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Wissen istsnacht
Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung
Nummer 6
Dienstag, den Io. Februar 1910
3. Jahrgang
Krise und Fortschritt.
Einen klaren Einblick in das Wesen und die Ursachen der Krise verrät ein Artikel im Jannarheft der bürgerlichen Finanzzeitschrift Die Bank. Der Inhalt des Artikels ist kurz solgender. Der sogenannte„gesunde Menschenverstand“ hat sich eine sehr einfache Krisentheorie zurechtgemacht, nämlich eine moralische. Lediglich der Torheit der Kapitalisten sei es zuzuschreiben, daß sie zu Zeiten guter Konjunktur die Produktion immer weiter ausdehnen, immer neue Fabriken gründen, die vorhandenen Anlagen immer mehr vergrößern. Dadurch werde das Angebot weit über die Nachfrage hinaus gesteigert, und natürlich müsse es eines Tages zum Zusammen⸗ bruch kommen. In Wahrheit liegen die Dinge denn doch etwas anders. Die täglich erzielten Gewinnüberschüsse drängen zur Anlage in irgend einer Form. Selbstverständlich wird die profitabelste Anlage gewählt, und die besteht darin, daß Fabriken modernster Konstruktion errichtet werden.„Der Regel nach ist jedes neue Unternehmen den älteren Unter— nehmungen gleicher Art überlegen. Alle wertvollen Er— findungen, alle maschinellen Verbesserungen kommen bei ihm zur Anwendung.“ Es ist also leistungsfähiger als die schon vorhandene Konkurrenz, zwischen die es sich hineinschiebt. Es kann demnach selbst dann errichtet werden,„wenn der Markt
mit den Waren, die es herzustellen bestimmt ist, gesättigt er—
scheint, denn es ist ja in der Lage, diese Waren preiswerter oder besser zu liefern, also das Absatzgebiet der älteren Unter— nehmen an sich zu reißen.“ So werden denn Jahr für Jahr neue Unternehmungen gegründet.„An die Seite der alten Werke, die Kolbenmaschinen fabrizieren, stellen sich neue Dampfturbinenfabriken, neben diese wieder ganz neue Werke zur Herstellung von Dieselmotoren.“ Natürlich bleibt nun den alten Werken auch nichts weiter übrig, als dieselbe Bahn zu beschreiten. Sie müssen ihre Anlagen umbauen, moderni— sieren, nach dem neuesten Stande der Technik einrichten. Die fortwährende Steigerung der Produktion, die sich daraus er— gibt, ist also keineswegs das Resultat menschlicher Torheit und Unvernunft oder auch blinder Habgier, sondern vielmehr das Ergebnis kaufmännischer Voraussicht, ja kaufmännischer Notwendigkeit. Wenn selbst der Leiter eines solchen Unter— nehmens wissen sollte, daß der Markt überfüllt ist, was soll er tun?„Ihm bleibt ja nur die Wahl, ob er mit der Waffe des Fortschritts die anderen über den Haufen rennen oder ob er sich seinerseits umrennen lassen will.“
Der eigentliche Krisenerreger ist demnach der Fortschritt, und wenn man nicht auf den Fortschritt verzichten oder ihn der privaten Initiative abnehmen und damit die kapitalistische Wirtschaftsweise abdanken will,„so wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als die mit unserer Wirtschaftsweise nun einmal untrennbar verbundenen Krisen mit in Kauf zu nehmen“.
