owohl gegenüber der religlösen Ueberzeugung und Betätigungsfrei⸗ t der eigenen Parteigenossen wie gegenüber Kirchen⸗ und Reli⸗ gonsgemeinschaften unantastbar fest. Sie ist sogar eine so peinliche, daß man geradezu von einer bewußt passiven und defen⸗ ven Neutralttät reden muß.
2 8 Nun muß zugestanden werden, daß in der letzten Zeit die Zahl derjenigen Parteigenossen,— 4 eigene Faust und Verantwortung den Kampf gegen Kirche, Christentum oder Religion überhaupt zu führen begonnen haben, sich stark gemehrt hat. Noch mehr: sie haben ch neuerdings auch schon mehr oder weniger fest zusammen⸗ ossen und den Kampf gegen Kirche und Religion in eigenen rorgantsationen organisiert. So sehr auch das ihr gutes Recht ist, so verändert doch gerade dieser Umstand eines nicht nur sehr ver⸗ ftärkten, sondern auch organisierten und sustematisch geführten Kampfes von Genossen gegen Kirche und Religion die bisherige Situation bedeutend. Wenn je das Wort recht hat, daß die Sum⸗ ation von Einzelkräften in eine neue Qualität umschlägt, so gilt es hier. Es sind infolgedessen heute Gesichtspunkte dem ganzen Problem gegenüber in den Vordergrund getreten, die früher entweder gar nicht—— oder doch nur gelegentlich und dann nebensächlich uftauchten. 5 Man kann gegenwärtig drei solcher neuen Gruppen mit mehr oder weniger neuen oder doch neuformulierten Gesichtspunkten fest⸗ stellen. Die eine Gruppe ist die der sogenannten prole⸗ tarischen Freidenker. Sie ist in ihrer Ideenwelt die radl⸗ kalste von allen. Sie hält nicht nur die Kirchen, sondern auch die Religionen für völlig überlebte Angelegenheiten. Sie sieht ihre Kulturaufgabe darin, die stürzenden noch zu stoßen. Sie will an die Stelle religtöser Organisationen solche setzen, die ausschließlich die lege von Wissen innerhalb der Arbeiterschaft betreiben. Sie brängt, wenigstens in ihren Führern, neuerdings wieder mit Macht darauf, daß die Partei sich mit ihrem Standpunkt identifiziere. Sie seugnet, daß die Forderung der Partei an den Staat„Erklärung der igion als Privatsache“ irgendwelche Konsequenzen für die Partei st habe: diese sei schlechterdings nicht gebunden, die gleiche Hal— ng, die sie vom Staate verlange, selbst einzunehmen. Im Gegen- teil, die Konseguenz der modernen Weltanschauung, mit der die dartel durchtränkt sei, führe zu einer Verpflichtung aller Partei⸗ genossen auf eine nicht bloß kirchenfeindliche, sondern auch antireli⸗ öse, religionsfreie Stellungnahme. Sie hat in Konsequenz dessen noch auf dem Parteitag zu Chemnitz sehr hartnäckig, wenn auch erfolglos, versucht, das kirchenpolitische und religsöse Problem in brem Sinne aufzurollen. Ihr bürgerliches Gegenstück ist die moni⸗ sche Vereinigung so, wie sie sich neuerdings wenigstens unter Führung des Professors Ostwald zu entwickeln begonnen hat: auch lese kämpft nicht nur gegen die Kirchen und die christliche Religion, ondern die Religion überhaupt, indem sie an ihre Stelle die Pflege einer monistischen Weltanschauung setzen will. Ich erwähne sie hier, il wir nachher uns nochmals mit ihr beschäftigen müssen. 5(Fortsetzung folgt.)
Vom Seelenleben der Arbeiter. Eine verdienstvolle Arbeit ist jüngst erschienen; sie be⸗ titelt sich„Die Arbeiterfrage“) mit besonderer Be— rücksichtigung der sozialpsychologischen Seite des modernen Broßbetriebes und der psychologischen Einwirkungen auf die Arbeiter. Besser möchte ich es nennen„Vom Seelenleben er Arbeiter“. Der Verfasser ist Adolf Levenstein— erselbe, dem wir auch die große psychologische Erhellung der lrbeiter⸗Dilettantenkunstausstellung verdanken. Mit dem Wort Chamberlains:„Was hier geschrieben steht, ist erlebt“, beginnt dies in seiner Art eigenartige Buch. Levenstein hat ie Stummen zum Reden gebracht, und das Werk ist eine waltige Fundgrube für Nationalökonomen, Juristen, ologen, Volksbildner usw. 2 Um authentisch kritisches Material zur Beurteilung der irbeiterspyche zu schaffen, hat Levenstein an 8000 Arbeiter: gergarbeiter im Ruhr-, Saargebiet und Schlesien, Textil- beiter in Berlin und Forst(Lausitz) und Metallarbeiter in zerlin, Solingen und Oberstein auf einem mit 26 Fragen efüllten Bogen über Dinge examiniert, die das intimste enleben deiser Menschen berührt. Sier der Fragebogen: 1. Name? 2. Alter? 3. Beruf? Wie viel Kinder haben Sie? 5. Verheiratet? 6. Durch⸗ mittlicher Wochenverdienst? 7. Wie viel Stunden arbeiten ie täglich? 8. Arbeiten Sie im Akkord, Gruppenakkord oder tundenlohn? 9. Was ist Ihnen lieber, Akkord oder Stunden— und warum? 10. Wie viel Stunden würden Sie gern
n? 11. Was würden Sie tun, wenn Sie täglich ge⸗ für sich hätten? 12. Arbeiten Sie an Maschinen, Maschinen sind dies? 18. Macht Ihnen Ihre
flag Ernst Riennhardt, Nünchent
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beiten
Arbeit Vergnügen oder haben sie kein Interesse an der⸗ selben? 14. Was würden Sie sich für Dinge anschaffen, wenn Sie das nötige Geld hätten? 15. Welche Art Arbeit möchten Sie am liebsten verrichten? 16. Arbeiten Sie immer dasselbe oder an verschiedenartigen Dingen? 17. Verspüren Sie irgendwelche Ermüdung oder sonstige Beschwerden durch immer dieselbe gleiche Arbeit? 18. Denken Sie bei Ihrer Arbeit, und an was denken Sie,— oder ist es Ihnen über— haupt unmöglich, dabei zu denken? 19. Finden Sie Ihr Vergnügen mehr in der Familie oder im Wirtshaus und
halten Sie den Genuß von Alkohol für entbehrlich, oder können Sie nach dem Genuß desselben besser arbeiten?
