Ausgabe 
1-30 (3.2.1914)
 
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wowöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung

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Nummer 5

Dienstag, den 3. februar 1914

3. Jahrgang

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in der sinnlichen Fülle bunter und wirrer Gestalten taumelt, mit

Wie läßt es sich leben, wenn man die Wahrheit der erlösten Welt

Der lebendige Fichte.

Zum 100. Todestage. 1814 29. Januar 1914. Von Kurt Eisner.

Ich kann mir die gegenwärtige Lage der Mensch heit schlechthin nicht denken, als diejenige, bei der es nun bleiben könne; schlechthin nicht denken, als ihre ganze, und letzte Bestimmung. Dann wäre alles Trauim und Täuschung; und es wäre nicht der Mühe

* wert, gelebt, und dieses stets wiederkehrende, auf nichts ausgehende, und nichts bedeutende Spiel mit getrieben zu haben. Nur inwiefern ich diesen Zustand betrachten darf, als Mittel eines bessern, als Durch gangspunkt zu einem höhern, vollkommenern, erhält er Wert für mich; nicht um seiner selbst, sondern um des Bessern willen, das er vorbereitet, kann ich ihn tragen, ihn achten, und in ihm freudig das Meinige vollbringen. In dem Gegenwärtigen kann mein Ge mit nicht Platz fassen, noch einen Augenblick ruhen; unwiderstehlich wird es von ihm zurückgestoßen; nach dem Küustigen und Bessern strömt unaufhaltsam hin mein ganzes Leben.

Fichte, Die 2 e des Menschen, 1800.

Die Tragödie Fichtes, des wahren Christen, hat sich in

leibhaftig schaut, wenn alle Triebkräfte in dieser einen Sehnsucht nach Befreiung verschmelzen und verrinnen, da doch die Dinge und die Menschen hartsinnig unbeirrt ihren fremden feindlichen Weg nehmen! Beide suchten die gleiche Lösung: Einmal im äußeren tätigen Dasein die unbewehrte Brust unablässig dem Feinde heraus⸗ fordernd darbieten, handeln und schaffen, als ob morgen schon die Erfüllung aller Ideale möglich wäre; dann aber bergen sie ihr inneres Wesen in die leuchtende Sicherheit einer christlichen Mystik, die freilich bei Tolstoi sich in der schlichten Weisheit und Einfalt der Bergpredigt befriedigt, während Fichte in die luft⸗ dünnen Jenseitshöhen neuplatonischer Gottideen emporsteigt. Und endlich: Fichte und Tolstoi fliehen vor uns aus ihrer Zeit, für deren Umgestaltung sie doch selbst ihr Leben herauszugeben bereit sind.

Als Fichte in der dumpfen Zeit unmittelbar vor der preußi⸗ schen Katastrophe, als deren hellsichtiger Prophet er vorher in Berliner Vorträgen dieGrundzüge des gegenwärtigen Zeitalters entwarf, an allem verzweifelte, entwickelte er vor seiner Gemeinde seine Religionslehre; dieAn weisung zum seligen Leben. Als soziales Mitglied des damaligen preußischen Staates verzeichnete er sich auf dem Titelblatt der gedruckten Vorlesungen alsder Philosophie Doktor, königl. Preuß. ordentlicher Professor der Spekulation an der Friedrich Alexander Universität zu Erlangen, der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften Mitglied. Was aber an Fichte geistig und wesent lich war, das lebte, unversehrbar in dem Gottesreich der Idee, ein

unserer Zeit wiederholt, nur daß den deutschen Philosophen ein früher Tod auf der umwetterten Höhe des Mannesalters dem Zusammenbruch rettungs loser, vor sich selbst fliehender Verzweif lung entzog, die den greisen russischen Dichter in nächtiger Angst würgte: Tolstoi. Das ist die tiesste Tragik des Menschen schicksals, das furchtbare Problem der Lebenspanik: Wie erträgt ein Mensch, der im Innersten erfüllt und bewegt ist von der tätigen Zukunftsgesinnung erlösten Menschheit, ein Daseln, in dem all sein Wollen und Sehnen zerbricht an den stumpsen Widerständen einer blinden Welt? Unsere Zeit wurde von der Schlußszene der Tolstoitragödie einen Augenblick er schüttert: Der sterbende Greis, der vor seinem Ende endlich, ehe es zu spät ist, ein wahrer Christ sein will; der Heim und Familie verläßt, irgendwohin in die Ein samkeit zu seinem eigentlichen unge⸗ brochenen, mit sich selbst einsgen Selbst suchend flüchtet und den Tod findet. Der Nachlaß Tolstois hat das wilde Grausen 5 dieses Daseins enthüllt. In dem dramati e 2 schen Fragment:Das Licht, das im Dunkel Cohomn leuchtet, treibt Nikolaf Iwanowitsch, der Narr, der wie ein Urchrist leben will, alles, was er berührt, ins Unglück. Da stöhnt er, qualvoll zerrissen:Sollte ich wirklich auf Irrwegen wandeln? Sollte es ein Irrtum sein, daß ich an Dich glaube, mein Vater? Nein, nein hilf mir, o mein Gott! Und als er von der Mutter eines durch seine Lehre in die Nacht des Kerkers und der Irrenzelle getriebenen Jünglings erstochen wird, da sieht er sterbend noch die Duchoboren, in deren Bewegung er den Anfang des Heils erkennt, und in Freuden geht er dahin, daß sein Leben doch noch einen Sinn bekommen.

