Ausgabe 
1-30 (10.2.1914)
 
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krrichtung besonderer Naturschutzvarke für Stallkaninchen schreiten müßten! Denn das Stallkaninchen wird in einem geordneten Staatsleben immer unentbehrlicher. Das ist kein Scherz, sondern in des Wortes vollster Bedeutung: bluti- ger Ernst.. So notwendig der Hund dem Jäger ist, so unenbehrlich ist dem modernen Strafrichter in vielen Fällen das Kaninchen. In diese Ehrenstellung haben die Physiologen es eingesetzt, seit sie, im Verein mit den Biologen, im Blute des Kaninchens höchst wertvolle Eigenschaften entdeckten. Spritzt man einem Kaninchen in die Ohrvene Menschenblut ein man wählt diese Einfuhrstelle, weil sie bei der Länge und Dünne des Ohres die Arbeit des Einspritzens erleichtert und dem Tier keine Schmerzen verursacht so wird an dem Tier kaum etwas zu bemerken sein. Umso merkwürdiger sind aber die Vorgänge, die sich in seinem Blute abspielen. Es hat näm lich die Eigenschaft angenommen, mit untrüglicher Sicherheit zu entscheiden, ob eine Blutspur, die der Kriminalist irgend wo entdeckt, vergossenes Menschenblut oder harmlosen Un sprungs ist. a

Im Blute des Kaninchens sind als Folge der Ein spritzung mit demganz besonderen Safte Menschenblut neue Körper entstanden, Körper, die darin vorher nicht kreisten. Präzipitine nennt sie die Wissenschaft, d. h. aus⸗ fällende Substanzen, die ein Präzipitat, d. h. einen Nieder schlag, einen Bodensatz bilden, wenn man das Blut des so vorbehandelten Kaninchens mit Menschenblut mischt. Man ennt diese Arbeitsweise eine Präzipitinreaktion, und weil das Reagenz nicht aus dem Laboratoriumsschrank entnommen werden kann, sondern dem lebenden Körper entstammt, spricht man von einer biologischen Arbeitsweise. Sie besteht darin, daß man dem Versuchskaninchen, nachdem man ihm durch eine Reihe von Tagen immer steigende Mengen von Menschen Aut eingespritzt hat, nun das gesamte Blut entzieht. Dann läßt man es freiwillig gerinnen, wobei sich die Blutkörperchen 'on der Flüssigkeit, in der sie schwimmen dem Blutwasser Serum sondern. Dieses Serum bildet das Reagenz, es vird in sierilisierten Röhrchen abgefangen und ist jederzeit gebrauchsfertig. Löst man die Blutspur, die sich irgendwo befand und von der Verdacht besteht, sie sei Menschenblut, in einer wässe igen Kochsalzlösung auf, versetzt diese Lösung mit einigen ropfen des oben erwähnten Serums, so wird, wenn Men chenblut vorlag, eine Trübung der Mischung stattfinden; eibt die Mischung klar, dann war der Verdacht nicht gerecht⸗ igt. Man hat den Kaninchen in gleicher Weise verschie enes Eiweis eingespritzt und jedesmal gefunden, daß das im nur immer auf das gleichartige Eiweis reagierte. ahm man Hühnereiweis, so erhielt man nur in einer ühnereiweislösung, nicht aber in einer Fleischeiweislösung nen Niederschlag, nahm man Pflanzeneiweis, nur in der ösung eines Eiweises pflanzlichen Ursprunges, Niederschläge. ie anfänglich nur die Schwerverbrecher überführende Me ode, wurde auch für die kleineren Missetäter hinter dem dentisch gefährlich. Ein vor zirka 3 Jahren mit großer klame und dem entsprechenden Verdienst auf den Markt worfener konzentrierter Fleischsaft, der die Quintessenz von usend Ochsen enthalten sollte, erwies sich mit Hilfe dieser aktion als chinesisches Eiereiweis. Man lüftete das nge Inkognito mancher Pferdewurst, die alsCervelat st auf Reisen ging und man ist oben daran, den farben digen Teigwarenfabrikanten besser auf die Finger sehen können, als mit Hilfe der chemischen Untersuchung bisher glich war. Wird nämlich geschlagenes Hühnereiweis in siologischer Kochsalzlösung einem Kaninchen durch einige ige eingespritzt, dann erhält das Serum dieses Tieres die senschaft in Auskochungen von Teigwaren(Nudeln, karoni usw.) nur dann Niederschläge zu geben, wenn diese ren tatsächlich mit Eiern, und nicht mit einem diese vortäuschenden gelben Farbstoff hergestellt wurden. In sserteigwaren, d. h. in eifreien Teigwaren, tritt keine auf. Man kann mit Hilfe des Serums aber nicht Anwesenheit von Eiern bestimmen, sondern man ag auch aus dem sofortigen Auftreten des Niederschlages kennen, ob die untere Grenze des Eigehaltes eingehalten

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wurde, die bei Ware, die mit Recht den Namen Eierteigware führen darf, 84 Eier auf ein Kilo Teig beträgt.

