—.. England und Frankrei uropa ermöglichen, jenes sozialpolitische chlossenen Handelsstaats“, in dem Deutschland aufgefordert wird, ch von aller Welt abzuschließen und nur durch Verwendung eigener aturerzeugnisse jedem Bürger ohne Unterschied die Notdurft des Lebens zu sichern— 2 den grausamen Raubhändeln der Welt⸗ mächte, unberührt und unabhängig von ihnen. So will er, nach dem Untergang bes alten Reichs und Preußens, die junge, von der
st verdorbenen Wesens unberührte Generation in abgesonderten
ziehungsprovinzen für den Weltberuf des staatlos gewordenen Deutschtums vorbereiten und befähigen.
Was aber gibt dem handelnden Denker letzten Endes die Kraft, im Scheitern aller Pläne, im Zusammenbruch der Hoffnungen, in der quälenden Bitternis wioͤriger Lebensumstände unerschrocken und unbewegt dennoch für die Zukunft zu werben, dennoch in Not und Verfolgung selig zu leben. Dies Prophetengeheimnis unver⸗ wundbarer Messiaskraft hat Fichte in jener Religionslehre vom seligen Leben entdeckt, die in der mystischen Glut einer an der Offenbarung Johannis entzündeten Bildersprache die Liebe des begeisterten, zukunstsgewissen Schaffens verkündet als den unver- sieglichen Urquell menschlicher Befrelung. Diese seltsamen Vor— lesungen, die lange verschollen waren, sind neuerdings in die Hände ratloser Theologen gefallen, die den Tiessinn dieser Religion der Erlösung auf Erden durch Vermengungen und Vergleichen mit dem landläufigen Christentum verwirrten.
Das selige Leben, in dem Fichte die Ruhe, Kraft und Be⸗ geisterung seines Wirkens in einem Zeitalter der„Verwesung“ findet, ist das erhabene Weltgefühl des Ewigen, der Rauschzustand der Zukunftsschöpfung und Zukunstsgewißheit, geschaut und ge⸗ fühlt im Gegenwärtigen, aber nicht eigentlich von diesem einzelnen zufälligen Ich, sondern— nach Vernichtung des Ichs, das heißt gerade durch völlige Aufhebung des Individuums, von einer un⸗ zerstörbaren Ausstrahlung des allumfassenden, befreiten, reinen Menschengeistes und Erdensinns. Das ist Fichtes„Gott“, oder das„absolute Ich“; Gott verdrängt das Ich des Individuums und gibt ihm die höchste Sicherheit und Seligkeit eines im Schauen der reinen letzten Idee zum tätigen Leben ermutigenden, verpflichtenden und begeisternden„Liebe“ zum Menschengeschlecht in seiner tiefsten Umfassung. Fichte beschreibt in solchen visionären Abstraktionen das tatsächliche Bewußtsein jener Menschen, die in der Zukunft leben und deshalb für sie leben können. Daher es auch eine platte, mißverständliche Auffassung theologisch befangener Kritiker ist, daß ein Widerspruch sei zwischen der Vernichtung des Ichs! und dem Ich als Schöpfer aller Tat. Freilich meint Fichte nicht etwa bloß die Vernichtung des Schlechten im Ich, worin jene Vorbeiredner und Vorbeischreiber eine Lösung des nur in ihren Köpfen vorhandenen Widerspruchs sehen würden, es ist in der Tat die radilale Austilgung des Ich in seinen zufälligen materiellen Beziehungen und zeitlichen Hemmungen, die Auflösung des Ich im Allgesühl der Menschheit, in der Freiheit, in„Gott“. So ver- steht man, wenn anders man selbst einen Hauch der Begeisterung für das Zukünftige, für die Erlösung des Menschengeschlechts auf Erden zu empfinden vermag, daß in dieser weltflüchtigen Reinigung des sterblichen Menschen zum Göttlichen, in dieser Vernichtung des Ichs gerade der tiefste Urquell allen tätigen Lebens strömt: das Lebensprinzip des einzelnen Revolutionärs wie revolutionärer Klassen.
