Ausgabe 
1-30 (20.1.1914)
 
Einzelbild herunterladen

W

Schundliteratur 705 gleich 33,8 Prozent, keine Bücher gelesen hatten 542 gleich 26 Prozent. Von den Textilarbeitern: mit wissenschaftlicher Literatur 166 gleich 14,4 Prozent, mit sozia⸗ listischer oder gewerkschaftlicher 510 gleich 44,3 Prozent, Schundliteratur 180 gleich 15,5 Prozent, keine Bücher ge lesen hatten 156 gleich 13,6 Prozent. Von den Metallarbei tern: mit wissenschaftlicher Literatur 497 gleich 27,5 Prozent, mit sozialistischer und gewerkschaftlicher 780 gleich 42,8 Pro⸗ zent, Schundliteratur 138 gleich 7,6 Prozent, keine Bücher gelesen hatten 82 gleich 4,5 Prozent.

Die Stellung der Arbeiter zu den außerberuflichen Kultur- und Lebensproblemen wird wie in den bisher be sprochenen Fragen ganz besonders in der Frage: Glauben Sie an den lieben Gott usw.? in den verschiedensten Ant worten illustriert. Die Formen, in die sich einst der Glaube einer kindlichen Zeit hüllte, sind hier gefallen. Die leibliche Fahrt in den Himmel hat für die Arbeiter ihren Sinn ver loren. Aber der Ruf:Empor! tönt immer stärker, und genau betrachtet sind es doch die alten Gedanken der Men⸗ schenliebe, die wir in dem Altruismus der Gegenwart wieder finden. An Gott glaubten von den Bergarbeitern 370 gleich 17,6 Prozent, von den Textilarbeitern 79 gleich 6,9 Prozent, von den Metallarbeitern 219 gleich 12,1 Prozent; nicht an Gott glaubten: Bergarbeiter 43,8 Prozent, Textilarbeiter 61,6 Prozent, Metallarbeiter 50,1 Prozent; aus der Kirche waren ausgetreten Bergarbeiter 7,3 Prozent, Textilarbeiter 3,9 Prozent, Metallarbeiter 6,2 Prozent. Viele geben als Gründe für den Nichtaustritt an: 1. Rücksicht auf die Kin⸗ der, 2. weil die Frau dagegen ist, 3. weil der Austritt mit Unkosten verknüpft ist, 4. weil der Arbeitgeber Religions lose nicht behält.

Im Rahmen eines Zeitungsartikels konnte die inter essante Materie, die eigentlich einer langen Forschungsreise wert wäre, nur blitzartig beleuchtet werden. Levenstein kommt schließlich zu dem Resultat: 55 Prozent Defizit auf Kosten der physischen und psfychischen Energien. Der Ver fasser hat mit diesem Werk jedenfalls ein sehr wertvolles Material geliefert und uns die Seele des Volkes bis in feine Tiefen erschlossen. Spectator.

Die blaue Farbe des Himmels. Von Dr. W. Block.

Das sonnenbeleuchtete Himmelsgewölbe erscheint uns, soweit es nicht von Wolken bedeckt ist, in blauer Farbe. Das Blau wechselt vom weißlichen Blau bis zu einem Tiefblau, ja bisweilen bis zum Violett. In verschiedenen Gegenden ist die gewöhnliche blaue Farbe verschieden, auf hohen Bergen erscheint es anders als in der Ebene, kurz, es hängt von den mannigfachsten Umständen ab.

Uns Erdenbewohnern erscheint der Himmel also im allgemeinen blau. Wie würde ihn ein Mondbewohner oder ein Marsbewohner

sehen? Ist das Blau die Grundfarbe des Himmels? Sicherlich nicht, da man doch nicht von einem Himmelsgewölbe sprechen kann, das die Welt gegen die Unendlichkeit abschließt. Und wie ist es zu erklären, daß weit entfernte Höhenzüge in dem bekannten bläulichen Schimmer erscheinen, sodaß sie in der Farbe sich derart der Himmels⸗ farbe nähern, daß sie von ihr kaum zu unterscheiden sind?

