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Wenn demnach dieBank sagt, der Fortschritt sei die Krisenursache, so ist das doch nicht ganz richtig. Die wirkliche Ursache liegt vielmehr in dem Umstand, daß das Kapital den Fortschritt nicht anders als im Dienste seines Profitbedürf nisses bewerkstelligen kann. Woraus sich denn freilich ergibt, daß der moderne Kapitalismus ohne Krisen nicht existieren kann. Daraus folgt aber keineswegs, daß die Menschheit bis ans Ende der Tage die Krisen aushält, sondern vielmehr, daß sie den Kapitalismus beseitigen muß.

Kirchenaustrittsbewegung und Sozialdemokratie. (Schluß.)

Der Weg, den sie auf diesem Gebiet in Zukunft einzuschlagen bat, kann meines Erachtens nach alledem nur folgender sein: 5

1. An dem Wortlaut des Absatzes des Parteiprogramms über Religion und Kirche wird nichts geändert.

2. Der Grundsab unbeschränkter Neutralität und Toleranz der Partei muß unter allen Umständen auch in Zukunft bestehen bleiben. Nicht nur die überaus günstigen Erfahrungen, die die Partei seit Jahrzehnten mit dieser Taktik gemacht hat, verlangen das, sondern noch mehr ein Blick in die Zukunft. Gerade wenn richtig ist, daß dle kommende Zeit infolge einer stetig zunehmenden Kirchenaustritts bewegung eine bisher nicht gekannte Buntheit religiöser Anschau ungen und Organisationen auch für Deutschland bringen wird, ist die Beibehaltung dieses Grundsatzes auch für die Partei erst recht notwendig. Denn nur dann werden Reibungen und Gegensätze auch unter den Parteigenossen vermieden, die sonst sicher, und zwar zum großen Schaden der Partei eintreten würden. Schließlich ist diese Neutralität auch darum künftig weiter unbedingt notwendig, weil nur unter ihren Fittichen eine erfolgreiche Propaganda für die sozialdemokratischen Ziele unter der ländlichen und besonders der katholischen Bevölkerung möglich ist.

3. Die Neutralität und Toleranz der Partei muß aber in Zu⸗ kunft eine andere Betonung und Wendung, einen anderen Inhalt und ein anderes Ziel bekommen. Ich habe am Anfang dieses Ar tikels die bisher geübte religiöse und lirchliche Neutralität eine passive und defensive genannt. Ich möchte die neue, die ich meine und vorschlage, im Gegensatz dazu eine aktive und aggressive neunen. Während die Partei ihre Neutralilät auf diesem Gebiet bisher vor⸗ wiegend dahin verstaud, daß sie sich am liebsten überhaupt nicht um kirchliche und religiöse Dinge kümmerte und sich mit ihnen nur be⸗ schäftigte, wenn Gegner sie in dieser Beziehung angriffen, muß sie in Zukunft bei allen Parteigenossen darauf drängen, daß diese auch in religiösen und kirchlichen Angelegenheiten für sich und ihr Verhalten im Leben künftig klare Entscheidungen treffen und daß sie den be stehenden Problemen auch auf diesem Gebiete nicht gedankenlos, gleichgültig oder feige aus dem Wege gehen. Die Partei verfährt ja auch sonst immer so. Sie verlangt von allen, die sich ihr an schließen, tätige Anteilnahme am politischen Kampf, Anschluß an Ge⸗ werkschaft und Genossenschaft, regelmäßige Zeitungslektüre, ununter⸗ brochene Weiterbildung durch Studium von Broschüren und Büchern, Zuführung ihrer heranwachsenden Kinder in die proletarische Jugendorganisation, Anschluß an die proletarischen Kunst⸗ und Sportvereine, sittliche Selbstsucht, tadelloses Familienleben, ehren hafte Lebensführung; auf allen anderen wichtigen Lebensgebieten drängt also die Partei ihre Anhänger positiv und energisch auf klare Entscheidungen und Ziele, auf Entschlüsse und Taten hin. So muß sie das in Zukunft auch in religiöser und kirchlicher Beziehung tun. Dementsprechend muß sie den Paxteigenossen erklären: auch Religion und Kirche gegenüber ist Unklarheit, Lauheit und Gleichgültigkeit eines Genossen ebenso unwürdig wie in wirtschaftlichen, geistigen und politischen Angelegenheiten. Sie muß fordern: entscheidet euch auch religiös und kirchlich und handelt dann nach eurer Entscheidung; aber entscheidet euch allein nach innerem Bedürfnis und eigenster Ueberzeugung. Kein anderes als dies persönliche Moment und Motiv darf gelten. Denn Religion oder Nichtreligion ist die aller⸗ persönlichste Sache der Welt. Wessen religlöses Leben innerlich ab gestorben, wer mit Religion überhaupt oder doch mit der von der Kirche verkündigten Religion fertig ist, dessen Pflicht und Schuldig⸗ leit ist es, Kirche und Religionsgemeinschaft, welche immer es auch sei, zu verlassen. Tut er es nicht, so ist er entweder ein Heuchler oder ein Mensch, der durch sein Bleiben in der Kirche auf allerlei niedrige Vorteile spekuljert: ein Sozialdemokrat, ein Klaslen⸗ und

