die Technik die einzige Macht sein wird, um sie aus dem Wege zu räumen. f
„Nicht unser Fehler ist es,“ sagte schon Eyt h,„daß die Fortschritte des technischen Schaffens hundertfach mißbraucht wurden, auch nicht, daß ihre Folgen mit den Gewohnheiten eines scheidenden Geschlechts nicht immer und nicht sofort harmonisieren.— Wo solche Dissonanzen vorübergehend auf. treten, sind wir nicht mit allen verfügbaren Mitteln sofort an der Arbeit, eine neue Harmonie herzustellen? Und ist dies gelungen, ist dann nicht jedesmal die Menschheit um einen Schritt vorwärts gekommen?“
Aber die Kulturpessimisten geraten bei den Dissonanzen eines entarteten Wirtschaftslebens mit der Natur und Kul- tur schier in Verzweiflung— wie alle Pessimisten bei jedem Fehler, den die Welt zeigt, sogleich am ganzen Dasein ver— zweifeln.
l Allerdings fordert das technische Zeitalter vom Menschen
nachgerade auch einiges Interesse und Verständnis für die Werke der Technik und ihren tieferen Sinn. Jeden⸗ falls braucht der Kulturmensch der Zukunft diese Bildung ebenso nötig, wie man von uns Verständnis für die Kunst und andere Werte verlangt. Die grellen Dissonanzen, die schrillen Pfeifentöne in der Seele des Wanderers, der durch Industriegebiete pilgert, werden sich dann von selbst auf jenes geringste Maß beschränken, das allein bedingt ist durch die Notwendigkeit des Miteinanderbestehens und der Ver— wirklichung mehrerer Kulturideen zu gleicher Zeit, unter denen die Wildheit der natürlichen Materie vom Menschen umgestaltet wird.
„Ich bin des Glaubens“, sagt Wells,„daß alle Natur- schönheiten der ganzen Welt lediglich als Stoff für Ein⸗ bildungskraft und Geist zu dienen bestimmt sind, Andeu— tungen und Anweisungen zu liefern hat für Kunst und menschliches Schaffen... Der Mensch lebt um der schöpfe— rischen Tätigkeit willen, und er muß doch wohl schließlich als Schöpfer handeln, es bliebe ihm ja sonst nichts zu tun übrig. .. Ich für meinen Teil kann den Verlust all des zufälli— gen, zwecklosen Schönen ohne Groll mit ansehen, das für die Schönheit lünftiger hoher Ordnung, edlen Strebens dahin⸗ geht... Die Dynamos und Stollen der„Niagara-Wasser⸗ kraftgesellschaft“ haben mir... einen viel tieferen Eindruck gemacht, als die Grotte der Winde; sie sind, so will mir schei— nen, größer und schöner als dieser Luftwirbel, die Begleit— erscheinungen stürzender Gewässer. Sie sind sichtbar gewor— dener Wille, Gedanken, die man in frei arbeitende und kraft— gebietende Dinge übersetzt hat. Sie sind sauber, geräusch— los und das Urbild der Kraft. Das Gerassel und der Tu: mult aus der Kindheit des Maschinenwesens ist hier end— gültig abgetan; hier gibt es weder Rauch, noch Kohlenstaub, noch irgendwelchen Schmutz. Im Turbinenschaft, in den man hinabsteigt, herrscht eine fast klösterliche Stille um die leise summenden Turbinen. Diese sind wirklich herrliche Maschinenmassen, riesige, schwarze, schlummernde Unge⸗ heuer, große, schlafende Kreisel, die träumend unwidersteh⸗ liche Kräfte erzeugen.“
Und dann frage man sich doch: Würde denn ein maß— loses, planloses Sichdurchsetzen der göttlichen Idee der Kunst nicht genau dieselben Dissonanzen hervorrufen wie die Idee der Technik, wo sie in wilder, zügelloser Form im Dienste des Wirtschaftslebens verwirklicht wird?
Man stelle sich nun einmal vor, wenn es keinen Ort auf der grünen Erde mehr gäbe, kein Plätzchen in der stillen Na⸗ tur, wo nicht in höchst künstlerischer Weise musiziert oder Theater gespielt würde, wenn jeder Fels, jeder Baumstamm von abgestrichenen Oelfarben der Landschaftsmaler erglänzte, wenn alle uns sichtbaren Mitteilungen in kunstvoll gesetzte Reime gebracht würden! Die Naturvernichtung und die Verfolgung durch die wildgewordenen Künstler würde uns ebenso verhaßt sein, wie der unsinnige Amerikanismus der Technik— das Werk jener verabscheuungswürdigen Spekulanten, die im Begriff sind, ein herrliches Land zu
verwüsten. (Schluß folgt.)
