Zustande vorfinden und so fort. Die gegenseitigen Beziehungen der Bestandteile dieser Welt, die von der Temperatur abhängen, wer⸗ den, da diese sich geändert hat, durchaus umgestoßen sein.
Sind wir nun aber sicher, daß es nicht irgend eine physikalische Größe gibt, die uns ebenso unbekannt ist, wie die Temperatur den Bewohnern jener eingebildeten Welt? Wissen wir, ob jene Größe sich nicht stetig ändert, wie die Temperatur einer Kugel, die ihre Wärme durch Strahlung verliert, und ob nicht diese Aenderung eine Aenderung aller Naturgesetze nach sich zieht?———
So vollkommen die Wärmeleitfähigkeit auf jenem Planeten sei, so wird sie doch zweifellos nicht ganz vollkommen sein, so daß Temperaturunterschiede, wenn auch außerordentlich geringe, immer noch möglich sein werden. Sie würden lange Zeit der Beobachtung entgehen, aber es käme vielleicht der Tag, wann man noch empfind⸗ lichere Meßapparate ersinnen und ein genialer Physiker diese fast unmerklichen Unterschiede der Beobachtung zugänglich machen würde. Eine Theorie würde aufgestellt werden; man würde erkennen, daß diese Temperaturabweichungen Einfluß auf alle physikalischen Er⸗ scheinungen haben, und schließlich würde irgend ein Denker, dessen Auffassung den meisten seiner Zeitgenossen gewagt und kühn er⸗ scheinen würde, die Behauptung aussprechen, daß die mittlere Tem⸗ peratur der Welt sich im Laufe der Vergangenheit geändert haben könne, und mithin auch alle damit in Verbindung stehenden Natur⸗ gesetze.
Können wir selbst nicht auch eine ganz ähnliche Sache erleben? Die Grundgesetze der Mechanik z. B. wurden lange Zeit hindurch als absolut betrachtet. Heute sagen manche Physiker, daß sie ge⸗ ändert, oder vielmehr erweitert werden müssen; daß sie nur mit großer Annäherung richtig sind für die Geschwindigkeiten, an die wir gewohnt sind: daß sie aber aufhören werden, es zu sein für Ge⸗ schwindigkeiten, die mit der Lichtgeschwindigkeit vergleichbar sind. Sie stützen ihre Auffassungsweise auf gewisse, mit Hilse des Radiums gewonnene Erfahrungen. Die alten Gesetze der Bewegungslehre
bleiben nicht weniger praktisch richtig für die Welt, die uns umgibt. 5
Unter dem Titel„Letzte Gedanken“ ist vor einigen Wochen eine deutsche Ueberfetzung der letzten Vorträge und größeren Aufsätze von Henri Poincars bei der Akademischen Verlags⸗ gefellschaft in Leipzig erschienen(Preis 4.50 Mark), denen Wilhelm
»Ostwald ein Geleitwort gibt, in dem er den erschütternden Eindruck
schildert, den die Todesnachricht im Sommer 1912 auf die gahl⸗ reichen, zur Vierteljahrtausendseier der Londoner Königlichen Wiffenschaftlichen Gesellschaft versammelten Gelehrten aller Länder machte. Henri Poincaré war wohl der Bedeutendste aus der Ge⸗ lehrtensamilie dieses Namens— der jetzige französische Präsident ist sein Bruder—: er war einer jener seltenen universell gebildeten Männer, die nicht bloß ihr Spezialgebiet beherrschten, sondern auch die angrenzenden großen Wissensgebiete, und in allen Fächern der exakten Naturwissenschaften ihre schöpferische Tätigkeit entfalteten. Poincaré war nicht bloß einer der größten Mathematiker, sondern auch eine erste Größe auf den schwierigen Gebieten der Himmels⸗ mechanik, sowie der theoretischen Physik. Was er anrührte, bekam daher stets einen ausnehmend allgemeinen Charakter, umsomehr, als er die wissenschaftliche Sprache mit großer Eleganz handhabte. Naturgemäß schwebte der große Forscher immer auf den obersten Höhen seiner schwierigen Wissenschaften, so daß es dem Unbe⸗ wanderten leider meist unmöglich ist, dem genialen Gedankenfluge zu folgen. Aber gerade diese„Letzten Gedanken“ bieten einige all⸗ gemein verständliche Aufsätze, bei denen der Laie Gelegenheit hat, sich mit Genuß darein zu versenken. Versenken ist allerdings nötig, das beweisen auch die hier wiedergegebenen gekürzten Stücke aus dem ersten Auffatze:„Sind die Naturgesetze veränderlich?“. Mit Recht betont Poincaré gleich zu Anfang seiner Ausführungen, daß zie Annahme der Veränderlichleit der Naturgesetze für die Forscher ausgeschlossen bleiben muß, weil sie sonst die Möglichkeit einer Forschung von vornherein leugnen würden. Aber welche Gedanken⸗ jülle er selbst trotz dieser feststehenden Ablehnung auch bei diesem Gegenstande beizubringen vermag, dafür gibt dieser erste Aufsatz ein glänzendes Zeugnis. F. Linke.