In Wahrheit, diese Religion des seligen Schauens ins Gött⸗ liche ist so wenig tatenlose Schwärmerei, daß sie vielmehr alles Handeln ermöglicht, treibt, leitet. In den letzten Vorlesungen, die Fichte in Berlin hielt, im ersten Sommer der Freiheitskriege — sie werden als„Staatslehre von 1813“ zitiert— bezeichnete er als die Aufgabe der Wissenschaft die Philosophie der Tat:„Alle Wissenschast ist tatbegründend; eine leere, in gar keiner Beziehung gur Praxis gibt es nicht.... So kann der Spruch: Dies mag in der Theorie wahr sein, gilt aber nicht in der Praxis, nur heißen: für jetzt nicht; aber es soll gelten mit der Zeit. Wer es anders meint, hat gar keine Aussicht auf den Fortgang, hält das Zufällige, durch die Zeit Bedingte für ewig und notwendig: er ist... Pöbel.“ Das zielte auf die Herrschenden Preußens, die den Krieg gegen Napoleon führten, um die alte Tyrannei von Fürsten und Adel wiederherzustellen.
Wenn er gleichwohl scheinbar in die Abgründe religlöser Mystik sich verliert und in Geistersprache redet, so eben deshalb, weil hier das Licht war, das im Dunkeln seines Lebens flutete, das ihm den Mut gab, trotz der Verzweiflung an jeder unmittel⸗ baren Wirkung, seine Gedauken auszusprechen,„damit sie nicht untergehen in der Welt“. So heißt es in dem Entwurf einer Schrift aus dem Frühjahr 1813, in dem ex den Aufruf Friedrich Wilhelm III. An mein Volk soztalistisch beantworten wollte.
II.
keine* friedlicher Arbeit in
Johann Gottlieb Fichte entstammt jener sächsischen Hand— werkerschicht, an dem sich zuerst das Schicksal des Industrie⸗ proletariats vollzog. Als Sohn eines Bandwebers wurde er am 19. Mai 1762 in dem Dorse Rammenau in der Oberlausitz geboren. Eine trübe Kindheit. Die Familie ist halbbäuerlich. Es lastet auf ihr also auch die Unmenschlichkeit der Erbuntertänigkeit. Die Mutter frömmelt und zankt. Schon dem Kinde entsteht wohl der Zweifel an der Autorität der Familie, und früh mag in ihm der Grundsatz seiner Weltanschauung aufgedämmert sein: Nichts darf in der menschlichen Gesellschast dem Zufall überlassen bleiben. Denn er selöst war völlig dem Zufall ausgeliefert. Ihm erschloß sich der einzige Weg des Ausstsegs, der damals möglich war: er
ukunftsbild eines„ge⸗
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sand einen adligen Gönner. Die Gutsherren hatten B. 8 farrern, denen die Aufgabe zufiel, ihre Untertanen in 8 licher Unterwürfigkeit zu erhalten. Ein Freiherr v. Miltitz n. der Gönner des Knaben, auf den er aufmerksam geworden sein — weil er die Sonntagspredigt des heimischen Pfarrers fertig erzusagen verstand. Der zwölfjährige Fichte, der bisher die Säue 8 oder mit den Bändern des Vaters hausterte, wurde erst in
le Stadtschule zu Meißen, dann in das Schulkloster Pforta(bei Naumburg) verbracht. Aber noch im selben Jahre stirbt sein Schutzherr. Seitdem sorgt niemand mehr für ihn; er ist nun ganz auf seine eigene Kraft angewiesen.
In Pfsorta herrscht die Tyrannei der ältern Schüler. Der jüngere Schuler ist eine Art Sklave des Obergesellen, dem er zu⸗ geteilt ist. In dieser Zeit schreibt Fichte, statt seines Namens, den Horazischen Trutzspruch in seine Bücher: Si fractus illabatur orbis, impavidum serient ruinae, wenn die Erde zusammenbricht, die Trümmer treffen einen Furchtlosen. Schon in diesem frühen Alter finden sich die beiden Triebe Fichtes nebeneinander: Auflehnung und Fluchtneigung; dem Bestehenden die Stirn oder den Rücken bieten! Desoes Robinson entzündet in ihm die Sehnsucht nach der fernen Insel, wo der Mensch ganz aus sich selbst sein Dasein— geschichtslos— neu zu schaffen vermöchte. Er wird aber zurück⸗ geholt und erhebt sich Über das Elend, indem er die streng ver⸗ botenen Schriftsteller liest: Wieland, Lessing, Goethe. Mit 18 Jahren wird er Theologie-Student in Jena, treibt aber nicht eigentlich irgend ein Fachstudium, sondern rafft unruhig, sehn⸗ süchtig durch die Fakultäten schweifend, Allgemeinbildung. cht Jahre gehen in dem leeren Elend eines öden Hauslehrertums in, das dem Mittellosen, den ewigen Studenten den Hunger notdür tig fristet. Dann ist seine Krast erschöpft. Aber er will dem brutalen Zufall sich nicht beugen, sondern in Freiheit über sich selbst ent⸗ scheiden. Er ist entschlossen, seinen 28. Geburtstag nicht mehr zu erleben. Am Vorabend wird er seinem Leben ein Ende setzen. Da — in letzten Augenblick— bietet sich ihm ein Erziehungsamt in der Schweiz. Er geht nach Zürich und hier schlägt sein Leben Wurzel; findet auch in einer Nichte Klopstocks die Freundin und spätere verständige und hochgemute Lebensgefährtin.