20. Was drückt Sie mehr, der geringe Lohn oder daß Sie vom Arbeitgeber so abhängig sind, so wenig Aussichten haben, im Leben weiter zu kommen, Ihren Kindern gar nichts bieten zu können? 21. Welche Bücher haben Sie gelesen? 22. Welchen Einfluß hat auf Sie die politische und Gewerk— schaftsbewegung? Haben Sie dadurch Hoffnung, daß es bald besser für Sie wird? 23. Oder sind Sie hoffnungslos, und warum? 24. Glauben Sie an den lieben Gott, oder sind Sie, und aus welchen Gründen, aus der Landeskirche ausgetreten? 25. Gehen Sie oft in den Wald? Was denken Sie, wenn Sie auf dem Waldboden liegen, ringsherum tiefe Einsamkeit? 26. Welche Hoffnungen und Wünsche haben Sie?
Diese seelenforscherische Tätigkeit hatte lediglich den Zweck, zu untersuchen, welche Art Menschen die moderne Großindustrie prägt, ob die Entgeistigung der Arbeit teil— weise ein Maximum erreicht, ob die Gebundenheit an die Maschine die psyychologische Tatsache der Lebenshemmung in sich birgt. Auf die komplizierten Resümees näher einzu— gehen, muß ich mir natürlich ebenso versagen, wie eine detaillierte Zahlenwiedergabe. 63 Prozent der Erhebungs- formulare kamen wieder zu dem unermüdlichen Vivisektor zurück. Um die geistige Struktur der eingegangenen Formulare zu skizzieren, teilte der Fragesteller folgende vier Kategorien ein: 1. intellektuelle Schicht, 2. kontemplative, 3. verbildete, 4. Massenschicht. Von den vier Schichten soll uns hier besonders die kontemplative interessieren, die im Geiste Vereinsamten. 5
Und nun zur Sache selbst, zu den Arbeiterantworten. Im Rahmen der Untersuchung kommen lediglich, wie schon er⸗ wähnt, Berg-, Textil⸗ und Metallarbeiter in Betracht. Ein nicht geringer Teil der befragten Arbeiterkategorien be— kundete die größte Freude darüber, sich endlich einmal aus- sprechen zu können. So schreibt ein Bergarbeiter: Es freut mich, Dich kennen zu lernen, ob persönlich oder schriftlich, das ist gleich, und zweitens hab ich endlich jemand gefunden, dem ich mein Herz anvertrauen kann. Ein Metallarbeiter: Seit einem Jahre liegt der Fragebogen auf der Kommode, und erst jetzt habe ich den Mut, Ihnen mein Herz auszuschütten. Ich habe noch keinen Menschen gehabt, dem ich in ähnlicher Weise etwas hätte andeuten können. Das stete Gefühl des Unverstandenseins erstickt das Bedürfnis, sein Fühlen jemand zu sagen, erzieht sogar direkt zum Schweigen usw. Von allen Bergarbeitern beantworteten den Fragebogen 2084, von allen Textilarbeitern 1153, von allen Metallarbeitern 1803, in Summa also 5040 gleich 63 Prozent.
Leider muß ich mir ein näheres Eingehen auf ver- schiedene hochwichtige Fragen versagen, zum Beispiel wie viel Arbeitern die Freude an der beruflichen Arbeit überwog und bei wie vielen die Unlust vorherrschte. Umfangreiche Statistilen, in Lohn- und Altersklassen eingeteilt, geben darüber erschöpfende Auskunft.
Unter den Forster Webern konstatierte Levenstein in 157 Fällen, daß der Arbeiter dadurch, daß ihm die Maschine gewisse Arbeiten abnimmt, geistig gewinnt. Ein Forster Weber verrichtet seine Werktagsarbeit mit Freude und, kommt zu dem Resultat, daß die systematische Bewegung des Maschine sich auf ihn überträgt. Er gedenkt des Goethe- wortes: Und nach dem Takte reget, und nach dem Maß be⸗ weget sich alles an mir fort. Anders ein Berliner Plüsch⸗ weber, der den regelmäßigen Gang der Maschine verflucht Die Maschine ist ganz aus Stahl, schreibt er, nur aus Stahl! hat weder Herz noch Nerven, kennt keine Müdigkeit. Lins
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