Keuen Kultur, in den wir uns jetzt stellen. Der Geist der Technik bereitet sich vor zur Eroberung der Welt, zur Schöpfung einer neuen Zeit, die alle bisherigen Begriffe übersteigt.
Eine ungeheure Resonanz im ganzen Menschengeschlechte, eine alles ergreifende Gemeinschaft, Vertausendfachung des Inhaltlichen, der Kulturmaterie prägt dieser für uns noch namenlosen Umgestaltung der Wirklichkeit ihren Stil auf. Um in dieser unüberwältigenden Großzügigkeit des Lebens persönlich zu wirken, werden mächtige Schöpfer, vielleicht in den tiefsten Schichten des Volkes, die den objektiven Geist gleichwie ihren eigenen natürlichen Besitz mit übermenschlich scheinender Energie ausstrahlen: Die Genies der Zukunft, die berufen sind, dies kümmerliche Zwergengeschlecht der Tradition zu entsetzen.
Und diese werden die Furcht vor dem Gespenst der Gleichheit zu bannen wissen. Sie werden es dienstbar machen ihrer grandiosen, die Wucht einer Vertausendfältigung ver⸗ tragenden Schöpfung neuer individueller, aber riesen⸗ hafter, monumentaler Formen der Kultur.
Sehen wir den Kulturpessimismus unserer Zeit bei Lichte an, so ist er in letzter Hinsicht weiter nichts als das Bekenntxis der gräßlichsten Angst vor den Wirkungen des Quantitätsfaktors des modernen, auf Hervor⸗ bringung des unendlichmal Gleichen, des Massenhaf⸗ ten gerichteten technischen Schaffens. Wie gesagt: Die Furcht vor dem Gespenst der Gleichheit.
Die Technik demokratisiert uns zum größten Schrecken einer beschränkten Eitelkeit, die jetzt ihre Mittelchen verloren gehen sieht, einige wenige Menschen, die in der Wahl ihrer Eltern vorsichtig genug waren, als etwas ganz Besonderes und Bewundernswertes erscheinen zu lassen. Diese probaten Mittelchen sind: Gute Erbschaft und Standesprivilegien bei im übrigen nur mäßiger Intelligenz, um sie schlau und sinnig zu benutzen. Gar schrecklich ist es nun, daß die heran⸗ nahende Zeit das Verdienst, hohe Eltern zu haben, nicht mehr gestatten will, auf Kosten der Hunderttausende, die zur Gleichwertigkeit verdammt sind, ein individuelles Eigenleben zu führen.
Es droht also jetzt die Bankerotterklärung eines Rechts— systems, in dem nicht mehr das Blut, sondern der Intellekt, die Leistungsfähigkeit, das Verdienst um die menschliche Ge— samtheit als Recht begründende Momente gelten— es marschiert die Demokratie. Und kein Zweifel— Freund und Feind erkennen es mit gleicher Schärfe—: Das wird das Werk der Technik!
Kann nicht jeder berufene Schöpfer von neuen, indi- diduellen Formen gerade die ungeheure Resonanz der Vertausendfältigung benutzen, um mit einer Macht zu wirken, die noch ganz unbeschreiblich ist? Kann er mit dieser„jedem dienenden Waffe“ der Gleichheit nicht ebenso stark das ihm Widerstrebende in der Kulturentwicklung aus dem Felde schlagen? ö
Die künftigen großen Geister werden so schaffen und kämpfen. Sie werden den Schwung von Millionen in ihren Arm legen und mit Kraftstreichen einhauen, wenn sie etwas zu sagen haben. Ihre Wirkung wird ein Spiel mit Massen sein, und eine Sprache werden sie führen, ein Strich wird ihnen eigen sein, der in der Kraft der Wiederholung erst feine volle Stärke gegen die Stärke des andern im Kampf⸗ spiel der Titanen zeigt. Ihre Siege werden durch Millionen beben: Die Gleichheit wird ihre Wucht ver⸗ körpern!—
Der Individualismus stirbt an der Technik? Nein, er rlistet sich zur stärksten Form seines Ausbruchs. Er beschränkt sich von neuem auf ein kleines Geschlecht, klein an Zahl, weil von übermenschlicher Kraft: Das kommende Geschlecht der mächtigen, aus der Masse des Volkes ausgewählten Geister.