Aus unserer Sammelmappe.
Die Lese, Wochenzeitschrift für das deutsche Volk, herausgegeben von Theodor Etzel im Leseverlag, Stuttgart, legt uns ihr viertes diesjähriges Wochenheft vor. Es enthält, wie man es bei dieser vortrefflich geleiteten Zeitung nachgerade gewohnt ist, eine Menge hochwertiger, fesselnder Beiträge. Besonders erwähnt seien der Artikel von S. G. Kallenberg über den Musiker Johannes Brahms, der hübsche Romanausschnitt Nanny Lambrechts„Wie der Pastor von Mohren das Kaplänchen aufklärt“, der Brief„Eginhards an Emma“ aus Strindbergs historischen Miniaturen und schließli⸗ noch der große Roman des Franzosen Gustave Flaubert„Salambo“. — Da die Lese nur anerkannt guten und gediegenen Lesestoff bringt und die seichte„Unterhaltungslektüre“ sorgsam meidet, ist es nicht verwunderlich, daß ihre Leserzahl von Nummer zu Nummer steigt. Probenummern der Lese gibt jede Buchhandlung ab. Wo keine am Platze, wende man sich an den Verlag der Lese, Stuttgart, Ludwig⸗ traße 26, der auch bereitwilligst jede weitere Auskunft erteilt.
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Ansteckende Krankheiten und Hygiene. Wie sehr die hugienischen Verhältnisse auf die Erkrankungsziffer und die Sterblichkeit an⸗ steckender Krankheiten von Einfluß sind, davon hat man im Münchener Kinderspital ein beweisendes Beispiel erlebt. Im Jahre 1909 wurde die Scharlach- und Masernabteilung des dortigen Kinderhospitals gänzlich umgebaut und die hugienischen Aufenthalts⸗ bedingungen von Grund aus geändert. Der Krankensaal der alten Masernabteilung war dunkel, dumpf, hatte hölzerne Fußböden, keine Ventilation, Krankenzimmer, Schwesternzimmer, Bad und Kloset bildeten einen gemeinsamen Raum, der nur durch mannshohe Wände abgeteilt war. Im Neubau dagegen sind die Räume licht und luftig, an den Längsseiten mit sehr großen Fenstern und Ober⸗ lichtern zur Ventilation. Die Nebenzimmer sind getrennt. Im Krankenzimmer und Vorraum sind bequeme Wasch- und Desinsek⸗ tionseinrichtungen geschaffen. Prof. v. Pfaundler hat nun den Ein⸗ fluß der verbesserten hugienischen Verhältnisse ziffernmäßig festge⸗ stellt. Zum Vergleich wurden drei Jahre vor und drei Jahre nach dem Umbau herangezogen. Dabei ergab sich, daß die Sterblichkeit auf der Masernabteilung ungefähr auf die Hälfte herabgesunken war und zwar hauptsächlich durch die Abnahme der so gefährlichen Nebenkrankheiten, besonders der Lungenentzündungen. Für dieses Ergebnis waren, wie festgestellt wurde, nicht etwa äußere Griinde maßgebend. Auch in der üblichen Behandlungsweise hatte sich nichts Wesentliches geändert. 3
Ein Mensch ohne Gehirn. Der Begriff eines lebenden Tieres 3 ohne Großhirn ist den Naturforschern sehr wohl geläufig, seltdem 1 es dem berühmten deutschen Seelenforscher Goltz gelungen ist, drei Jahre hindurch einen Hund, dem das gesamte Großhirn 3 4