Um das Ergebnis sofort vorweg zu nehmen: Alle dlese Er⸗ scheinungen sind durch die Atmosphäre bedingt. Diese ist, optisch betrachtet, als eintrübes Medium zu bezeichnen. Die in ihr vor⸗ handenen Wassertröpschen, Nebelbläschen, Staubteilchen, ja selbst die Gasmolekitle, die kleinsten Teilchen der Luft selbst, mit anderen Worten die Tatsache, daß die Luft ein Körper ist, setzen der Aus⸗ breitung des Lichtes Hindernisse entgegen, die Farhenerscheinungen zur Folge haben.

Brücke und Tyndall haben das durch Versuche in kleinem Maß⸗ stab nachzuwelsen versucht. Jener stellte sich eine Lösung von Mastix und Alkohol in Wasser her, was eine geeignetetrübe Flüssigkeit ergibt. Betrachtet man durch eine solche eine weiße Flamme, so er⸗ scheint sie je nach der Dicke der trüben Schicht gelblich bis rötlich, und beleuchtet man sie mit weißem Licht, so erglänzt sie nicht weiß, sondern bläulich bis violett. Tyndall ließ die trübenden Teilchen in Gasen schweben und näherte sich dadurch merklich den Zuständen in der Atmosphäre und erhielt dieselbe Erscheinung.

Allgemein kann man als Ergebnis also aussprechen: Von weißem Licht, das durch ein trübes Medium hindurchfällt, gelangen im wesentlichen rote Strahlen hindurch, und von weißem Licht, das auf ein trübes Medium auffällt und von ihm zurückgeworfen wird, werden im wesentlichen blaue Strahlen reflektiert.

»Mit Erlaubnis des Autors und Verlages drucken wir diesen hübschen Auffatz aus der Zllustrierten Halbmonatsschrift Das Welt⸗ all, Organ der Treptow⸗Sternwarte Berlin, gekürzt ab.

Eine theoretische Untersuchung und Begründung dieser beiden Sätze verdanken wir Lord Rayleigh. Er wies auf mathematischem Wege folgendes nach: Wenn wir auf ein trübes Medium verschieden⸗ farbiges Licht fallen lassen, so gelangen am leichtesten diesenigen Strahlen hindurch, welche die größte Wellenlänge haben. Die größte Wellenlänge hat das rote Licht, die kleinste das violette. Die da⸗ zwischen liegenden Farben folgen sich in der Reihenfolge des Regen⸗ bogenbandes(Spektrums). Von zwei Strahlenbündeln gleicher Lichtstärke, aber verschiedener Farbe, also z. B. von einem roten und einem blauen, wird von dem mit größerer Wellenlänge, also dem roten, mehr Licht hindurchgelangen. Das erklärt die Farbenerschein⸗ ungen, die wir beim Aufgang und Untergang der Sonne beobachten können. Je näher die Sonne am Horizont steht, je dicker also die Luftschicht ist, die ihre Strahlen durchdringen müssen, ehe sie in unser Auge fallen, desto mehr blaues Licht wird von der Luft verschluckt, desto mehr geht ihre Farbe ins rote über. Und weiter wies er nach: Fällt weißes Licht auf ein trübes Medium und wird es von den trübenden Teilchen zurückgeworfen und zerstreut, so wird am leich⸗ testen Licht in kürzeren Wellenlängen, also blauen und violetten Strahlen zurückgeworfen. Das ist der Fall in der Atmosphäre. Das Sonnenlicht beleuchtet die kleinsten Teilchen der Luft, wird dort zurückgeworfen und gelangte so in unser Auge, und nach obigem gelangen dann im wesentlichen blaue Strahlen zu uns, wir sehen den Himmel blau; am leuchtendsten blau gegenüber der Sonne, mehr ins weiße in der Nähe der Sonne, denn dort gelangen neben der blauen reflektierten Strahlung rote durchfallende Strahlen zu uns, die sich zu einem weißlichen Farbenton mischen müssen. 4