Zukunftstämpfer soll keines von beiden fein; die Partei bedarf, um

der Erreichung ihrer Ziele willen, aufrechter, ehrlicher, wahr⸗

haftiger, mutiger Männer und Frauen. Wer aber aus innerem Ve⸗ dürsnis und ehrlicher Neigung in seiner Kirche glaubt, bleiben zu müssen, der soll sich innerhalb ihrer in Zukunft auch betätigen, und

zwar als ein frommer, freier, tapferer Sozialdemokrat. Die Grund⸗

sätze und Ideale der Sozialdemokratie soll er versuchen, mit Leiden⸗ schaft und Nachdruck auch in seiner Kirchengemeinschaft zur Geltung und Anwendung zu bringen. Das ist in diesem Falle um so leichter möglich, als ja demokratischer Sozialismus und reines, das heißt ursprüngliches Christentum in vielen Vezlehungen enge Berührung miteinander haben. Natürlich müßten solche in der Kirche bleibende und tätige Genossen unter sich ein religiöses und kirchenpolitisches Programm für ihr Verhalten schaffen. In diesem Programm müßten dann unter anderen mindestens folgende Forderungen stehen:

Ausmerzung der alten Weltanschauungsbestandteile aus der religiösen Verkündigung: 5

Rückkehr zu den paar alten schlichten religiösen Lehrsätzen Jesu:

Rückkehr zu den sittlich-sozialen Grundsätzen der urchristlichen Gemeinden;

Erklärung der Religion zur Privatsache;

Trennung der Kirche vom Staat:

Trennung der Schule von der Kirche;

Dezentralisatson des Kultus:

Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen, direkten Wahl- 0

rechts zu allen kirchlichen Vertretungskörperschaften;

Abschaffung der Militärgeistlichkeit N

Selbstverständlich sind diese Vorschläge weder bindend noch er⸗ schöpfend. Sie zu korrigieren und zu ergänzen müßte Sache der⸗ jenigen Parteigenossen sein, die in den Kirchen bleiben und weiter in ihr zu bleiben gedenken. Auch bleibt es natürlich höchst zweifel⸗ haft, ob solche Genossen jemals auch nur ein Stück ihres Zieles er- reichen werden. Das ist jedoch eine Angelegenheit, die die Partei als solche nichts angeht. Mißlingt sie, so hat sie davon wahrlich

keinen Schaden, die Kirchenaustrittsbewegung aber nur Nutzen, weil

ihr neue Anregungen daraus erwachsen. Was die Partei allein an⸗ gehen kann, ist der Umstand, daß die Paxteigenossen auch religiös so wenig schlafen wie in anderer Beziehung, und daß sie durch Taten die Konsequenz ihrer Ueberzeugung ziehen.

Beide geschilderten Formen religlöser und kirchenpolitischer Be⸗

tätigung würden nicht nur dem bisherigen Grundsatz der Neutrali⸗

tät, sondern auch der revolutionären Tradition der Partei durchaus entsprechen. Indem die Genossen sie in Massen anwenden, revolu⸗ tionieren sie auch Kirchen und Religionen. Denn sie nehmen damit die bisher sprödesten, konservativsten, reaktionärsten Gebilde der Gegenwart von zwei entgegengesetzten Seiten her unter einen an⸗ 5 haltenden, konsequenten Massendruck, zerstören durch den Massen⸗ austritt an ihnen, was ohnehin dem Tode geweiht ist, und bilden durch innerkirchliche Politik zu modernen Organisationen um, was, aus den Tiesen des unverwischbaren religiösen Bedürfnisses eines Teiles der Menschen heraus, ohnchin weiter lebensfähig bleiben wird. 5

Jedenfalls bleibt in alledem die Partei sich selbst und ihrer bis⸗ herigen erprobten Taktik der Neutralität und Toleranz getreu. Sie

entwickelt diese nur entsprechend den neuen Verhältnissen folge⸗ richtig weiter, indem sie die bisher rein passiv und desensiv gehaltene Neutralität in eine aktive und aggressive umwandelt. Sie bleibt dabei als Partei unantastbar; sie ermöglicht weiter wie bisher jede Agitation und Propaganda für unsere Zlele selbst in den aller⸗ frömmsten Gebieten und Volksteilen; sie trägt andrerseits der zu⸗ nehmenden Massenkirchenaustrittsbewegung der Parteigenossen klug und entschlossen Rechnung; und sie entbindet mit alledem auch auf dem Gebiet der Kirche und Religion einen neuen Fortschritt.

Das Kaniuchenblut als Detektiv. Von Dr. A. Hasterlik, München. 5 Erzogen in Paris, riecht's ewig nach dem Kohl, den man es fressen ließ. Mit diesem vernichtenden Epigramm hat man den harmlosen Stallkaninchen zu Boileaus Zeiten

jede Daseinsberechtigung als Spender der damals hoch in

Blüte stehender Tafelfreuden absprechen wollen. Hätten unsere Physiologen und Bakteriologen sich des geduldigsten aller Geschöpfe nicht angenommen, Gott weiß, ob wir noch

heute, unter Heranziehung staatlicher Unterstützung, an die

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