1790 ist Fichte wieder in Deutschland, wieder in Leipzig: hauslehrert und hausmeistert. Wieder ein Zufall entscheidet Über seine geistige Richtung. Er soll einen Junker in Kants Philosophie einführen; so versenkt er sich selbst in sie und inmitten schwerster Bedrängnis, führt er zum ersten Mal ein seliges Leben im Geiste der Wahrheit. Die Kritit der reinen Vernunft, die er 1 selbst später in den verschiedenen Entwürfen seiner„Wissenschafts⸗ 5 lehre“ weiterbildet, erzieht ihn zur Strenge wissenschaftlich be- wußten Denkens. Aber seine Art wird mehr bestimmt durch die praktische Vernunft, die soziale Ethik Kants, in der die Idee der gleichen und freien Menschheit zum ersten Mal die wissen⸗ schaftliche Grundlage gesellschastlich handelnder Sittlichkeit bildet. Von hier aus entwickelt sich dann sein Lebenswerk; In feinen Systemen der Sittenlehre und des Staatsrechts wie in seinen auf
volkstümliche Wirkung berechneten kleineren Schriften und Vor⸗ 5 lesungen(Bestimmung des Menschen und Geschlossener Handels⸗ 5 staat 1800), Rede an die deutsche Nation(1808) wirkt sich immer
klarec und tiefer die Idee und das Bild einer sozialistischen Ge⸗ f
sellschaft aus.
In einem adligen Hause zu Warschau soll er Erzieher werden. Aber abgewidert durch den feudalen Dünkel der Herrschaft wirft er sosort den Bettel hin. Er war ja eigentlich doch nur nach Warschau gegangen, um die Möglichkeit zu gewinnen, in Königs⸗ 2 berg zu sein und Kant persönlich kennen zu lernen. Bald ist er in Königsberg und durch ein in stürmischer Hast hingeworfenen „Versuch einer Kritik aller Offenbarung“ gelingt es ihm, das Ver⸗ 7 trauen des zurückhaltenden Alten zu gewinnen. Der verschafft ihm auch einen Verleger. Die ohne Namen erscheinende Offen: barungs⸗Schrift wird für ein Werk Kants gehalten und deshalb e gelobt. Dies Mißverständnis begründet seinen Ruhm. 5
Inzwischen ersaßt wie Kant auch Fichten mit hinreißender Gewalt das ungeheure Schauspiel der französischen Revolution. Wieder in der Schweiz wird er zu ihrem sprachgewalt Propheten. So lodern seine kühnen Jugendschriften auf, in d er von den Fürsten die Denkfreiheit zurückfsordert und die Anschau⸗ ungen des Publikums über die französische Revolution“ bericht— Schon 1792, als die Zensur in Halle die Drucklegung der Offen⸗ barungskrittk untersagte, hatte er in einem Brief die kecke Regel all seiner künftigen Schriftstellerei und Gedankenpropaganda auf- gestellt:„Ich für meine Person spreche der preußischen Inquisttloen unter der Nase Hohn“. 1 5
Die geringe Meinung, die man am klassischen Musenhof zu Wel⸗ mar, von der Echtheit und Dauer politisch⸗ revolutionärer Tempera⸗ mente in Deutschland hatte, veranlaßte das Mißverständnis seiner Berufung nach Jena. Man brauchte einen Lehrer, der Studenten und also auch Geld nach Jena zöge. Es gab keine zugkräftigere Be⸗ redsamkeit als die Fichtes, des Propheten. Und die„demokratische Phantasie oder Phantasterei“ würde er sich schon in Brot und Wür⸗ den ebenso abgewöhnen, wie alle andern, die einmal jung gewesen 5 und für Freiheit und Menschenerlösung unreif geschwärmt. So gänz⸗ lich fremd war den Aestheten von Weimar die Vorstellung, einn Menschen könne Politik unlösbarer Daseinsinhalt und Lebensernst ein. Der Erfolg des Lehrers entsprach mehr als den— 4 g Die Jugend strömte begeistert zu dem Propheten der Freiheit,. auch das Geld sich häufte. Und all das Gluck und all den Glang