Eine Nebenbedingung für dieses Zustandekommen des blauen Lichtes ist dabei, daß die kleinen Teilchen, an denen die Spiegelung stattfindet, klein gegenüber der Wellenlänge des Lichtes sind. Das ist ja bei den Gasmolekfilen der Luft selbstverständlich, Je größer diese Teilchen sind(das ist der Fall, wenn also z. B. größere Nebel⸗ bläschen in Mengen vorhanden sind), desto mehr werden auch andere Strahlen zurückgeworsen, desto mehr geht die Farbe in ein weißliches Blau, bis ins Weiße über. 4

Es ist hier natürlich nicht der Ort, auf alle Einzelfragen, die da⸗ mit zusammenhängen, einzugehen. Nur auf einen Punkt muß hin⸗ gewiesen werden. Das zurückgeworfene, im wesentlichen bläuliche Licht durchsetzt, bevor es zu unserem Auge S eine mehr oder 1 weniger dicke Luftschicht, es tritt also hier der Fall des durchfallenden Lichtes ein, was eine Aenderung der blauen Farbe ins Weißliche zur 5 Folge hat. Man wird daraus ersehen, daß die Farbenerscheinungen recht kompliziert sein können. Sie hängen im wesentlichen von der Dichte der Luft ab, ihrem Feuchtigkeits- und ihrem Staubgehalt. In 8 gewissen Grenzen können sie also zu meteorologischen Zwecken dienen.

Die Farbe entfernter Höhenzüge wird also, abgesehen von ihrer eigenen Farbe, durch das Licht bedingt, das von der zwischen ihren und unserem Auge befindlichen Luftschicht zursickgeworsen wird. Es wird im allgemeinen, da durchsallendes Licht naturgemäß keinen großen Einfluß haben kann, ein recht reines Blau bis Violett sein. 8

Die blaue Himmelsfarbe ist also eine durch dastrübe Medium

er Luft bedingte Erscheinung. Vom Monde aus gesehen, der keine

Atmosphäre hat, müßte also der Himmel rein schwarz aussehen, und vom Mars mit seiner dünnen, trockenen Atmosphäre tiefblau bis violett. f

Aus unserer Sammelmappe. Die Lese im neuen Jahre. Die Lese hat soeben ihren fünften

2 bringen wieder einmal zum Bewußtsein, daß es in ganz Deutsch⸗ land kein anderes Dichterblatt gibt, welches bei einem so niedrigen

wie eben die Lese. Der Inhalt ist so reichhaltig und vielseitig, daß auch der verwöhnteste Geschmack auf seine Kosten kommt. W r führen aus den neuen Nummern nur einige wenige Beiträge an, Der letzte Mensch, eine Legende von Wilh. Schmidtbonn, Die Pest entvölkert das Land, eine Episode aus dem großen Krieg in Deutsch land von Johannes Dose, das Ei, eine poetisch-naturwissenschaftliche Schilderung des berühmten Jules Michelet. Ferner beginnt m Nummer 2 eine Rubrik:Wie es im Volke dichtet und eine pop läre Artikelserie von Rudolf von Delius: Umriß der Philoso

Besondere Erwähnung verdient der RomanSalambo von Gu

Roman ist ein Meisterwerk der Erzählkunst von unheimlicher Kra und Größe. Er wird sicher zahlreiche Freunde finden. Wer die schalkhaften Sachen liebt, kann sich an den launig geschriebeng Abenteuern der sieben Schwaben ergötzen, deren deldentaten ar im Bilde vorgeführt werden. Nicht vergessen sel, daß die Lese v neuen Jahre ab jedem ihrer Abonnenten vierteljährlich eine Grati buchbeigabe llefert, also im Jahr 4 Bücher! Der Abon semer preis ist 1.80 Mark fürs Vierteljahr. Probehefte sind von Buchhandlung zu bezlehen. Wo keine am Platze, wende man an die Geschäftsstelle der Lese, Stuttgart, Ludwigstraße 20