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Wissen istsnach
Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung
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Nummer 4 Dienstag, den 2
7. Januar 1914 3. Jahrgang
Mißbrauchte und befreiende Technik. Von Eberhard Zschimmer. 5(Schluß.)
Allen Pessimisten zum Trotz behaupte ich nun: Unser techuisches Zeitalter wird in einer genialen Periode gipfeln, herrlicher und großzügiger, kühner und tiefgründiger, als jemals eine auf der Erde dagewesen ist!
Die Technik schafft, das gilt es vorerst zu sehen, eine un⸗ geheuer breite Basis des Kulturlebens, einen Maßstab der Verhältnisse, der sich ähnlich abhebt von allem bisher Dage⸗ wesenen, wie die Ereignisse in der großen Welt von den Vor— gängen in den kleinen Städten und ihren engen Gäßchen.
beit herzugeben, in der potenzierten Verbesserung der Me— thoden und Instrumente der Arbeit, darin besteht der Reich— tum, der jetzt vollbringen kann, was bisher kein Erlöser ver⸗ mocht hat.... Die Menschheit, die sich lebend untereinander und mit den toten Dingen dieser Welt zu ergänzen versteht, sie ist es, welche das höchste Wesen göttlicher Vollkommenheit leibhaftig darstellt.“
Das ist der große, starke Lebensglaube eines wahrhaft begeisterten Technikers, der echte, tatenfrohe Idealismus, auf den sich alle Kultur als auf ihren Grundpfeilern stützen muß.— Aber wer kennt ihn nicht, den stumpfen Blick aus den entgeistigten Augen ideenloser Tatsachenesel, wenn sie etwas von Philosophie und Idealismus der Technik hören?
Denn wir stehen vor den goldenen Toren eines Riesen⸗ baues, an den Stu⸗
Ihr dummsironisches Lächeln hat ihnen schon allzuviele Tor— heitsfältchen um die
fen einer neuen Kul- tur, die so riesen⸗ haft ist, daß nur wenige imstand sind, von hier aus das
Mundwinkel gezeich⸗ net, als daß lohnte, mit solchen Leuten über große Dinge zu reden. Die
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künftige dieses Le— Geschite hat sie nie bens sich im Geiste gefragt, wann es zu vergegenwärti⸗ galt, eine neue Zu— ge; weiß man doch kunft zu schaffen.
am Fuße eines Und jene ande— Bergriesen niemals, ren, jene erklärten wen man eigentlich Feinde der Technik, vor sich hat.— unsere Kulturpessi— Und die Techniker misten?— O die sind es, die das hören wir mit der Fundament dieses größten Gelassenheit Bauwerkes erschaf⸗ an, Ist es doch ge—
fen, von deren Ar-
rade das Unbegreif—
beit wir doch nur erst die schüchternen
„Stammt die Menschheit vom Go⸗ rilla ab“, sagt Sal⸗ tus,„dann werden aus Menschen Götter werden*Die Geschichte vom Olymp ist nur eine Erzählung von dem, was hätte kommen können. Was damals hätte kommen können, das kann noch kommen.“ Und Wells bringt von Amerika denselben Glauben in das müde Europa mit:„Noch nie hat es ein Zeitalter gegeben, das auf geistigem Gebiet so frucht⸗ bar gewesen wäre wie unseres. Zwar haben wir gegenwär⸗ tig Schreibenden und Denkenden und Forschenden nichts, was sich mit den großartigen Ruhmestiteln und höchst indi⸗ vidualisierten Leistungen der großen Persönlichkeiten der Vergangenheit auf eine Linie stellen könnte. Und doch ist es wahr, daß wir, alles in allem genommen, unendlich viel mehr bedeuten.“
Auch unser alter Dietzgen sieht schon die große kul⸗ turelle Befreiung durch die Technik vor Augen:„Was das Volk berechtigt, an die Erlösung von tausendjähriger Qual nicht nur zu glauben, sondern sie zu sehen, sie tatkräftig zu erstreben, das ist die feenhafte produktive Kraft, die wunder⸗ bare Ergiebigkeit seiner Arbeit. In den Geheimnissen, welche wir der Natur abgelauscht, in den entdeckten Zauber ⸗ formeln, mittels der wir sie zwingen, unseren Wünschen zu willfahren, ihre Spenden nunmehr fast ohne Mühe und Ar-
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— 7— Anfänge sehen.——. turhecric Lebigt.
Hari æum llufunousbruds ous cler Huel. Sluruufimol lib
liche, was sie so schreckt— uns zur größten Genugtu⸗ ung. Die armen Liebhaber der Ver— gangenheit und der gealterten Musen, sie tun uns leid. Doch mehr als Mitleid können wir ihnen nicht gewähern; mögen sie unseren Bau verachten und soviel sie wollen, nur stören lassen wir uns nicht!
Das Gespenst der Gleichheit, was auf diese schönen Seelen in dem Riesengange der eben erst begonnenen technischen Kultur einen so schreckhaften Eindruck macht.
Wo früher kostbare Kleinigkeiten, engbegrenzte, für nahe Winkel berechnete Kulturwerke geschaffen wurden, in deren handwerklich-intime Form der Geist eines Einzelnen gebannt erschien, da treten jetzt Massen auf, geformt und in Be⸗ wegung gesetzt nach einem das Denken von Tausenden in sich schließenden Plan.
Wir sind über Nacht dazu berufen worden, ein Tita⸗ nengeschlecht zu werden. Uns reizt es jetzt, mit Göttern Händel zu haben, uns am Größten, Gewaltigsten zu ver- suchen, wir schrecken vor nichts mehr zurück. Denn wir fühlen eine Macht in uns wachsen, die Macht einer überpersönlichen, fast unausdenkbaren Intelligenz, die sich ihrer selbst in un⸗ seren Gedanken bewußt wird als der von der Beschränktheit des individualistischen, intuitiven Erlebnismenschen der früheren Perioden emanzipierte objektive Sinn einer
Jurch ruluomucie Hiubrubhe