Unserer schwer kämpfenden Bienenzucht, die unter dem Wettbewerb des Kunsthonigs leidet, ist in dem Serum des mit Bieneneiweis vorbehandelten Kaninchens ein Mit- kämpfer entstanden. Ein solches Serum gibt nur mit einem Honig Niederschläge, der tatsächlich den Bienenmagen passierte und dort sowohl wie im Bienenstock zu dem Produkte umge- wandelt wurde, dem von altersher der Namen Bienenhonig gebührt. Honige, die auf Rübenfeldern wuchsen oder deren Stammbaum auf dem Kartoffelacker wurzelte, geben keine Trübungen. So hat sich das harmlose Kaninchen zu einer wichtigen Stütze unserer Rechtspflege entwickelt und ist zum Schrecken aller derer geworden, für die Uhland vergeblich die Mahnworte schrieb:Ueb' immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab.

Sind die Naturgesetze veränderlich?

Von Henri Poincaré f.

Wie wäre es, penn die Menschheit durch längere Zeiträume be⸗ stehen könnte, als gewöhnlich angenommen wird; lange genug, um die Naturgesetze unter ihren Augen sich verändern zu sehen? Oder noch besser, wenn die Menschen dazu gelangten, genügend empfind⸗ liche Instrumente zu bauen, um die Veränderung, so langfam sie auch sei, schon im Verlaufe weniger Menschenalter wahrnehmbar zu machen? Dann wären es nicht mehr Schlüsse und Folgerungen, sondern unmittelbare Beobachtung, auf der unsere Kenntnis von den Aenderungen der Naturgesetze ruht. Würden dann nicht alle vorangegangenen Ueberlegungen, alle frühere Naturforschung, zu nichte? Die Aufzeichnungen, in denen die Erfahrungen unserer Vorfahren niedergelegt wären, wären dann auch nichts anderes als Ueberreste aus der Vergangenheit, die uns von eben dieser Ver⸗ gangenheit nur eine indirekte Kenntnis vermitteln würden. Die Urkunden der Vergangenheit sind für den Geschichtsforscher das, was die Versteinerungen für den Geologen sind, und die Werte der Forscher vergangener Zeiten waren eben auch nichts anderes, als Urkunden aus der Vergangenheit. iSe würden uns über das Denken jener Forscher nur in dem Maße Aufschluß geben, wie diese Menschen von einstmals denen von heute ähnlich waren. Wenn die Naturgesetze sich wirklich ändern würden, dann wäre das Universum in allen seinen Teilen diesem Einflusse unterworfen, und auch die Menschheit könnte sich ihm nicht entziehen. Selbst wenn man an⸗ nimmt, daß sie in der neuen Umgebung hätte weiterleben können so hätte sie sich doch notwendigerweise ändern miissen, um sich ihr anzupassen. Und so wäre uns die Sprache der Menschen von einst⸗ mals unverstäudlich geworden; die Worte, derer sie sich bedient haben würden, hätten keinen Sinn mehr für uns, oder doch einen anderen. Geschieht Aehnliches nicht schon nach wenigen Jahr⸗ hunderten, obwohl die Naturgesetze indes ungeändert geblieben sind?

Und so verfallen wir stets in den gleichen Zweiselszustand: Entweder bleiben die Dokumente von ehedem uns vollkommen ver⸗ ständlich, und das wird dann der Fall sein, wenn die Welt sich gleichgeblieben ist, dann werden sie uns aber auch nichts Neues lehren können. Oder aber sie sind zu entzifferbaren Rätseln ge⸗ worden, dann lönnen sie uns überhaupt nichts anderes lehren, als daß die Gesetze sich geändert haben, wir wissen, daß nicht einmal soviel nötig ist, um sie uns zu toten Buchstaben zu machen.

Uebrigens würden solche Menschen von einstmals, ebenso wie wir, stets nur eine bruchstückenweise Kenntnis der Natur haben be⸗ sitzen können. Wir werden stets ausreichende Mittel finden, um zwei Bruchstücke, selbst wenn sie unversehrt sind, passend aneinander⸗ zufügen; um wieviel eher noch, wenn uns von der fernen Ver⸗ gangenheit nur ein verblaßtes, ungenaues und halbverwischtes Bild erhalten ist?

Ich nehme eine Welt an, deren Bestandteile eine so vollkom- mene Wärmelcitsähigkeit besitzen, daß sich die Temperatur ganz ausgliche. Dann wäre überall in ihr die Temperatur gleich. Die Bewohner dieser Welt hätten keine Vorstellung von dem, was wir Temperaturunterschied nennen; in ihren Abhandlungen über Physit gäbe es kein Kapitel über Temperaturmessung.

Stellen wir uns nun vor, daß diese Welt sich durch Wärme⸗ ausstrahlung langsam abkühle. Die Temperatur wird überall gleich⸗ förmig verteilt bleiben, sie wird aber im Laufe der Zeit finken. Angenommen, ein Bewohner dieser Welt verfalle in einen Schlaf. aus dem er nach Jahrhunderten erwacht: wir wollen, da wir schon so vieles angenommen haben, noch die Möglichkeit einräumen,

er auch in der etwas kälteren Welt zu leben vermöchte, und sich die Erinnerung an den früheren Zustand bewahrt haben wiirde. Er würde sehen, daß seine Nachkommen fortfahren, physitalische Ab⸗ handlungen zu schreiben, daß auch sie nicht von Temperaturmessun reden, daß aber die Gesetze, die sie lehren, durchaus verschieden Kab von jenen, die er kannte. Ihn z. B. hatte man gelehrt, daß Wasser unter einem Drucke von 10 Millimeter Quecksilberfäule t; die neuen Physiker aber würden beobachten, daß, um es zum Kochen bringen, der Druck bis auf 5 Millimeter herabgefetzt werden muß

Körper, die er einst flüssig kaunte, werden sich nunmehr iu keltei