ talistische Unterdrückungszwecke bekämpfen. Diese Grenz⸗ scheide ist so klar und scharf, daß sie von der Partei im wesent⸗ lichen niemals aus den Augen verloren worden ist, wenn auch gelegentliche Entgleisungen einzelner Parteigenossen vorge- kommen sein mögen. 8
Mag nun aber auch die Sozialdemokratie als solche sich die vollkommenste Zurückhaltung gegenüber allem religiösen Wesen auferlegen, so ist die Frage damit noch nicht erledigt für die einzelnen Parteimitglieder, die zugleich Mitglieder der Kirche sind. Sie können durch die feindselige Haltung der Kirche gegen die Partei in Gewissenskonflikte mancherlei Art geraten; die rechte Hand des Privatmenschen, die für die
Kirche steuert, schlägt die linke Hand des Parteimenschen, die!
für die Partei steuert, und umgekehrt. Um hierin klar zu sehen, muß man zunächst scheiden zwischen denjenigen Partei— mitgliedern, die dem religiösen Glauben längst abgestorben sind und nur aus alter Gewohnheit oder äußerlichen Rück— sichten irgend welcher Art in der Kirche bleiben und den— jenigen Parteimitgliedern, die sich den Glauben an die religiösen Heilswahrheiten bewahrt haben und durch gemüt— liche Bedürfnisse, mitunter der stärksten Art, an die Kirche gefesselt sind, die ein Stück ihres inneren Lebens opfern wür— den, wenn sie von ihr schieden.
gon diesen den Austritt aus der Kirche zu fordern, wäre ein verwerflicher Gewissenszwang. Aber auch von jenen for- dert die Partei ihn nicht. Jeedoch eine stärkere Macht, als irgend eine Parteiinstanz, nämlich ihr Parteigewissen, sollte sie antreiben, aus der Kirche zu scheiden, in der sie nichts mehr zu suchen haben. Sieht man selbst von allen sittlichen Gesichtspunkten ab, so müßte ihnen schon die nüchterne Er— wägung naheliegen, daß sie mit ihren paar Groschen nicht eine Gemeinschaft stiften dürfen, die ihren Personen fremd geworden, aber ihre Partei zu schädigen bemüht ist. Selbst die Kirche verliert an solchen Gliedern nichts, und tut auch so, als ob sie lieber heute wie morgen von ihnen befreit wäre; tatsächlich freilich sucht sie und die ihr verbündete Staats- macht doch durch allerlei Mittelchen die räudigen Schafe in. der Herde festzuhalten.
Umso höher ist es anzuerkennen, daß sich jetzt eine Be— wegung für den Austritt aus der Kirche innerhalb der Partei vollzieht. Sie kommt ohne äußeren Anstoß aus den Massen als das offene Bekenntnis einer ehrlichen Ueberzeugung und muß als solche begrüßt werden. Man kann noch einen Schritt weiter gehen. So wenig es die Sache der Partei sein kann, die Bewegung des Kirchenaustritts in ihre leitende Hand zu nehmen, so wenig läßt sich dagegen einwenden, daß einzelne Mitglieder der Partei die nun einmal entstandene Agitation zu schüren und zu stärken suchen. Aber freilich gibt es auch hier eine klare und scharfe Grenzscheide, die im Interesse der Partei nicht überschritten werden darf: die Grenzscheide zwischen der Bewegung für den Kirchenaustritt innerhalb der Partei und einer anscheinend gleichen, aber tatsächlich grundverschiedenen Agitation auf bürgerlicher Seite.
Wir meinen die Agitation des Komitees Konfessionslos, des Monistenbundes und ähnlicher bürgerlicher Gebilde, die sich für den Austritt aus der Kirche ins Zeug legen. Ste gehen dabei von genau entgegengesetztem Gesichtspunkt aus, wie die Parteimitglieder, die für den gleichen Zweck wirken. Sie wollen gerade das, was die Sozialdemokratie nicht will: nämlich den religiösen Hader zum Brennpunkt des öffentlichen Lebens machen. Sie wollen der Kirche garnicht an den Kragen, als einem Werkzeuge weltlicher Herrschaftsinteressen, für welche Interessen sie selbst mehr oder weniger begeistect sind; sie wollen die Kirche vielmehr als eine religiöse Gemein— schaft beseitigen, an deren Stelle sie jene seichte Aufklärung setzen möchten, von der ein Mann wie Lessing sagte, sie sei noch viel ungenießbarer, als selbst die strengste Orthodoxie.
Man nehme nur einmal den namhaftesten Mann dieser Richtung, den mit Recht berühmten Naturforscher Ernst Haeckel, dessen wissenschaftliche Verdienste auch von der So⸗ zialdemokratie stets anerkannt worden sind. Seine Auf⸗ fassung religiöser Fragen, wie er sie in seinem Buche über die Welträtsel niedergelegt hat, ist so einfach, daß jeder Nachmit⸗ tagsprediger sie in einer halben Stunde widerlegen könnte,