Fichte ist aus härterem Stoff geschassen als Tolstoi. In der großen Schule der wissenschaftlichen Philosophie gebildet, hat sein Bewußtsein jenes seste Gerüst höchster und reinster Gedanken, das ihn stützt und hält, ist er geistiger Künder und Schöpfer der Vollendung der Menschheit in der radikalsten Form staatlicher Organisation, während der slavische Weltdichter unserer Zeit mitten

ganz einfachen Gefühlen und Vorstellungen dieses ungeheure und unermeßliche Dasein zu bewältigen sich müht und um eine Welt jenseits aller Kultur ringend ein Leben sucht, das halb wie ein wild melancholisches Zigeunerlied, halb wie die Gottinbrunst einer urchristlichen Legende verklingt und emporrauscht.

Aber beiden gemeinsam ist dieses Grundgefühl ihres Daseins:

Weltbürger im ewigen Licht. Nur auf Wunsch seiner Freunde hatte er seine lebendigen Worte in Druck

gebracht.Denn ich, so schreibt er, wie zänzlich erdentrückt,für meine Person, bin durch den Anblick der unendlichen Ver wirrungen, welche jede kräftigere Anregung nach sich zieht, auch des Dankes, der jedem, der das Rechte will, unausbleiblich zu Teil wird, an dem größeren Publikum also irre geworden, daß ich mir in Dingen dieser

Art nicht selber zu raten vermag und nicht mehr weiß, wie man mit diesem Publikum reden soll, noch, ob es überhaupt der Mühe wert sei, daß man durch die Druckpresse mit ihm rede.

Nur zwei Jahrzehnte umfaßt das öffent⸗ iche Wirken Fichtes. Im letzten Jahrzehnt schrieb er keine Bücher mehr, die doch ins Leere hinausgingen, nur mit der Macht seiner Beredsamkeit rang er noch, der Welt der Zukunft einige Baumeister zu gewinnen. Er war der erste politisch⸗philosophische gitator Deutschlands, in einer Zeit, die keine Parlamente, keine politische Presse,

ted 0 keine Parteien hatte, deren einzige organi- Y Fiche. sierte Wirkungsbezirke die Universitäten, Akademien und ihre Umgebungen um⸗

faßten, deren einziges Publikum ein loser Haufen von Professoren, Gelehrten, Studenten, Schriftsteller war. Seine mächtige Propheten stimme rief ins Nichts. Sein Wirken fiel in die Zeit gewaltiger von außen über die deutschen Grenzen flutender Bewegung: zwischen der großen Revolution und den Freiheitskriegen. Immer schien das kreisende Chaos eine neue Welt zu gebären; und jedes⸗ mal scheiterte die tatrüstende Hoffnung. Fichte stürzte sich in jede Bewegung und wurde immer von ihr ausgestoßen. Niemand hat in Deutschland so kühn und seurig das Recht der französischen Revolution verkündet. Dem verwegenen Jacobiner bietet sich in Jena eine Stätte der Propaganda. Er unterliegt in einem elend gehässigen Religionsstreit und wird verzagt. Er schaut noch die deutsche Revolution, als die er den Freiheitskrieg wider Napoleon auffaßt, für den er deshalb begeistert. Er stirbt in der ver⸗ zweifelten Ueberzeugung, daß abermals Volk und Menschheit um den Ertrag ihrer Blutopfer betrogen werden würde.

Dennoch ergreift er auch jeden Schein von neuem Leben. Die Tat ist alles. Wer handelt, kann nie in Verzweiflung versinken. Scheinen die Mächte der Finsternis unüberwindlich, so muß eben ganz von neuem abseits und sern das Heil gewonnen werden. Außerhalb der Zeit schaffen, wenn die Zeit selbst nicht zu retten ist, das ist die praktische revolutionär-utopische Philosophie Fichtes. So entwirft er, als die verwiistenden Handelskriege