sernt wurde, zu beobachten. Die Leistungen dieses Tieres, das ja nach der herrschenden Ansicht nicht fühlen, sehen, riechen, hören, noch weniger„denken“ konnte, waren erstaunlich. Er kletterte, lief* eifrigst umher, schlief wie sonst, fraß auch normal und konnte dabei sogar noch einiges lernen. Bedingung feines Weiterlebens war 4 allerdings, daß das sogenannte Urhirn unversehrt blieb, weil dieses alle Betätigungen des rein animalischen Lebens reguliert. Daß das Großhirn des Menschen nun für seine Existenz keine wesentlich andere Bedeutung habe, wie für die höheren Säugetiere, glaubte man daraus schließen zu können, daß bei Neugeborenen noch gar keine tätigen Nervenfasern zwischen diesem Urhirn und dem Großhirn vorhanden sind. Immerhin war es von sehr großem Jnteresse, daß nun in„Pflügers Archiv der Anatomie“(1913) von den Nervenforschern L. Edinger und B. Fischer der erste Fall mit⸗ geteilt wird, in dem ein Kind 3% Jahre lang lebte, bei dessen Sek⸗ tion sich ergab, daß ihm das Großhirn und alle von ihm aus⸗ strahlenden Nerven vollständig fehlten und in wasserhältige Blasen umgewandelt waren. Dieses unglückliche Wesen verhielt sich nun aber ganz anders als der von Goltz beobachtete Hund. Die ganzen Jahre lang lag es fast bewegungslos im Schlafe da und benützte niemals seine Hände zu Instinktsbewegungen. Vom zweiten Jahre an schrie es ununterbrochen, doch konnte das Geschrei durch An drücken, namentlich des Kopfes, sofort gestillt werden. Ganz ausge⸗ schlossen war es, das Kind irgend etwas zu lehren, überhaupt irgend ein Zeichen seelischer Betätigung an ihm zu finden. Sein Dasein ging über Nahrungsaufnahme, Verdauung, Schlafen und Schreien nicht hinaus. Es ergab sich also deutlich, daß der Mensch von dem Behälter seelischer Erfahrungen, wie man das Großhirn genannt hat, viel mehr abhängig ist als auch die höchstentwickelten Tiere, daß offenbar die ganze mit ihm vorgegangene Entwicklung sich nur au sein seelisches Leben konzentriert hat, so daß sich auch der Natur forscher eine noch größere Steigung des Typus Mensch sich nur als zunehmende Verfeinerung seines bewußten Lebens vorstellen kann Großschiffahrtsweg Leipzig⸗Berlin. Nach dem Bauplan dlese neuen Wasserstraße, der von Havestadt u. Contag in Berlin en worsen ist, erhält der Kanal eine Länge von 103,5 Kilometer; Kosten sind auf 64 Millionen Mark veranschlagt. Der Schiffahrt, weg soll nördlich von Leipzig abzweigen, Eilenburg berühren un mittels einer Schachtschleuse von 11 Meter Gefälle bei Groitzsch z Mulde absteigen, die etwa 6 Kilometer weit benutzt wird; da schließt sich eine Kanalstrecke von 27,1 Kilometer Länge etw parallel zur Eisenbahn Eilenburg-Torgan. Die Elbe wird bis 1 Einmündung der Schwarzen Elster verfolgt. Hinter der Elbe ste der Kanal zum Fläming empor und führt über Seyda, Jüterbo Luckenwalde zur Havel bel Potsdam. Im ganzen sind 11 Schlen zur Ueberwindung des Höhenunterschiedes erforderlich.
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