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Kircheuaustrittsbewegung und Sozialdemoltatie. (Fortsetzung.) e
Die zweite, an Zahl noch sehr viel kleinere Gruppe neben derjenigen der proletarischen Freidenker marschiert unter der Firma und Führung des Genossen Karl Liebknecht. Sie hat sich erst ganz neuerdings zusammengefunden, so daß man von einer regel⸗ rechten Organisation bel ihr wohl noch in keiner Beziehung reden kann. Ihre Parole gab Liebknecht zuerst in einer Berliner Ver⸗ 5 3 nachher ausführlicher in einem Artikel an die Partelpresse au 8
„Religion und Kirche“, so führte er aus,„sind zweierlei und gegeneinander schroffe Gegensätze. Die christlichen Kirchen sind in erster Linie politische Einrichtungen. Kirche und Staat sind eng miteinander versippt. Nichts ist daher leichter, als die Kirchen rein 8 politisch zu bekämpfen. Austritt aus der Landeskirche könnte selbst 2 von Partei wegen unter zwei Kategorien der Kirchenmitglieder pro⸗ pagiert werden; einmal unter den bloß mit der Kirche und zweitens unter den sowohl mit der Kirche wie mit der Konsession Zerfallenen. Kirchenaustritt heißt aber Steuerverweigerung gegenüber der Kirche, Schwächung derselben und damit Schwächung des Staates und der herrschenden Klassen. Ein bequemer anzuwendendes Macht⸗ mittel kann es für das kämpfende Proletarlat nicht geben, als diesen politischen Kirchenaustritt. Es ist nicht unwichtig, daß die Propa⸗ ganda zum Beispiel gerade im preußischen Wahlrechtskampf sustematisch dahin gerichtet wird. Die Partei selbst braucht sie, wenn es auch bei Innehaltung der gezeigten Richtlinien möglich wäre, nicht zu leiten. Es können sich auch freie Ausschsiisse für den poli⸗ tischen Kirchenboykott bilden.“ Liebknecht schließt mit dem Satze: „Für mich handelt es sich hier... um eine durchaus und rein politische Bewegung mit einem rein politischen Ziele.“
Damit ist Liebknechts und seiner Freunde Standpunkt unzwei⸗ deutig charakterisiert. Er unterscheidet sich scharf von demjenigen der Freidenker. Diese richten ihre Augrisse in erster Linie gegen die Religion, die Liebknecht⸗ Gruppe gegen die Kirche. Jene wollen eine vor allem geistig, diese will eine aus⸗ schließlich politisch orientierte Kirchenaustrittsbewegung. Jene wollen skrupellos und offen die Partei für sich engagieren, diese lehnt das formell noch ab; in der Wirkung aber nähert sich freilich auch Liebknecht der gleichen Konsequenz. Diese letzte Konsequenz zieht tatsächlich auch eine kleine, kürzlich erschienene Schrift eines Herrn W. Oehme-Berlin über Die Verleugnung des Erfurter Pro⸗ gramms durch die Sozialdemokratie in der Frage des Kirchenaus⸗ tritts. Sie geht von jenem Liebknechtschen Pronunziamiento aus, macht es zu dem ihrigen und interpretiert es als den Aufang einer politischen Massenaktion der Partei selbst gegen die Kirche, zugleich als den einzigen Weg, um das Ziel völliger Trennung von Staat und Kirche zu erreichen. Und Genosse E. Vogtherr hat diesen bis in seine letzten Konsequenzen gezogenen Standpunkt wieder aus⸗ a drücklich als den allein richtigen deklarkert. 82 8
Die dritte Gruppe, die für unsere weiteren Erörterungen hier in Betracht kommt, ist die älteste der drei, diejenige der Rrei⸗ religiösen. Ihr Standpunkt ist bekannter als der der bisher charakterisierten zwei. Er bietet allerdings kein ganz einheitliches Bild. Diese Gruppe hat in sich. Menschen von sehr verschiedener geistiger und psychischer Struktur vereinigt. Es gibt in ihr Leute, die noch heute irgendwieweit an Gott glauben, daneben solche, die ganz auf dem Voden des Monismus stehen. Immerhin darf man sagen, daß sie sich darin fundamental von den zwei anderen bisher genannten Gruppen unterscheiden, daß weder das Weltanschauungs⸗ noch das politische Moment den Ausgangs- und Orientierungspunkt ihrer bisherigen Tätigkeit bildet, sondern vielmehr das ernste Be⸗ mühen, religiösen Menschen von moderner Geistesrichtung, die mit der traditionellen, kirchlich gebundenen Religion innerlich fertig 7 sind, einen religlösen Ersatz zu bieten. In dieser Beziehung 5 haben die freireligiösen Gemeinden in schwieriger Zeit eine tapfere 5 und hoch anzuschlagende Pioniertätigkeit entwickelt: in jüngster Zeit haben sie sich auch noch durch gründliche Vorarbeiten für einen mo⸗ 2 dernen dogmenlosen Religionsunterricht an Kinder ein besonderes Verdienst erworben. Ihre Vorkämpfer vor allem sind es bisher auch gewesen, die, ohne die Partei damit zu belasten und zu be⸗ 1 lästigen, als einzelne für einen religiös motivierten Kirchenaustritt a gewirkt haben;: und erst in den allerletzten Wochen, seltdem die neue 4 stärkere Kirchenaustrittsbewegung wleder eingesetzt hat, gewinnt es den Anschein, daß ein Teil dieser Führer beginnt. von diesen alten 998 erprobten Bahnen ihres Verhaltens abzugehen. Seitdem das Ko⸗ 3 mitee Konfefflonslos, eine Gründung bürgerlicher Mo nisten, die Führung in der Kirchenaustrittsbewegung übernommen zu haben scheint, haben auch sie sich diesem auffällig genähert, um im Bunde mit ihm, der Liebknecht⸗Gruppe und teilweise auch freldenke⸗ rischen Kreisen diese Bewegung im Fluß und in der Hand zu halten. Gerade auch durch diesen zuletzt vollzogenen Zusammenschluß der Ge⸗
e neuen Momente der ganzen Austrittss und in den
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Andererselts hat nun natürlich diese ganze neue, neumotivierte und auch an Umfang so unerwartet e. bewegung in weiten Schichten der* tel, vor Y bei 1 führenden Partelgenossen, vielfa särtste 8 digung e immer noch wachsende Opposttlon den, In N ere sin 8 wenn ich recht sehe, zwel folcher Schichten, bie als Opponnenten in Betracht kommen. Einmal dielensgen, deren polttische und 1 28:. 8 5