Es ist gewiß sehr viel, in einem kapitalistisch geleiteten Blatt einen so klaren Nachweis dafür zu finden, daß es— der Kapitalismus ist, der den Segen des Fortschritts in einen Fluch verwandelt. Denn das liegt doch klar auf der Hand, daß die fortwährende Ersetzung alter Maschinen durch nene,
die fortdauernde Verbesserung der Technik usw. unerläßlich
ist für den Fortschritt. Ohne Fortschritt auf wirtschaftlichem Gebiete ist kein Emporsteigen der Menschheit auf der Leiter
der Zivilisation möglich. Nicht einmal ein Stillstand ist hier denkbar. Denn da die Menschen an Zahl wie an Bedürfnissen unausgesetzt zunehmen, so würden sie ohne gleichzeitigen wirt— schaftlichen Fortschritt ins Barbarentum zurücksinken müssen. Wirtschaftlicher Fortschritt aber bedeutet Steigerung der Produktion. Und auf diesem Gebiete hat der Kapitalismus denn auch Gewaltiges geleistet und leistet täglich aufs neue Gewaltiges. Soeben hat das Kaiserliche Statistische Amt die Ergebnisse der deutschen Produktionserhebungen veröffent- licht. Wir erfahren daraus, daß in der kurzen Spanne Zeit von 1908 bis 1912 die Jahresproduktion einiger wichtiger Industrien wie folgt gesteigert worden ist: Steinkohlen von 146 000 000 auf 175 000 000 Tonnen, Eisenerz von 18 800 000 auf 27 200 000 Tonnen. Für die folgenden Industrien liegen nur erst die Zahlen von 1908 bis 1911 vor. In diesen vier Jahren stieg die jährliche Produktion der Hochöfen von 10 700 000 auf 13 700 000 Tonnen, Eisen- und Stahlgießereien von 2400 000 auf 3 000 000 Tonnen. Walzwerke von 11 800 000 auf 16 500 000 Tonnen, Benzin von 94000 auf 165 000 Tonnen.
Diese Steigerung der Produktion ist nun aber nicht er— reicht worden durch entsprechende Vermehrung der Arbeiter— zahl, sondern durch Verbesserung der Maschinen und Arbeits⸗ methoden. Dies im einzelnen darzulegen, würde uns zu weit führen. Nur ein sprechendes Beispiel sei genannt. Im Jahre 1908 gab es in Deutschland 75 Vigognespinnereien. Diese haben in demeinen Jahre von 1908 bis 1909 ihre Spindel⸗ zahl verringert von 712 500 auf 700 200. Mit der ver⸗ ringerten Spindelzahl aber steigerten sie die Produktion von 30 900 000 auf 32 300 000 Kilogramm!
Man braucht sich nun bloß ein wenig in den Mechanis⸗ mus der kapitalistischen Wirtschaft hineinzudenken, um zu er⸗ kennen, daß von ihm dieser Fortschritt auf keine andere als die geschilderte Art vollzogen werden kann. Alle Produktions- mittel gehören den Kapitalisten, und selbst, wo sie öffentlichen Körperschaften gehören(Eisenbahnen, Gaswerke), werden sie kaptitalistisch betrieben. Der Profit, der Ueberschuß ist ihr Zweck. Dieser alltäglich den Kapitalisten zuströmende Ge⸗ winn ballt sich zu neuen Kapitalien zusammen, und die neuen Kapitale— suchen wieder nach Verwertung, d. h. nach der Gelegenheit, Uebrschuß zu machen. Nun späht der Kapi⸗ talist— oder der Finanzmann, der sein Geld verwaltet— nach Gelegenheit zu profitabler Anlage, und diese geschieht so, wie die„Bank“ es darstellt: Neue Fabriken werden ge— gründet, alte erweitert und umgebaut, aber natürlich nach den modernsten Konstruktionen; denn sonst würden sie keine Aussicht haben, sich einen Absatz für ihre Produkte zu erobern. Wer an eine Vorsehung glaubt, der kann es bewundern, wie sinnreich das Profitstreben der Kapitalisten in den Dienst des Fortschritts gestellt ist. Nur freilich darf er über dieser Be⸗— wunderung nicht die ungeheuren Schäden vergessen, die dar⸗ aus erwachsen. Und deren gibt es zweierlei. Einmal die Krise. Denn auf diese Art geschieht der Fortschritt nur unter Vernichtung ungeheurer Werte und unter Anrichtung unge⸗ heuren Elends. Sodann aber ist dieser Fortschritt auch wie⸗ der an das Verwertungsbedürfnis des Kapitals geknüpft und dadurch eingeschränkt: es wird nicht jede Maschine eingeführt, die Arbeit erspart, sondern nur solche, die dem Kapital Un“, kosten ersparen.


