Wissen istsnacht

Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung

Nummer 3

Dienstag, den 20. Januar 1914

3. Jahrgang

Miß brauchte und befreiende Technik“).

Von Eberhard Zschimmer. I.

Nun zeigt sich in der neueren Zeit allerdings eine Er— scheinung auf dem Felde der technischen Arbeit, an der auch der Techniker vernünftigerweise den ärgsten Anstoß nehmen muß. Ich meine jene gewissenlose, natur- und menschen— unwürdige Ausnutzung ersinderischer Gedanken im Dienste eines kulturblinden Wirtschäftsbetriebes, der lediglich das Prinzip ungehinderter Erzeugung„wirt— schaftlicher Werte“ gelten läßt, unbekümmert um die Wah⸗ rung oder Förderung der anderen Kulturwerte. Aber ich frage: Ist dieser anarchistische, ideenlose Wirtschaftsbetrieb die notwendige Konsequenz der Tech⸗

aber die Gemeinden, Schritt vor Schritt auf die vernunft gemäße Disposition des Wirtschaftsbeltriebes einzuwirken haben.

Hören wir nur, was Wells, ein begeisterter Freund der Amerikaner, über die Industrie in Chicago und Um- gegend berichtet, und wir haben ein Bild des Manchester— tums, wie es im Buche steht:

„Chicago,“ sagt Wells,„ist die vollendetste Darstellung des individnalistischen Industriewesens des neunzehnten Jahrhunderts, die mir je in all ihrer ungeheuren, groß— zügigen Unschönheit begegnet ist... Es ist die grobe, aus wildesten Wettbewerb un⸗

London, am Pas de Calais, im west⸗

von den Erfindern errungenen Mittel in den Händen uneingeschränkter, in ihren geistigen und moralischen Qualitäten unbesehener Geld⸗ besitzer liegt, können sich die Dinge schwerlich anderns ent⸗ wickeln. Amerika zeigt uns, wohin es auch bei uns einst kommen würde— wenn es so weiterginge. Aber das Gewissen eines kulturell so hochstehenden, innerlich be— freiten und so selbstbewußten Volkes, wie des deutschen, er⸗ hebt den energischsten Protest dagegen. Und so werden, wenigstens in absehbarer Zeit, der Staat, in erster Linie

*) Bei Eugen Diederichs in ena erscheint eben eine Schrift Eberhard ZAschimmers„Philosophte der Technik vom Sinn der Technik und Kritik des Unsinns über die Technik“. Ein prak⸗ tischer Techniker— der Versasser wirkt im Jenaer Glaswerk—, der zugleich ein wissenschaftlicher Philosoph ist, ein kritischer, freier und sozial⸗idealistischer Geist entwickelt in diefem Buch helle, über⸗ legene und große Gedanken über den Kulturberuf der Technik, als der materiellen Befreiung und Freiheit des Menschengeschlechts. Aus den Schlußbetrachtungen„Das Kulturbild der Zukunft“ geben wir die folgenden Betrachtungen wieder,

Horte ces furentum Abonen.

nik?— Nein! Es ist die rück⸗— lichen Preußen häßlich ist, gehört g—— 5 Staatsleitung, die hier None 9 8 emen auf Rechnung des Drängens und Inzuklagen ist. 4 Stoßens, des unintelligenten Ge— l 5 1 und 9 6 87 8 uus. barens ungebildeter, moralisch ab⸗ eilig von uns Technikern, wollten Len gestumpfter Menschen.“ wir diese bedauerliche Begleiterschei⸗ 28. Und die nähere Beschreibung dazu: nung der Industrie gänzlich von uns 7 0 Chicago brennt bituminöse Kohle, ahschütteln. Energisch verwahren 1 17 und der Dunst ist dort noch ärger als müssen wir uns nur gegen kritiklose 8 5 in London; zu beiden Seiten der Werturteile gewisser Kulturphilo⸗— 1 5 Bahn erheben sich ungeheure Fabrik— sophen, die von einer vernünftigen 4 9 8 schlote, große rauchgeschwärzte Ge— Wirtschaftsform auf den N. Ache u, reide-Elevatoren, flammengekrönle Kulturwert der schöpferischen Tech ⸗ 2 2 5 Schmelzöfen und ungestalte, häßliche, nik an sich schließen und die also* 1 80 schmutzige Fabrikgebäude; überall das Ideal, das der Techniker im a νε—— unförmige Haufen von Abfällen, Dienste der Menschheit zu realisieren n 2 9 verwahrloste, leere Grundstücke, auf sucht, verwechseln mit den egoistischen* denen rostige Blechbüchsen, altes Zielen kulturfeindlicher Spekulanten. 2 Eisen und unbeschreiblicher Kehricht Selbst der schimpflichste Mißbrauch Heri floss ia] umherliegen; dazwischen Gruppen der von uns erstrebten materiellen 2 5 2 5 schmutziger, verdächtiger und krank— Freiheit würde noch nicht das Ge— Seco. g 24 I beitsgefährlich aussehender Holz- ringste gegen den Kulturwert der Mat. emeti i, lepti häüuser Technik an sich besagen! sat giro Ich frage aber nochmals: Ist dieser Mißbrauch der Techn ir 5= Schauplatz blindester Geldgier etwa 5 freilich sehen wir noch, wohin wir— gosrin on 1 die Manifestation der Technik? heute in der Industrie blicken. So⸗— Der Technik, in der wir Idealisten lange eben die Verfügung über die—.—— welche grimmige Ironie!— die

naterielle Freiheit des Menschenge— schlechts verwirklicht sehen möchten? — Es ist ihr gräßlichster wirtschaftlicher Mißbrauch, der die Kirchen und Kunsttempel zu Folterkammern und Geschäfts⸗ häusern machte. Wir sehen hier nur, wie die Amerikaner ihr Götzenbild, den Mammon, mit Hilfe der Technik verehren.

„Der Morgen aber kommt“,— ruft Wells trotz seiner Schilderung am Ende aus—;„auch mitten im düstern, schmutzigen Chicago gewahrt das Auge des Hoffnungsfreu⸗— digen das Licht einer neuen Zeit; es sieht neue Anschau⸗ ungen, größere Umsicht, auf das Große und Ganze gerichtete Entwürfe und die zu ihrer Verwirklichung gehörende Dis⸗ ziplinjerung kommen; es sieht aus dem faulenden Dünger der Gegenwart das frische, grüne Laub der Riesengewächse einer geordneteren und schöneren Zeit aufsprossen.“

Wells ist ein Mann der Zukunft. Er hat den Mut zu sehen, daß die technische Entwicklung nicht mit Notwendigkeit diese Scheußlichkeiten hervorgebracht hat, daß im Gegenteil