Die Technik bereitet ihnen den Boden. Sie reicht ihnen das gewaltige Werkzeug ihres Schaffens: Das Werkzeug der Weltbezwingung! Aber sie fordert eben auch wirkliche, ge⸗ borene Weltbezwinger— Weltbezwinger„von „Gottesgnaden“. a
N 5 2 N Kircheuaustrittsbewegung und Sozialdemokratie. (Fortsetzung) 3
Schließlich ist noch ein drittes Moment von ungeheurer Wuc bei alledem nicht zu übersehen. Es besteht darin, daß unserer 5 und damit auch unseren Parteigenossen immer klarer wird, d die von den Herren der Kirche durch die Jahrhunderte bis heute einmütig und eifersüchtig verkündigte Lehre, seder Mensch müsse auch ein religtöser Mensch sein, eine Fiktion ist. Mehr noch rein instinktiv und ganz empirisch, als infolge wissenschastlicher Forschung gilt es heute auch unseren Parteigenossen als selbstverständlich, daß ernstes religiöses Interesse stets nur der Ausdruck einer besonderen religiösen Veranlagung und Begabung sein kann, und daß unge⸗ heuer vielen, vielleicht der Mehrzahl aller Menschen, dlese eigent⸗ liche Begabung fehlt. Die Schlußfolgerung daraus liegt nahe, daß alle religiös Unbegabten geradezu ein Recht und eine Pflicht haben, die Kirchengemeinschaften von ihrer Zugehörigkeit zu befreien. Und da endlich die heute immerhin leichter mögliche soziale, recht⸗ liche und politische Bewegungsfreiheit auch die Gelegenheit von Jahr zu Jahr reichlicher bietet, die praktische Konsequenz daraus zu ziehen, so ist aus alledem nur zu verständlich, daß die Kirchen⸗ austrittsbewegung in den Reihen der Parteigenossen rasch wuchs, und daß die allergrößte Wahrscheinlichkeit besteht, daß sie auch in Zukunft nicht nur nicht zum Stillstand kommt, sondern, freilich mehr ruckweise als im gleichmäßigen Fluß, noch viel stärker zunehmen und dabei Dimensionen erreichen wird, die heute kaum noch zu er⸗ kennen und zu übersehen sind. Diese Zukunftswahrscheinlichkeits⸗ rechnung gründet sich darauf, daß die Ursachen, die die Austritts⸗ bewegung bisher veranlaßten, auch künftig nicht verschwinden, sondern vielmehr noch zunehmen werden..
Angesichts dieser wahrscheinlichen Zukunftsentwicklung liegt nun, wie ich glauben möchte, in der Tat für die Partei der erusteste Anlaß vor, den veränderten Tatsachen gegenüber auch eine ver⸗ änderte Haltung zu suchen. Die absolute, rein passive Neutralität erscheint nicht mehr ausreichend, eine Revision derselben irgend⸗ wieweit ist notwendig. Wird sie nicht gefunden, so läuft die Partek Gefahr, in einer sehr wichtigen, geistigen und kulturellen Angelegen⸗ heit für ihre Anhänger als Führerin zu versagen und die Führung an Leute abzugeben, die schlechterdings nicht berufen sind, Partei⸗ genossen ins Schlepptau zu nehmen: ich meine das vorwiegend aus Bürgerlichen zusammengesetzte Komitee Konsessionslos. Auch in bezug auf das kirchliche und religiöse Problem muß allein die Partek für die Parteigenossen richtunggebend bleiben.
Allerdings halte ich es nun für ausgeschlossen, daß im Verlauf dieser Revision die Partei auf den Boden einer der von mir vorhin cha rakterisierten Gruppen treten könnte.
Sie kann den Freidenkern nicht folgen, weil diese Religion und Weltanschauung miteinander verwechseln und der Religlon über⸗ haupt jede Daseinsberechtigung absprechen. Das aber ist blutigster Diletantismus, mit dem sich eine Partei, die eine Kulturpartei sein will, nie kompromittieren darf. Religion ist ein ganz 3 Produkt menschlichen Geisteslebens als Weltanschauung. Sie ist der Ausdruck einer durch die Jahrtausende menschlicher Kulturentwick⸗ lung erworbenen Eigenschaft, deren Aeußerungsformen sich zwar je nach den gesellschaftlichen Verhältnissen ändern, die selbst aber der Menschheit auch in Zukunft schwerlich verloren gehen wird. Die neue religiöse Welle, die sich in unseren Tagen sichtlich erhebt und die keineswegs eine bloße Zusammenbruchserscheinung der heutigen kapitalistischen Gesellschaft ist, beweist das für jeden, der Augen hat zu sehen, von neuem.
Die Partei kann aber auch den Forderungen und Gedanken⸗ gängen der Gruppe Liebknecht nicht folgen. Denn diese ignoriert zwar nicht völlig die religiöse Seite des Kirchenaustritts⸗ problems, schätzt sie aber viel zu gering, geradezu als eine Bagatelle ein. Liebknecht, Oehme, Vogtherr meinen zwar, daß es jedem Parteigenossen, den man von Klassenkampfgesichtspunkten aus zu
ist weder eine Landes- noch ei 5 1 Klassenstaat, der sie freilich seterlich anerkennt, 3 1 rechtliches wie praktisches Verhältnis als d
was sich dann auch in der


